Waves (2019)

Regie: Trey Edward Shults
Original-Titel: Waves
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama
IMDB-Link: Waves


Es lebe das amerikanische Independent-Kino. Filmemacher/innen wie Andrea Arnold, Sean Baker oder, wie mit „Waves“, Trey Edward Shults darf man fast schon als Seismographen für die soziokulturellen Wellen über dem Teich bezeichnen. Und auch wenn in „Waves“ nicht unbedingt die gesellschaftlich am meisten benachteiligte Schicht im Mittelpunkt steht, denn die Familie Williams ist recht gut situiert, so schwingen dennoch die Probleme, mit denen die schwarze Bevölkerung tagtäglich umgehen muss, dezent im Hintergrund mit. Aber darum geht es eigentlich nicht. „Waves“ ist ein Film über Kontrollverlust, der zur Katastrophe führt, und dem anschließenden Umgang mit eben jener Katastrophe bis schließlich zur Aussöhnung mit der Welt. Genau in dem Moment, als am Ende die von Taylor Russell gespielte Emily die Kontrolle abgibt, erlangt sie auf einer anderen, viel wichtigeren Ebene die Kontrolle über ihr Leben wieder zurück. Aber um zu diesem Punkt zu kommen, benötigt der Film über zwei Stunden. Und diese Zeit braucht es auch. Denn „Waves“ ist so vielschichtig konstruiert, wie nur das Leben selbst sein kann. Er gibt sich nicht mit einfachen Erklärungen für schlechte Entscheidungen zufrieden, auch wenn er Auslöser zeigt, die schließlich in ihrer Summe zu diesen schlechten Entscheidungen führen. Aber nie geht Trey Edward Shults den einfachen Weg und begnügt sich mit dem Naheliegenden. Das hebt „Waves“ weit über durchschnittliche Befindlichkeitsfilme, die sich mit ähnlichen Themen auseinandersetzen, hinaus. Auch ist der Film stilistisch fordernd. Hier flirren die Lichter, die Musik kann laut und pulsierend werden, die Kamera kreist um ihre Figuren, das alles ist modern und kreativ, ohne aufgesetzt zu wirken, erfordert vom Zuseher aber eine Akzeptanz für solche Stilmittel. „Waves“ ist kein naturalistisches Kino. Naturalistisch hingegen kann man die Leistungen der Darsteller nennen, die allesamt überragend spielen – Kelvin Harrison Jr. in der Hauptrolle des jungen Tyler, die schon genannte Taylor Russell als seine Schwester Emily, Sterling K. Brown als strenger Vater, Lucas Hedges als Emilys Freund. Selten habe ich wirklich alle Darstellerleistungen in einem Film so auf den Punkt gesehen wie in „Waves“. Das Fazit kann nur so ausfallen: Der Film ist ein Meisterwerk.


9,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle: imdb.com)

Ghostbusters – Die Geisterjäger (1984)

Regie: Ivan Reitman
Original-Titel: Ghostbusters
Erscheinungsjahr: 1984
Genre: Komödie, Fantasy
IMDB-Link: Ghostbusters


Es gibt Filme, über die man eigentlich gar nicht viel schreiben muss, denn es ist schlicht unmöglich, als halbwegs Filminteressierter bis heute daran vorbeigekommen zu sein. „Ghostbusters“ von Ivan Reitman aus dem Jahr 1984 ist so ein Fall. Daher gibt’s im Zuge dieses Beitrags nicht die übliche Verlinkung auf den Filmtrailer oder eine Szene aus dem Film, sondern eines meiner absoluten Lieblings-Youtube-Videos – Carl Davis dirigiert das Czech National Symphony Orchestra zur Titelmusik von „Ghostbusters“ und hat jede Menge Spaß dabei. Und damit ist die Grundstimmung des Films auch schon umrissen. „Ghostbusters“ ist einfach ein großes Vergnügen. Vier erwachsene Typen schmeißen sich in Raumanzüge und jagen mit Protonen-Packs Ektoplasma. Bill Murray ist dabei der Chauvinist mit den sarkastischen Sprüchen, Dan Aykroyd der schusselige Naivling, Harold Ramis der humorlose Wissenschaftler und der spät hinzugestoßene Ernie Hudson der Typ, der einfach zu schlecht bezahlt wird für diesen Job. Allein schon die Dynamik dieser vier Gestalten ist ungemein unterhaltsam. Dazu kommen noch Sigourney Weaver, Annie Potts und der leider viel zu früh in Schauspielpension gegangene Rick Moranis, die alle ihre großartigen Momente haben. Mehr braucht es dann auch nicht für einen gelungenen Filmabend. Die Beteiligten hatten sichtbar Spaß an dem Film, und das überträgt sich auf den Zuseher. Dabei ist der Film weniger klamaukig, als man vermuten möchte. Der Humor ist teils so trocken, dass man während des Films nicht rauchen darf. Und der Höhepunkt, wenn sich Gozer the Destroyer manifestiert, um New York in Schutt und Asche zu legen, ist ohnehin ein Meilenstein der absurden Unterhaltung. Wenn es also da draußen noch tatsächlich arme Seelen gibt, die diesen Film nicht kennen: Tut etwas für eure Gesundheit und schaut „Ghostbusters“.


8,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: © Sony Pictures Home Entertainment, Quelle: imdb.com)

Bird Box – Schließe deine Augen (2018)

Regie: Susanne Bier
Original-Titel: Bird Box
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Horror
IMDB-Link: Bird Box


Zwei Jahre ist es mittlerweile her, dass „Bird Box“ zum ultimativen Darwin Award-Bewerbungsverfahren wurde. Mit verbundenen Augen stürzte sich die Crème de la Crème der menschlichen Rasse in Schluchten, von Häusern und in Flüsse, nur weil gerade ein Hashtag #BirdBoxChallenge im Trend lag. Selbst Netflix warnte davor. Und das alles nur, weil Sandra Bullock mit zwei jungen Gfrastern mit verbundenen Augen einen Fluss hinunterfährt. Womit die Haupthandlung dann auch schon grob umrissen wäre. Der Rest ist Vorgeschichte, wie es zu diesem idyllischen Paddeltrip kam. Auslöser war fünf Jahre davor ein Massensuizid-Phänomen, das man schon bald mit seltsamen, vielleicht außerirdischen Wesen assoziierte. Wer auch immer diese Dinger ansah, schlug sich Sekunden später an der nächsten Tischplatte den Schädel ein. Die einzige Möglichkeit, dem zu entkommen: Nicht hinschauen. Also versammeln sich einige Überlebende (darunter John Malkovich und Jacki Weaver, die auch schon mal motivierter gespielt haben) in einem Haus und verdunkeln die Fenster. Passt soweit, immerhin hat man es kuschelig und ist nicht einsam. Auch die Fahrt zum nächstgelegenen Supermarkt gelingt dank GPS-Signal im Auto ganz leidlich, aber man sollte halt aufpassen, wen man sich ins Haus holt und wen besser nicht. Und so wird die Truppe erwartungsgemäß dezimiert, bis schließlich Sandra Bullock und die zwei Kids im Boot sitzen. Und das ist schon mal ein Problem, das der Film hat: Man weiß von Beginn an, worauf alles hinausläuft und wie die Geschichte ausgehen wird – der Mitleidfaktor mit den Protagonisten hält sich also in Grenzen. Dass das Ganze dann über eine Laufzeit von mehr als zwei Stunden ausgerollt wird, wirkt sich ebenfalls negativ aus. Hier wäre eine kürzere, prägnantere Erzählweise stimmiger gewesen. Und schließlich weist der Film genretypisch Logiklöcher auf, die ich von einer Könnerin wie Susanne Bier, immerhin Oscar-prämiert für „In einer besseren Welt“, nicht unbedingt erwartet hätte. Allerdings ist der Film als Horrorfilm gut verdaulich und kommt ohne böse Jump-Scares aus, was ich ihm hoch anrechne. So kann auch ein Schisser wie ich mal einen Horrorfilm genießen.

 


5,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: © 2018 – Netflix, Quelle: imdb.com)

The Old Guard (2020)

Regie: Gina Prince-Bythewood
Original-Titel: The Old Guard
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Action, Fantasy
IMDB-Link: The Old Guard


Ein bisschen despektierlich ist es ja schon, Charlize Theron zur „Old Guard“ zu zählen. Aber was soll man machen – ihre Figur der Andromache hat halt schon ein paar Jahrtausende auf dem Buckel. Dafür, dass sie schon alles gesehen hat und das dreimal, lässt sie sich mit ihren ebenfalls unsterblichen Kumpels (Marwan Kenzari, Matthias Schoenaerts und Luca Marinelli) aber überraschend leicht in eine Falle locken. Auftakt zu einem soliden Action-Katz-und-Maus-Spiel, das von Harry Melling, Chiwetel Eijofor und KiKi Layne als Newcomerin, durch deren Augen das Publikum in die Welt der unsterblichen Krieger eingeführt wird, ergänzt wird. Schön an dem Film ist, dass die Damen Feuer unter dem Hintern haben und die Herren dann auch mal raushauen müssen. Überhaupt sind die Kampfsequenzen sehr gut choreographiert und mit Blick auf die Tatsache inszeniert sind, dass die Gruppe schon mehrere Jahrhunderte Zeit hatte, sich aufeinander einzuspielen. Das ergibt sehr geschmeidige Abläufe, die zum Teil schneller abgespult werden, als man als Zuseher überhaupt erfassen kann – ohne aber hektisch zu wirken. Was man dem Film aber ankreiden muss, ist ein recht unreflektierter Umgang mit Gewalt. Irgendwie scheint es niemanden zu wundern, warum ein Pharmaunternehmer in seinem Büro eine ganze Privat-Armee beschäftigt – Hauptsache, die unsterblichen Krieger können sich durch möglichst viele Statisten durchballern. Natürlich sinkt die Wertschätzung für das menschliche Leben, wenn man schon Jahrhunderte oder gar Jahrtausende lang Leuten beim Sterben zugesehen hat, aber dennoch hätte ich mir erwartet, dass diese Einstellung zu Leben und Tod von den Figuren zumindest einmal reflektiert wird. Aber das fehlt völlig. Man will Gutes tun und die Menschheit beschützen, und dafür muss man halt mal fünfzig böse Buben wegballern. Das ist mir zu einfach gedacht, hier verschenkt der Film einiges an Potential. So bleibt unterm Strich ein unterhaltsamer Actionfilm mit Schwächen, der wohl als Auftakt zu einer Filmreihe gedacht ist und selbst auch nicht mehr sein möchte. Mal schauen, ob in einem sehr wahrscheinlichen zweiten Teil diese Schwächen des ersten Films ausgebügelt werden, oder ob man sich darauf beschränkt, einfach noch mehr coole Action zu zeigen. Das wäre angesichts des fast schon philosophischen Potentials des Sujets dann aber eine arge Verschwendung.


5,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle: imdb.com)

Morning Glory (2010)

Regie: Roger Michell
Original-Titel: Morning Glory
Erscheinungsjahr: 2010
Genre: Komödie, Rom-Com
IMDB-Link: Morning Glory


Zugegeben, manchmal braucht es nicht viel für einen unterhaltsamen Filmabend. Da reichen bereits ein mürrischer Harrison Ford als unterforderter News-Journalist, der aufgrund einer Lücke in seinem Vertrag plötzlich Co-Moderator einer Morning Show werden muss, eine gut aufgelegte Diane Keaton und eine mit Verve spielende Rachel McAdams, die sichtlich Spaß daran hat, die beiden Kapazunder der cineastischen Unterhaltung herumzukommandieren. Denn McAdams spielt die junge, talentierte Producerin Becky Fuller, die die schwierige Aufgabe übernimmt, die vor sich her dümpelnde Morning Show „Daybreak“ vor dem Ende zu bewahren. Auftritt Harrison Ford als grantelnder Journalist Mike Pomeroy, der auch schon bessere Zeiten erlebt hat. Und natürlich kommt es, wie es kommen muss – man kennt ja diese Art von Komödie: Nach anfänglichen Schwierigkeiten findet das unwahrscheinliche Gespann dann doch irgendwann mal auf den richtigen Pfad. Originell ist das nicht. Aber mit so viel Tempo, Witz und guter Laune erzählt, dass die Zeit definitiv nie vergeudet scheint. Und wenn dann der biedere Wetterfrosch im Neukonzept der Jung-Producerin plötzlich dazu missbraucht wird, wilde Achterbahnfahrten und Kunstflüge mitzumachen, gelingen Roger Michell mitunter die lustigsten Szenen, die ich seit langem gesehen habe. Zwischendurch schlapft auch noch Jeff Goldblum als Chef des Fernsehsenders sehr jeffgoldblumig durch die Szenerie, und Patrick Wilson darf den (vergessenswerten) Love Interest mimen, aber das gerät dann fast schon zur Nebensächlichkeit. Der Film lebt davon, wie Rachel McAdams auf sehr entzückende Weise ihren Co-Cast aufmischt und Leben in die angestaubte Bude bringt. Und das ist wirklich sehr unterhaltsam.


6,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle: imdb.com)

Jurassic Park III (2001)

Regie: Joe Johnston
Original-Titel: Jurassic Park III
Erscheinungsjahr: 2001
Genre: Horror, Thriller, Science Fiction, Abenteuerfilm
IMDB-Link: Jurassic Park III


Wenn man den Plot von „Jurassic Park III“ in einem Satz zusammenfassen möchte, dann böte sich dieser an: „Fetzendepperte Leute treffen fetzendepperte Entscheidungen und werden von freilaufenden Dinos zerfetzt – Sam Neill ausgenommen, da Sam Neill über jeden Zweifel erhaben ist.“ Nach Jeff Goldblum darf nun also wieder mal der grantige Neuseeländer ran und die alte Garde aus Jurassic Park vertreten. Mit dabei sind diesmal auch William H. Macy und Téa Leoni, dazu Alessandro Nivola, dessen Filmographie an einen A-Lister erinnert, ohne aber dass man sich an sein Gesicht oder seinen Namen erinnern würde, da er für gewöhnlich den sechsten Zwerg von links spielt, dazu drei Kanonenfutter-Figuren (im Star Trek-Universum klassische Red Shirts – man vergisst ihre Namen und Funktionen, noch bevor überhaupt der erste von ihnen ins Gras gebissen hat), der für diese Reihe übliche klugscheißende Junge, Laura Dern mit einem Gastauftritt und ein ziemlich angepisster Spinosaurier, der diesmal die Rolle des Oberschurken geben darf. Gleich vorweg: Der T-Rex hat das schauspielerisch glaubwürdiger hinbekommen. Spino neigt zu sehr zu Overacting. Der Rest ist „alles rennet, rettet, flüchtet“. Ja, man kennt das schon aus den vorigen Teilen, aus denen man sich für den dritten Teil schamlos bedient. Und auch die Weitergabe des Regie-Szepters von Steven Spielberg an Joe Johnston hat nicht unbedingt neue Impulse gebracht. Joe Johnston spult das bekannte Programm wohl in Huldigung der Genialität des ersten Teils routiniert herunter. Aber was soll’s. Es sind immer noch Dinos, die Menschen fressen, und das reicht manchmal auch aus für einen unterhaltsamen Abend. Zudem bringt William H. Macy, ein gnadenlos unterschätzter Schauspieler, einen echten Mehrwert ein, da niemand auf dieser Welt so traurige Augen hat und diese so gekonnt einsetzen kann. Zudem sorgt der Gag mit dem Klingelton bei jeder Sichtung für echtes Vergnügen. Das Fazit also: Passt schon.


5,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: © 2001 – Universal Pictures, Quelle: imdb.com)

Im Schatten des Zweifels (1943)

Regie: Alfred Hitchcock
Original-Titel: Shadow of a Doubt
Erscheinungsjahr: 1943
Genre: Krimi, Thriller
IMDB-Link: Shadow of a Doubt


Gemäß des alten Spruchs „Besuch bereitet immer Freude – entweder beim Kommen oder beim Gehen“ wird das Kleinstadtleben der Familie Newton in Santa Rosa, Kalifornien, gründlich auf den Kopf gestellt, als sich der Bruder der Mutter, Charlie (Joseph Cotten), zu einem überraschenden Besuch einfindet. Dieser lebt eigentlich in New York, aber da ihm zwei finstere Gestalten auf den Fersen sind, richtet er es sich erst einmal bei seiner Schwester ein – sehr zur Freude der nach dem Onkel benannten ältesten Tochter (Teresa Wright). Die hat nämlich das Kleinstadtleben satt – und wenn dann so ein waschechter und manierlicher New Yorker Onkel vorbeischaut, tut sich endlich mal was. Aber sein nervöses und teils abweisendes Verhalten lässt bald erste Zweifel aufkochen. Was, wenn der nette Onkel ein paar Probleme von der Ostküste mitgebracht hat? „Im Schatten des Zweifels“ ist ein grundsolider Thriller, der davon lebt, wie Kleinstadtidylle und großstädtische Kriminalität aufeinanderprallen. Die heile Welt wird von Alfred Hitchcock nach und nach genüsslich demontiert, was der Zuseher durch die Augen der unglaublich naiven Charlie verfolgen kann. Dabei gibt es – wie für Hitchcock üblich – einige herausragende Kamerafahrten zu bewundern, vor allem gleich zu Beginn, als Charlie in New York vor seinen beiden Verfolgern flüchtet. Aus heutiger Sicht mag der Plot nicht mehr ganz so taufrisch wirken, da haben sich andere Klassiker von Hitchcock aus meiner Sicht besser gehalten, aber dennoch versteht es der Meister des Suspense, das Interesse am Film aufrecht zu halten. Ein Großteil der Ehre gebührt dabei auch Teresa Wright, deren Charisma jeden Film sehenswert machen kann. Wie gut für uns alle, dass sie in die Zeitmaschine gestiegen ist, um 1985 in „Zurück in die Zukunft“ Martys Mutter zu spielen.


6,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle: imdb.com)

Vergessene Welt – Jurassic Park (1997)

Regie: Steven Spielberg
Original-Titel: The Lost World: Jurassic Park
Erscheinungsjahr: 1997
Genre: Horror, Thriller, Science Fiction, Abenteuerfilm
IMDB-Link: The Lost World: Jurassic Park


Mit Fortsetzungen ist das ja immer so eine Sache. Einerseits lechzt das Publikum danach, liebgewonnene Charaktere in neuen Abenteuern zu erleben. Andererseits ist aufgewärmt halt nur ein Gulasch besser. Ausnahmen bestätigen die Regel. „Vergessene Welt – Jurassic Park“, die Fortsetzung des Kult-Klassikers Jurassic Park, ist aber keine Ausnahme. Auch wenn mehr Jeff Goldblum besser ist als weniger Jeff Goldblum. Sein Chaostheoretiker Dr. Ian Malcolm, der schon im ersten Teil für die trockenen Sprüche und den Hauch Zynismus, den die Geschichte braucht, gesorgt hat, erhält nun im zweiten Teil an der Seite von Julianne Moore, Vince Vaughn und Pete Postlethwaite eine tragende Rolle und steht im Zentrum des Geschehens – sehr zu seinem eigenen Missfallen, denn wer schon einmal vom T-Rex angeknabbert wurde, möchte eine solche Begegnung kein zweites Mal machen. Aber was soll man tun, wenn die eigene Freundin einfach kommentarlos zu Forschungszwecken auf eine Dinosaurier-Insel abgerauscht ist? Also flugs hinterher – die eigene Tochter als blinder Passagier im Gepäck und eine Horde wildgewordener Kapitalisten, die den großen Reibach wittern, im Rückspiegel. „Vergessene Welt – Jurassic Park“ bietet im Grunde nichts Neues. Am Anfang sind alle verzückt von den anmutigen Dinosauriern, am Ende rennt alles durcheinander und versucht, seine Haut zu retten. Wer Dinosaurier mag (so wie ich), hat damit seine Freude. Allerdings ist der Film seltsam zweigeteilt. Während die ersten 1,5 Stunden im Grunde eine komplette, abgeschlossene Geschichte erzählen, nämlich den Überlebenskampf auf der entlegenen Insel, setzen Spielberg und sein Team in der letzten halben Stunde noch eins drauf, indem sie einen T-Rex nach San Diego schippern und von der entsetzten Stadtbevölkerung naschen lassen – die nicht so flink auf den Beinen ist wie das fachkundige Paläontologen-Team. Hätte es das sein müssen? Darüber kann man diskutieren, denn dieser „Epilog“ zerreißt den Film ziemlich. Aber man muss festhalten, dass ein wütender T-Rex, der durch die nächtliche Stadt stampft, durchaus Schauwert hat. Und dass man hier wunderbar viele Anspielungen auf Horrorklassiker wie Dracula, King Kong und Godzilla finden kann. Apropos Godzilla: Wenn man „Vergessene Welt: Jurassic Park“ noch mal genau betrachtet, sieht man deutlich, wieviel davon Roland Emmerich in seinem ein Jahr später erschienenen „Godzilla“ geklaut hat. Gegen diese Katastrophe von Film wirkt „Vergessene Welt: Jurassic Park“ wie ein Meilenstein der Filmgeschichte.


6,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: © 1997 – Universal Pictures, Quelle: imdb.com)

Die perfekte Kandidatin (2019)

Regie: Haifaa Al Mansour
Original-Titel: The Perfect Candidate
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Komödie, Politfilm
IMDB-Link: The Perfect Candidate


Es braucht halt Frauenpower. Das Mädchen Wadjda war 2012 der erste abendfüllende Kinofilm Saudi-Arabiens und konnte gleich ein weltweites Publikum überzeugen. Gedreht wurde er von Haifaa Al Mansour, die nun mit „Die perfekte Kandidatin“ ihren dritten Spielfilm vorlegt. Und wieder geht es um eine selbstbewusste junge Frau, die zwar mit den starren Grenzen, die ihr das islamische Regime vorgibt, zurecht kommen muss, die aber innerhalb dieser Begrenzungen versucht, ihr eigenes Leben und das Leben anderer zu verbessern. Die junge Ärztin Maryam (Mila Al Zahrani) arbeitet im lokalen Krankenhaus und sehnt sich angesichts der dort prekären Umstände (so gibt es beispielsweise nicht einmal eine asphaltierte Zufahrtsstraße zur Klinik) nach einem besseren Job in Riad. Eher durch Zufall wird sie jedoch plötzlich als Kandidatin für den Gemeinderat aufgestellt – und statt Jobinterviews hält sie nun Wahlkampfreden. Zur Seite stehen ihr ihre beiden Schwestern, während der Vater, ein Musiker, mit seiner Band gerade auf Tour durchs Land tingelt – eine einmalige Chance für ihn, der bislang sein Leben lang auf Feiern spielen musste. Und schon bald zeigt sich, dass die Kandidatin, die anfangs nur milde belächelt wird, die Menschen auch tatsächlich erreichen kann – wenngleich zu Beginn auch nur die Frauen. „Die perfekte Kandidatin“ begeht nicht den Fehler, die Geschichte zu märchenhaft zu erzählen, sondern zeigt vielmehr auf subtile Weise die starren gesellschaftlichen Regeln Saudi-Arabiens auf. Für den westeuropäischen Zuseher scheinen viele Szenen komplett absurd zu sein, geben aber die Lebensrealität der Bevölkerung wider. Spannend daran ist die Selbstverständlichkeit, mit der diese Regeln mitgetragen werden bei gleichzeitigem Erkennen ihrer Absurdität. Allein dieses Spannungsfeld hat im Anschluss an den Film bei zwei Gläsern Wein für mindestens eine Stunde angeregter Diskussion gesorgt. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie dieser kritische Blick auf die Gesellschaft wohl in Saudi-Arabien selbst aufgenommen wird. Allein deshalb schon ist „Die perfekte Kandidatin“ ein gelungener und relevanter Film. Darüber hinaus erzählt er mit qualitativ hochwertigen Mitteln eine interessante (Familien-)Geschichte. Für den ersten Kinobesuch eines neuen Films nach dem Lockdown gerade die richtige Wahl.


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen Filmverleih)

Late Night – Die Show ihres Lebens (2019)

Regie: Nisha Ganatra
Original-Titel: Late Night
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Late Night


In Anlehnung an Roger Eberts Grundsatz, dass ein Film mit Harry Dean Stanton oder M. Emmet Walsh niemals ganz schlecht sein könne, erweitere ich diese Regel auf Emma Thompson in dem Sinne, dass zumindest ihre Leinwandpräsenz bislang noch jedem Film einen Mehrwert hinzugefügt hat. Zugegeben, nicht alle Produktionen, in denen sie mitgewirkt hat, sind in die Filmgeschichte eingegangen. Da finden schon auch ein paar Rohrkrepierer in ihrer Filmographie, aber eines muss man sagen: An Thompson selbst hat es nie gelegen. Die Frau hat Klasse, Stil, Charme und Talent. Und wenn sie dann auch noch ein kluges und gewitztes Drehbuch vorgelegt bekommt und die Gelegenheit, in der Rolle einer zynischen Talkmasterin eine (vorhersehbare, aber dennoch gut erzählte) Läuterung zu erfahren, dann nimmt sie so etwas dankbar an. Dass so eine Rolle dann schnell mal auch zu einer Golden Globe-Nominierung führt, überrascht wohl die wenigsten. Die eigentliche Hauptprotagonistin von „Late Night“ ist aber die von Mindy Kaling gespielte Molly Patel, die ihren Job in einer Fabrik aufgibt, um im Team des Talkshow-Stars Katherine Newbury als Gag-Schreiberin anzufangen. Dabei ist sie gleich mit mehreren Problemen konfrontiert, und fehlende Berufserfahrung ist nicht einmal das größte davon. Eher, dass sie die einzige Frau im Team ist – und wer mit Begriffen wie Mansplaining & Co. noch nicht viel anfangen kann, findet in „Late Night“ einige sehr anschauliche Beispiele dafür. Ein weiteres Problem ist, dass Katherine Newbury mit der Zeit ihren Biss verloren hat und sich ihre Witze nur noch an ein selbstzufriedenes Bildungsbürgertum richten. Kein Wunder, dass ihr die Studiochefin die Rute ins Fenster stellt. Und natürlich ist es ausgerechnet die Neue, die am Ende den Tag retten muss. Allerdings ist „Late Night“ sehr sympathisch erzählt und spielt eine große Stärke gekonnt aus: Die Figuren sind lebendig und mit Herz geschrieben, sodass es nicht weiter ins Gewicht fällt, wenn sie zum Teil arg klischeehaft angelegt sind. Aber man merkt in jeder Einstellung eine grundlegende Sympathie für alle Figuren, niemand wird bloßgestellt, alle haben ihre Momente. Und das macht den Film zu einem Feelgood-Movie mit einem starken Plädoyer für Vielfalt und Inklusion, das man sich bedenkenlos ansehen kann.


6,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Photo by Emily Aragones, Quelle: imdb.com)