Kaviar (2019)

Regie: Elena Tikhonova
Original-Titel: Kaviar
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Satire
IMDB-Link: Kaviar


Zack zack zack. So schnell geht manche politische Karriere den Bach hinunter. Gerade noch sitzt man in einer schicken Villa auf Ibiza mit einer schoarfen russischen Oligarchennichte und interpretiert „Glock“ sehr frei in Gebärdensprache, und schon wird man von Jan Böhmermann verarscht und darf alle politischen Ämter abgeben, da man versehentlich das Land und dessen Medien an eine Schauspielerin verscherbelt hat, was in Bild und Ton festgehalten wurde. Dagegen wirkt die politische Satire „Kaviar“ von Elena Tikhonova wie hochseriöse CNN-News. Nichtsdestotrotz muss man das erst mal zusammenbringen, die vielleicht größte politische Bombe der Zweiten Republik in einem Spielfilm vorwegzunehmen. Von Tikhonova hätte Nostradamus noch was lernen können. Nur Nuancen unterscheiden sich von der Wirklichkeit. In ihrem Film geht es um einen russischen „Investor“, der sich einbildet, auf der Schwedenbrücke eine Villa zu bauen. Die Florentiner hätten das auf der Ponte Vecchio schließlich auch vorgemacht. Den Spaß lässt er sich einiges kosten. Brav die Hand aufhalten tun der windige Geschäftsmann Klaus (Georg Friedrich), dessen Freund und Anwalt Ferdinand (Simon Schwarz) und der Stadtrat Zech (Joseph Lorenz). Diese sind aber im Grunde nur Nebenfiguren, denn im Zentrum des Geschehens stecken Igors Übersetzerin und Mädchen für alles Nadja (Margarita Breitkreiz) und ihre Freundinnen Vera (Darya Nosik) und Teresa (Sabrina Reiter). Die drei Damen sind bei Wodka äußerst trinkfest und mischen den Macholaden auf, um selbst die Millionen einzustreifen. Das alles klingt höchst vergnüglich. Leider wird das Vergnügen durch eine lieblose Aneinanderreihung von Klischees, halblustigen Regieeinfällen, die den Zuseher immer wieder aus dem Geschehen werfen, und dem arg schlechten Spiel von Breitkreiz, die abwechselnd einen russischen, deutschen und Wiener Akzent spricht, ordentlich verhagelt. Einzig Georg Friedrich vermag mit seinem authentischen Spiel zu glänzen – aber er gehört ohnehin zu den wenigen Kapazundern, die auch einen schlechten Film veredeln können. „Kaviar“ hätte der Film des Jahres werden können. Doch das Leben schreibt manchmal doch die besseren Geschichten.


3,0
von 10 Kürbissen

Shirkers (2018)

Regie: Sandi Tan
Original-Titel: Shirkers
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Shirkers


Manchmal hast ein Pech. Da drehst du mit ein paar enthusiastischen Filmstudentinnen in Zusammenarbeit mit deinem charismatischen Professor das erste Independent-Roadmovie Singapurs, und dann haut ausgerechnet dein Prof mit den 70 Filmrollen ab und ward nie mehr gesehen. Blöd gelaufen. Was nach einem Pitch für eine neue Coen-Brüder-Komödie klingt, ist Sandi Tan in den 90ern tatsächlich passiert. Dagegen war die Produktionsgeschichte von The Man Who Killed Don Quixote ein Klacks. Zweieinhalb Jahrzehnte später zeichnet sie diese unglaubliche Geschichte nach. In Interviews mit ihren damaligen Gefährtinnen und mit Bekannten des flüchtigen Filmprofessors rekonstruiert sie zum Einen die Dreharbeiten selbst und deren Bedingungen damals, die sicherlich nicht einfach waren, und zum Anderen, was mit dem Film nach dem Abschluss der Dreharbeiten geschehen ist, als er eigentlich nur noch geschnitten hätte werden sollen. Und so funktioniert die Dokumentation auf gleich mehreren Ebenen: Als Stück Zeitgeschichte über das Filmschaffen in Asien in den 90ern, als Dokumentation eines filmischen Schaffensprozesses per se, als Beweis einer psychischen Erkrankung und als Reflektion der Filmschaffenden über ihre ersten Schritte in der Filmindustrie und ihrer eigenen Fehltritte, die sie damals gemacht hat. Und man stellt fest, wie schade es ist, dass dieses erste Independent-Roadmovie aus Singapur niemals das Licht der Welt erblickt hat – denn bei einem solch übermäßigen Enthusiasmus der damals Beteiligten gepaart mit der Notwendigkeit für Improvisationen und der daraus resultierenden Kreativität wäre das Ergebnis mit Sicherheit sehenswert geworden. Die Dokumentation selbst entschädigt ein klein wenig dafür, hat aber auch seine Längen und ist mir persönlich in manchen Szenen ein wenig zu selbstreferentiell gehalten. Wer sich selbst ein Bild machen möchte, kann dies aktuell auf Netflix tun.


6,5
von 10 Kürbissen

The Dead Don’t Die (2019)

Regie: Jim Jarmusch
Original-Titel: The Dead Don’t Die
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Horror, Komödie, Satire
IMDB-Link: The Dead Don’t Die


Ich glaube, selten hatten Maskenbildner weniger zu tun als bei Iggy Pops Transformation in einen Zombie für Jim Jarmuschs Horror-Groteske „The Dead Don’t Die“. Allein für diesen Besetzungcoup gebührt den Machern des Films alle Ehre. Wenn man dann noch Bill Murray, Adam Driver, Tilda Swinton, Chloë Sevigny, Steve Buscemi, Tom Waits, Danny Glover usw. in seinem Cast hat, sollte ja eigentlich nichts schiefgehen. Doch während Jim Jarmusch und Vampire herausragend harmonieren (siehe „Only Lovers Left Alive“), passen Jim Jarmusch und Zombies überraschend wenig zusammen. Vielleicht ist es dieses Mal einfach der Lakonie zu viel. Bill Murray und Adam Driver kommen tatsächlich mit je einem einzigen Gesichtsausdruck durch. Chloë Sevigny darf wenigstens mit einer lakonischen, an Baldrian erinnernden Variante eines hysterischen Ausbruchs gen Ende hin aufwarten. Aber schauspielerisch ist das alles sehr schaumgebremst – natürlich von Jarmusch so gewollt. Wenn allerdings die Story selbst auch keine Fahrt aufnimmt, bleibt am Ende wenig übrig, was den geneigten Zuseher interessieren könnte. Dabei geht es mit einem rätselhaften Stimmung und Tom Waits als Buschmann im Wald recht erquicklich los. Hier fängt Jim Jarmusch die nahende Endzeitstimmung gut ein. Nur verliert er ein wenig den Faden, als die Zombies dann tatsächlich auftreten. Denn plötzlich wirkt es, als könne er sich nicht mehr entscheiden, welche Geschichte er eigentlich erzählen möchte. Da muss also noch ein bisschen Satire hinein mit der Durchbrechung der vierten Wand (die zwar für komische Momente sorgt, aber im Film selbst dann doch etwas deplatziert wirkt), ein bisschen Gesellschaftskritik (so tun die Zombies das, was sie zu Lebzeiten am liebsten getan haben – was heißt, dass die meisten der relativ frischen Untoten verzweifelt auf der Suche nach W-Lan sind), ein bisschen Science Fiction, die allerdings wie ein Fremdkörper wirkt – ein rundes Bild wird daraus jedenfalls nicht mehr. Auch dauert der Film gefühlt fünf Stunden. Weniger wäre hier mehr gewesen. Dafür aber ein strengerer Fokus. Aber gut, auch ein Jim Jarmusch kann mal danebenhauen.

 


5,0
von 10 Kürbissen

Pets 2 (2019)

Regie: Chris Renaud
Original-Titel: The Secret Life of Pets 2
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Animation
IMDB-Link: The Secret Life of Pets 2


Ich mochte den ersten „Pets“-Film sehr. Als Katzenbesitzer und Tierliebhaber kann ich die Dringlichkeit der Frage, was Haustiere so machen, wenn ihre Besitzer mal außer Haus sind, gut nachvollziehen. Sehr gut sogar. Was mich daran erinnert, dass ich unbedingt mal eine Nachtsichtkamera in meiner Wohnung installieren muss. Vielleicht bekomme ich dann mal eine Antwort auf meine Frage, wie es mein 4 Kilo zartes Kätzchen schafft, mich nächtens an den Rand des Betts zu drängen und mir meine Decke zu klauen. Aber zurück zum Film, genauer gesagt: zum Sequel. Denn wie es heutzutage so üblich ist: Wenn eine Kuh Milch gibt, wird sie gemolken bis zur Mumifizierung. Das kann ja durchaus sehr spaßige Erzeugnisse mit sich bringen. Aber es reicht halt nicht, wenn sich das more of the same ausschließlich darauf beschränkt, vom Publikum lieb gewonnene Charaktere noch mal in einer Parade aufmarschieren zu lassen. Für einen guten Film braucht es immer noch eine interessante und kohärente Handlung. Und genau daran scheitert „Pets 2“ so wie eine Katze, die versucht, den roten Punkt des Laserpointers zu fangen. Flauschige Tiere sind zwar süß anzusehen, aber für einen Film ist es nicht genug. Dass diese Ausrede von Handlung in drei Handlungsstränge zerfällt, die nichts miteinander zu tun haben und die jede für sich genommen auch völlig uninteressant sind, verschärft das Problem zusätzlich. So entdeckt der neurotische Hund Max das Leben auf dem Bauernhof, Hündin Gidget ihre innere Katze, um ein Spielzeug wiederzuerlangen, und Hündin Daisy und Kaninchen Snowball entdecken einen Kuscheltiger in einem Zirkus. Aber all das ist völlig (laser)pointless, und auch die Gags reichen aufgrund dieses Nichts von Handlung für nicht mehr als den einen oder anderen müden Schmunzler. Die Kleinsten unter den Kinobesuchern werden ihren Spaß an hysterischen Kaninchen, die sich als Superhelden verkleiden, haben, und das ist auch okay so. Aber die erwachsenen Begleitpersonen dürfen sich auf 1,5 eher mühsame, jedenfalls aber belanglose Stunden einstellen.


4,0
von 10 Kürbissen

Long Shot – Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich (2019)

Regie: Jonathan Levine
Original-Titel: Long Shot
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Rom-Com, Satire, Komödie
IMDB-Link: Long Shot


Seth Rogen und Charlize Theron sind per se schon mal ein sehr unwahrscheinliches Leinwandpaar. Er: der verpeilte Brachialkomiker; sie: die elegante Dame mit Stil. „Long Shot“ von Jonathan Levine bringt nun diese beiden sehr unterschiedlichen Charaktere zusammen und würzt die ohnehin schon schräge Prämisse mit entgegengesetzten Berufen und Idealen: Fred Flarsky ist ein wütender (und arbeitsloser) Investigativjournalist mit Tendenz zum Slacker, Charlotte Field die Secretary of State und künftige Präsidentschaftskandidatin. Wer aus dieser Konstellation nun derben Slapstick erwartet, hat die Rechnung ohne dem Drehbuchduo Liz Hannah und Dan Sterling, ohne Regisseur Levine und vor allem ohne Seth Rogen gemacht. Dem haftet ja noch immer der Ruf an, hauptsächlich Kindereien zu fabrizieren. Dabei geht es ihm wie den meisten der Riege rund um Judd Apatow. Man vergisst, dass beispielsweise Steve Carell und Jonah Hill (dieser sogar zweifach) oscarnominiert waren für ihre darstellerischen Leistungen. Und dass Seth Rogen schon großartige ernste Rollen wie in Take This Waltz oder „Steve Jobs“ gespielt hat. Der Mann kann spielen, und zwar richtig, richtig gut. Nur haben es Komödianten wie die gerade Genannten oft schwer, dieses Können unter Beweis zu stellen. In „Long Shot“ glänzt Rogen nun neben Charlize Theron, und über die Begabung der schönen Südafrikanerinnen muss man, denke ich, nicht groß diskutieren. Um es auf den Punkt zu bringen: Wer von Charlize Therons magischer Präsenz nicht an die Wand gespielt wird, hat höchsten Respekt verdient. Womit „Long Shot“ neben der tollen Chemie seiner beiden Hauptdarsteller noch aufwarten kann, ist ein satirisch überhöhtes, aber zeitgemäßes Drehbuch, das den Politbetrieb mit einigen gezielten Wirkungstreffern bearbeitet. In einer Zeit, in der eine Orange mit dem IQ einer ausgepressten Orange Bundespräsident sein kann, ist ein turbulentes Szenario, wie es in „Long Shot“ beschrieben wird, nicht undenkbar. Das sympathische Paar kämpft allein auf weiter Flur gegen Vollidioten um seine Ideale. Und so zynisch das zunächst auch anmuten mag, so weit weg von der Wahrheit ist der Film am Ende wohl gar nicht. Dass die eigentliche Rom-Com-Handlung arg vorhersehbar ist und gängigen Mustern vielleicht ein bisschen zu genau folgt, kann man dem Film angesichts seiner subtilen Stärken auch leicht verzeihen. Die 7 Kürbisse bilden derzeit das untere Limit ab, vielleicht steigt die Bewertung nach erneuter Sichtung auch noch weiter an.


7,0
von 10 Kürbissen

29 … und noch Jungfrau (2007)

Regie: Holger Haase
Original-Titel: 29 … und noch Jungfrau
Erscheinungsjahr: 2007
Genre: Rom-Com
IMDB-Link: 29 … und noch Jungfrau


Man darf sich das so vorstellen: Ein Abend in einer Pension in der ungarischen Einöde. Der Kürbis eures Vertrauens hat eine Rad-Tour in den Beinen (und ein gebrochenes Schlüsselbein, wie sich später herausstellen soll), ist also ziemlich müde, es regnet, und irgendwie muss man die Zeit zwischen Abendessen und Schlafenszeit überbrücken. Also Fernsehen. Doch es zeigt sich, dass nur zwei deutschsprachige Sender störungsfrei empfangen werden können: ORF 1 und ATV 2. Mehr ist nicht drinnen. Und da auf ORF 1 der schon bekannte Film Mamma Mia! läuft, lässt man sich also auf das Wagnis „29 … und noch Jungfrau“ von Holger Haase ein. Um es kurz zu machen: Mamma Mia! Was für ein Machwerk! Dieser Haase hat offenkundig keine Ahnung, wie der Hase läuft. Denn im Schatten des zwei Jahre zuvor erschienenen Kassenschlagers „Jungfrau (40), männlich, sucht …“ mit Steve Carell läuft hier die deutsche Komödie zu ihrer phänomenal schlechtesten Form auf. Seien es die grottigen Darsteller und Darstellerinnen, von denen lediglich Oliver Wnuk durch ein verpeilt-sympathisches Spiel und die bemühte, aber letztlich vom Drehbuch überrollte Anna Kubin in der Hauptrolle der ungevögelten, aber liebestollen Vic einigermaßen erträglich sind, sei es die frauenfeindliche Prämisse des Films und die konsequente Umsetzung deren in einem hundsmiserablen Drehbuch, das wirklich alle unlustigen Klischees auf die denkbar unlustigste Art und Weise zusammenpantscht, sei es die Tatsache, dass man ungelogen nach fünf Minuten bereits genau weiß, wie der Film enden wird (mein radelnder Weggefährte, der mit mir diesen Ritt durch die Abgründe des Filmschaffens gewagt hat, ist Zeuge meiner Prognose und deren Erfüllung) – hier passt einfach gar nichts. Und dabei ist der Film noch so schlecht und banal und fetzendeppert, dass man sich nicht einmal anständig darüber ärgern kann. Dann lieber fünfmal in Folge die singende Meryl Streep am Stück, bevor man sich dieses Waterloo auch nur ein einziges weiteres Mal antut.


1,5
von 10 Kürbissen

Chucks (2015)

Regie: Sabine Hiebler und Gerhard Ertl
Original-Titel: Chucks
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Chucks


Die 18-jährige Mae (Anna Posch) ist das, was man bei uns in Wien gemeinhin als Kretzn bezeichnet. Für Konformität hat sie nicht viel übrig, sie zeigt ihrem Leben und allen Menschen darin lieber den Mittelfinger. Eines Tages überspannt sie den Bogen allerdings ein wenig und wird zu Sozialarbeit verdonnert. Und zwar in einer Beratungsstelle für AIDS-Erkrankte. Dort lernt sie den 21-jährigen Paul (Markus Subramaniam) kennen, der mit einer Kombination aus AIDS und Hepatitis C den Jackpot gezogen hat, wie er selbst süffisant bemerkt. Für die Lebenserwartung sieht das nicht gut aus. Dennoch entwickelt sich zwischen Mae und Paul allmählich eine zarte Liebesgeschichte, und wir erleben die Wandlung der Widerspenstigen zum sanften Lamm, die beim Stricken sogar häusliche Anwandlungen zeigt. Soweit klingt das alles mal recht nett und erbaulich. Allerdings hängt das Gelingen solcher Liebesgeschichten meiner Meinung nach sehr von der Chemie zwischen den Hauptfiguren bzw. den Darstellern ab. Und gerade in Bezug auf diesen wichtigen Punkt fährt „Chucks“ leider ziemlich an die Wand. Denn Anna Posch ist zwar bemüht und in der Rolle als Mae auch gut besetzt, aber unterm Strich (vor allem, wenn man sich die Vergleiche mit Cornelia Travniceks Buch-Vorlage ansieht, was dann dem Drehbuch anzukreiden ist) wohl zu brav, um den Zuseher emotional herauszufordern. Und Markus Subramaniams Spiel muss man leider als hölzern bezeichnen. So wird die Liebesgeschichte recht emotionslos abgespult, und darunter leidet wiederum die Glaubwürdigkeit der Figuren. Und was will man mit einer Love Story, die nicht berührt? Das ist, als würde man sich im gestandenen Wiener Wirtshaus ein Seitan-Schnitzel bestellen. Es sieht so aus wie ein Schnitzel, aber so richtig an das Geschmackserlebnis eines tatsächlichen Schnitzels kommt es nicht heran. Nun aber: Mahlzeit!


4,5
von 10 Kürbissen

Zwischen den Zeilen (2018)

Regie: Olivier Assayas
Original-Titel: Doubles vies
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama
IMDB-Link: Double vies


Mit Olivier Assayas‘ Filmen kann ich in der Regel recht viel anfangen. Der Trailer zu seinem neuesten Film „Zwischen den Zeilen“ hat mich jedoch überhaupt nicht angesprochen, und wäre es kein Film von Assayas, hätte ich diesen ausgelassen. Was im Trailer angedeutet wird, ist eine charmant-leichte französische Beziehungskomödie mit sehr verkrachten Existenzen, die unheimlich viel reden. Und genau mit dieser Art von französischen Komödien tue ich mir eher schwer. Was der Trailer allerdings nicht verrät ist, dass es sich bei dem Film nicht um eine charmant-leichte Beziehungskomödie handelt, sondern eher eine Tragikomödie über die Wirrnisse des Verlagswesens in heutiger Zeit. Verkrachte Existenzen, die unheimlich viel reden, bietet der Film dennoch. Allen voran Alain, der Verleger (sympathisch gespielt von Guillaume Canet), der eine Affäre zu seiner blutjungen Digitalisierungsmanagerin (Christa Théret) unterhält, während seine Frau (Juliette Binoche) mit dem Autor Léonard (Vincent Macaigne) ins Bett steigt, wovon wiederum dessen Freundin Válerie (Nora Hamzawi) nichts wissen sollte. Okay, das klingt jetzt tatsächlich sehr nach einer charmant-leichten Beziehungskomödie. Aber die Beziehungen der Protagonisten untereinander dienen mehr dazu, unterschiedliche Weltbilder aufeinandertreffen zu lassen, die dann in klugen, hintersinnigen Dialogen ausdiskutiert werden. Die Vor- und Nachteile der Digitalisierung werden hier genauso verhandelt wie die Rastlosigkeit der Generation Y (oder Z oder wo immer sich die aktuellen Mittzwanziger gerade befinden) sowie die alte Frage Kapitalismus versus Idealismus. Ja, vielleicht ist der Film einen Tick zu geschwätzig, und so klug und durchdacht wie die Protagonisten formt kein Mensch in einem realen Gespräch seine Sätze und Meinungen, aber durch die Leichtigkeit, mit der diese schweren Themen vorgetragen werden, bleibt man dennoch gerne bei der Stange. Vielleicht kein Meisterwerk von Assayas, aber ein gefühlt persönlicher und intimer Film, in dem der Regisseur wohl die in ihm schwelenden Konflikte und sich widersprechenden Meinungen zu sortieren versucht. Ihm und seinem gut aufgelegten Ensemble dabei zuzusehen, lohnt sich durchaus. Nur sollte man sich nicht vom Trailer in die Irre führen lassen.


6,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen)

Flucht in Ketten (1958)

Regie: Stanley Kramer
Original-Titel: The Defiant Ones
Erscheinungsjahr: 1958
Genre: Thriller, Krimi
IMDB-Link: The Defiant Ones


Der Film legt einen Blitzstart hin. Gerade noch trällert Noah Cullen (Sidney Poitier) einen Song im Gefangenentransporter, so kommt dieser auch schon von der Straße ab, überschlägt sich ein paar Mal, und ab geht’s in die Wälder und Sümpfe, denn so eine Fluchtmöglichkeit möchte man natürlich nicht verstreichen lassen. Blöd nur, dass Cullen angekettet ist. Und am anderen Ende der Kette hängt John Jackson (Tony Curtis) dran, der wenig erfreut darüber ist, zum Synchronschwimmpartner eines Schwarzen geworden zu sein. Aber Freiheit ist dann doch das höchste Gut, also arrangiert man sich miteinander. Zumal einem der Sheriff (Theodore Bikel) samt Hilfssheriffs und Hundemeute schon auf den Fersen ist. „Flucht in Ketten“ von Stanley Kramer ist einer jener Filme, die auf einer einfachen Prämisse basieren und kein großes Brimborium brauchen, um zu funktionieren. Die Story ist simpel: Schwarzer und weißer Strafgefangener befinden sich aneinandergekettet auf der Flucht vor der Polizei und müssen ihre jeweiligen Vorurteile überwinden, um gemeinsam erfolgreich zu sein. Ein bisschen greift der Film also den Teambuilding-Maßnahmen vor, die später in Mode gekommen sind. Dass das deutlich reduzierte Geschehen, das zudem ohne eigens geschriebener Filmmusik auskommt, funktioniert, liegt vor allem an den Darstellern. Wirklich jeder macht hier einen großartigen Job, und so verwundert es nicht, dass sich sowohl Curtis als auch Poitier über Nominierungen als bester Hauptdarsteller freuen konnten, Bikel als bester Nebendarsteller und Cara Williams als beste Nebendarstellerin nominiert wurden. Diese ausgezeichneten Leistungen tragen einen hochgradig relevanten Film über den Abbau von Ressentiments und von Rassenhass, der ansonsten in seiner Simplifizierung vielleicht etwas plump geraten hätte können. So aber bleibt jeden Minute spannend und interessant, und die Botschaft hat bis heute (leider) ja nichts von ihrer Aktualität verloren. Nettes Detail am Rande: Tony Curtis setzte sich persönlich dafür ein, dass sein Partner Sidney Poitier ein besseres Gehalt bekam, da es damals unüblich war, schwarze Schauspieler angemessen zu entlohnen.


8,0
von 10 Kürbissen

Fortunata (2017)

Regie: Sergio Castellitto
Original-Titel: Fortunata
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama
IMDB-Link: Fortunata


Fortunata (Jasmine Trinca) ist etwa so tiefenentspannt wie ein Eichhörnchen auf Speed. Gegen ihre stakkatoartig herausgeschossenen Dialogzeilen wirken die Gilmore Girls, als würde Alexander Van der Bellen seine alljährliche Neujahrsansprache halten. Die junge Frau steckt gerade in einer ziemlich hässlichen Scheidung von ihrem Mann Franco (Edoardo Pesce, dessen Rolle arg eindimensional angelegt ist), die 8-jährige Tochter Barbara (Nicole Centanni) leidet darunter, während Fortunata versucht, gemeinsam mit ihrem Jugendfreund und Nachbarn Chicano (Alessandro Borghi) einen Friseursalon zu eröffnen (für den aber das Geld fehlt) – mit einem Wort: die Lage ist fatal. Da hilft nur eins: Ein Banküberfall! (Ähm … falscher Film, sorry. Das Abschiedskonzert der EAV am Freitag hat so seine Spuren hinterlassen.) Also nein, kein Banküberfall. Aber ein Silberstreif am Horizont zeigt sich in Form des attraktiven Kinderpsychiaters Patrizio (Stefano Accorsi), der sich um die seelischen Wunden ihrer Tochter kümmert. Vielleicht hat Fortunata, die Glückliche, nun doch einmal Glück in ihrem Leben?

An sich hätte „Fortunata“ von Sergio Castellitto gute Anlagen für einen berührenden und mitreißenden Film. Jasmine Trinca spielt die Hauptfigur mit unglaublich viel Verve, auch Alessandro Borghi, Stefano Accorsi und die junge Nicole Centanni können überzeugen, die Kameraarbeit ist stellenweise ausgezeichnet und die Geschichte von universeller Relevanz, geht es hier doch um die Träume nach einem besseren Leben, um Familie und die Suche nach einem Platz in der Welt, nach Liebe und Geborgenheit, nach dem Gefühl, endlich angekommen zu sein. Leider hat Castellitto aber versucht, so ziemlich jede denkbare Emotion in seinem Film festzuhalten und der Darstellung dieser Emotion möglichst breiten Raum zu geben. Und so wird der Film zu einem Stückwerk von Szenen, die einfach nicht zueinander passen. In einem Moment befindet man sich in einer Screwball-Komödie, nur zum zehn Sekunden später ein herzergreifendes Melodram mitzuerleben. Auf stille, eindringliche Momente folgen hysterische Szenen, in denen man jede einzelne Figur nur an die Wand klatschen möchte ob des Gefuchtels und Geschreis. Wenn das 8-jährige Scheidungskind mit emotionalen Problemen die ruhigste und nachvollziehbarste Figur ist, dann spricht das für sich. So bleiben am Ende zwar einzelne starke Szenen im Gedächtnis, der Film als Ganzes ist jedoch als verunglückt zu bezeichnen.


4,0
von 10 Kürbissen