Fyre (2019)

Regie: Chris Smith
Original-Titel: Fyre
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Fyre


Gegen die Influenza gibt es eine Impfung, gegen Influencer leider noch nicht. Die Welt von Instagram ist schon eine seltsame, zu der ich keinen Zugang finde und auch keinen Zugang finden möchte. Aber hin und wieder mal mit einem schiefen Blick drauflinsen, wenn was aus dieser Welt so grandios in die Binsen geht wie beim legendären Fyre Festival, ist dann schon auch interessant. Ausgangslage: Windiger Jungunternehmer mit narzisstischen Tendenzen gründet eine Firma, über die man Promis für private Events buchen kann. Um diese Firma zu promoten, lässt er sich mit seinem Rapper-Kumpel etwas richtig Großes einfallen: Das exklusivste Musik-Festival der Welt auf der ehemaligen Privatinsel von Pablo Escobar auf den Bahamas. Mit dabei: Internationale Topmodels. Yachten. Exklusive Bungalows am Strand. Die Ticket-Preise gehen in den fünfstelligen Bereich. Und das Ding ist nach einem gelungenen Promo-Shoot, der dank geschickter Marketingagenturen via Influencer viral geht, auch innerhalb kürzester Zeit ausverkauft. Und wäre das ganze Projekt auch so schon ein größenwahnsinniger Stunt gewesen mit hohen Chancen, völlig auf die Nase zu fallen, gehen dann erst die Probleme so richtig an. Geplatzte Verträge, logistische Unmöglichkeiten, Panikreaktionen, aussteigende Sponsoren, finanzielle Schwierigkeiten, sonstige Planungsfehler – doch statt es einfach sein zu lassen, macht die Truppe rund um den Selbstdarsteller Billy McFarland einfach munter weiter, bis das Desaster, das sich schon längst am Horizont zusammengebraut hat, nicht mehr abzuwenden ist und die Geschichte in einem Wahnsinn endet, der nur noch vom Gericht aufgearbeitet werden kann. Und möglich war das alles nur, weil wir in einer Zeit leben, in der man sogar Scheiße verkaufen kann, wenn du einen Influencer hast, der dafür auf Instagram wirbt. Yolo.


6,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle: imdb.com)

Jurassic Park (1993)

Regie: Steven Spielberg
Original-Titel: Jurassic Park
Erscheinungsjahr: 1993
Genre: Abenteuerfilm, Horror, Science Fiction
IMDB-Link: Jurassic Park


Als Kind ging ich oft mit meinem Opa ins Haus der Natur, eine meiner schönsten und nachhaltigsten Erinnerungen. Was mich dort nach dem Reptilienzoo am meisten begeisterte, war der Raum, der den Dinosauriern und der Urzeit gewidmet war. Mich beeindruckten dort vor allem die lebensgroßen Nachbildungen von Skeletten und Dinosaurier-Modellen (das Allosaurus-Modell konnte sogar den Kopf bewegen und brüllen – damals eine echte Sensation). Und am Ende des Museumsbesuchs durfte ich mir immer im Shop einen Plastikdinosaurier aussuchen, zu besonderen Anlässen einen großen, ansonsten einen der kleineren. Im Laufe der Zeit sammelten sich so ein Diplodocus, ein Tyrannosaurus Rex, ein Brachiosaurus, ein Triceratops, ein Stegosaurus und ein Paracephalus an, und allein die Tatsache, dass ich das heute, dreißig Jahre später, immer noch so genau weiß, ist schon ein gutes Indiz für meine Vernarrtheit in die prähistorischen Tiere. Dass ich im zarten Alter von 11 Jahren Steven Spielbergs Schocker „Jurassic Park“ nicht sehen durfte, gehört zu den großen Niederlagen meiner frühen Jahre. Nachgeholt habe ich den Film dann später – und Mann, habe ich mir vor Angst in die Hosen geschissen, als der T-Rex das Klo abgedeckt und den darin kauernden Versicherungsvertreter gefressen hat oder die Velociraptoren in der Küche Jagd auf die Kinder gemacht haben. Natürlich, Jugendliche sind leicht zu beeindrucken, die lebhafte Fantasie überdeckt gern manchen schlechten Special Effect. Aber wenn ich den Film heute mit den Augen eines Erwachsenen sehe, der in Zeiten von CGI schon alles und das dreimal gesehen hat, bin ich nach wie vor beeindruckt von den bahnbrechenden Effekten, die Kino auf ein neues Niveau gehoben haben. „Jurassic Park“ gilt heute zurecht als Klassiker. Alles, was danach an Fortsetzungen kam, war ebenfalls unterhaltsam und gut gemacht, konnte aber die Magie des ersten Films, als plötzlich alles möglich schien, nicht mehr erreichen. Einer der bedeutenden Wegpunkte des modernen Kinos.


9,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: © 2012 – Universal Pictures, Quelle: imdb.com)

Okja (2017)

Regie: Bong Joon-ho
Original-Titel: Okja
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Fantasy, Abenteuerfilm
IMDB-Link: Okja


Viel Positives kann man dem aktuellen Corona-Wahnsinn ja nicht abgewinnen. Auf persönlicher Ebene ist einer der wenigen positiven Aspekte, dass ich nun endlich mal dazu komme, Filme auf Netflix nachzusehen, die ich bislang verpasst habe. Und auf dieser Liste stand „Okja“ weit oben. Zu Recht, wie sich zeigen sollte, denn Bong Joon-ho (ja, der schon wieder!) legte 2017 einen Herz erwärmenden Fantasy-Film mit Botschaft vor, der bei mir noch lange nachklingen wird. In „Okja“ verspricht eine Konzernchefin (Tilda Swinton) das Ende des weltweiten Hungers durch die Züchtung eines Superschweins. 10 Jahre später soll das schönste und größte Tier von jenen, die bei lokalen Farmern weltweit in die Aufzucht gebracht wurden, in einer feierlichen Zeremonie geehrt werden. Nun stellt sich dabei aber ein unerwartetes Problem ein: Siegerschwein Okja aus Südkorea nämlich und Mija (Ahn seo-hyeon), die Enkelin des Farmers, haben eine richtig gute Beziehung zueinander. Dass das Schwein hochintelligent und empathisch ist, zeigt sich schon in den ersten Einstellungen. Doch entführt der Konzern rund um den schmierigen TV-Tierarzt Dr. Wilcox (Jake Gyllenhaal, der sichtlich Spaß hatte und das mit schamlosem Overacting zeigt) das treue Tier, woraufhin Mija aufbricht, um Okja zurückzubringen und dabei zwischen die Fronten von Konzernschergen und militanten Tierschützern (mit Paul Dano als Anführer) gerät. Bei all den Abenteuern vergisst Bong Joon-ho aber nicht auf das Herzstück des Films, nämlich das Herz, die Bindung zwischen Mensch und Tier. Das mag plakativ sein, ist aber wirkungsvoll in Szene gesetzt. Gegen Ende hin drückt Bong Joon-ho noch mal so richtig auf die Tube, um seine Botschaft anzubringen – und die ist nicht leicht zu ertragen, vor allem für Freunde eines genussvollen Steaks. Dass der Film trotz allem nicht plump wirkt, ist der inszenatorischen Kraft von Bong Joon-ho zu verdanken, der die Zügel stets im Griff behält. „Okja“ ist damit ein Film mit Wirkung und unbedingt sehenswert.


8,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle: imdb.com)

Der schwarze Diamant (2019)

Regie: Josh und Benny Safdie
Original-Titel: Uncut Gems
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Krimi, Thriller, Drama
IMDB-Link: Uncut Gems


Die Safdie-Brüder sind gerade der heißeste Scheiß in Hollywood. Mit ihrem Thriller „Uncut Gems“ haben sie Adam Sandler mal wieder die Möglichkeit geboten, abseits flacher Blödeleien als Schauspieler wahrgenommen zu werden – und eines muss man gleich festhalten: Sandler hat diese Steilvorlage dankbar verwertet und bietet eine großartige Leistung als windiger und spielsüchtiger Juwelier Howard Ratner, der für einen Tag einen gigantischen Opal an den Basketball-Star Kevin Garnett verleiht und damit eine bemerkenswerte Abwärtsspirale in Gang setzt. Fortan hechelt er von einem Ort zum nächsten auf der Suche nach Geld, einer Gelegenheit und dem verdammten Edelstein. Vor den Oscars 2020 munkelte mancher sogar, dass Sandler die höchste Anerkennung in Form einer Oscar-Nominierung hätte einfahren können, und es wäre nicht unverdient gewesen. Sein Howard Ratner ist eine denkwürdige Figur, ein Besessener und Getriebener, der Dinge zu kontrollieren versucht, die weit außerhalb seiner Möglichkeiten liegen, nur um nach der einen großen Gelegenheit im Leben zu suchen, mit deren Nutzung alles anders wird. Die Rastlosigkeit dieses Charakters wird von Sandler mühelos getragen. Generell wirkt der ganze Cast sehr authentisch und gut geführt. Dass der Thriller bei mir (anders als bei den meisten anderen Kritikern) dennoch nicht zündet, liegt vor allem am Stil der Safdie Brothers. Der Film ist ruhelos, laut und chaotisch. Jede Einstellung scheint in Bild und Ton zu vibrieren, es gibt keinen ruhigen Moment. Natürlich passt das prinzipiell sehr gut zur Geschichte, aber dieser extrem konsequent verfolgte Stil führt eben auch dazu, dass der Film rasch zu einer Belastung für die Nerven wird. Auf Verschnaufpausen wartet man vergebens. Und am Ende ist man einfach froh, wenn nach zwei langen Stunden der Abspann läuft. Ich glaube, von den Safdie-Brüdern werde ich kein Fan mehr, wenn sie diesem Stil treu bleiben, auch wenn ich ihr Können durchaus anzuerkennen weiß.


5,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle: imdb.com)

Ohne Limit (2011)

Regie: Neil Burger
Original-Titel: Limitless
Erscheinungsjahr: 2011
Genre: Thriller
IMDB-Link: Limitless


Nein, in Neil Burgers Film geht es nicht um BMWs auf deutschen Autobahnen, die mit 220 km/h dahergeprescht kommen, bis auf zehn Zentimeter an die Stoßstange auffahren und dann wie wild die Lichthupe betätigen. Obwohl ein solches Szenario auch ein guter Stoff für einen Thriller wäre. Wenn dann der Vordermann nur mal kurz auf die Bremse steigen würde … frage nicht! Vielleicht machen Begrenzungen ja durchaus auch Sinn. Und vielleicht ist es ganz gut, dass nicht Einzelne von uns das komplette Potential unseres Gehirns nutzen können, das würde auch unfaire Vorteile mit sich bringen. Schlag nach bei „Lucy“ von Luc Besson. In „Limitless“ findet ein erfolgloser Schriftsteller jedenfalls eine Droge, die ihm genau diesen Vorteil bringt. Die Pille aktiviert das bislang ungenutzte Potential des Gehirns und macht Eddie zum klügsten Menschen auf dem Planeten. In wenigen Tagen ist sein Buch geschrieben, und neben lernt er mal ein paar Fremdsprachen, die er auf der Straße aufschnappt. Aber es ist klar, dass bald finstere Gestalten danach trachten, ihm die Monopolstellung für das Superbrain streitig zu machen. Außerdem treten alsbald unerwartete Nebenwirkungen auf, die das Leben zusätzlich verkomplizieren. Und für den klügsten Mann des Planeten trifft er bald einige echt saublöde Entscheidungen. „Limitless“ ist ein visuell absolut überzeugender und spannender Thriller, der gut zu unterhalten weiß, aber leider selbst nicht sein ganzes Potential ausschöpft. Was die neuen geistigen Möglichkeiten betrifft, die so eine komplette Nutzung des Gehirns mit sich bringt, ist „Lucy“, obwohl als Film insgesamt eher missraten, beispielsweise deutlich konsequenter. In „Limitless“ beschränkt sich die Wirkung der Droge darauf, dass man schnell rechnen und Fremdsprachen erlernen kann und als wandelnde Enzyklopädie durch die Geschichte stolpert. Wenn es der Plot verlangt, handelt Eddie aber manchmal so dämlich, dass man fast vermuten muss, die Droge hätte sein Gehirn verbrutzelt statt simuliert. Aber sei’s drum – wer an einem Sonntagabend einen spannenden Thriller sehen möchte, wird mit „Limitless“ gut unterhalten werden.


6,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle: imdb.com)

Searching for Sugar Man (2012)

Regie: Malik Bendjelloul
Original-Titel: Searching for Sugar Man
Erscheinungsjahr: 2012
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Searching for Sugar Man


Alle Welt redet gerade von der Netflix-Dokuserie „Tiger King“, aber so abgefahren die Dokumentation über amerikanische Rednex, die in Privatzoos Tiger halten und sich gegenseitig an die Gurgel wollen, auch ist – der Titel für die bislang beste Doku, die ich je gesehen habe, bleibt bei „Searching for Sugar Man“ von Malik Bendjelloul – der leider nicht mehr unter uns weilt. 2012 war das Ding jedenfalls eine Riesensensation, die mit Oscar-Meriten geadelt wurde. Bendjelloul zeichnet die Suche nach dem US-amerikanischen Folksänger Rodriguez nach, der in den 70ern zwei in der Heimat völlig gefloppte Platten herausbrachte, aber über irrwitzige Umwege in Südafrika zur Ikone wurde. Eines der größten Missverständnisse der jüngeren Musikgeschichte ist dabei die Tatsache, dass ein Mann mit seinen Songwriter-Qualitäten nicht ohnehin in den Olymp zu Bob Dylan, Leonard Cohen & Co. aufgestiegen ist. Was aber den Zuseher dann völlig fassungslos macht, ist die Tatsache, dass er jahrzehntelang nichts von seinem Ruhm in Südafrika wusste. Und dass die Südafrikaner nichts von ihm wussten, da er nach dem Misserfolg seiner Alben in den USA von der Erdoberfläche verschwand. Die Suche zweier Musikjournalisten nach Rodriguez nimmt im ersten Teil des Films den größten Raum ein. Aber gerade, als man denkt, dass sich der Film seinem Ende nähert, baut sich im Anschluss an diese Story-Line eine zweite Geschichte auf, die emotional noch mal eine Schippe drauflegt. Was man Bendjelloul vielleicht vorwerfen kann, ist, dass er eine wichtige Info (Stichwort: Australien, Ende 70er) komplett ausspart, um seine eigene Geschichte die größte Wirkung entfalten lassen zu können. Das sieht man im Dokumentarfilm nicht so gerne. Aber unbestritten ist „Searching for Sugar Man“ eine spannend inszenierte Feelgood-Geschichte mit ganz viel Herz und guter Musik – sollte man auf jeden Fall gesehen haben.


8,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle: imdb.com)

Game Night (2018)

Regie: John Francis Daley und Jonathan Goldstein
Original-Titel: Game Night
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Komödie, Krimi
IMDB-Link: Game Night


„Game Night“ von John Francis Daley und Jonathan Goldstein hätte das Zeug zu einem absolut nervigen Film, denn dass der Film auch nur irgendeine Neuigkeit bringt, darauf wartet man vergebens. Hier entpuppt sich plötzlich ein Krimispiel mit Freunden als reales Abenteuer, und die hysterischen Spieler finden sich in Verfolgungsjagden mit Mafia-Gangstern wieder mit all den erwartbaren Verwechslungs-Slapstick-Momenten. „The Game“ von David Fincher lässt grüßen, nur dass der seinen Stoff gleich konsequent als Thriller angelegt hat und nicht als seichte Krimikomödie. Ob Rachel McAdams und Jason Bateman, die sich generell eher dem leichteren Unterhaltungsfach zugehörig fühlen (vor allem letzterer), unter der Regie von Fincher geglänzt hätten? Man kann darüber nur spekulieren. Aber in „Game Night“ funktioniert die Mischung aus spießigen Spielesüchtlern und Mafia-Action erstaunlich gut. Zwar ist der Plot wie zu erwarten sehr vorhersehbar und nicht alle Gags zünden, zumal viele von ihnen mit Ansage kommen, aber die Hauptfiguren sind sympathisch, gut besetzt und haben eine gute Chemie miteinander, das Tempo wird konsequent hoch gehalten und die Macher schrecken nicht vor dem Einsatz von Kunstblut zurück, wenn es das für die Geschichte braucht. Und plötzlich findet man sich kichernd vor dem Fernseher wieder und hat einfach eine richtig gute Zeit. Für einen Popcorn-Filmabend sicherlich nicht die schlechteste Wahl.


6,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat:  © 2017 Warner Bros. Entertainment Inc., Quelle: imdb.com)

Das Letzte, was er wollte (2020)

Regie: Dee Rees
Original-Titel: The Last Thing He Wanted
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Thriller, Drama, Politfilm
IMDB-Link: The Last Thing He Wanted


Dee Rees kann es. Das hat die Regisseurin 2017 mit Mudbound bewiesen. Nur leider hat sie auf ihr Können beim Dreh von „The Last Thing He Wanted“ wohl völlig vergessen. Denn dieser Film ist ihr trotz einer charismatischen Besetzung (Anne Hathaway in der Hauptrolle, dazu u.a. Ben Affleck und Willem Dafoe) zu einem chaotischen, unverständlichen Wirrwarr geraten. Der Stoff hätte eigentlich viel hergegeben. Mitte der 80er pfeift eine integere Polit-Journalistin, die von den gefährlichsten Orten der Welt berichtet, auf all ihre Integrität, um für ihren kranken Vater einen letzten Deal abzuschließen. Und schon sieht sie sich in ein lumpiges Waffengeschäft mit finsteren Typen verwickelt und auf der falschen Seite des Gesetzes stehen. Das bringt natürlich jede Menge Stress mit sich, und da kann auch eine hübsche Villa in Costa Rica, in der sie Unterschlupf findet, den Puls drastisch senken. „The Last Thing He Wanted“ marschiert mit fieberhafter Nervosität durch einen Plot, der für den Zuseher kaum Sinn ergibt. Das Hauptproblem ist, dass Dee Rees, die auch am Drehbuch mitgeschrieben hat, zu viel voraussetzt – so als hätte jeder Zuseher diesen Prozess der Figuren- und Handlungsentwicklung gemeinsam mit ihr selbst schon längst durchgemacht. Man fühlt sich ein bisschen wie in einer Runde cooler Hipster gefangen, die einen Insider-Witz nach dem anderen loslassen. Man will mitlachen, aber man hat keinen Plan, worum es geht. Also nippt man verstimmt an seinem Gin Tonic und hofft, dass der Abend bald vorbei ist. Allein Anne Hathaway kann man keinen Vorwurf machen, sie trägt den Film gut und scheint als eine der wenigen auch das Drehbuch verstanden zu haben. Ben Affleck und Willem Dafoe hingegen sind völlig verschenkt. Bei Affleck passiert es sogar so, dass man sich jedes Mal aufs Neue wundert, wenn er auf dem Bildschirm erscheint, da man seit seinem letzten Auftritt bereits vergessen hat, dass er mitspielt. Und Dafoe ist einfach zu wenig zu sehen, um da noch was zu retten. Am Ende dieser gefühlt ewigen zwei Stunden bleibt das vage Gefühl zurück, dass unter der ganzen nervösen Schwurbelei irgendwo auch eine gute Geschichte versteckt lag, nur hat Dee Rees es leider nicht verstanden, diese ans Tageslicht zu bringen.


3,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle: imdb.com)

We Stand Alone Together (2001)

Regie: Mark Cowen
Original-Titel: We Stand Alone Together
Erscheinungsjahr: 2001
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: We Stand Alone Together


Anfang des neuen Jahrtausends feierte HBO mit der 10-teiligen Miniserie „Band of Brothers“ einen großen Erfolg. Die Geschichte rund um die „Easy Company“, ein Trupp wagemutiger Fallschirmspringer, die im Zweiten Weltkrieg nahezu immer mitten im Zentrum des Geschehens standen, wenn es brenzlig wurde, war sehr gut recherchiert und gut gespielt. Zu Beginn jeder Folge kamen die Veteranen von damals zu Wort, die den ganzen Scheiß wie D-Day, Operation Market Garden und die Ardennenoffensive unter großen Verlusten durchstehen mussten. Was lag also näher, als diese Stimmen zu einer Dokumentation der damaligen Ereignisse zusammenzufassen? Und es braucht tatsächlich nicht mehr als die teils lakonischen, teils aufwühlenden Berichte der Männer, die durch die Hölle gingen, untermalt mit gut ausgehobenem Archivmaterial. Natürlich ist das alles mit einem patriotischen Blick versehen – die Kameradschaft der Männer wird immer wieder thematisiert – aber Mark Cowen übertreibt es damit nicht. Er versucht, eine differenzierte Darstellung des Krieges zu finden, der per se schlimm genug ist. Da braucht es gar keine eindimensionalen Feindbilder – im Gegenteil: Gegen Ende hin sinnieren die Veteranen darüber, ob man unter anderen Umständen nicht Freundschaft mit den Deutschen hätte schließen können. Was vielleicht etwas hinten ansteht, und dafür gibt es dann auch Punkteabzüge in der B-Note, ist die Frage, was der Krieg und die Taten, die sie darin begingen, mit den Männern im weiteren Leben gemacht hat. Dies wird nur am Rande gestreift, vielmehr steht die schon erwähnte Kameradschaft im Fokus. Aber Unschuldslämmer waren die Soldaten der Easy Company natürlich auch nicht, und gerade die Frage, welchen moralischen Kompass man für sein weiteres Leben ansetzt, wenn man schon unmoralisch handeln musste, wäre eine spannend gewesen, hätte Mark Cowen sie den Überlebenden gestellt.


6,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle: imdb.com)

Enemy (2013)

Regie: Denis Villeneuve
Original-Titel: Enemy
Erscheinungsjahr: 2013
Genre: Drama
IMDB-Link: Enemy


Denis Villeneuve ist einer der gefragtesten Regisseure derzeit. Kein Wunder, hat er zuletzt mit Arrival und Blade Runner 2049 zwei moderne Science Fiction-Klassiker geschaffen. Kein anderer Film wird derzeit so heiß erwartet wie sein Remake von David Lynchs Sci-Fi-Klassiker Dune. 2013 hat Villeneuve, obwohl schon gefeierter Thriller-Regisseur, freilich noch etwas kleinere Brötchen gebacken. Seinen Film „Enemy“ veredelt immerhin Jake Gyllenhaal in einer gekonnt angelegten Doppelrolle. Denn der ist hier sein eigenes größtes Problem. Als der Geschichtsprofessor Adam Bell feststellt, dass er mit dem Schauspieler Anthony St. Clair einen Doppelgänger hat und er diesen zu kontaktieren versucht, setzt er einen Strom von Ereignissen in Gang, die ein Zurück zum bisherigen Status Quo bald unmöglich machen. „Enemy“ ist eine lose Adaption des Buchs „Der Doppelgänger“ von Literaturnobelpreisträger José Saramago. Und genau das ist auch das Hauptproblem des Films. Denn bei der Vermarktung hat man einen entscheidenden Fehler gemacht und den Plot wie einen Thriller klingen lassen. Davon ist „Enemy“ aber weit entfernt. Vielmehr greift der Film dieses hintergründige Vexierspiel auf, für das die Romane von Saramago bekannt sind, und ist vielmehr an der conditio humana interessiert als am Spannungsbogen. Das Ende, über das man wohl ganze Nächte lang diskutieren könnte, bringt genau das auch zum Ausdruck. Das Problem ist nur, dass ich als Zuseher auf dem Weg dahin meiner falschen Erwartungshaltung aufgesessen bin. Und so liegt es wohl entscheidend an der eigenen Herangehensweise, ob man den Film nun gut und interessant oder dann doch über lange Strecken langweilig und seltsam empfindet. Was wiederum allerdings dem Film zum Vorwurf gemacht werden kann, denn wenn es ihm nur gelingt, ein intellektuell vorbereitetes Publikum mitzureißen, fällt das Fehlen dieser oftmals so wichtigen Zutat Spannung dann doch ins Gewicht.


5,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Photo by Caitlin Cronenberg – © 2014 – A24, Quelle: imdb.com)