Alles Geld der Welt (2017)

Regie: Ridley Scott
Original-Titel: All the Money in the World
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Biopic, Krimi, Historienfilm, Thriller
IMDB-Link: All the Money in the World


Ridley Scott ist einer meiner persönlichen Säulenheiligen des Filmschaffens. Mit „Blade Runner“ hat er meinen absoluten Lieblingsfilm gedreht. Mit „Thelma & Louise“, „Gladiator“ und „Alien“ drei weitere absolute Meisterwerke, die ganze Genres begründet oder neu definiert haben. Dazu kommen Filme wie „Königreich der Himmel“, „White Squall“, „Ein gutes Jahr“ oder „Der Marsianer“ – Filme, die ich ebenfalls sehr mag und unheimlich gerne sehe, auch wenn sie vielleicht geringfügige Schwächen aufweisen. Um es kurz zu machen: Der Mann kann wirklich etwas und zählt wohl zu den einflussreichsten Regisseuren der letzten fünfzig Jahre. Sein neuestes Werk „All the Money in the World“ beschäftigt sich nun mit der Entführung von Paul Getty III (Charlie Plummer), dem Enkelsohn des damals reichsten Mannes der Welt (bzw. sogar der Geschichte, da er der erste Milliardär überhaupt war), J. P. Getty (Christopher Plummer). 1973 wird Paul Getty in Rom entführt. Die Lösegeldforderung: 17 Millionen Dollar. Peanuts für einen Getty. Dieser allerdings hockt so sehr auf seinem Geld, dass Dagobert Duck daneben wie der freigiebigste Philanthrop aller Zeiten wirkt. „Ich habe vierzehn Enkelkinder. Würde ich nur einen Penny bezahlen, hätte ich bald vierzehn entführte Enkelkinder.“ So sein Statement vor der Presse, obwohl Paul zu seinen Lieblingen zählt. Pauls Mutter Gail (Michelle Williams), geschieden von ihrem im Drogensumpf versunkenen Getty, hat selbst kein Geld. Und das Verhältnis zum Alten ist – gelinde gesagt – kühl. Dieser engagiert zumindest den ehemaligen Geheimagenten Fletcher Chase (Mark Wahlberg), einem Meister der Verhandlungen. Dieser soll Gail zur Seite stehen und den Jungen raushauen. Eine fatale Fehleinschätzung führt aber dazu, dass sich die Lage dramatisch zuspitzt. Der Stoff von „All the Money in the World“ verspricht Spannung und große Emotionen. Was der Film allerdings nicht bietet, sind Spannung und große Emotionen. Es ist fast schon erschütternd in Anbetracht von Scotts Œuvre, wie belanglos der Film vor sich hin plätschert und dabei auch noch massive Schwierigkeiten offenbart, einen eigenen Rhythmus zu entwickeln. Die kalte, aalglatte Welt der Superreichen wirkt sich negativ auf den Film aus, an dem die an sich dramatische Geschichte abperlt wie von Teflon. Christopher Plummer mit einigen wenigen guten Szenen kann auch nicht mehr viel retten. Vor allem nicht, wenn er neben einem Mark Wahlberg spielen muss, der sich mit einem einzigen Gesichtsausdruck, nämlich gelangweilt, durch die über zwei Stunden schummelt. Wahlberg war großartig in „The Departed“, aber die dortige Rolle darf wohl als einmalige Sternstunde zu den Akten gelegt werden. Michelle Williams bemüht sich nach Kräften, aber auch ihr wird nicht viel Raum gelassen für Emotionen. Und so ist „All the Money in the World“ leider als ein Tiefpunkt in Ridley Scotts Schaffen zu bezeichnen: Unrhythmisch, dramaturgisch schwach und schlicht langweilig. Ein paar gute Szenen, in denen Scott zeigt, dass er es eigentlich doch könnte (Stichwort: Ohr), retten dem Film noch magere vier Pünktchen in der Bewertung.


4,0
von 10 Kürbissen

Shape of Water – Das Flüstern des Wassers (2017)

Regie: Guillermo del Toro
Original-Titel: The Shape of Water
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Fantasy, Liebesfilm
IMDB-Link: The Shape of Water


„I come from the water / That weren’t no easy thing / It’s more like nature / It’s like my destiny“. Das sangen die Toadies 1994. Das Reptilienwesen aus Guillermo del Toros Oscar-Favoriten „The Shape of Water“ hätte den Song vielleicht auch gemocht. Vielleicht aber auch nicht. Schwer einzuschätzen, wie überhaupt alles, was dieses Wesen betrifft: dessen Herkunft (irgendwo aus dem Amazonas), dessen Fähigkeiten (auch wenn manche davon im Laufe des Films offenbart werden und sich als recht nützlich erweisen), dessen Ziele. Vorerst scheint es glücklich damit zu sein, nicht vom sadistischen Regierungsbeamten Strickland (Michael Shannon) malträtiert zu werden. Die stumme Reinigungskraft Elisa (Sally Hawkins) rennt da mit ihrer zärtlichen Fürsorge offene Türen ein. Sie erkennt eine verwandte Seele in diesem Wesen, und als sie hört, dass Ungemach droht, beschließt sie, mit Hilfe ihres Nachbars Giles (Richard Jenkins), ihrer Kollegin Zelda (Octavia Spencer, beide mit Oscarnominierungen bedacht) und des spionierenden russischen Wissenschaftlers Dr. Hoffstetler (Michael Stuhlbarg) das Schicksal in die Hand bzw. Flosse zu nehmen. „The Shape of Water“ ist ein Film, der offenbar entweder restlos begeistert oder völlig ratlos zurücklässt, wenn man die bisherigen Kritiken dazu liest – wobei die begeisterten Stimmen allerdings ganz klar in der Überzahl sind. Das moderne Märchen, denn das wäre tatsächlich die passendste Genrebeschreibung, ist vor allem handwerklich überaus gelungen. Die Ausstattung, die Musik (die ein wenig an „Die fabelhafte Welt der Amélie“ erinnert), die Kamera und natürlich das herausragende Spiel von Sally Hawkins (völlig zurecht für den Oscar nominiert und wäre da nicht die ebenfalls grandiose Frances McDormand, es wäre wohl ein sicherer Gewinn) sind die ganz großen Pluspunkte des Films in meinen Augen. „The Shape of Water“ ist ein wirklich schöner Film, dem man die Liebe zum Detail anmerkt, die Guillermo del Toro in allen Belangen aufgebracht hat. (Der Oscar-Gewinn für die beste Regie ist wohl nur noch Formsache.) Allerdings hat mich die Geschichte selbst leider nicht berührt. Die Gründe für die Handlungen der Figuren haben sich mir kaum erschlossen, auch die große Liebesromanze ist zwar schön anzusehen, wird aber im Grunde nur behauptet. Was mich allerdings richtig gestört hat: Dass das Böse (in Person von Strickland) völlig eindimensional ist – selbst die eine oder andere Andeutung einer häuslichen Szene bestärkt die Widerlichkeit von Strickland eher noch, als dass sie der Figur neue Facetten hinzufügen könnte. Das führt dazu, dass ich „The Shape of Water“ zwar gern gesehen habe, aber dem großen Lobgesang kann ich mich nur bedingt anschließen. Auf der handwerklichen Ebene: Ja, unbedingt. Die Story allerdings hat mich nicht zur Gänze überzeugt.


7,0
von 10 Kürbissen

Die Verlegerin (2017)

Regie: Steven Spielberg
Original-Titel: The Post
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Biopic, Drama, Historienfilm
IMDB-Link: The Post


Katharine Graham (Meryl Streep), genannt „Kay“, war eine coole Socke. 35 Jahre lang war sie Geschäftsführerin der Washington Post und als solche die erste Frau in dieser Position in ihrer Branche, und sie machte aus der Post durch die Aufdeckung der Pentagon-Papers 1971 und der darauf folgenden Watergate-Affäre ein international renommiertes Blatt. Man sollte an dieser Stelle nun den Hut ziehen, sofern man einen trägt. Steven Spielberg hat dieser einflussreichen Frau nun mit „The Post“ ein Denkmal gesetzt. Daran ist gleich einmal positiv zu vermerken, dass der Film keine überzeichnete Heldenverehrung betreibt, sondern Kay Graham als verletzliche, unsichere und durch die Konventionen ihrer Zeit (Stichwort: „Mansplaining“) in ihren Möglichkeiten eingeschränkte Frau zeigt. Gleichzeitig ist sie unglaublich tough, da sie sich einem fast ausschließlich männlichen und ihr durchaus feindlich gesinnten Umfeld behaupten muss und folgenschwere Entscheidungen zu treffen hat. Die Veröffentlichung der streng geheimen Pentagon-Papers, und das ist das zentrale Thema des Films, könnte nämlich bereits der viel größeren und wichtigeren New York Times Kopf und Kragen kosten, denn US-Präsident Nixon hat naturgemäß keine Freude mit der Veröffentlichung der Dokumente, die belegen, dass der Vietnam-Krieg von Anfang an als verloren galt, was der Bevölkerung aber natürlich von der Regierung verschwiegen wurde. Einen Großteil seiner Zeit widmet der Film der Jagd nach den Quellen der Pentagon-Papers und dem Konflikt, in dem sich Chefredakteur Ben Bradlee (Tom Hanks mal wieder in einer Tom Hanks-Rolle) und damit auch Kay Graham befinden. Denn wenn die Quelle und damit die Papers aufgefunden werden, ist die Frage zu beantworten: Veröffentlichen – ja oder nein? Im schlimmsten Fall wird Bradlee seinen Job los, und Kay wandert hinter schwedische Gardinen. Wie gesagt, die Regierung reagiert auf die öffentliche Zurschaustellung ihrer Inkompetenz in der Regel eh leicht säuerlich, und Nixon ist da noch mal ein weitaus gefährlicherer Gegner als die Administrationen vor ihm. Hier geht es schließlich um Regierungsgeheimnisse, die dem Volk unter die Nase gerieben werden. Was also tun? Der Film fokussiert dabei hauptsächlich auf die unterschiedlichen Herangehensweisen von Bradlee und Graham. Beide haben hier eigene Standpunkte und natürlich auch auseinandergehende Interessen. Für Graham geht es auch um den Fortbestand des Lebenswerkes ihrer Familie, für Bradlee um die Pressefreiheit per se, was natürlich für Graham auch ein gewichtiges Argument ist, aber sie hat eben auch noch andere Konsequenzen zu berücksichtigen. Den Konflikt, in dem sich die Verlegerin befindet, stellt Meryl Streep wie immer überragend dar. Sie ist einfach die Beste ihrer Zunft. Und auch der ganz große Pluspunkt des Films. Denn dieser ist zwar durchaus als gelungen zu betrachten, allerdings in seiner Inszenierung durch Spielberg fast schon zu routiniert für meinen Geschmack. Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass eine Szene aus dem Vietnamkrieg selbstverständlich musikalisch mit Creedence Clearwater Revival unterlegt sein muss. Ich liebe CCR, aber seit „Forrest Gump“ scheint Hollywood der Meinung zu sein, dass das die einzige Musik ist, die man zu Vietnamkriegsszenen einspielen kann. Und auch dramaturgisch ist in „The Post“ nicht viel Überraschendes dabei. Wie gesagt: Alles sehr gut gelungen, aber auch alles sehr routiniert abgearbeitet. Mit Ausnahme von Meryl Streep, die einmal mehr eine denkwürdige und facettenreiche Figur auf die Leinwand zaubert.


6,5
von 10 Kürbissen

Black Panther (2018)

Regie: Ryan Coogler
Original-Titel: Black Panther
Erscheinungsjahr: 2018
Genre:  Abenteuerfilm, Action, Fantasy, Science Fiction
IMDB-Link: Black Panther


Ich habe eine schwarze Miezekatze zuhause. Sie hört (nicht) auf den Namen Clarisse, und ich halte es durchaus für möglich, dass sie sich nächtens aus der Wohnung schleicht, um im Königreich Wakanda die Bösen aufzumischen. Das Gegenteil beweisen kann ich nicht. So muss ich Ryan Coogler vertrauen. Und der sagt mir: Black Panther, das ist Wakandas neuer König T’Challa (Chadwick Boseman). Und der hat erst einmal ein paar Probleme. Sein Vater hat im letzten Captain America-Film den Löffel abgegeben, und nun muss eben der Sohnemann zwangsläufig das Szepter schwingen. Zuerst aber muss er sich in einem archaischen Gedresche gegen einen Widersacher behaupten. Kaum hat er das erledigt, gibt’s innerwakandische Konflikte zu lösen, da sich ein Usurpator (Michael B. Jordan, das B. ist in diesem Fall aufgrund von Verwechslungsgefahr nicht wegzulassen) in Abwesenheit der Samtpfote aufschwingt, um das technologisch weit entwickelte, aber von der Außenwelt freiwillig abgeschottete Königreich zu übernehmen und auf die Landkarten dieser Welt zu bringen. Befreiung der Schwarzen, das klingt ja erst einmal nach einem hehren Ziel. Nur über die Mittel, die dem Bösewicht im Sinne stehen, lässt sich trefflich diskutieren, denn alle Weißen wegballern mag zielführend sein, aber moralische Diskurse gewinnt man damit nicht. So sieht das auch T’Challa, der mit Hilfe einiger sehr starker Mädels in seinen Reihen dem entgegentritt. Oder sagen wir so: Während T’Challa ein Schläfchen macht, machen sich die Damen auf den Weg, den Tag zu retten. Da wären wir auch schon bei einem der Aspekte, die ich an diesem Film sehr feiere: Starke Frauenfiguren, und zwar uneingeschränkt und ohne, dass man ständig darauf hinweisen müsste. Sie sind einfach tough, und das passt schon so. Auch schön ist natürlich, dass es mal einen ethnisch diversen Superhelden gibt, der auch in Afrika verwurzelt ist und sich dort behaupten darf/muss. Gleichzeitig aber knüpft daran einer meiner beiden hauptsächlichen Kritikpunkte an, weshalb der Film – bei mir – dann doch nicht so ganz gezündet hat: Mir ist klar, dass hier auf das kulturelle Erbe des Kontinents verwiesen werden soll, das als Säule für den spannend dargestellten Afrofuturismus dient. Ich habe aber das Gefühl, dass sich die Darstellung von Tradition und afrikanischem Erbe auf eine Ansammlung von Klischees beschränkt. Was verwundert, denn mit Ryan Coogler sitzt einer der spannendsten schwarzen Regisseure der Gegenwart auf dem Regiestuhl. Der zweite Kritikpunkt betrifft die Story selbst, die dem üblichen Superheldenmuster folgt und kaum bis gar keine Überraschungen für jene bereit hält, die mehr als zwei Marvel- bzw. Superheldenfilme kennen. Da hätte man mehr daraus machen können. Es ist gut, dass es den Film gibt, und wichtig, dass er einen solchen Erfolg feiert, aber dennoch wurden – in manchen Aspekten – ein paar Chancen liegengelassen. So ist „Black Panther“ für mich ein guter, aber kein großartiger Film.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 63 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


6,0
von 10 Kürbissen

Mudbound (2017)

Regie: Dee Rees
Original-Titel: Mudbound
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama
IMDB-Link: Mudbound


Mit diesem Film wurde Geschichte geschrieben: Zum ersten Mal überhaupt wurde mit Rachel Morrison eine Frau für den Oscar für die beste Kamera nominiert. Und das ist mehr als gerechtfertigt, wenn man sich die einprägsamen Bilder von „Mudbound“ ansieht. In diesem Südstaatendrama geht es um Rassismus, eine Dreiecksbeziehung und das harte Leben auf der Farm. Es geht um Ungerechtigkeit, um Verachtung, aber auch um prägende Momente im Leben, die einen als Mensch verändern. Wie die beiden nach Hause zurückgekehrten Kriegsveteranen Jamie (Garrett Hedlund) und Ronsel (Jason Mitchell). Beide haben gekämpft, Jamie in der Luft, Ronsel am Boden im Panzer, beide sind Kriegshelden, die das Meiste von dem, was sie gesehen und erlebt haben, am liebsten vergessen würden. Die beiden Männer finden in ihren Traumata zueinander. Das Problem: Jamie ist weiß, Ronsel schwarz, und es sind die Vierzigerjahre im tiefsten Süden der USA, wo Rassismus nicht nur Alltag ist, sondern regelrecht zelebriert wird. Es wird rasch klar, dass sich hier Konflikte ergeben, die sich in weiterer Folge massiv zuspitzen, und dass „Mudbound“ kein Feelgood-Buddy-Movie werden wird. In diese ohnehin schon wichtige Geschichte eingebettet ist noch die Story von Jamie, seinem Bruder Henry (Jason Clarke) und dessen Frau Laura (Carey Mulligan), die sich das Leben mit Henry so ganz anders vorgestellt hätte, als es letztlich auf der schlammigen, schmutzigen Farm eingetreten ist. Und daran schließt mein größter Kritikpunkt an einem ansonsten sehr guten und stimmigen und sehenswerten Film an: Diese Beziehungsgeschichte verlangsamt den Film und lenkt ein wenig von den eigentlich wichtigen und tragenden Themen ab. So benötigt „Mudbound“ auch eine Spieldauer von über zwei Stunden, um all seine Geschichten rund um das Figurengeflecht unterzukriegen, wobei letztlich eigentlich nur die Beziehung von Jamie und Ronsel von tatsächlicher Relevanz ist. So wirkt der Film phasenweise ein wenig unfokussiert. Dennoch ist „Mudbound“ richtig gut, und man sollte ihn gesehen haben – sofern man über einen Netflix-Account verfügt, da es sich hierbei um eine Netflix-Eigenproduktion handelt. Wäre es das nicht, hätte ich diesen Film eigentlich auch unter den Oscarnominierungen für den besten Film erwartet. Aber Streaming-Dienste wie Netflix oder Amazon werden von der Academy noch etwas stiefmütterlich behandelt trotz der großartigen Qualität, die sie oft liefern. Aber Filme wie „Mudbound“ bereiten definitiv den Weg für die nächsten Jahre.


7,0
von 10 Kürbissen

Madeline’s Madeline (2018)

Regie: Josephine Decker
Original-Titel: Madeline’s Madeline
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama
IMDB-Link: Madeline’s Madeline


Ich muss zugeben: Die erste halbe Stunde von „Madeline’s Madeline“ fand ich einfach nur furchtbar nervig. Ich dachte, ich hätte mein Berlinale-Lowlight mit dem letzten gesichteten Film nun tatsächlich gefunden bzw. noch einmal unterboten. Dann jedoch begriff ich etwas: In „Madeline’s Madeline“ sind ausnahmslos alle Protagonistinnen und Protagonisten völlig irre. Nicht nur die 16jährige Titelfigur Madeline, die Schauspielerin sein möchte, dabei aber in ihrer geistigen bzw. seelischen Erkrankung immer wieder getriggert wird, sondern wirklich alle. Ohne Ausnahme. Alle gaga. Die überfürsorgliche Mutter, die Madeline nicht unter Kontrolle hat und auf sie reagiert wie ein verletztes, trotziges Kind. Die schwangere Projektleiterin am Theater, die ihre fehlende Autorität durch anbiederndes, unpassendes Verhalten kompensieren möchte. Die Schauspielkolleginnen und -kollegen, die merken, dass etwas total aus dem Ruder läuft, aber nichts dagegen tun – im Gegenteil, die Situation noch einmal verschärfen. Alle haben einen veritablen Dachschaden, und so schaukelt sich das Ganze zu einem wahnsinnigen emotionalen Chaos hoch, bei dem Madeline in ihrem Verhalten noch mal bestärkt wird. Am Ende wird die ganze Geschichte zu einem surrealistischen Machtkampf, und man weiß gar nicht, was man sich dafür als Ergebnis wünschen sollte. Aber sobald man begriffen hat, dass „Madeline’s Madeline“ ein eineinhalbstündiges Ausleben sämtlicher denkbarer und undenkbarer Neurosen auf allen Ebenen ist, kann man richtig Spaß haben mit dem Film. Denn dann sieht man Egos, die ungebremst aufeinander knallen, und man hört Worte, die messerscharf durch Seelen schneiden. Ein wirklich interessanter Film, der aber auch richtig nerven kann.


6,5
von 10 Kürbissen

(Foto: (c) Ashley Connor)

Facing the Wind (2018)

Regie: Meritxell Colell Aparicio
Original-Titel: Con el Viento
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama
IMDB-Link: Con el Viento


Die in Argentinien lebende Tänzerin Mónica erfährt, dass ihr Vater in Kastilien im Sterben liegt. Sofort reist sie los, um ihn zu sehen, kommt aber zu spät. Sie bleibt für die nächsten Wochen bei ihrer Mutter, die mit dem Schicksalsschlag erstaunlich gut und gefasst umgeht, und die das Haus verkaufen möchte, das ihr nun einerseits zu groß geworden ist und andererseits so voller Erinnerungen ist. Mónicas Schwester und Nichte helfen dabei, doch die größte emotionale Stütze ist erst einmal Mónica selbst, die vom Gefühl angetrieben wird, aufgrund ihrer langen Abwesenheit eine Schuld begleichen zu müssen. „Con el Viento“ ist ein sehr leiser, unaufdringlicher und authentischer Film darüber, wie das Leben nach dem Tod eines Familienangehörigen weitergeht. Es geht darum, sich als Familie neu zu finden und zu definieren, und die Normalität wieder aufzugreifen, die kurzfristig verloren ging. Leider erzählt Meritxell Colell Aparicio, die Regisseurin, die Geschichte so unaufgeregt, dass sie schlicht langweilig wirkt. Man sieht die Protagonistinnen beim Putzen eines Fahrrads, beim Kartenspielen, beim Holzhacken. All das dient natürlich der Intention, dieses Weitermachen, diesen Weg zurück in die Normalität zu zeigen, doch ist es per se einfach nicht interessant genug, um das Publikum emotional abzuholen. Da nützt es auch nur wenig, dass die Laiendarstellerinnen durch die Bank tolle Leistungen abliefern, allen voran Concha Canal als Witwe. All das, was hier auf der Leinwand gezeigt wird, ist absolut nachvollziehbar und in sich stimmig, aber es ist einfach keine Geschichte. So ist „Con el Viento“ eine gut gemeinte, aber leider mühsame Angelegenheit.


4,5
von 10 Kürbissen

Theatre of War (2018)

Regie: Lola Arias
Original-Titel: Teatro de Guerra
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Teatro de Guerra


Von April bis Juni 1982 standen sich Argentinien und Großbritannien als Gegner im Falklandkrieg gegenüber. 35 Jahre später lädt die argentinische Filmemacherin Lola Arias Veteranen von beiden Seiten zu einem Projekt ein. Es geht darum, den Krieg, bei dem insgesamt etwa 1.000 Soldaten ihr Leben gelassen haben, gemeinsam aufzuarbeiten. Szenen aus den Erinnerungen der Soldaten werden nachgespielt, die Soldaten selbst erzählen von ihren eindringlichsten Momenten. Man merkt, dass viele seelische Wunden tief sitzen und längst nicht verheilt sind. Gleichzeitig sieht man auch, mit wie viel Respekt voreinander die ehemaligen Feinde miteinander umgehen. Es ist eine freundschaftliche Atmosphäre, die am Set entsteht, getragen von gemeinsamen Erinnerungen und Traumata. Was hierbei schnell klar wird: Im Krieg gibt es keine Gewinner und Verlierer, es gibt keine sich hassenden Feinde, sondern nur Menschen, die von ihren Ländern dazu gezwungen werden, auf andere Menschen zu schießen. Und oft sind die Überlebenden die eigentlich armen Schweine, denn sie müssen mit ihren Erfahrungen für den Rest ihres Lebens klar kommen. Allerdings wirkt die Dokumentation trotz ihrer intensiven Momente durch das spezielle Setting auch sehr artifiziell. Das Konzept sieht eben vor, dass Vieles gestellt ist. Der Titel „Teatro de Guerra“ ist durchaus Programm, aber gerade eben das Bühnenhafte der Situation, in die Arias ihre Protagonisten steckt, nimmt dem Film etwas an Wucht und Wahrhaftigkeit. Oft wünscht man sich, dass sich die Männer einfach zwanglos und ohne Vorgaben begegnen können, dass sie eben nicht Theater spielen müssen, um den Krieg begreiflich zu machen. Ihre Augen, wenn sie von den schrecklichen Erlebnissen berichten, sagen so viel mehr aus und bilden den Krieg nachvollziehbarer ab als Lola Arias‘ experimentelle Anordnung.

 


5,0
von 10 Kürbissen

Schwein (2018)

Regie: Mani Haghighi
Original-Titel: Khook
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Komödie, Satire
IMDB-Link: Khook


Hasan Kasmai ist der größte Filmemacher Irans. Nur blöd, dass er aktuell Berufsverbot hat, da dem iranischen Staat seine Arbeit nicht zusagt. Noch blöder, dass deshalb die von ihm angebetete Schauspielerin Shiva Mohajer mit Hasans größtem Konkurrenten zu arbeiten beginnt. Doch am allerblödesten ist, dass ein Serienkiller sein Unwesen treibt und nach und nach die Filmschaffenden Irans enthauptet (mit dem Wort „Schwein“ in die Stirn geritzt). Nicht nur, dass Hasan so einige Freunde und Kollegen verliert, nein, wie kann sich der Killer erdreisten, ausgerechnet ihn, den größten von allen, zu verschonen? So etwas kratzt am Ego. Da muss dann auch mal die Mama tröstend einspringen, den armen Jungen in die Arme nehmen und ihm versichern, dass der Mörder auch noch zu ihm kommen werde, denn er würde sich nur den Besten für den Schluss aufheben. Damit ist die Grundtonalität von Mani Haghighis grotesker Satire „Schwein“ schon mal festgelegt. Hier geht es um verletzte (männliche) Eitelkeiten, die bis zum Wahnwitz ausgelotet werden. Und das ist saukomisch anzusehen. „Schwein“ verfügt über eine ganze Fülle an denkwürdigen Szenen, die bis zum Gehtnichtmehr gesteigert werden, bis sie sich über die Lachmuskeln fest einbrennen beim Publikum. Gleichzeitig ist der Witz in „Schwein“ höchst subversiv. Man merkt dem Film an, dass es Haghighi nicht einfach um ein paar laute Lacher ging, sondern um ein Statement zu Zensur, Moral, Eitelkeiten und eben dem Männlichkeitsbewusstsein im Iran. Am Ende müssen die Frauen den Tag retten – aber bitteschön öffentlichkeitswirksam auf Instagram! Eine bitterböse, manchmal etwas überdrehte Satire, die zwar durch und durch iranisch ist, aber auch bei uns sehr gut funktioniert.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 5 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


7,5
von 10 Kürbissen

Draußen (2018)

Regie: Johanna Sunder-Plassmann und Tama Tobias-Macht
Original-Titel: Draußen
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Draußen


„Denn die einen sind im Dunkeln / Und die andern sind im Licht.  / Und man sieht nur die im Lichte / Die im Dunkeln sieht man nicht.“ Diese Zeilen aus der Dreigroschenoper von Bertolt Brecht könnten als Motto vor dem Dokumentarfilm „Draußen“ von Johanna Sunder-Plassmann und Tama Tobias-Macht stehen. Es geht um vier Obdachlose in Köln: Elvis ist darum bemüht, Ordnung unter der Brücke zu halten. Sergio, der Film-Fan aus Kasachstan, war mehr im Gefängnis als auf freiem Fuß und ist drogenabhängig, hat aber seinen Humor nicht verloren. Matze, ein alter Punk, schämt sich vor seinen Kindern. Und Peter, genannt Filzlaus, war schon überall. Er schläft in Parks und neben den Straßen im Gestrüpp. Eines der stärksten Statements im Film kommt von ihm, als er gefragt wird, ob er denn Angst davor hätte, im Wald zu schlafen. Nein, antwortet er. Er habe keine Angst im Wald. Es sei eher so, dass er derjenige sei, vor dem man Angst haben würde, wenn man ihm im Wald begegnete, dabei tue er niemanden was. „Draußen“ zeigt vier Menschen, die abseits der Gesellschaft leben und dabei versuchen, sich ein wenig Menschenwürde zu bewahren. Der Film geht dabei weniger auf das Warum ein (warum sie auf der Straße leben, wird bestenfalls nur kurz gestreift), sondern auf das Wie. Was ist diesen Menschen wichtig? Was motiviert sie, jeden Tag aufzustehen und weiterzumachen? Was sind die Gegenstände, die sie für ihr Leben da draußen brauchen, bzw. welche Gegenstände sind für sie Luxus? Darauf wird ein besonderer Fokus gelegt. Johanna Sunder-Plassmann und Tama Tobias-Macht sind dabei ganz nah dran an den Menschen. Sie lassen sie ihre Geschichten erzählen und ihre Meinungen sagen. Es sind oft überraschend zarte Geschichten und klare Einsichten. Wenn Matze erzählt, dass er froh ist, noch das Gefühl der Scham zu kennen, sagt das viel aus. Und plötzlich werden sie sichtbar: jene, die für uns im Dunkeln sind. Die beiden Regisseurinnen zeigen diese Menschen ohne falsche Sentimentalität, sondern einfach so, wie sie sind. Vom Leben gezeichnet, aber aufrecht.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 54 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: (c) unafilm / Thekla Ehling)