Booksmart (2019)

Regie: Olivia Wilde
Original-Titel: Booksmart
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Komödie
IMDB-Link: Booksmart


Zwei Streberinnen beschließen am Abend vor dem Abschluss, Versäumtes nachzuholen und noch auf eine fette Party zu gehen, um die Sau rauszulassen. Gähn. Willkommen in der Welt der Highschool-/College-Komödien. Plumper Partyhumor, Exzesse, ein bisserl Läuterung am Ende – eh schon wissen. Doch hoppla – irgendwas läuft hier anders als sonst. Die Story selbst nicht, denn die wird routiniert und vorhersehbar streng nach Klischee abgespult. Aber was Olivia Wilde mit ihrem Regiedebüt anstellt, ist schlicht und ergreifend genial. Denn so dünn die Storysuppe auch sein mag, so übertrieben nach Schablone die Charaktere auch gezeichnet sind, irgendwie wirkt jede Szene, jede Einstellung von „Booksmart“ erfrischend neu, originell und sympathisch. Die größte Stärke des Films ist es, unter dem Klischeeguss echte Menschen sichtbar zu machen und deren Unsicherheiten, die sich in Überkompensation manifestiert, deren Träume und Irrwege und das Stolpern des verfluchten Herzens, wenn der heimliche Schwarm den Raum betritt. Die Dialoge sind herrlich geschrieben und scharfzüngig, und auch wenn es um Oberflächlichkeiten geht, sind diese zumindest witzig und mit einem großen Gespür für unsere menschlichen Schwächen vorgetragen. Hier sind zwei herzensgute Jugendliche auf Abwegen – und sie wissen das auch. Aber was sein muss, muss sein, denn das Leben muss man schließlich spüren. Es reicht nicht aus, davon zu lesen. So geraten die von Beanie Feldstein und Kaitlyn Denver gespielten Streberinnen Molly und Amy zu wahrhaft denkwürdigen Charakteren – natürlich überzeichnet, aber in der Grundanlage zutiefst menschlich und nachvollziehbar. Was man bemängeln könnte, ist das Fehlen echter Konflikte. Aber „Booksmart“ möchte gar nicht die Lebenswelt amerikanischer Teenager zeigen. Es geht einfach nur darum, Spaß zu haben und ein Zeichen für Selbstbewusstsein und Empowerment setzen. Das gelingt dem Film hervorragend. Und Olivia Wilde als Regisseurin sollte man sich unbedingt fett auf einen Zettel schreiben. Das Debüt ist schon mal sehr gut gelungen.


8,5
von 10 Kürbissen

Zombieland: Doppelt hält besser (2019)

Regie: Ruben Fleischer
Original-Titel: Zombieland: Double Tap
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Komödie, Roadmovie
IMDB-Link: Zombieland: Double Tap


Vor 10 Jahren mussten sich Jesse Eisenberg („Columbus“), Woody Harrelson („Tallahassee“), Emma Stone („Wichita“) und Abigail Breslin („Little Rock“) mit dem Ausbruch einer Zombie-Apokalypse abfinden. Nachdem man sich auf amüsante Weise durchgeschlagen hatte bis zum finalen Showdown, wurde es still um den Film. Und das schien auch besser so. Denn einen Aufguss mit der gleichen Story noch einmal (nerdige Typen rennen vor Zombies davon) möchte ja wirklich niemand sehen. „Zombieland: Double Tap“ von Ruben Fleischer, die Fortsetzung 10 Jahre nach dem Überraschungserfolg, gehört aber zu den seltenen Fällen jener Filme, bei denen die Fortsetzung besser ist als der erste Teil. Denn die Macher scheinen sich gedacht zu haben: Fuck it. Jetzt geben wir einfach Gas. Und das setzen sie bei „Zombieland: Double Tap“ von der ersten Minute an konsequent um. Die Story? Geschenkt. Braucht es nicht. Der Weg ist das Ziel. Und der Weg besteht darin, die vier Heldinnen und Helden, die extrem witzige Verstärkung bekommen (Zoey Deutch als Madison ist zum Niederknien, so überdrüberlustig muss man die unbedarfte rosarote Gucci-Tussi erst mal spielen können!), von einer absurden Situation in die nächste zu jagen. Da ist nichts heilig. So fußt eine der vielleicht witzigsten Szenen des ganzen Kinojahres auf einem No-Go. Das No-Go heißt: Doppelgänger sind einfach nicht mehr witzig. Doch. Sind sie. Wenn es mit der richtigen Scheiß-Drauf-Attitüde umgesetzt wird. Der Film nimmt sich keine Sekunde lang ernst – ohne aber das Publikum zu verschaukeln. Denn „Zombieland: Double Tap“ will nur eines, und zwar gut unterhalten und den Leuten, die viel Geld für Kinotickets und Popcorn und sonstigen Schnickschnack ausgegeben haben (hmmmm … kennt ihr schon diese Creamy-Kekse von Prinzen mit dem Nutella drinnen?), so viel Spaß wie möglich zu bieten. Die Actionteile sind auch gut umgesetzt. Wenn Zombies in Slow Motion gemetzelt werden, dann sieht das richtig gut aus. Ruben Fleischer macht in Sachen Timing, Humor und Action einfach alles richtig. Und damit gehört „Zombieland: Double Tap“ für mich zu den besten und witzigsten Komödien der letzten Jahre. Ein Tipp: Bleibt am Ende noch sitzen. Es lohnt sich.


8,5
von 10 Kürbissen

Terminator: Dark Fate (2019)

Regie: Tim Miller
Original-Titel: Terminator: Dark Fate
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Action, Science Fiction
IMDB-Link: Terminator: Dark Fate


„Terminator 2“ von James Cameron gehört zu den besten Actionfilmen aller Zeiten, ist vielleicht der beste Actionfilm aller Zeiten. Alles, was danach kam, musste zwangsläufig enttäuschen, und so verlor sich mit der Zeit auch mein Interesse an den weiteren Aufgüssen. Interessant, dass das die Macher von „Terminator: Dark Fate“ wohl ähnlich sahen, denn kurzerhand wird alles nach „Terminator 2“ ausradiert, und der neue Film „Terminator: Dark Fate“ setzt auf der Story des zweiten Films auf. Auftritt der alten Garde: Arnold Schwarzenegger und Linda Hamilton, die Mackenzie Davis und Natalia Reyes in den Hauptrollen supporten dürfen. Zwei Dinge fallen dabei auf: Eine Parallelität zu „Terminator 2“ in der Handlung, die dann zwar aufgelöst werden möchte, was aber nicht befriedigend gelingt, und ein Bekenntnis zur Frauenpower. Hier teilen die Damen ein paar g’sunde Watschen aus. Arnies Zutun beschränkt sich im Grunde darauf, seinen massiven Körper zur rechten Zeit zwischen Bösewichter und die Guten zu quetschen, damit Zweitere eine kleine Verschnaufpause haben, um die Wunden zu lecken und ihr Waffenarsenal aufzumotzen. Am Ende geht doch nichts über gelebtes Teamwork. Allerdings hat der neue Terminator-Film ein massives Problem: Die Story. Zum Einen bedient sie sich über eine lange Zeit längst bekannter Themen, um sich am Ende an einem Twist zu versuchen, den der geübte Kinogeher schon beim Vorspann hat kommen sehen, zum Anderen ist sie echt dumm und voller Logiklöcher – ganz anders als die ersten beiden Filme, die natürlich auch ihre Probleme mit der Logik von Zeitreisen hatten, aber die ganze Chose irgendwie noch inhärent stimmig zusammengehalten haben. Bei „Terminator: Dark Fate“ dachten sich die Drehbuchautoren hingegen offenbar schon gleich zu Beginn: ‚Fuck it, Hauptsache, es rummst!‘. Und das tut es. Sogar ein bisschen zu viel. Erholung vom Actiongewitter bietet der Film nicht viel. Immerhin wird er dadurch trotz seiner Laufzeit von deutlich über zwei Stunden nie langweilig. Das muss man ihm zugute halten. Ansonsten: Ein Film, den man nicht unbedingt gesehen haben muss.


5,0
von 10 Kürbissen

 

Blair Witch Project (1999)

Regie: Daniel Myrick und Eduardo Sánchez
Original-Titel: The Blair Witch Project
Erscheinungsjahr: 1999
Genre: Horror
IMDB-Link: The Blair Witch Project


Ein Produktionsbudget von 60.000 USD, ein Einspielergebnis von 248.000.000 USD an den Kinokassen, da muss es doch mit Hexerei zugegangen sein! Was natürlich hilft: Ein geschicktes Marketing, das Gerüchte in die Welt setzt, bei dem gefundenen Aufnahmen von drei im Wald verschollenen Studenten handle es sich um einen realen Fall. So simpel, aber so clever! Was daraufhin folgte, war ein unfassbarer Hype, der „Blair Witch Project“ zum Film mit der besten Umsatzrentabilität aller Zeiten machte (wenn man den Porno „Deep Throat“ außer Acht lässt). Und tatsächlich ist an diesem Film nicht nur die Idee gut, sondern auch – mit Abstrichen – die Umsetzung. Wenn wir nämlich als Zuseher drei verpeilten Studenten folgen, die mit Wackelkamera durch den Wald laufen, ist das erst einmal fad. Und paradoxerweise bezieht der Film genau daraus seine Spannung. Er wiegt den Zuseher erst mal in Sicherheit. Da baut sich keine dramatische Hintergrundmusik auf, da sind keine Jump-Scares (hach, wie ich diese Dinger hasse!) zu erwarten, nein, es laufen einfach nur drei Vollidioten durchs Gemüse. Und weil sie wirklich strunzdumm sind, verirren sie sich auch noch. Doch immer wieder tauchen einzelne Bilder oder Momente auf, die einen stutzen lassen. Hinter der Harmlosigkeit von zufällig aufgehäuften Steinen oder seltsam zusammengebundenen Ästen lauert etwas, das sich nicht zeigt und das nicht benannt werden kann. Fast unmerklich ziehen Daniel Myrick und Eduardo Sánchez die Daumenschrauben fester. Reimen sich da drei Vollhonks einfach etwas zusammen und betrachten wir sie dabei, wie sie langsam durchdrehen, oder ist da tatsächlich etwas in den Wäldern, vor dem man sich fürchten muss? Der Film hält zwischen diesen beiden Gedanken gut die Balance. Und genau deswegen funktioniert er. Dass man dadurch auch Leerläufe und viel Kameragewackel in Kauf nehmen muss, gehört zum Konzept. Dadurch ist Blair Witch Project“ nicht immer einfach anzusehen, aber stimmig und in sich geschlossen. Ein konsequenter Film.


6,5
von 10 Kürbissen

Saw (2004)

Regie: James Wan
Original-Titel: Saw
Erscheinungsjahr: 2004
Genre: Thriller, Horror
IMDB-Link: Saw


Es gibt Filme, die ein ganzes Genre prägen oder gar begründen. „Saw“ von James Wan ist so ein Fall. Mit dem Erfolg des Films erlebte das Genre des Torture Horror seinen Aufschwung. Worum es in diesem Filmgenre geht? Blut und Beuschel und das altbekannte „homo homini lupus“ – der Mensch ist des Menschen Wolf. Das müssen auch der Arzt Lawrence (Cary Elwes) und der Fotograf Adam (Leigh Whannell) feststellen, die an Eisenrohre angekettet in einem ziemlich grindigen Raum erwachen und dort zum ultimativen Escape Room-Spiel eingeladen werden. Zu gewinnen gibt es immerhin das eigene Leben, das ist förderlich für die Motivation der Spieler. Lawrence weiß auch schon bald, woher der Wind kommt. Er hat nämlich bereits vom „Jigsaw-Killer“ gehört. Diesem wiederum ist der Polizist David Tapp (Danny Glover) auf den Fersen. Der Killer spielt nämlich seine Spielchen schon eine ganze Weile. Wir als Zuseher werden also einerseits Zeugen davon, wie Lawrence und Adam versuchen, sich aus ihrer misslichen Lage zu befreien (und gleichzeitig zu eruieren, wie und warum sie überhaupt da hineingeraten sind), und andererseits von der Jagd nach dem Mastermind hinter dem blutigen Rätselraten. Das alles ist spannend inszeniert – und tatsächlich hält sich der Splatter-Faktor in Grenzen. Den Magen umgedreht hat es mir jedenfalls nicht, aber vielleicht habe ich auch einfach schon einen cineastischen Saumagen. Allerdings kann man dem Film nicht attestieren, wahnsinnig gut gealtert zu sein. Handwerklich ist er nicht auf dem allerhöchsten Niveau angesiedelt – seien es das teils hölzerne Schauspiel oder Details wie die Beleuchtung, die schon arg nach 90er-Videos aussieht (auch wenn der Film tatsächlich in den 0er-Jahren gedreht wurde). Ein Film, den man aus filmhistorischer Perspektive durchaus einmal ansehen kann. Aber die vielen Fortsetzungen danach braucht es meines Erachtens dann nicht mehr unbedingt.


6,0
von 10 Kürbissen

Motherless Brooklyn (2019)

Regie: Edward Norton
Original-Titel: Motherless Brooklyn
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Krimi
IMDB-Link: Motherless Brooklyn


Vorhang auf für den Überraschungsfilm der Viennale 2019. Gut, für 735 Personen im ausverkauften Gartenbaukino war der Film tatsächlich eine Überraschung, für eine jedoch nicht. Verneigt euch vor Frau V., langjährige cineastische Begleiterin des Kürbis eures Vertrauens, die mal wieder all ihre dubiosen Quellen angezapft hatte, um in detektivischer Präzisionsarbeit das Geheimnis um den diesjährigen Überraschungsfilm zu lüften. Der Ausruf der Freude, der durch das Kino schallte, als das Warner Bros-Logo zu sehen war, war genuin und durchaus angebracht. Aber wenn wir schon von detektivischer Arbeit sprechen, dann sind wir genau richtig und schon in Edward Nortons Regiearbeit „Motherless Brooklyn“ drin. Darin spielt Edward Norton himself (und ja, es ist verdammt schön, ihn wieder auf der großen Leinwand zu sehen) den vom Tourette-Syndrom geplagten Detektei-Angestellten Lionel Essrog, dessen Boss und Ziehvater Frank Minna (Bruce Willis, der offensichtlich nur noch Rollen spielt, die Frank oder John heißen) seine Nase in die Angelegenheit mächtiger Männer gesteckt hat. Kleiner Spoiler: Bruce Willis muss in diesem Film nicht lange arbeiten. Während sich Bruce nach dem Ende der Dreharbeiten also wieder dem Golfspiel widmen kann, hat Edward Nortons Lionel Essrog alle Hände voll zu tun, um herauszufinden, was zur Hölle sein Boss sich eingebrockt hat. In weiteren Nebenrollen: Unter anderem Alec Baldwin, der einen so markanten Hinterkopf hat, dass man ihn erkennt, bevor man zum ersten Mal sein Gesicht sieht, und Willem Dafoe, der derzeit echt gut im Geschäft ist. Was sich dann entspinnt, ist ein von vielen tourette’schen „If“s durchzogener Film Noir, der richtig gut aussieht, aber im Mittelteil zu langatmig erzählt wird und dann mit klischeehaften Wendungen aufweist, die man schon von Weitem kommen hat sehen. Das hätte besser sein können. Edward Nortons tolle, sympathische Performance, das gute Setting mit dem Film Noir-Flair und Thom Yorkes hinreißendes Gesäusel auf dem Soundtrack reißen den Film aber dann doch noch raus.


6,5
von 10 Kürbissen

Ich war zuhause, aber … (2019)

Regie: Angela Schanelec
Original-Titel: Ich war zuhause, aber …
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama
IMDB-Link: Ich war zuhause, aber …


Der silberne Bär in Berlin für die beste Regie. Die Kritiker überschlagen sich mit Lob. Es ist nur Gutes über Angela Schanelecs „Ich war zuhause, aber …“ zu lesen. Dementsprechend gespannt war ich auf die Sichtung dieses Films, zumal ich ja schon einige Filme von Schanelec gesehen habe – mal mit mehr Interesse, mal mit weniger. Leider funktioniert aber ausgerechnet nun das hochgelobte neue Werk für mich überhaupt, nicht, auch wenn ich seine unbestrittenen Qualitäten erkennen kann. Schanelec perfektioniert hierin ihre sehr eigentümliche Weise, sich filmisch mit der Welt auseinanderzusetzen. Da treffen autobiographische Bezüge auf die Form des Essays, da vermischen sich die Theatralik der Sprache mit der Alltagswelt. All das ist hier stringent und durchdacht – und trotzdem oder vielleicht gerade deswegen war „Ich war zuhause, aber …“ ein Film, den ich am liebsten vorzeitig verlassen hätte. Und ja, es liegt an mir, nicht am Film. Aber ich gehöre zu jenen Film-Aficionados, die ein Mindestmaß an Geschichte brauchen und eine Entwicklung, wie subtil auch immer, spüren möchten, um sich in einen Film hineinfallen zu lassen. Das verwehrt mir Angela Schanelec in ihrem neuesten Film komplett. So haben mich andere Werke wie Orly oder Marseille noch interessiert, da gab es Figuren, mit denen ich mitfühlen konnte, da gab es Figuren, bei denen ich unter der abweisenden Oberfläche so etwas wie ein inneres Verlangen nach Leben gespürt habe – in „Ich war zuhause, aber …“ jedoch sind die Figuren fast ausschließlich reduziert auf ihre Funktion als Projektionsflächen für Ideen rund um Sprache, Theater, Verlust und Verlustangst. Das ist mir persönlich zu wenig. Und so kann ich mich (leider) nicht in den allgemeinen Lobgesang einfügen. Ich war zuhause, aber hätte der Postbote geläutet mit der DVD von Schanelecs Film, ich hätte ihm nicht aufgemacht.


3,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Viennale)

Fire Will Come (2019)

Regie: Oliver Laxe
Original-Titel: O Que Arde
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama
IMDB-Link: O Que Arde


Ein verurteilter Pyromane tritt nach seinem Gefängnisaufenthalt die Heimreise in sein galizisches Dorf an. Dort wird er zwar nicht mit offenen Armen empfangen, aber es ist okay, dass er wieder da ist. Langsam nähert er sich seiner alten Mutter wieder an, und auch die Nachbarn sind bemüht, ihn nicht links liegen zu lassen. Normalität kehrt ein, und in Oliver Laxes „O Que Arde“ folgen wir dieser Normalität, die unspektakulär ist und damit auch ein wenig banal und langatmig. Aber gut, so ist die Wirklichkeit nun mal. Doch dann bricht ein Feuer aus. Oliver Laxe hat mich mit seiner letzten Regiearbeit Mimosas schon sehr überzeugen können, also war ich gespannt auf sein neuestes Werk, das diesmal in seiner spanischen Heimat angesiedelt ist. Kameramann Mauro Herce fängt die wilde Landschaft Galiziens auch in eindrucksvollen Bildern ein. Was schon für „Mimosas“ gegolten hat, gilt auch hier: Filme von Oliver Laxe sehen eindrucksvoll aus. Die Substanz hinter den Bildern ist freilich ausbaufähig, zumindest in „O Que Arde“. Wenn man nicht konzentriert dabei bleibt, führt die Subtilität des Films vielleicht auch mal zu einem ungewollten Nickerchen. „O Que Arde“ ist ein Film, der die Mitarbeit der Zuseher erfordert. Denn die Geschichte entwickelt sich nur dann, wenn man sie in den sparsamen Bewegungen erkennen kann und die Leerstellen für sich selbst ausfüllt. Das kann manchmal durchaus animierend sein. „O Que Arde“ ist aber vielleicht den Tick zu subtil, zu langsam, um mich für diese Art von Mitarbeit begeistern zu können. Gut gespielt ist das Drama aber jedenfalls. Amador Arìas Mon als stoischer Pyromane Amador und Benedicta Sánchez als dessen Mutter machen ihre Sache sehr gut. Oliver Laxe hat in der Besetzung auf Laiendarsteller gesetzt – und das macht sich bezahlt. Denn ihre kargen Gesichter verkörpern das raue Leben am galizischen Land so gut, wie es kein professioneller Schauspieler könnte. Dennoch ist „O Que Arde“ im Vergleich zu „Mimosas“ eher eine Enttäuschung, wenngleich beileibe kein schlechter Film.


6,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Viennale)

Der Leuchtturm (2019)

Regie: Robert Eggers
Original-Titel: The Lighthouse
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Horror, Drama, Fantasy
IMDB-Link: The Lighthouse


Liebe Leserinnen und Leser, verneigt euch vor Robert Pattinson! Ja, ihr habt richtig gelesen. Der Glitzervampir aus der Twilight-Reihe mit dem – laut Filmpartnerin Kristen Stewart – schlechten Mundgeruch. Aber gut, diesen wird ja mit Pfefferminz und Kaugummi gut los. Das Stigma des Glitzervampirs bleibt hingegen länger haften. In Robert Eggers‘ „Der Leuchtturm“ sollte er sich aber an der Seite von Willem Dafoe, der ohnehin über jeden Zweifel erhaben ist, freigespielt haben von derartigen Sünden der Vergangenheit. Dieser Film ist eine Offenbarung. Man stecke zwei bärtige Typen aus dem 19. Jahrhundert in einen Leuchtturm und lasse Wind, Wellen, Seemannslieder und wuchtige Verse in körnigem Schwarz-Weiß auf sie einprasseln. Die meiste Zeit über empfand ich den Film als brutale Tour de Force in die Finsternis der menschlichen Seele und als einen Ritt in den Wahnsinn – wobei lange Zeit nicht klar ist, wer von den beiden diesen Höllenritt nun tatsächlich antritt. Diese Ambiguität ist – neben den außergewöhnlich archaischen Bildern in fast quadratischem Format und dem grandiosen Schauspiel zweier ebenbürtiger Widersacher, die sich nichts schenken – die größte Stärke des Films. Und schon war ich geneigt, das Ganze als Ritt in den Wahnsinn abzutun, als der Film am Ende eine letzte Kapriole schlug und ich mit offenem Mund und einer wortwörtlichen Erleuchtung in den Kinosessel gedrückt wurde. „Der Leuchtturm“ ist ein Film, der sowohl die Urinstinkte als auch den Verstand gleichermaßen anspricht – und damit ein seltener Glücksfall. Dass er überhaupt funktionieren kann, liegt an einer überragenden Inszenierung und der schon erwähnten Schauspielkunst. Hätte hier nur ein Rädchen nicht gegriffen, wäre der Film in sich zusammengefallen. So steht er aber als festes Monument in der cineastischen Landschaft wie ein Leuchtturm in rauer See. Ein Film, der bleibt. Und vielleicht Robert Pattinsons endgültige Emanzipation vom Vampirschmafu.


8,5
von 10 Kürbissen

(Foto: A24 Films)

Frauenarzt Dr. Schäfer (1928)

Regie: Jacob und Luise Fleck
Original-Titel: Frauenarzt Dr. Schäfer
Erscheinungsjahr: 1928
Genre: Drama
IMDB-Link: Frauenarzt Dr. Schäfer


Die Viennale 2019 zeigt in einer eigenen Kinematographie Filme der deutschen Film-Pionierin Luise Fleck. Vieler ihrer Werke (die meisten davon gemeinsam mit ihrem Ehemann Jacob Fleck gedreht) galten lange Zeit als verschollen – so auch „Frauenarzt Dr. Schäfer“ aus dem Jahr 1928. In Kopenhagen wurde schließlich eine Kopie des Films gefunden, die daraufhin restauriert wurde und – abgesehen einiger Szenen, die das leichte Leben im Berlin der Roaring Twenties zeigen – nun so gezeigt werden kann, wie das Regie-Paar dies im Sinne hatte. In „Frauenarzt Dr. Schäfer“ werden Themen behandelt, die auch heute noch überraschend aktuell und dringlich wirken. Der progressive Frauenarzt Dr. Schäfer (Iván Petrovich) versucht, ein neues Gesetz durchzubringen, das Frauen erlaubt, bei ungewollter Schwangerschaft abtreiben zu dürfen. Ausgerechnet der Vater seiner Verlobten Evelyne (Evelyn Holt), Professor Klausen (Leopold Kramer), ist streng konservativ und damit gegen jegliche Gesetzesänderung in diese Richtung. Als seine Tochter aber Opfer einer Vergewaltigung durch den schurkischen Scharlatan Dr. Greber (ein junger Hans Albers) wird, stehen seine Anschauungen auf dem Prüfstand. Natürlich werden diese schweren Themen zeitgerecht bearbeitet und ein Happy End ist garantiert – so happy, wie ein solches Ende halt sein kann. Aber es überrascht, mit welcher Klarheit und Eindrücklichkeit Jacob und Luise Fleck diese schwere Kost mit (für damalige Zeit) großer Sprengkraft bearbeiten. Bei aller Liebe zur Leichtigkeit, die immer wieder mal durchschlägt, ist dieser Film erstaunlich direkt in seinen Aussagen und Positionierungen. Und es ist beschämend, dass der Film auch heute noch aktuell ist in vielen Teilen unserer Erde und bezogen auf viele Schichten unserer eigenen heimischen Bevölkerung. Man möchte meinen, dass wir 90 Jahre später als Gesellschaft deutlich weiter sind. Pustekuchen. Ein Glücksfall dieses Screenings war im Übrigen auch noch das Engagement des Elektro-Duos „Wien Diesel“, das für eine außergewöhnliche akustische Begleitung des Stummfilms sorge. Chapeau an die beiden Damen an den Knöpfen und Reglern, die den Spagat zwischen Tradition und Moderne sehr erfrischend hinbekamen und somit die Zeitlosigkeit des Films unterstrichen.


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmarchiv Austria)