2017

Happy End (2017)

Regie: Michael Haneke
Original-Titel: Happy End
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Satire
IMDB-Link: Happy End


Unbestritten ist Michael Haneke die Stimmungskanone unter den österreichischen Filmemachern. Allein schon seine Filmtitel lassen genügend Rückschlüsse zu, dass es bei Haneke immer etwas zu Lachen gibt und/oder man mit einem wohlig-sentimentalen Gefühl aus dem Kino geht: „Funny Games“. „Liebe“. Und nun das neueste Feelgood-Movie aus seiner Feder: „Happy End“. Darin geht es um eine bezaubernde Familie, die durch ein tragisches Ereignis noch enger zusammengeschweißt wird. Mit französischer Leichtigkeit wird hier eine Geschichte erzählt voller spannender Momente und Begegnungen, mit ein bisschen Prickeln und jeder Menge Charme. Was die Figuren betrifft, so wären da der lustige Großvater Georges (Jean-Louis Trintignant in einer seiner witzigsten Rollen), dessen Kinder Anne (Isabelle Huppert, herrlich überdreht) und Thomas (Mathieu Kassovitz als moralischer Anker in diesem Ensemble) und deren Kinder Pierre (ein gut gelaunter Franz Rogowski) und Eve (ganz entzückend und mit zum Schießen komischen Sprüchen: die junge Fantine Harduin). Leider – und das ist das tragische Ereignis zu Beginn – stirbt Eves Hamster, was der Kleinen ein wenig den Boden unter den Füßen wegzieht (was ganz verständlich ist). Ach ja, die Mutter stirbt auch – höchstwahrscheinlich vergiftet vom armen Kind. Eves Vater ist zum zweiten Mal verheiratet, hat ein kleines Baby und träumt davon, der geheimnisvollen Cellistin, mit der er, auf gut Wienerisch, ein fröhliches Gspusi unterhält, in den Mund zu pissen. Auf der Baustelle der Baufirma, die von Anne und ihrem Sohn Pierre geführt wird, kommt es zu einer kleinen Havarie, aber nichts, was man nicht mit Geld lösen kann. Und der Großvater will sich umbringen, nachdem er schon bei seiner Frau Sterbehilfe geleistet hat, schafft es aber irgendwie nicht, was für ein Tollpatsch! Hach, das ist alles so erbaulich und so lustig. „Happy End“ ist von Anfang bis Ende eine temporeiche und französisch-quirlige Komödie. Nur dass man da plötzlich auch noch so Flüchtlinge, ganz finstere Typen wortwörtlich, an der festlich gedeckten Tafel sitzen hat, hach, das hätte nun wirklich nicht sein müssen. Das ist ein Skandal. Was erlaubt sich der Haneke da? Aber weil der Rest so witzig war, verzeihen wir ihm auch diesen Ausrutscher und freuen uns schon auf seinen nächsten Film – der vielleicht mal eine Kindergeschichte behandeln könnte. Grinsender Smiley.


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen)

Borg/McEnroe (2017)

Regie: Janus Metz
Original-Titel: Borg/McEnroe
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Biopic, Sportfilm
IMDB-Link: Borg/McEnroe


Stellan Skarsgård, nicht zu verwechseln mit Bill Skarsgård, der gerade Pennywise in „Es“ spielt, nicht zu verwechseln mit Miss Moneypenny aus den Bond-Filmen, nicht zu verwechseln mit Borg, dem Björn Borg nämlich, nicht zu verwechseln mit dem Borg-Kollektiv, spielt den Trainer des schon erwähnten Björn Borg (Sverrir Guðnason), nicht zu verwechseln mit Brant Bjork, dem Sänger von Kyuss, nicht zu verwechseln mit KISS, der Band von Gene Simmons, nicht zu verwechseln mit Paul Simon von Simon & Garfunkel, auch wenn Art Garfunkel eine ähnliche Frisur hatte wie der junge John McEnroe (Shia LaBeouf), womit sich dieser Kreis wieder schließt. Doch manchmal können die kompliziertesten Dinge auf einen einfachen Nenner heruntergebrochen werden, und das gilt vor allem fürs Tennis, wo es einfach zwei Männer auf einem Feld gibt, die beide den letzten Punkt des Turniers für sich entscheiden möchten – it’s as easy as that. Der Weg dahin kann aber recht interessant und sehr unterschiedlich ausgestaltet sein. Da ist zum Einen der vierfache Wimbledon-Champion Björn Borg, die Nummer 1 der Welt, der „Ice-Borg“, der stoisch Gegner für Gegner vom Platz schießt und mit 24 Jahren auf dem Zenit seines Könnens angekommen zu sein scheint. Da ist zum Anderen der Herausforderer, der junge Heißsport John McEnroe, die Nummer 2 der Welt, ein Rüpel auf dem Platz, der trotz unbestrittenen Talents immer das Publikum gegen sich hat. Es macht sich halt nicht gut, wenn man ständig auf den Platz rotzt und nicht FSK12-freie Nettigkeiten mit dem Stuhlschiedsrichter austauscht. Unaufhaltsam steuern die beiden aufeinander zu – man wird sich im Finale begegnen.

Eine klassische Heldensaga hätte sich wohl auf den emotionalen, aufstrebenden Widersacher konzentriert, der sein Temperament nicht unter Kontrolle hat, aber so viel Talent besitzt, dass man es ihm zutraut, den eiskalten, vierfachen Champion aus Schweden in die Knie zu zwingen, wenn er nur den Kampf gegen sich selbst gewinnt. Und da geht „Borg/McEnroe“ einen überraschenden, aber interessanten Weg: Der Film konzentriert sich nämlich auf Borg und den immensen Druck, den er, der Liebling der Nation, als vierfacher Titelträger verspürt. Alle erwarten den fünften Titel in Serie von ihm, und unter der stoischen Oberfläche brodelt es. Er ist der tragische Held, der fast nur verlieren kann, denn selbst, wenn er gewinnt, hat er nur das Minimum erreicht. In Rückblenden zeigt Janus Metz, der Regisseur, einen impulsiven, heißblütigen Borg und erzählt, wie er überhaupt zu diesem stoischen Siegertypen werden konnte. Sein Gegenüber, John McEnroe, muss sich daher mit der zweiten Reihe begnügen. Darüber hinaus ist „Borg/McEnroe“ aber ein klassischer Sportfilm, der in einem epischen Finale gipfelt, das auch heute noch als eines der besten Tennisspiele der Geschichte bezeichnet wird. Was ein wenig seltsam wirkt (und wo der Film für mich etwas unglaubwürdig ist): Die meiste Zeit agieren Borg und McEnroe völlig losgelöst voneinander, als würden sie sich gar nicht kennen. Faktisch war aber das Wimbledon-Finale nur eines von vielen Spielen, das sie gegeneinander bestritten haben. Hier wurde der Dramaturgie willen die Realität ein wenig arg verborgen. Trotzdem ist „Borg/McEnroe“ dank guter Darstellerleistungen und eines interessanten Einblicks in die Psychologie einer lebenden Legende ein sehenswerter Film, auch für Nicht-Tennis-Fans.


6,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen)

Blade Runner 2049 (2017)

Regie: Denis Villeneuve
Original-Titel: Blade Runner 2049
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Science Fiction
IMDB-Link: Blade Runner 2049


Keinen anderen Film habe ich so sehr herbeigefürchtet wie „Blade Runner 2049“, das Sequel von Ridley Scotts Meisterwerk „Blade Runner“ aus dem Jahr 1982. Es gibt einige Filme, die ich als meine Lieblingsfilme bezeichnen würde, aber müsste ich einen davon herauspicken, es wäre „Blade Runner“. Die Nachricht, dass es nun 35 Jahre später eine Fortsetzung gibt, hat mich gleichzeitig hoffen und bangen lassen. Immerhin zeichnet Denis Villeneuve, der zuletzt das großartige „Arrival“ abgeliefert hat, für den Film verantwortlich – die Gefahr eines völligen Rohrkrepierers schien damit fürs Erste mal abgewendet zu sein. Aber man weiß ja nie. Und ein durchschnittlicher Solala-Blade Runner wäre ja auch maßlos enttäuschend, gemessen an der Vorlage.

Gleich mal vorab die gute Nachricht: Diese Sorgen waren völlig unbegründet. Natürlich – das Original bleibt in seiner visionären, philosophischen Dystopie unerreicht, aber dennoch macht „Blade Runner 2049“ so gut wie alles richtig. Er greift die Themen aus dem ersten Teil auf und denkt diese weiter und das alles in eine visuell eindrucksvolle Optik, die sichtbar dem Original huldigt, dabei aber die technischen Möglichkeiten der heutigen Zeit nutzt. „Blade Runner 2049“ fühlt sich genauso an wie der erste Film. Das kann man vielleicht als mangelnde Originalität bemäkeln, ich sehe es hingegen als Hommage und eben gelungene Fortführung. Und so finden sich auch viele Themen aus dem ersten Teil in „Blade Runner 2049“ gespiegelt, auch viele ganz eindeutige Anspielungen sind zu finden, die aber geschickt in die Story eingebaut sind. Ryan Gosling ist zudem die perfekte Besetzung. Ich weiß: Viele mögen ihn nicht allzu sehr und werfen ihm schauspielerische Eindimensionalität vor. Ich hingegen bin ein Fan, da er gerade durch seine stoische Ruhe eine unglaubliche Präsenz ausstrahlt, und die Emotionen im Kleinen zeigt, gut versteckt, man muss genau hinsehen, aber sie sind da. Gleich zu Beginn erfährt man, dass sein Detective K selbst ein Replikant ist, und sein zurückhaltendes Spiel passt hier sehr gut. Damit werden die Karten, die der erste Film auf den Tisch gelegt hat, gleich mal neu gemischt, und die Frage nach der Identität und dem Selbst aus einer neuen Perspektive beleuchtet. Keine Frage, „Blade Runner 2049“ fügt der Erzählung eine neue Facette hinzu. Dabei unterwandert der Film aber die Erwartungen der Zuseher und zeigt in vielen kleinen Details auf, dass man diese Fragen nicht mit Schwarz-Weiß-Antworten abtun kann. Sehr schön in diesem Zusammenhang das von Ana de Armas gespielte, sinnlich-naiv-verliebte Hologramm Joi mit einer Schlüsselszene ziemlich am Ende des Films. Und dann wäre da noch Harrison Ford, der erst spät dazu stößt, aber hey: Harrison Ford! Der macht jeden Film noch mal einen Tick besser. Allerdings ist „Blade Runner 2049“ sicherlich kein Film für jedermann. Zum Einen ist er mit fast drei Stunden Laufzeit wirklich lang, und dazu auch nicht allzu temporeich erzählt. Vielmehr entblättert er seine Themen Schicht für Schicht und nimmt sich Zeit für die Erkenntnisreise seiner Figuren, und das mag heutigen Sehgewohnheiten ein bisschen zuwiderlaufen. Zum Anderen erzählt er eben keine völlig neue Geschichte, sondern im Grunde die Geschichte aus dem ersten Film in einer neuen Perspektive weiter. Wem da die Zusammenhänge fehlen, wird wohl etwas weniger Vergnügen am Film haben. Und auch, wer bahnbrechend Neues erwartet, könnte hier enttäuscht sein. Aber für mich selbst als ganz großer Fan des ersten Films ist „Blade Runner 2049“ eine wirklich herausragende Fortsetzung, die den Geist des Originals gut einfängt, den Weg, den der Film vor 35 Jahren eingeschlagen hat, konsequent weitergeht, sich dabei immer wieder in Richtung des Meisterwerks von Ridley Scott verbeugt und dabei selbst zum Meisterwerk wird.

Ein Fun Fact im Übrigen: Da sehe ich mir den Film in Budapest an, und erst beim Abspann, als lauter ungarische Namen auftauche, bemerke ich, dass der Film zum größten Teil in Ungarn gedreht wurde, nämlich nur etwa 30 km westlich von Budapest.


9,0
von 10 Kürbissen

Es (2017)

Regie: Andrés Muschietti
Original-Titel: It
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Horror
IMDB-Link: It


Ich gebe es zu: Ich bin ein Schisser. Horrorfilme sind nur selten etwas für mich. Sie müssen augenzwinkernd oder zumindest mit einer klaren sozialkritischen Botschaft daherkommen, an der ich mich mit weißen Knöcheln festkrallen kann, und dürfen meinen Puls nicht mit zu  vielen Jump-Scares in die Höhe jagen. „Get Out“ war zuletzt so ein gelungenes Beispiel, oder auch der rasend komische Meta-Horror-Film „The Cabin in the Woods“, aber auch „28 Days Later“. Rasend komisch habe ich die Neuverfilmung „Es“ (gleich vorweg: Die 1990er-Verfilmung mit Tim Curry in der Rolle des Pennywise habe ich nie gesehen, denn: siehe erster Satz) nicht erwartet, und anhand des Trailers war klar: Hier wird mit Jump-Scares gearbeitet. Warum also habe ich mich freiwillig in einen dunklen Kinosaal gesetzt, um mir das dennoch anzusehen? Nun ja, es ist Stephen King. Und der Mann kann einfach etwas irrsinnig gut – abgesehen davon, die Leser zu Tode zu erschrecken. Denn das ist nämlich die Figurenzeichnung und das Aufwerfen der großen, existenziellen Fragen nach dem Aufwachsen, nach Freundschaft und Zugehörigkeit, nach der Rolle im Leben. So stammt die Vorlage von „Stand by Me“ auch aus seiner Feder. Und in gewisser Weise ist „Es“ in der Verfilmung von Andrés Muschietti eine Neu-Interpretation von „Stand by Me“, nur mit Gruselclown. Der Film erzählt eine Coming-of-Age-Geschichte, jedenfalls dieser erste Teil, der ausschließlich den Handlungsstrang der Kinder behandelt (der von den 50er-Jahren in die 80er-Jahre verlegt wurde, was sehr gut funktioniert). Mit der Chemie zwischen den Kinderdarstellern steht und fällt das Ganze aber auch. Und da macht „Es“ alles richtig. Jeder einzelne der Darsteller ist grandios gecastet, jeder spielt großartig, jeder hat seine würdigen Momente und ausreichend Screentime. Der Film ist im Grunde mehr an diesen Figuren und ihrer Freundschaft und ihrem Aufwachsen interessiert. „Es“ ist das Böse, das in eine Idylle hineinbricht, aber „Es“ ist auch das, was die Kinder letztlich zusammenschweißt und sie stärker macht. Bill Skarsgård legt seinen Pennywise facettenreich und diabolisch an, ein würdiger Gegenspieler für den Club der Verlierer, aber im Grunde hat weder der Schauspieler noch „Es“ eine Chance, gegen die Kinder anzukommen. Und das macht „Es“, jedenfalls den ersten Teil (der zweite soll 2019 ins Kino kommen), zu einem dann doch sehr optimistischen Film. Das kann sich auch ein Schisser wie ich ansehen, auch wenn es natürlich die dazugehörige Dosis Jump-Scares und gruseliger Momente gibt. Für Horror-Aficionados wird das vielleicht zu wenig sein, aber wer an einer guten Geschichte mit lebensnahen Figuren interessiert ist, ist mit „Es“ gut bedient.


7,5
von 10 Kürbissen

Wir töten Stella (2017)

Regie: Julian Roman Pölsler
Original-Titel: Wir töten Stella
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama
IMDB-Link: Wir töten Stella


Ob ihr bekanntester Roman „Die Wand“, ihre zahlreichen Kurzgeschichten oder eben die Novelle „Wir töten Stella“ – Marlen Haushofers Prosa zeichnet sich stets durch eine präzise, klare Sprache aus, die das Offensichtliche als Fassade nimmt, um über subtile Zwischentöne den eigentlichen Inhalt zu vermitteln. In „Wir töten Stella“ sind es die Fragen der Passivität und dadurch entstehenden Mitschuld am Verbrechen, die über die Geschichte einer Beziehungskrise und eines Ehebruchs verhandelt werden. Julian Pölslers Verfilmung versucht, sich diesen Zwischentönen durch grellen Symbolismus und Durchbrechung der realistischen Ebene mit dem Mittel der Verfremdung zu nähern. Horrorelemente werden in die Geschichte eingebaut, um darüber die Zwischenebene der Schuldfrage sichtbar zu machen. Das Offensichtliche, die realistische Ebene also, wird hierbei in den Hintergrund gedrängt, was den Film sehr artifiziell wirken lässt. So eine Künstlichkeit und das Erzählen einer Geschichte über die Ebene der Symbole und Metaphern kann ja ganz wunderbar sein, wenn es denn gut gemacht ist. Wenn man mit einem Holzhammer auf sein Publikum einprügelt und dabei vergisst, die eigentliche Geschichte zu erzählen, hat man allerdings in der Regel ein Problem. Und genau das passiert hier. Der Ursprung des Problems dieser Verfilmung scheint zu sein, dass sich Pölsler vorgenommen hat, der literarischen Bedeutung Haushofers gerecht zu werden, indem er sich um einen möglichst kunstsinnigen, überhöhten Zugang bemüht. Dabei kann die Geschichte aber auch sehr einfach und klar erzählt werden – wie es Haushofer selbst tut – und die Interpretation der Zwischentöne bleibt dem Publikum überlassen. Jede Zeile Haushofers scheint aber ins Extremste ausgewalzt und mit bedeutungsschwangerer klassischer Musik und verfremdeten Geräuschen unterlegt zu sein, das (Mit)Denken des Zusehers wird durch dieses Feuerwerk an Symbolismus eher unterdrückt als gefördert. Dazu kommt, dass ich dem Regisseur nicht abkaufe, sich in dem gehobenen bürgerlichen Milieu wirklich wohlzufühlen. Ist es wirklich so, dass der Vater vom Sohn noch immer mit „Herr Papá“ angesprochen wird? Dass die scheinbar einzige Freizeitbeschäftigung solcher Familien im Trinken von Rotwein und dem Hören der Musik von Johann Sebastian Bach besteht? Dass das Familienoberhaupt auch privat nur Anzug trägt und nicht die kleinste Gefühlsregung zeigt? Hier fehlt es an Lebensnähe, und das liegt nicht an der Vorlage, die diesbezüglich weit mehr Spielraum zulässt. Auch das Schauspiel ist oft hölzern und schlicht und ergreifend schlecht – Martina Gedeck in der Hauptrolle ausgenommen, die zwar auch sehr zurückhaltend, aber nuanciert spielt. Das alles führt dazu, dass sich der Film unwirklich und damit irrelevant anfühlt. (Ohne zu spoilern, denn der Schluss wird gleich zu Beginn erzählt:) Am Ende ist Stella tot. Der Film aber auch.


4,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Thimfilm)

Logan Lucky (2017)

Regie: Steven Soderbergh
Original-Titel: Logan Lucky
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Komödie, Krimi
IMDB-Link: Logan Lucky


Manchmal hat man einfach ein Pech. So wie die Brüder Clyde und Jimmy Logan (Adam Driver und Channing Tatum), in deren Leben so ziemlich alles schief geht. Was also tun, wenn die Geldsorgen immer größer werden und man gerade mal wieder aus einem Job entlassen wurde? Klar – einfach mal den größten Raub der Geschichte durchziehen, denn was soll denn schon schief gehen? Mit dem legendären Tresorknacker Joe Bank (Daniel Craig in seiner bislang wohl ungewöhnlichsten Rolle), zwei dauerbekifften Dumpfbacken und der Schwester im Team wird es ja wohl kein Problem sein, die Rennstrecke, die das wichtigste NASCAR-Rennen des Jahres veranstaltet, ausgerechnet am Rennwochenende zu beklauen. Dass Joe Bank wegen seines letzten krummen Dings noch ein paar Wochen abzusitzen hat, nämlich genau dann, wenn der Raub stattfinden soll, sind nur unbedeutende Hindernisse auf dem Weg ins Glück. Und so nimmt ein irrwitziger Plan allmählich Formen an.

„Logan Lucky“, der neueste Streich von Steven Soderbergh, ist ein unglaublich gut geschriebener und gespielter Blick auf das untere Drittel der amerikanischen Mittelschicht, ein durchaus wohlwollender Blick eines Regisseurs, der genau hinsieht und sich bemüht, seine Figuren ernst zu nehmen. Die Story ist richtig gut, und stellenweise ist das Ding enorm witzig. Allerdings hat Soderbergh sein ganz eigenes Timing. Und gerade das wird „Logan Lucky“ absurderweise ein wenig zum Verhängnis. Absurderweise nämlich deswegen, weil die realistische Darstellung der witzigen bis aberwitzigen Situationen die für Komödien so wichtige Situationskomik unterlaufen. Die Situationen sind immer noch amüsant, phasenweise zum Brüllen komisch, aber dadurch, dass Soderbergh fast gänzlich auf Tempo bei seinen Pointen und das Mittel der Zuspitzung verzichtet, geht dem Film ziemlich an Drive verloren. Auf der einen Seite kann man nun sagen: Ein toller, realistischer und dennoch witziger Film. Auf der anderen Seite wird dadurch auch das Potential verschenkt, das „Logan Lucky“ zur vielleicht besten Komödie des Jahres hätte machen können.


6,5
von 10 Kürbissen

Kingsman: The Golden Circle (2017)

Regie: Matthew Vaughn
Original-Titel: Kingsman: The Golden Circle
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Action, Komödie
IMDB-Link: Kingsman: The Golden Circle


2014 erschien „Kingsman: The Secret Service“ von Matthew Vaughn gleich einem Feuerwerk (ähnlich dem, das den Film auf so grandios-absurde Weise beenden sollte). Britischer Vorstadt-Prolet trifft auf Gentleman-Agenten und wird selbst ausgebildet zum Gentleman. Manners maketh man. Colin Firth und Taron Egerton waren ein großartiges Team. Und klar, dass schon bald laut nach einer Fortsetzung gerufen wurde. „Kingsman: The Golden Circle“ folgt nun der Geschichte von Eggsy (Egerton), der am Ende von „Kingsman: The Secret Service“ zum Agenten Galahad befördert wurde, in die nächste Runde. Und natürlich wird es zunächst einmal ungemütlich, als die Drogenimperatorin Poppy (Julianne Moore in einer lolly-bunten Popcornwelt mitten im kambodschanischen Dschungel) das Kingsman-Netz hackt und gleich mal die gesamte Infrastruktur samt Kingsman-Agenten kalt stellt. Eggsy und Computer-Wizard Merlin (Mark Strong, dem im Übrigen der emotionalste Moment des Films gehört) sind auf sich allein gestellt. Glücklicherweise tauchen in der dunkelsten Stunde unvermutet Freunde von überm Teich auf. Und wie alles an dieser Filmreihe ist das US-amerikanische Geheimdienst-Pendant zu den britischen Kingsmen gnadenlos und bis zum Höhepunkt der Karikatur überzeichnet, was zu manch herrlichem Clash of Cultures führt. Überhaupt ist die Überzeichnung das gängige Stilmittel, von dem die Kingsman-Filme leben. Ob nun in den Actionszenen, in der Figurenzeichnung, in der Dramaturgie: Die beiden Kingsman-Filme kennen nur eine Devise: Je mehr und je absurder, desto besser! Das kann man nun mögen, muss man aber nicht. Ich gehöre zu jenen, die einfach eine große Freude daran haben, das innere Kind in mir jubelt, wenn elektrische Lassos die Bösewichter in zwei Hälften zersägen oder Bowlingkugeln ganze Betonwände durchschlagen. Hirn ausschalten und Spaß haben – dafür ist „Kingsman: The Golden Circle“ gemacht. Allerdings bleibt zu bekritteln, dass der Film keine Originalitätspreise gewinnen wird. Im Grunde konzentriert er sich auf das Erfolgsrezept von Teil 1 und versucht dieses, zu kopieren und den Wahnsinn noch mal zu steigern. Die eine oder andere Finesse im Drehbuch hätte dem Film gut getan.


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: 20th Century Fox)

Western (2017)

Regie: Valeska Grisebach
Original-Titel: Western
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama
IMDB-Link: Western


Die Einsamkeit und das Fremde – das sind zwei Leitmotive aller großer Western. Und diese Motive finden sich auch in Valeska Grisebachs Film „Western“ wieder, der das Westernsujet auf kluge Weise einsetzt, um in ruhigen Bildern die Geschichte eines Trupps deutscher Bauarbeiter zu erzählen, die in der Nähe eines bulgarischen Dorfes ein Wasserkraftwerk bauen soll. Mitten darunter der schweigsame Einzelgänger Meinhard (mit einer unfassbaren Präsenz verkörpert vom Laiendarsteller Meinhard Neumann), ein Mann mit eigenem Moralkodex, auch wenn er kaum zum Helden taugt. Aber er ist es, auf den sich der Film fokussiert, und es ist der stoische Meinhard, der den ersten Kontakt zu den Einheimischen im Dorf aufbaut, der Anschluss findet mit wenigen Worten und Gesten. Man beginnt allmählich, sich zu verstehen, und das auf einer tieferen Ebene, als es durch Worte, durch eine gemeinsame Sprache, möglich wäre. In einer sehr eindrucksvollen Szene sitzen Meinhard und Adrian, sein Vertrauter aus dem Dorf, an einem Abend zusammen und Meinhard beginnt, von seinem verstorbenen Bruder zu erzählen, und auch wenn Adrian kein einziges Wort versteht, spürt er dem Klang und dem Gesichtsausdruck Meinhards nach, begreift, worum es geht („Du erzählst gerade etwas sehr Trauriges“), und die beiden Männer finden auf diese Weise zu einem echten Gespräch, das mehr durch Blicke und Gesten geführt wird, aber in dem alles gesagt und alles verstanden wird. „Western“ erzählt also die Geschichte einer Annäherung, die nicht konfliktfrei ist, wo unterschiedliche Interessen und Lebensweisen und Ansichten aufeinandertreffen, wo aber auch am Ende ein Hoffnungsschimmer aufkeimt, dass das Gemeinsame über dem Trennenden steht, dass es so etwas wie Heimat auch in der Fremde geben kann, dass es etwas universell Menschliches gibt, das uns alle verbindet. Dabei umgeht „Western“ klug sämtliche Fallstricke klischeeinduzierter Erwartungshaltungen. Die Konflikte biegen oft in andere Richtungen ab als erwartet, niemand ist fehlerfrei, es gibt keine Helden und keine Antagonisten, nur Menschen mit unterschiedlichen Persönlichkeiten, und sie zeigen sich manchmal von ihrer guten und manchmal von ihrer schlechten Seite. Meinhard ist da keine Ausnahme. Auch wenn wenig passiert und Vieles nur angedeutet, aber nicht auserzählt wird, so ergibt sich am Ende dennoch ein stimmiges Gesamtbild, und wenn am Ende die Musik läuft und die Leinwand dunkel wird, hat man zumindest für einen kurzen Augenblick das Gefühl, etwas mehr über das Menschsein verstanden zu haben.


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Stadtkino)

Mother! (2017)

Regie: Darren Aronofsky
Original-Titel: Mother!
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Horror, Thriller
IMDB-Link: Mother!


Subtilität ist Darren Aronofskys Sache nicht. Auch sein neuestes Werk, der Horrorthriller „Mother!“, hämmert ordentlich auf sein Publikum ein. Das ist gespalten. In Venedig gab’s Buhrufe, aber auch Begeisterung. „Mother!“ ist ein Film, der seinem Zuseher ins Gesicht schlägt und auf die Reaktion wartet. Über den Inhalt kann man nicht allzu viel verraten, ohne die persönliche Sichtweise des Films einzubringen und gleichzeitig massiv zu spoilern. Die Eckdaten: Ein erfolgreicher Schriftsteller (Javier Bardem) und seine junge Frau (Jennifer Lawrence) leben in einem viel zu großen, sehr einsamen und leicht gespenstisch anmutenden Haus im Nirgendwo. Der Schriftsteller sucht nach Inspiration, seine Frau renoviert einstweilen das Haus. Dabei hat sie immer wieder seltsame Visionen. Eines Tages steht ein Arzt (Ed Harris, wunderbar undurchschaubar), der das Haus offensichtlich mit einem Bed & Breakfast verwechselt hat, vor der Tür, und kurze Zeit später auch seine Frau (Michelle Pfeiffer – zum Fürchten). Der Schriftsteller bietet den beiden über den Kopf seiner Frau hinweg die Gastfreundschaft an, doch die Frau fühlt sich nicht wohl, und alsbald sollten sich ihre Befürchtungen bestätigen – und mehr. Schon bald läuft alles ziemlich aus dem Ruder. „Mother!“ legt viele Fährten und bedient sich dabei bekannter Horrorsujets. Allerdings ist „Mother!“ kein konventioneller Horrorfilm, da er mit den gängigen Klischees spielt, sie teilweise bricht und teilweise überzeichnet und dadurch ad absurdum führt. Und das ist wohl auch ein Grund, warum der Film so stark polarisiert. Denn wie man ihn wahrnimmt, hängt von der eigenen Erwartungshaltung des Zusehers ab. Als Horrorfilm taugt „Mother!“ wohl tatsächlich nur bedingt, als Psychothriller auch, als philosophischer Diskurs schon gar nicht, aber wenn man den Film nicht allzu ernst nimmt und sich auf den grimmigen, schwarzen Humor seiner Überzeichnungen einlässt, wird man richtig gut unterhalten. Dann heißt es: Fasten your seatbelts – it’s gonna be a bumpy ride!


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Constantin Film)

Killer’s Bodyguard (2017)

Regie: Patrick Hughes
Original-Titel: The Hitman’s Bodyguard
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Action, Komödie, Roadmovie
IMDB-Link: The Hitman’s Bodyguard


Samuel L. „Motherfucker“ Jackson hat mittlerweile ein Level an Coolness erreicht, an dem er nur noch Samuel L. Jackson spielt, weil cooler als das wird es einfach nicht mehr. Coolness wird heutzutage in Samuel L. Jacksons angegeben. Ein halber Samuel L. Jackson ist schon abartig cool, dreiviertel kaum auszuhalten. In „Killer’s Bodyguard“ (sinnigerweise der deutsche Verleihtitel für „The Hitman’s Bodyguard“) spielt sogar ein ganzer Samuel L. Jackson mit. Und zwar ist er der berühmt-berüchtigte Killer Kincaid, der für seine Taten einsitzt und nun in Den Haag eine Zeugenaussage gegen den weißrussischen Diktator Dukhovich (ein diabolischer Gary Oldman) tätigen soll. Problem: Dukhovich ist davon wenig begeistert, da Kincaids Aussage das Einzige ist, was ihn wirklich hinter Gittern bringen kann. Also muss Kincaid aus dem Weg geräumt werden. Auftritt Ryan Reynolds (als Ryan Reynolds) in der Rolle des hochprofessionellen, aber nach eigenen Maßstäben gescheiterten Bodyguards Michael Bryce, der den Killer sicher von England in die Niederlande bringen soll. Problem 1: Die beiden haben eine gemeinsame Vergangenheit, und zwar auf unterschiedlichen Seiten der Gewehrläufe. Problem 2: Eigentlich tut das Bryce nur seiner alten Flamme (Élodie Yung) zuliebe. Problem 3: Kincaid tut garantiert nicht das, was Bryce will. Und so entspinnt sich eine rasante Action-Buddy-Komödie mit flotten Sprüchen, massiven Explosionen, wilden Schießereien durch halb Europa und einem weiteren Versuch Samuel L. Jacksons, einen neuen Rekord für den Gebrauch des Wortes „motherfucker“ aufzustellen. Eigentlich ist „Killer’s Bodyguard“ nichts Anderes als ein feuchter Bubentraum. Hirn ausschalten und wenn möglich einfach alles in die Luft sprengen. Aber ja, das Ding macht Spaß. Es wurde wohl kein einziger origineller Gedanke in diesen Film hineingesteckt und die Handlung kann man auf einer zu einer Origamifigur gefalteten Papierserviette zusammenfassen, aber hey – setzt Samuel L. Jackson, Ryan Reynolds und einen Haufen Knarren in ein Auto, und das Ding läuft. Popcornkino as Popcornkino can.


6,0
von 10 Kürbissen

(Foto: 20th Century Fox)