Manchester by the Sea (2016)

Regie: Kenneth Lonergan
Original-Titel: Manchester by the Sea
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama
IMDB-Link: Manchester by the Sea


Das fürs sechs Oscars (allesamt in Hauptkategorien) nominierte Drama „Manchester by the Sea“ erzählt eine Geschichte von Verlusten, von Depressionen, von den ganz großen Niederlagen im Leben und dem Versuch, trotzdem irgendwie weiterzumachen. Das ist harter Stoff, der es dem Publikum nicht einfach macht. Gut möglich, dass man getriggert wird von Kenneth Lonergans Film, wenn man selbst schon Erfahrungen mit solchen oder ähnlichen Situationen gemacht hat, wie sie im Film gezeigt werden. Aber wenn man sich darauf einlässt, erhält man die vielleicht ehrlichste und schonungsloseste Erzählung über die oben genannten Themen seit langem – sowie eine grandiose Darstellerriege, angeführt vom alles überragenden Casey Affleck. Eigentlich sollte er sich den Oscar nur noch abholen müssen, wären da nicht unschöne Missbrauchsvorwürfe, die in der jüngeren Vergangenheit wieder hochgeploppt sind. Rein von der darstellerischen Leistung her aber ist Caseys Affleck Darstellung des vom Leben gebrochenen Einzelgängers Lee Chandler, der aufgrund des frühen Todes seines Bruders nun plötzlich das Sorgerecht für dessen Sohn Patrick (Lucas Hedges) übertragen bekommt, eine Offenbarung. Eine extrem kontrollierte und nuancierte Darstellung, die durch die kleinen Bewegungen und Gesten spricht und damit den ganzen Schmerz, den Lee Chandler in sich trägt, immer wieder sichtbar macht, ohne aber durch den Holzhammer auf das Publikum einwirken zu müssen. Zudem ist „Manchester by the Sea“ großartig geschrieben mit klugen, lebensnahen Dialogen. Ich rieche zumindest einen Oscar für Kenneth Lonergan für das beste Drehbuch, wenn er schon in den Kategorien für den besten Film und die beste Regie leer ausgehen wird.


8,0
von 10 Kürbissen

Lion (2016)

Regie: Garth Davis
Original-Titel: Lion
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama
IMDB-Link: Lion


Ich muss zugeben, vor „Lion“, dem diesjährigen Weinstein’schen Oscar-Vehikel, hatte ich ein wenig Bammel. Große Gefühle, eine Geschichte basierend auf wahren Begebenheiten, ein sentimentales Drama – das waren so die ersten Schlagworte, die ich in Zusammenhang mit dem Spielfilm-Regiedebüt von Garth Davis gelesen habe. Das kann – für mich jedenfalls – auch ordentlich in die Hose gehen. So bin ich dann auch mit einer nicht allzu hohen Erwartungshaltung in den Film gegangen. Ich wurde aber sehr rasch eines Besseren belehrt. Die Geschichte des indischen Kinds Saroo, das mit seiner Mutter, seinem älteren Bruder und seiner kleinen Schwester in ärmsten Verhältnissen aufwächst und durch ein Unglück von seiner Familie getrennt wird, worauf es ihn ins 1.600 Kilometer entfernte Kalkutta und in weiterer Folge zu einer Adoptivfamilie nach Tasmanien verschlägt, ist zwar gefühlvoll inszeniert, behält aber immer einen realistischen, ungeschönten, und genau deswegen herzzerreißenden Blick auf die Lebensrealität in Indien bei. Etwa die erste Hälfte des Films spielt in Indien und erzählt die Geschichte von Saroo, wie er verloren geht und wie er schließlich nach Australien kommt. Viele Szenen sind dabei kaum zu ertragen, ohne dass man das Gefühl hat, dass die Dramaturgie vielleicht etwas verschärft wurde, um die großen Gefühle herauszulocken. Btw., wenn es einen Oscar für die beste Leistung einer Kinderdarstellerin/eines Kinderdarstellers gäbe, dann müsste dieser in diesem Jahr an Sunny Pawar gehen.

Der erwachsene Saroo auf der Suche nach seiner eigenen Identität, die irgendwo zwischen dem Indien, das er vergessen hat, und dem Australien, das ihn aufgenommen hat, liegt, wird herausragend gespielt von Dev Patel, der durch „Slumdog Millionär“ bekannt wurde und nun mit „Lion“ die beste Leistung seiner Karriere hinlegt. Man muss in diesem Zusammenhang aber durchaus Weinsteins gängige Praxis bekritteln, solche großen Rollen wie jene von Dev Patel dann als Nebendarsteller zu deklarieren, um die Chancen auf einen Oscar-Gewinn zu erhöhen. Denn Dev Patel ist definitiv die Hauptfigur des Films, und er hätte auch als bester Hauptdarsteller nominiert werden müssen. Tatsächliche Nebenrollen, und zwar verdammt gut gespielte, sind jene von Nicole Kidman und Rooney Mara. Da kann man wiederum ein bisschen darüber streiten, warum Kidman nominiert wurde und Mara nicht, denn beide sind toll in ihren Rollen. Aber gut, Nicole Kidman hat ihren Oscar ja schon, und Rooney Mara wird sicher noch einen gewinnen – die Frau ist einfach gut.

Insgesamt ist „Lion“ ein großartig erzählter, zu Tränen rührender, aber nicht sentimentalisierender, herausragend gespielter Film über Identität, über Heimat, über die Bedeutung der Familie, der Mutter. Hat mich sehr positiv überrascht.


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Constantin)

Hell or High Water (2016)

Regie: David Mackenzie
Original-Titel: Hell or High Water
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Krimi, Western
IMDB-Link: Hell or High Water


Der Süden der USA ist knochentrockenes Land. Die Landschaft ist trocken, die Menschen haben tiefere Falten als der Grand Canyon, Sitten und Leben sind rau. In diesem Setting spielt der Krimi / Neo-Western von David Mackenzie. Zwei Brüder (Ben Foster und Chris Pine) rauben Banken aus, um ihr Land zu retten, ein Polizist kurz vor dem Ruhestand (Jeff Bridges, für diese Rolle erneut oscarnominiert) folgt ihnen. Das alles ist nicht wirklich neu – es werden berechtigte Erinnerungen an beispielsweise „No Country for Old Men“ wach, der aber sicherlich der radikalere Film war. Dennoch ist „Hell or High Water“ dank ausgezeichneter Schauspieler, einer starken Kamera-Arbeit und einem guten Drehbuch, das langsam, aber mit sicherem Gespür für Timing die Schrauben festzieht, ein guter Film. Die Stärke von „Hell or High Water“ ist tatsächlich, dass er sich Zeit nimmt, um die Figuren auszuarbeiten. Wer schnelle Action sucht, ist hier definitiv falsch. Wenn die Gewalt allerdings ausbricht, dann unvermittelt und brachial, dann stellt sie eine echte Zäsur dar. Insgesamt ist „Hell or High Water“ kein Genre definierendes Meisterwerk, und er hat auch ein paar Längen, aber dass man diesen Film als Best Picture für den Oscar nominiert hat, kann ich jedenfalls nachvollziehen. Er ist einfach verdammt gut gemachtes, sehr solides und staubtrockenes amerikanisches Erzählkino. Die Hoffnung stirbt zuletzt, aber sie stirbt. Übrigens: Für die musikalische Hintergrundbeschallung zeichnen Nick Cave und sein alter Weggenosse Warren Ellis verantwortlich. Der großartige Soundtrack passt zum Film wie die Faust aufs Auge.


7,0
von 10 Kürbissen

Oscars 2017 – schmerzlich vermisst

In der Nacht von Sonntag auf Montag ist es wieder so weit, und die Academy of Motion Picture Arts and Sciences vergibt ihre alljährlichen Goldmännchen. Schon jetzt zeichnet sich ein ziemlicher Durchmarsch von Damien Chazelles „La La Land“ ab, was man gut finden kann oder nicht (ich find’s gut), aber während alle Welt rätselt, wie viele Oscars es am Ende für die Neuinterpretation des Musicals werden, möchte ich das Scheinwerferlicht auf jene richten, die aus meiner Sicht leider und unverständlicherweise bei den Nominierungen übergangen wurden. Hier also die Liste der schmerzlich Vermissten.

Nocturnal Animals (als bester Film)
Neun Filme wurden als Best Picture-Kandidaten nominiert. Tom Fords „Nocturnal Animals“ ist nicht darunter. Leute, was ist los mit euch? Ihr könnt bis zu 10 Filme nominieren, und wenn ihr den zehnten Platz schon nicht „Deadpool“ geben wollt (was ich verstehe, ein spaßiger Film, keine Frage, aber Oscar-Kandidat?), dann nehmt doch wenigstens dieses subtil-verwinkelte, Genregrenzen sprengende, stilistisch und schauspielerisch herausragende Selbstfindungsthrillerdrama! Eine einzige Nominierung (verdientermaßen) für Michael Shannon? C’mon! Und da wären wir schon bei den nächsten Abwesenden:

Aaron Taylor-Johnson (für Nocturnal Animals)
Die Golden Globe-Jury hat erkannt, was für eine Wahnsinnsleistung Taylor-Johnson als Antagonist in „Nocturnal Animals“ hingelegt hat. Für ihn gab es die verdiente Auszeichnung. Und für den Oscar ist er nicht einmal nominiert? Völlig unverständlich aus meiner Sicht. Der ehemalige Nerd aus Kick-Ass spielt mit einer subtilen und unglaublich kontrollierten Leistung einen der eindrücklichsten und menschlichsten Filmbösewichte seit langem. Ich freue mich ja sehr für Michael Shannon, der als bester Nebendarsteller nominiert wurde, aber ich könnte nicht sagen, wer von den beiden mehr Eindruck hinterlassen hat. Es hätten beide nominiert gehört.

Amy Adams (für Nocturnal Animals, Arrival und alle Filme, die sie vorher gedreht hat)
Die vielleicht beste Schauspielerin ihrer Generation auf Leonardo DiCaprios Spuren. Schon oft und verdientermaßen nominiert, konnte sie bis dato keinen einzigen Oscar gewinnen. Möge sich das – wie auch für DiCaprio – bald ändern. Was mir nicht ganz einleuchtet ist, warum sie dieses Jahr mit gleich zwei herausragenden Leistungen (in „Nocturnal Animals“ und „Arrival“, wobei v.a. die fehlende Nominierung für zweiteren Film verwundert, da „Arrival“ ja insgesamt vielfach nominiert wurde) keine weitere Chance hat, ihren oscarlosen Zustand zu ändern. Beide Rollen hätten eine weitere Nominierung jedenfalls gerechtfertigt.

Tom Ford (für Nocturnal Animals)
Noch einmal das leider gnadenlos unterschätzte „Nocturnal Animals“. Keine Oscar-Nominierung für Tom Ford, weder als Regisseur noch für das Drehbuch. In beiden Kategorien hat er mit einer sehr eigenständigen und stilistisch individuellen Arbeit mit hohem Wiedererkennungswert Herausragendes geleistet. Stattdessen ist als bester Regisseur u.a. Mel Gibson für „Hacksaw Ridge“ nominiert. Wie zum Geier konnte das passieren?

Neruda (als bester fremdsprachiger Film)
Eine stille Träne verdrücke ich für Pablo Larráins meisterhafte Mischung aus Biopic und Film Noir über die Flucht des Dichters und Kommunisten Pablo Neruda aus Chile. Stilistisch sehr eigenständig, großartig gespielt, mit einem tollen Drehbuch und klugen Dialogen, spannend und mit einem augenzwinkernden Humor hat der Film wirklich alles, was einen guten Film für mich ausmacht. Ich muss zugeben, dass ich erst einen der Nominierten für den besten fremdsprachigen Film gesehen habe („Toni Erdmann“, für mich etwas überschätzt) – drei weitere werde ich bis zum Wochenende noch sehen – aber ich glaube nicht, dass die weiteren nominierten Filme alle besser sind als „Neruda“. Ich kann es mir einfach nicht vorstellen.

Weiner (als beste Dokumentation)
Ich sehe selten Dokumentationen, das muss ich zugeben. Dennoch ist „Weiner“ für mich nicht nur Anwärter auf die Dokumentation des Jahres, sondern auch schlicht einer der besten Filme, die ich letztes Jahr gesehen habe. Das Porträt eines unglaublich charismatischen US-Politikers mit einer wirklich unfassbaren moralischen Schwäche ist witzig, extrem gut gemacht und geschnitten, intelligent und überraschend intim. Dabei wird auch die Rolle der Medien und der Öffentlichkeit beleuchtet, verweist also auf ein Thema, das größer ist als ein Politiker, der Fotos von seinem Schniedel verschickt. Wäre für mich ein logischer Oscar-Kandidat gewesen.

Worüber ich noch nichts sagen kann, da der Film noch nicht angelaufen ist, ist „Silence“ von Martin Scorsese. Im Vorfeld als einer der großen Favoriten gehandelt, musste sich der Film mit einer Nominierung für die beste Kamera begnügen. Das kommt doch etwas überraschend.

So, das war mein Rant des Tages. Und jetzt freue ich mich wieder auf den Sonntag und die Oscar-Verleihung, die ich wieder live im Kino mitverfolgen werde. Hail to the Freaks!

Mitdiskutieren über Vermisste, überraschend doch Nominierte, Tipps, Favoriten, Außenseiter und Popcorn ist jederzeit erwünscht.

Mein Leben als Zucchini (2016)

Regie: Claude Barras
Original-Titel: Ma vie de Courgette
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Animation
IMDB-Link: Ma vie de Courgette


Der Oscar-nominierte französisch-schweizerische Animationsfilm „Mein Leben als Zucchini“ erzählt im Stop-Motion-Verfahren vor liebevoll gestalteten Kulissen eine tragische Geschichte, die an die Nieren geht. Der 9jährige Icare, genannt „Zucchini“, wächst in einem vaterlosen Umfeld mit seiner alkoholkranken und jähzornigen Mutter auf. Eines Tages verursacht er einen Unfall, bei dem seine Mutter stirbt, und er kommt in ein Waisenhaus. Dort trifft er auf Leidensgenossen, mit denen er sich erst einmal zusammenraufen muss, denn die traumatisierten Kinder sind nicht unbedingt leicht zugänglich, und auch Zucchini selbst ist schwer traumatisiert. Allmählich aber findet er hier unter den Ausgestoßenen seinen Platz. „Mein Leben als Zucchini“ ist ein großartig erzählter Film über das bisschen Liebe, das uns allen zusteht, über die Kindheit, über Freundschaften und den Versuch, sich in einem widrigen Umfeld zu behaupten. Es ist ein Film über die kleinen Gesten, die ein Leben erträglich machen. Und alles ist konsequent erzählt aus der Sicht der Kinder, unsentimental, aber gerade durch diese Echtheit der Gefühle so niederschmetternd und ergreifend. Kinder werden hier nicht idealisiert, sie können böse und gemein und unfair sein, sind aber auch zu großer Güte und Herzenswärme fähig. Selten wurde die Widersprüchlichkeit, die jedem Kind innewohnt, so konsequent und empathisch dargestellt wie in diesem Film. Visuell findet der Film eine sehr eigene und individuelle Ausdrucksmöglichkeit. „Mein Leben als Zucchini“ ist sicherlich nicht einfach anzusehen ob der harten Thematik und des unsentimentalen Blicks, aber gerade das lässt ihn emotional lange nachhallen. Für den Oscar wird es wohl nicht reichen, dazu ist der Film zu „klein“ und auch zu unangepasst, er wird gegen die Marketingmaschinerie von „Zootopia“ nichts ausrichten können, aber ich freue mich, dass er durch die Nominierung nun zumindest ein bisschen Aufmerksamkeit bekommt.


8,0
von 10 Kürbissen

Ziemlich beste Freunde (2011)

Regie: Olivier Nakache und Éric Toledano
Original-Titel: Intouchables
Erscheinungsjahr: 2011
Genre: Komödie
IMDB-Link: Intouchables


Mit französischen Feelgood-Movies habe ich manchmal ein wenig zu kämpfen. Dieses leicht Überdrehte und das „Wir können ja auch mal politisch nicht ganz korrekt sein und verdecken damit, dass wir eigentlich einen ziemlich rassistischen / sexistischen Film gemacht haben hö hö“ trifft seltener meinen Humor als dass es daran meilenweit vorbeischießt. So bin ich auch mit einer Portion Skeptizismus an „Ziemlich beste Freunde“, den Sensationserfolg aus 2011, herangegangen. Ich wurde eines Besseren belehrt. Denn „Ziemlich beste Freunde“ ist vor allen Dingen eines: Unaufgeregt und unsentimental. Und damit ganz stark. Es wird nicht auf die Tränendrüse gedrückt, der sozial schwächere Schwarze muss nicht aus dem Ghetto gerettet werden, der querschnittsgelähmte reiche Schnösel muss nicht ins Leben zurückgeführt werden. Beide kommen eigentlich ganz gut zurecht mit den Karten, die ihnen das Schicksal ausgeteilt hat – mal mehr, mal weniger, aber sie haben immer den Kopf oben und versuchen, das jeweils Beste aus ihrer Situation zu machen. So entsteht die Freundschaft nicht aus sentimentalen Rührgeschichten heraus, sondern aus echter Zuneigung und Chemie und Verständnis für den Anderen, so verschieden man auch ist. Und das ist eine verdammt gute Botschaft, finde ich. Endlich mal ein Feelgood-Movie, nach dem ich mich tatsächlich gut fühlte.


8,0
von 10 Kürbissen

Fences (2016)

Regie: Denzel Washington
Original-Titel: Fences
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama
IMDB-Link: Fences


„Fences“ ist ein Theaterstück. Das sollte man wissen, ehe man sich in den Kinosessel schwingt und das Popcorn auf den Nachbarssitzen verteilt, denn Denzel Washington, Produzent, Regisseur und Hauptdarsteller in Personalunion, nimmt die Vorlage von August Wilson so ernst, dass er eigentlich gänzlich auf eine Kulisse hätte verzichten können. „Fences“ spielt zu 90% im Haus von Troy Maxson und seiner Frau Rosie, und davon wiederum spielen gefühlte 80% im Vorgarten. Und wie es beim Theater halt so ist: Die Handlung konstruiert sich durch die Dialoge. Wem das also nicht genügt, sollte vielleicht einen Bogen um „Fences“ machen. Alle anderen Zuseher erleben ein unglaublich stark gespieltes Familiendrama im Pittsburgh der 50er Jahre, das auf eine sehr gemächliche, aber letztlich zwingende Weise Rollen- und Rollenklischees aufbricht – jene der hart arbeitenden schwarzen Bevölkerung, der Familienväter und -söhne, der treuen und devoten Ehefrau (unfassbar gut: Viola Davies), und wo sich allmählich zur zweiten Hälfte des Films hin Abgründe auftun, die dem klassischen Verständnis eben jener Rollen geschuldet sind. „Fences“ ist ein Film über scheinbare Zwänge, über die Nöte der einfachen Menschen, über Barrieren und Grenzen, die scheinbar nie übersprungen werden können, über Erziehung, über die Beispiele, die wir Anderen geben, über die Schuld, die wir dabei vielleicht auch auf uns laden. Der fast 140 Minuten lange Dialogfilm ohne großer Variation im Setting hat auch so seine Längen, und auch das Ende ist in meinen Augen nicht so ganz geglückt, weil manches, das vorher noch schön dekonstruiert wird, am Ende dann doch wieder ein wenig relativiert wird, aber in Summe ist „Fences“ ein exzellent gespieltes Drama mit leichten dramaturgischen Schwächen, das aber niemanden, der sich darauf einlässt, komplett kalt zurücklassen wird. Und: Smells like Oscar für Viola Davies. Wäre so etwas von verdient!


6,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Constantin)

Blue Valentine (2010)

Regie: Derek Cianfrance
Original-Titel: Blue Valentine
Erscheinungsjahr: 2010
Genre: Drama
IMDB-Link: Blue Valentine


Derek Cianfrance macht interessante Filme. Das lässt sich nach „Blue Valentine“ und „The Place Beyond the Pines“ schon sagen, und auch wenn er bei „The Light Between Oceans“ zu sehr in den Schmalztopf gegriffen hat, so ist er dennoch ein visuell und erzählerisch sehr starker und eigener Filmemacher, den ich auch in den nächsten Jahren intensiv auf dem Radar haben werde. Mit „Blue Valentine“ hatte er jedenfalls seinen ersten großen Erfolg. Michelle Williams und Ryan Gosling spielen darin ein Ehepaar, dem die Liebe abhanden gekommen ist. So etwas passiert. Und auch wenn die Anbahnung noch so romantisch und leidenschaftlich ist und zu Ukulele-Klängen getanzt wird, irgendwann ist eben die Luft draußen, und wenn dann zwei Menschen zusammen sind, die außer Ukulele und Tanz nicht viel verbindet, kann es eben nicht nur mühsam, sondern auch ziemlich schmerzhaft werden. „Bad Valentine“ ist die Antithese zu Rom-Coms und Feelgood-Filmen. Ein Paar, das sich diesen Film gemeinsam ansieht, muss schon sehr gefestigt sein. Als Single atmet man beim Ansehen vielleicht kurz durch, dass man es nicht selbst ist, der solche Agonien durchleiden muss – nur um im nächsten Moment frustriert zu sein, weil man nicht einmal einen Partner braucht, um sich so scheiße zu fühlen wie die beiden Eheleute im Film. Alles sehr schwierig. Ein Film, der viel vom Zuseher abverlangt und nicht mit hochprozentigem Alkohol und Schlaftabletten in Griffweite konsumiert werden sollte. Wenn man aber in der richtigen Stimmung dafür ist (zB weil man eine Stunde vorher noch „La La Land“ gesehen hat und eine Packung Gummibärchen geöffnet hat, während man einen motivierenden Spruch aus dem letzten Glückskeks liest), ist „Blue Valentine“ sehr gut gemachtes Erzählkino mit großartigen darstellerischen Leistungen, einem tollen Drehbuch und sehr lebensnahen Dialogen und Szenen. Ansehen auf eigene Gefahr.


7,5
von 10 Kürbissen

Wilde Maus (2017)

Regie: Josef Hader
Original-Titel: Wilde Maus
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Wilde Maus


Manchmal läuft es einfach g’schissen. Davon kann Georg (Josef Hader) ein Lied singen. Den Job als Musikkritiker bei einer renommierten Zeitung ist er aus Kosteneinspargründen los. Die junge Kollegin (Nora von Waldstätten), die von klassischer Musik keine Ahnung hat, kupfert still und heimlich ab, während sie die Betroffene spielt. Der eheliche Beischlaf verkommt aufgrund des Kinderwunsches seiner Ehefrau (Pia Hierzegger) zu einer Turnübung, die aber nicht die gewünschten Resultate zeigt. Die kleinen Rachefeldzüge gegen den ehemaligen Vorgesetzten (Jörg Hartmann) ufern irgendwie ein wenig aus. Und dass er seiner Frau nichts von seinem plötzlichen Freizeitüberfluss erzählt, macht die Geschichte auch nicht einfacher. Allein der ehemalige Schulkollege (Georg Friedrich), den er zufälligerweise im Wiener Prater wieder trifft und mit dem er eine Achterbahn, eben jene „Wilde Maus“ pachtet, bietet so etwas wie eine Rückzugsmöglichkeit für den gestressten Intellektuellen. Aber irgendwann bricht halt jedes Kartenhaus zusammen. Und nicht Georg fährt die Achterbahn, sondern das Leben fährt Achterbahn mit ihm.

„Wilde Maus“, das Regiedebüt von Josef Hader, der zudem auch das Drehbuch dafür verfasst hat, ist ein herrlich lakonischer Film über die kleinen und großen Schwierigkeiten des Lebens, über Rachegelüste, über den Versuch, Haltung zu bewahren und wie man zuweilen daran scheitert. Mit gewohnt stoischem Blick legt Josef Hader seinen Georg an, dem das Leben in den Händen zerbröselt. Großartig ist Georg Friedrich in seiner Paraderolle als Wiener Original – ich könnte ihm stundenlang zuschauen. Vielleicht mag der Film insgesamt ein wenig unentschlossen in seinen Nebenhandlungssträngen sein, die Lakonie liegt sicherlich auch nicht jedem, aber er ist ein sehr ehrlicher, unaufgeregter Film über die Probleme gewöhnlicher Menschen. Er dramatisiert nichts, spielt aber die Entscheidungen, die wie die Spiralen einer Achterbahn in den Abgrund führen, nicht hinunter. Nichts an diesem Film ist spektakulär, aber insgesamt ist er eine runde Angelegenheit und zeigt das Leben, wie es eben manchmal so ist. Eine Achterbahnfahrt mit offenem Ausgang, ob man während der Fahrt aus dem Wagen speibt oder trotz grünlicher Gesichtsfarbe bis zum Ende durchhält.


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen)

Die Hölle – Inferno (2017)

Regie: Stefan Ruzowitzky
Original-Titel: Die Hölle – Inferno
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Thriller
IMDB-Link: Die Hölle – Inferno


Mit Spannung wurde der neue Film von Oscarpreisträger Stefan Ruzowitzky erwartet. „Die Hölle“ soll ein knallharter Thriller made in Austria sein. Und es beginnt gleich mal vielversprechend: Die Taxifahrerin und Thaiboxerin Özge, die einige ungelöste Wutprobleme mit sich herumträgt, wird Augenzeugin eines bestialischen Mordes in der Wohnung gegenüber. Blöd nur, dass der Täter, der im Dunkeln bleibt, mitbekommt, dass Özge hinüberspechtelt. Der rassistische Polizist (gespielt von Tobias Moretti, der sichtlich Freude daran hat, mal das Arschloch zu sein) ist auch keine große Hilfe. Soll sie doch schauen, wo sie bleibt, notfalls zeigt man ihr halt, wie sie sich selbst verteidigen kann. Und natürlich – allmählich laufen die Dinge aus dem Ruder, und Özges Leben ist in Gefahr. Allerdings hat sie keinen Bock darauf, das Opferlamm zu sein, also packt sie selbst ordentlich mit an. Das ist auch die größte Stärke des Films neben der Milieuschilderung von Österreichern zweiter Generation: Özge ist kein Mädchen, das gerettet werden muss, sondern teil selbst kräftig aus, ohne dass aus dem Film ein Rache-Epos a la „Kill Bill“ wird. Das Setting bleibt realistisch. Gleichzeitig tappt der Film allerdings in so ziemlich jede Klischeefalle, die man sich vorstellen kann. Immer, wenn man meint: ‚Also, es wäre schon verdammt abgedroschen, wenn sie jetzt das bringen würden“, kann man schon einen Hunderter darauf verwetten, dass der Film im nächsten Moment genau das bringt. Jedes Mal. Und so ist „Die Hölle“ am Ende ein leider extrem uninspiriertes, manchmal sogar ziemlich dummes, aber nicht unspannendes Handwerksstück.


5,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Luna Filmverleih)