Lucky (2017)

Regie: John Carroll Lynch
Original-Titel: Lucky
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Lucky


Der Auftakt der diesjährigen Viennale ist ein ganz besonders intimer Film und gleich zu Beginn ein absolutes Highlight. „Lucky“ von John Carroll Lynch ist gleichermaßen eine Hommage an den im September verstorbenen Harry Dean Stanton wie auch dessen letztes großes Werk, mit dem der legendäre Nebendarsteller am Ende noch seinen großen Auftritt hat. Harry Dean Stanton ist Lucky. Lucky ist Harry Dean Stanton. Schwierig, die beiden auseinanderzuhalten, aber das ist auch gar nicht nötig. Eine Geschichte gibt es nicht wirklich. Lucky macht in der Früh seine Yoga-Übungen, bevor er sich eine Zigarette anzündet und durch die Kleinstadt in der Wüste schlendert. Er hat seine Rituale. Am Abend kippt er noch eine Bloody Mary in der Dorfkneipe und lauscht seinen Freunden, wie sie Geschichten erzählen über die Liebe und über Verlust. Es sind kleine existentialistische Schlaglichter, die John Carroll Lynch auf seinen Helden und dessen Umfeld wirft. Doch Lucky, der trotz seiner 90 Jahre und den vielen Zigaretten erstaunlich fit ist und auch im Krieg, obwohl er auf einem Panzerlandungsschiff, einem LST („Landing Ship Tank“, oder wie er es bezeichnet „Large Slow Target“), stationiert war, wie durch ein Wunder nie beschossen wurde, ein echter Glückspilz also, kippt eines Tages einfach um und stellt dabei fest, dass er alt ist. Der stoische Außenseiter, der generell ein wenig der Welt entrückt wirkt, wird plötzlich mit seiner eigenen Sterblichkeit konfrontiert und entdeckt etwas an sich, das ihm bis dato unbekannt war: Angst. Aber Lucky wäre nicht Lucky, wenn er sich nicht dennoch gleichmütig die nächste Zigarette anzünden und versuchen würde, das Beste aus seiner Situation zu machen. „Lucky“ ist ein warmherziger Film voller liebenswerter Figuren, und dennoch behandelt der Film – ohne Sentimentalität – die dringlichsten Fragen, denen wir uns alle ausgesetzt fühlen: Einsamkeit, Altern, dem Verschwinden. Was bleibt von uns, wenn die Momente, in denen wir existieren, übergehen in das große Nichts? Wie gehen wir damit um, dass letztlich alles bedeutungslos ist? Lucky findet seine Antworten, und wenn am Ende Harry Dean Stanton direkt in die Kamera lächelt, ist das etwas, das überdauern wird. Er dreht sich um und geht, und unsere Herzen gehen mit ihm.


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Polyfilm)

Happy End (2017)

Regie: Michael Haneke
Original-Titel: Happy End
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Satire
IMDB-Link: Happy End


Unbestritten ist Michael Haneke die Stimmungskanone unter den österreichischen Filmemachern. Allein schon seine Filmtitel lassen genügend Rückschlüsse zu, dass es bei Haneke immer etwas zu Lachen gibt und/oder man mit einem wohlig-sentimentalen Gefühl aus dem Kino geht: „Funny Games“. „Liebe“. Und nun das neueste Feelgood-Movie aus seiner Feder: „Happy End“. Darin geht es um eine bezaubernde Familie, die durch ein tragisches Ereignis noch enger zusammengeschweißt wird. Mit französischer Leichtigkeit wird hier eine Geschichte erzählt voller spannender Momente und Begegnungen, mit ein bisschen Prickeln und jeder Menge Charme. Was die Figuren betrifft, so wären da der lustige Großvater Georges (Jean-Louis Trintignant in einer seiner witzigsten Rollen), dessen Kinder Anne (Isabelle Huppert, herrlich überdreht) und Thomas (Mathieu Kassovitz als moralischer Anker in diesem Ensemble) und deren Kinder Pierre (ein gut gelaunter Franz Rogowski) und Eve (ganz entzückend und mit zum Schießen komischen Sprüchen: die junge Fantine Harduin). Leider – und das ist das tragische Ereignis zu Beginn – stirbt Eves Hamster, was der Kleinen ein wenig den Boden unter den Füßen wegzieht (was ganz verständlich ist). Ach ja, die Mutter stirbt auch – höchstwahrscheinlich vergiftet vom armen Kind. Eves Vater ist zum zweiten Mal verheiratet, hat ein kleines Baby und träumt davon, der geheimnisvollen Cellistin, mit der er, auf gut Wienerisch, ein fröhliches Gspusi unterhält, in den Mund zu pissen. Auf der Baustelle der Baufirma, die von Anne und ihrem Sohn Pierre geführt wird, kommt es zu einer kleinen Havarie, aber nichts, was man nicht mit Geld lösen kann. Und der Großvater will sich umbringen, nachdem er schon bei seiner Frau Sterbehilfe geleistet hat, schafft es aber irgendwie nicht, was für ein Tollpatsch! Hach, das ist alles so erbaulich und so lustig. „Happy End“ ist von Anfang bis Ende eine temporeiche und französisch-quirlige Komödie. Nur dass man da plötzlich auch noch so Flüchtlinge, ganz finstere Typen wortwörtlich, an der festlich gedeckten Tafel sitzen hat, hach, das hätte nun wirklich nicht sein müssen. Das ist ein Skandal. Was erlaubt sich der Haneke da? Aber weil der Rest so witzig war, verzeihen wir ihm auch diesen Ausrutscher und freuen uns schon auf seinen nächsten Film – der vielleicht mal eine Kindergeschichte behandeln könnte. Grinsender Smiley.


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen)

The Bad Batch (2016)

Regie: Ana Lily Amirpour
Original-Titel: The Bad Batch
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama, Horror, Thriller, Science Fiction
IMDB-Link: The Bad Batch


Ana Lily Amirpours erster Langfilm, „A Girl Walks Home Alone At Night“, eine feministische Schwarz-Weiß-Coming-of-Age-Vampir-Romanze, war eine Sensation. So war ich auch schon extrem gespannt auf ihr nächstes Werk, „The Bad Batch“, zumal sie dafür einige sehr namhafte Schauspieler gewinnen konnte (für zum Teil wirklich winzige Rollen): Jason Momoa. Keanu Reeves. Jim Carrey. Giovanni Ribisi. Diego Luna. Der Fokus liegt aber auf der von Suki Waterhouse gespielten Arlen. Der Film erzählt die Geschichte einer dystopischen Wüstenwelt, in der Menschen in zwei Kategorien fallen: Du frisst oder du wirst gefressen. Arlen hat zu Beginn das Pech, die Bekanntschaft mit der ersten Gruppe zu machen. Ein Arm und ein Bein müssen dran glauben, doch dann gelingt ihr die Flucht, und sie wird aufgenommen von einer Gemeinschaft in einer Stadt namens „Comfort“. Doch die beiden Welten vermischen sich bald wieder, als Arlen ein junges Kannibalen-Mädchen aufnimmt, deren Mutter sie erschossen hat. Und Papa macht sich bald auf den Weg.

„The Bad Batch“ ist vor allem eines: Seltsam. Die Welt, in der sich Arlen und der Zuseher wiederfindet, wird nicht näher erklärt. Die Motivationen der Menschen, ihre Handlungen, sind oft eine Zuspitzung unserer bestehenden Welt ins Degenerierte. Moral und Ethik scheinen auf unseren Werten aufzubauen, aber in manchen Punkten drastisch verschoben worden zu sein. Es wirkt, als hätte Ana Lily Amirpour den ganzen Dreck unserer Gesellschaft eingesammelt und daraus eine neue Welt gebastelt. Vergleiche mit „Mad Max“ sind durchaus zulässig. Im Grunde wirkt „The Bad Batch“ so, als wäre sie der Welt von „Mad Max“ entsprungen, quasi ein Seitenstrang der gleichen Geschichte, nur viel langsamer und noch rätselhafter. Oder aber man sehe sich einfach das Musikvideo „Sometimes I Feel So Deserted“ von den Chemical Brothers an – auch das spielt atmosphärisch im gleichen Umfeld. Da sich der Film aber nicht um Erklärungen bemüht, sondern ständig nur Fragen an den Zuseher zurückwirft, wirkt „The Bad Batch“ nicht ganz so stringent wie Amirpours Erstling „A Girl Walks Home Alone At Night“. Die Geschichte hat Längen, sie ist manchmal nicht einzuordnen und verstörend, manche Handlungsstränge sind – im Gesamten betrachtet – einfach nicht zwingend. Aber eine interessante Erfahrung ist „The Bad Batch“ aber allemal. Ein Film, der im Gedächtnis hängenbleibt.


6,5
von 10 Kürbissen

Borg/McEnroe (2017)

Regie: Janus Metz
Original-Titel: Borg/McEnroe
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Biopic, Sportfilm
IMDB-Link: Borg/McEnroe


Stellan Skarsgård, nicht zu verwechseln mit Bill Skarsgård, der gerade Pennywise in „Es“ spielt, nicht zu verwechseln mit Miss Moneypenny aus den Bond-Filmen, nicht zu verwechseln mit Borg, dem Björn Borg nämlich, nicht zu verwechseln mit dem Borg-Kollektiv, spielt den Trainer des schon erwähnten Björn Borg (Sverrir Guðnason), nicht zu verwechseln mit Brant Bjork, dem Sänger von Kyuss, nicht zu verwechseln mit KISS, der Band von Gene Simmons, nicht zu verwechseln mit Paul Simon von Simon & Garfunkel, auch wenn Art Garfunkel eine ähnliche Frisur hatte wie der junge John McEnroe (Shia LaBeouf), womit sich dieser Kreis wieder schließt. Doch manchmal können die kompliziertesten Dinge auf einen einfachen Nenner heruntergebrochen werden, und das gilt vor allem fürs Tennis, wo es einfach zwei Männer auf einem Feld gibt, die beide den letzten Punkt des Turniers für sich entscheiden möchten – it’s as easy as that. Der Weg dahin kann aber recht interessant und sehr unterschiedlich ausgestaltet sein. Da ist zum Einen der vierfache Wimbledon-Champion Björn Borg, die Nummer 1 der Welt, der „Ice-Borg“, der stoisch Gegner für Gegner vom Platz schießt und mit 24 Jahren auf dem Zenit seines Könnens angekommen zu sein scheint. Da ist zum Anderen der Herausforderer, der junge Heißsport John McEnroe, die Nummer 2 der Welt, ein Rüpel auf dem Platz, der trotz unbestrittenen Talents immer das Publikum gegen sich hat. Es macht sich halt nicht gut, wenn man ständig auf den Platz rotzt und nicht FSK12-freie Nettigkeiten mit dem Stuhlschiedsrichter austauscht. Unaufhaltsam steuern die beiden aufeinander zu – man wird sich im Finale begegnen.

Eine klassische Heldensaga hätte sich wohl auf den emotionalen, aufstrebenden Widersacher konzentriert, der sein Temperament nicht unter Kontrolle hat, aber so viel Talent besitzt, dass man es ihm zutraut, den eiskalten, vierfachen Champion aus Schweden in die Knie zu zwingen, wenn er nur den Kampf gegen sich selbst gewinnt. Und da geht „Borg/McEnroe“ einen überraschenden, aber interessanten Weg: Der Film konzentriert sich nämlich auf Borg und den immensen Druck, den er, der Liebling der Nation, als vierfacher Titelträger verspürt. Alle erwarten den fünften Titel in Serie von ihm, und unter der stoischen Oberfläche brodelt es. Er ist der tragische Held, der fast nur verlieren kann, denn selbst, wenn er gewinnt, hat er nur das Minimum erreicht. In Rückblenden zeigt Janus Metz, der Regisseur, einen impulsiven, heißblütigen Borg und erzählt, wie er überhaupt zu diesem stoischen Siegertypen werden konnte. Sein Gegenüber, John McEnroe, muss sich daher mit der zweiten Reihe begnügen. Darüber hinaus ist „Borg/McEnroe“ aber ein klassischer Sportfilm, der in einem epischen Finale gipfelt, das auch heute noch als eines der besten Tennisspiele der Geschichte bezeichnet wird. Was ein wenig seltsam wirkt (und wo der Film für mich etwas unglaubwürdig ist): Die meiste Zeit agieren Borg und McEnroe völlig losgelöst voneinander, als würden sie sich gar nicht kennen. Faktisch war aber das Wimbledon-Finale nur eines von vielen Spielen, das sie gegeneinander bestritten haben. Hier wurde der Dramaturgie willen die Realität ein wenig arg verborgen. Trotzdem ist „Borg/McEnroe“ dank guter Darstellerleistungen und eines interessanten Einblicks in die Psychologie einer lebenden Legende ein sehenswerter Film, auch für Nicht-Tennis-Fans.


6,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen)

Blade Runner 2049 (2017)

Regie: Denis Villeneuve
Original-Titel: Blade Runner 2049
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Science Fiction
IMDB-Link: Blade Runner 2049


Keinen anderen Film habe ich so sehr herbeigefürchtet wie „Blade Runner 2049“, das Sequel von Ridley Scotts Meisterwerk „Blade Runner“ aus dem Jahr 1982. Es gibt einige Filme, die ich als meine Lieblingsfilme bezeichnen würde, aber müsste ich einen davon herauspicken, es wäre „Blade Runner“. Die Nachricht, dass es nun 35 Jahre später eine Fortsetzung gibt, hat mich gleichzeitig hoffen und bangen lassen. Immerhin zeichnet Denis Villeneuve, der zuletzt das großartige „Arrival“ abgeliefert hat, für den Film verantwortlich – die Gefahr eines völligen Rohrkrepierers schien damit fürs Erste mal abgewendet zu sein. Aber man weiß ja nie. Und ein durchschnittlicher Solala-Blade Runner wäre ja auch maßlos enttäuschend, gemessen an der Vorlage.

Gleich mal vorab die gute Nachricht: Diese Sorgen waren völlig unbegründet. Natürlich – das Original bleibt in seiner visionären, philosophischen Dystopie unerreicht, aber dennoch macht „Blade Runner 2049“ so gut wie alles richtig. Er greift die Themen aus dem ersten Teil auf und denkt diese weiter und das alles in eine visuell eindrucksvolle Optik, die sichtbar dem Original huldigt, dabei aber die technischen Möglichkeiten der heutigen Zeit nutzt. „Blade Runner 2049“ fühlt sich genauso an wie der erste Film. Das kann man vielleicht als mangelnde Originalität bemäkeln, ich sehe es hingegen als Hommage und eben gelungene Fortführung. Und so finden sich auch viele Themen aus dem ersten Teil in „Blade Runner 2049“ gespiegelt, auch viele ganz eindeutige Anspielungen sind zu finden, die aber geschickt in die Story eingebaut sind. Ryan Gosling ist zudem die perfekte Besetzung. Ich weiß: Viele mögen ihn nicht allzu sehr und werfen ihm schauspielerische Eindimensionalität vor. Ich hingegen bin ein Fan, da er gerade durch seine stoische Ruhe eine unglaubliche Präsenz ausstrahlt, und die Emotionen im Kleinen zeigt, gut versteckt, man muss genau hinsehen, aber sie sind da. Gleich zu Beginn erfährt man, dass sein Detective K selbst ein Replikant ist, und sein zurückhaltendes Spiel passt hier sehr gut. Damit werden die Karten, die der erste Film auf den Tisch gelegt hat, gleich mal neu gemischt, und die Frage nach der Identität und dem Selbst aus einer neuen Perspektive beleuchtet. Keine Frage, „Blade Runner 2049“ fügt der Erzählung eine neue Facette hinzu. Dabei unterwandert der Film aber die Erwartungen der Zuseher und zeigt in vielen kleinen Details auf, dass man diese Fragen nicht mit Schwarz-Weiß-Antworten abtun kann. Sehr schön in diesem Zusammenhang das von Ana de Armas gespielte, sinnlich-naiv-verliebte Hologramm Joi mit einer Schlüsselszene ziemlich am Ende des Films. Und dann wäre da noch Harrison Ford, der erst spät dazu stößt, aber hey: Harrison Ford! Der macht jeden Film noch mal einen Tick besser. Allerdings ist „Blade Runner 2049“ sicherlich kein Film für jedermann. Zum Einen ist er mit fast drei Stunden Laufzeit wirklich lang, und dazu auch nicht allzu temporeich erzählt. Vielmehr entblättert er seine Themen Schicht für Schicht und nimmt sich Zeit für die Erkenntnisreise seiner Figuren, und das mag heutigen Sehgewohnheiten ein bisschen zuwiderlaufen. Zum Anderen erzählt er eben keine völlig neue Geschichte, sondern im Grunde die Geschichte aus dem ersten Film in einer neuen Perspektive weiter. Wem da die Zusammenhänge fehlen, wird wohl etwas weniger Vergnügen am Film haben. Und auch, wer bahnbrechend Neues erwartet, könnte hier enttäuscht sein. Aber für mich selbst als ganz großer Fan des ersten Films ist „Blade Runner 2049“ eine wirklich herausragende Fortsetzung, die den Geist des Originals gut einfängt, den Weg, den der Film vor 35 Jahren eingeschlagen hat, konsequent weitergeht, sich dabei immer wieder in Richtung des Meisterwerks von Ridley Scott verbeugt und dabei selbst zum Meisterwerk wird.

Ein Fun Fact im Übrigen: Da sehe ich mir den Film in Budapest an, und erst beim Abspann, als lauter ungarische Namen auftauche, bemerke ich, dass der Film zum größten Teil in Ungarn gedreht wurde, nämlich nur etwa 30 km westlich von Budapest.


9,0
von 10 Kürbissen

Es (2017)

Regie: Andrés Muschietti
Original-Titel: It
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Horror
IMDB-Link: It


Ich gebe es zu: Ich bin ein Schisser. Horrorfilme sind nur selten etwas für mich. Sie müssen augenzwinkernd oder zumindest mit einer klaren sozialkritischen Botschaft daherkommen, an der ich mich mit weißen Knöcheln festkrallen kann, und dürfen meinen Puls nicht mit zu  vielen Jump-Scares in die Höhe jagen. „Get Out“ war zuletzt so ein gelungenes Beispiel, oder auch der rasend komische Meta-Horror-Film „The Cabin in the Woods“, aber auch „28 Days Later“. Rasend komisch habe ich die Neuverfilmung „Es“ (gleich vorweg: Die 1990er-Verfilmung mit Tim Curry in der Rolle des Pennywise habe ich nie gesehen, denn: siehe erster Satz) nicht erwartet, und anhand des Trailers war klar: Hier wird mit Jump-Scares gearbeitet. Warum also habe ich mich freiwillig in einen dunklen Kinosaal gesetzt, um mir das dennoch anzusehen? Nun ja, es ist Stephen King. Und der Mann kann einfach etwas irrsinnig gut – abgesehen davon, die Leser zu Tode zu erschrecken. Denn das ist nämlich die Figurenzeichnung und das Aufwerfen der großen, existenziellen Fragen nach dem Aufwachsen, nach Freundschaft und Zugehörigkeit, nach der Rolle im Leben. So stammt die Vorlage von „Stand by Me“ auch aus seiner Feder. Und in gewisser Weise ist „Es“ in der Verfilmung von Andrés Muschietti eine Neu-Interpretation von „Stand by Me“, nur mit Gruselclown. Der Film erzählt eine Coming-of-Age-Geschichte, jedenfalls dieser erste Teil, der ausschließlich den Handlungsstrang der Kinder behandelt (der von den 50er-Jahren in die 80er-Jahre verlegt wurde, was sehr gut funktioniert). Mit der Chemie zwischen den Kinderdarstellern steht und fällt das Ganze aber auch. Und da macht „Es“ alles richtig. Jeder einzelne der Darsteller ist grandios gecastet, jeder spielt großartig, jeder hat seine würdigen Momente und ausreichend Screentime. Der Film ist im Grunde mehr an diesen Figuren und ihrer Freundschaft und ihrem Aufwachsen interessiert. „Es“ ist das Böse, das in eine Idylle hineinbricht, aber „Es“ ist auch das, was die Kinder letztlich zusammenschweißt und sie stärker macht. Bill Skarsgård legt seinen Pennywise facettenreich und diabolisch an, ein würdiger Gegenspieler für den Club der Verlierer, aber im Grunde hat weder der Schauspieler noch „Es“ eine Chance, gegen die Kinder anzukommen. Und das macht „Es“, jedenfalls den ersten Teil (der zweite soll 2019 ins Kino kommen), zu einem dann doch sehr optimistischen Film. Das kann sich auch ein Schisser wie ich ansehen, auch wenn es natürlich die dazugehörige Dosis Jump-Scares und gruseliger Momente gibt. Für Horror-Aficionados wird das vielleicht zu wenig sein, aber wer an einer guten Geschichte mit lebensnahen Figuren interessiert ist, ist mit „Es“ gut bedient.


7,5
von 10 Kürbissen

Wir töten Stella (2017)

Regie: Julian Roman Pölsler
Original-Titel: Wir töten Stella
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama
IMDB-Link: Wir töten Stella


Ob ihr bekanntester Roman „Die Wand“, ihre zahlreichen Kurzgeschichten oder eben die Novelle „Wir töten Stella“ – Marlen Haushofers Prosa zeichnet sich stets durch eine präzise, klare Sprache aus, die das Offensichtliche als Fassade nimmt, um über subtile Zwischentöne den eigentlichen Inhalt zu vermitteln. In „Wir töten Stella“ sind es die Fragen der Passivität und dadurch entstehenden Mitschuld am Verbrechen, die über die Geschichte einer Beziehungskrise und eines Ehebruchs verhandelt werden. Julian Pölslers Verfilmung versucht, sich diesen Zwischentönen durch grellen Symbolismus und Durchbrechung der realistischen Ebene mit dem Mittel der Verfremdung zu nähern. Horrorelemente werden in die Geschichte eingebaut, um darüber die Zwischenebene der Schuldfrage sichtbar zu machen. Das Offensichtliche, die realistische Ebene also, wird hierbei in den Hintergrund gedrängt, was den Film sehr artifiziell wirken lässt. So eine Künstlichkeit und das Erzählen einer Geschichte über die Ebene der Symbole und Metaphern kann ja ganz wunderbar sein, wenn es denn gut gemacht ist. Wenn man mit einem Holzhammer auf sein Publikum einprügelt und dabei vergisst, die eigentliche Geschichte zu erzählen, hat man allerdings in der Regel ein Problem. Und genau das passiert hier. Der Ursprung des Problems dieser Verfilmung scheint zu sein, dass sich Pölsler vorgenommen hat, der literarischen Bedeutung Haushofers gerecht zu werden, indem er sich um einen möglichst kunstsinnigen, überhöhten Zugang bemüht. Dabei kann die Geschichte aber auch sehr einfach und klar erzählt werden – wie es Haushofer selbst tut – und die Interpretation der Zwischentöne bleibt dem Publikum überlassen. Jede Zeile Haushofers scheint aber ins Extremste ausgewalzt und mit bedeutungsschwangerer klassischer Musik und verfremdeten Geräuschen unterlegt zu sein, das (Mit)Denken des Zusehers wird durch dieses Feuerwerk an Symbolismus eher unterdrückt als gefördert. Dazu kommt, dass ich dem Regisseur nicht abkaufe, sich in dem gehobenen bürgerlichen Milieu wirklich wohlzufühlen. Ist es wirklich so, dass der Vater vom Sohn noch immer mit „Herr Papá“ angesprochen wird? Dass die scheinbar einzige Freizeitbeschäftigung solcher Familien im Trinken von Rotwein und dem Hören der Musik von Johann Sebastian Bach besteht? Dass das Familienoberhaupt auch privat nur Anzug trägt und nicht die kleinste Gefühlsregung zeigt? Hier fehlt es an Lebensnähe, und das liegt nicht an der Vorlage, die diesbezüglich weit mehr Spielraum zulässt. Auch das Schauspiel ist oft hölzern und schlicht und ergreifend schlecht – Martina Gedeck in der Hauptrolle ausgenommen, die zwar auch sehr zurückhaltend, aber nuanciert spielt. Das alles führt dazu, dass sich der Film unwirklich und damit irrelevant anfühlt. (Ohne zu spoilern, denn der Schluss wird gleich zu Beginn erzählt:) Am Ende ist Stella tot. Der Film aber auch.


4,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Thimfilm)

Engel der Verlorenen (1948)

Regie: Akira Kurosawa
Original-Titel: Yoidore Tenshi
Erscheinungsjahr: 1948
Genre: Drama
IMDB-Link: Yoidore Tenshi


Martin Scorsese und Leonardo DiCaprio. Quentin Tarantino und Christoph Waltz. Ingmar Bergman und Liv Ullmann. Akira Kurosawa und Toshirō Mifune. Matches made in Heaven. Mit Kurosawa und Mifune ging es los mit dem Drama „Engel der Verlorenen“, wobei der Engel in diesem Fall selbst ein Verlorener ist, die wortgetreue Übersetzung „Der trunkene Engel“ also wohl besser gepasst hätte. Es geht um den Arzt Sanada (Takashi Shimura), der im Armenviertel seinen Dienst verrichtet an jenen, die sich sonst keine medizinische Versorgung leisten können. Vor allem die fast unaufhaltsame Tuberkulose macht den Menschen hier schwer zu schaffen. Sanada ist zum zynischen Trinker geworden – ein einsamer Wolf, der seine Patienten zwar anbellt, aber heilt, statt sie zu beißen. Sanada ist ein sehr ambivalenter Charakter, mürrisch, unsympathisch, aber durch sein Handeln zeigt sich seine eigentliche Natur, er hat ein gutes Herz. Und so gibt er auch nicht auf, als eines Tages der verletzte Gangster Matsunaga (Toshirō Mifune) in seiner Praxis steht, bei dem er Anzeichen der Tuberkulose zu erkennen glaubt, wovon sein Patient allerdings nichts wissen will. In der rauen Welt der kriminellen Clans darf man sich keine Schwäche erlauben. Doch Sanaga lässt nicht locker, stellt dem Gangster nach, versucht ihn zu überzeugen. Es entspinnt sich ein Zweikampf zwischen dem Retter wider Willen und dem Gegenpart, der seine Rettung verweigert. Diese ungewöhnliche Konstellation birgt allerhand psychologische Spannung in sich, die Kurosawa geschickt ausspielt. So benötigt der Film einige Zeit, um den Zuseher zu packen, da es eben zu Beginn an Identifikationsfiguren mangelt – jeder ist hier erst einmal unsympathisch und hysterisch auf den ersten Blick – doch nach und nach zieht Kurosawa seine Schrauben fester an, und gebannt verfolgt man diesem Krieg der Worte und Gesten, den Kampf um nicht eine, sondern gleich zwei gefallene Seelen. Natürlich sieht man dem Film sein Alter an, beispielsweise auch beim Overacting der Akteure. Doch Kurosawas erster Film, bei dem er volle Kontrolle über die Entstehung hatte, ist inhaltlich erstaunlich modern und weiß auch heute noch zu packen.


7,5
von 10 Kürbissen

Cleopatra (1963)

Regie: Joseph L. Mankiewicz
Original-Titel: Cleopatra
Erscheinungsjahr: 1963
Genre: Historienfilm
IMDB-Link: Cleopatra


Vier Stunden. Darauf muss man sich einstellen, wenn man die DVD oder Blu-Ray von „Cleopatra“ einwirft oder auf sonstigen dubiosen Kanälen diesen Historienschinken startet. Man hat wahrlich nicht gekleckert – weder bei den farbenprächtigen Kostümen noch bei den imposanten Bauten noch eben bei der Laufzeit. Als cineastische Zwischenjause ist das Werk von Joseph L. Mankiewicz, zum Zeitpunkt des Entstehens der teuerste Film aller Zeiten, nicht geeignet. Die Geschichte sollte bekannt sein, wenn nicht in der Schule jede Geschichtsstunde den schülerautonom freien Tagen zum Opfer gefallen ist. Für alle, die eine Auffrischung brauchen: Cäsar (der Julius, wie man aus den Asterix-Comics weiß) bandelt mit Cleopatra an (die mit der schönen Nase, ebendort), Julius wird gemeuchelt, Cleopatra bandelt mit Marcus Antonius an, der sucht Zoff mit Cäsars Nachfolger Octavian, doch seine Schiffe werden im Meer versenkt, er stürzt sich ins Schwert, Cleopatra spielt mit ihrem Haustier, Ende gut, alle tot. Gleich mal ein erster Hinweis auf die Filmabendtauglichkeit des Historienschinkens: Ich habe keine vier Stunden gebraucht, um diese Geschichte zu erzählen. Sprich: Was „Cleopatra“ vor allen Dingen ist, das ist lang. Um historische Genauigkeit bemüht, erzählt der Film die Handlungen seiner Figuren wirklich sehr exakt nach, bis zur Ermüdung teilweise. Das Problem bei der ganzen Sache ist, dass die handelnden Figuren eben nur handeln, aber sie lassen Tiefe, innere Motivation und wahre Konflikte vermissen. So ist „Cleopatra“ bei allen Bemühungen um monumentale Unterhaltung im Grunde nur eine Nacherzählung der historischen Ereignisse. Allein Rex Harrison als Cäsar kann hin und wieder so etwas wie Tiefe erkennen lassen. Liz Taylor ist zwar eine Augenweide, aber ihre Cleopatra ist (charakterlich) so flach wie ein Papyrus, und was Richard Burton dazu befähigen soll, einen interessanten Marcus Antonius darzustellen, darüber wird wohl heute noch in Fachkreisen gerätselt. Und habe ich schon einmal erwähnt, dass der Film lang ist? Also so richtig, richtig lang? Unterm Strich ist „Cleopatra“ zwar ein beachtlicher Versuch, etwas Großes auf die Beine zu stellen, und man merkt dem Film in vielen Aspekten wie eben der Ausstattung an, dass da richtig viel Kohle hineingesteckt wurde, und diese Aspekte unterhalten auch, aber man darf halt nicht auf das Wichtigste vergessen – interessante Charaktere. Und so wird sich wohl kaum jemand diese vier Stunden noch einmal gönnen, wenn er erst einmal durch ist. Dann also doch lieber Asterix.


5,5
von 10 Kürbissen

Logan Lucky (2017)

Regie: Steven Soderbergh
Original-Titel: Logan Lucky
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Komödie, Krimi
IMDB-Link: Logan Lucky


Manchmal hat man einfach ein Pech. So wie die Brüder Clyde und Jimmy Logan (Adam Driver und Channing Tatum), in deren Leben so ziemlich alles schief geht. Was also tun, wenn die Geldsorgen immer größer werden und man gerade mal wieder aus einem Job entlassen wurde? Klar – einfach mal den größten Raub der Geschichte durchziehen, denn was soll denn schon schief gehen? Mit dem legendären Tresorknacker Joe Bank (Daniel Craig in seiner bislang wohl ungewöhnlichsten Rolle), zwei dauerbekifften Dumpfbacken und der Schwester im Team wird es ja wohl kein Problem sein, die Rennstrecke, die das wichtigste NASCAR-Rennen des Jahres veranstaltet, ausgerechnet am Rennwochenende zu beklauen. Dass Joe Bank wegen seines letzten krummen Dings noch ein paar Wochen abzusitzen hat, nämlich genau dann, wenn der Raub stattfinden soll, sind nur unbedeutende Hindernisse auf dem Weg ins Glück. Und so nimmt ein irrwitziger Plan allmählich Formen an.

„Logan Lucky“, der neueste Streich von Steven Soderbergh, ist ein unglaublich gut geschriebener und gespielter Blick auf das untere Drittel der amerikanischen Mittelschicht, ein durchaus wohlwollender Blick eines Regisseurs, der genau hinsieht und sich bemüht, seine Figuren ernst zu nehmen. Die Story ist richtig gut, und stellenweise ist das Ding enorm witzig. Allerdings hat Soderbergh sein ganz eigenes Timing. Und gerade das wird „Logan Lucky“ absurderweise ein wenig zum Verhängnis. Absurderweise nämlich deswegen, weil die realistische Darstellung der witzigen bis aberwitzigen Situationen die für Komödien so wichtige Situationskomik unterlaufen. Die Situationen sind immer noch amüsant, phasenweise zum Brüllen komisch, aber dadurch, dass Soderbergh fast gänzlich auf Tempo bei seinen Pointen und das Mittel der Zuspitzung verzichtet, geht dem Film ziemlich an Drive verloren. Auf der einen Seite kann man nun sagen: Ein toller, realistischer und dennoch witziger Film. Auf der anderen Seite wird dadurch auch das Potential verschenkt, das „Logan Lucky“ zur vielleicht besten Komödie des Jahres hätte machen können.


6,5
von 10 Kürbissen