Women Without Men (2009)

Regie: Shirin Neshat
Original-Titel: Zanan Bedun-e Mardan
Erscheinungsjahr: 2009
Genre: Drama
IMDB-Link: Zanan Bedun-e Mardan


Shirin Neshat hat sich mit ihrem ersten Langfilm einiges vorgenommen: Die Aufarbeitung der politischen Ereignisse im Iran von 1953, als durch einen Militärputsch das ganze Land aus den Fugen geriet. Gleichzeitig eine Geschichte über die Selbstbestimmung und Rolle der Frau in diesem gesellschaftlichen Umfeld, und das erzählt anhand von vier Frauenschicksalen, die am Ende zusammenfinden. All das in sehr schön gefilmten Bildern, die eine ruhige und klare Ästhetik aufweisen, gedämpfte Farben, immer wieder tableauartige Anordnungen – ja, handwerklich ist „Women Without Men“ eine sehr sehenswerte Angelegenheit. Leider aber konnte mich die Geschichte nicht wirklich mitreißen, denn zum Einen hatte ich das Gefühl, dass Neshat einfach zu viel wollte, und so mäandert der Fokus ein wenig umher und es fällt schwer, sich auf die immer wieder in verschiedene Richtungen wandernde Geschichte zu konzentrieren. Zum Anderen werden immer wieder fantastisch-magische Elemente eingestreut, die ich zwar an sich gern mag, aber hier vielleicht sogar ein Stück weit zu subtil eingesetzt sind – die Geschichte ist nämlich an sich nicht dem magischen Realismus zuzuordnen, und so werfen diese Einschübe mich als Zuseher immer wieder mal raus. So gesehen ist „Women Without Men“ wohl ein interessanter und sicherlich auch wichtiger Film (vor allem die Darstellung der Frauen und ihrer Nöte, Ängste, Probleme, aber auch Sehnsüchte fand ich wirklich sehenswert), aber als mitreißend würde ich ihn trotz der Opulenz der Bilder nicht bezeichnen.


5,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Polyfilm)

Am Strand (2017)

Regie: Dominic Cooke
Original-Titel: On Chesil Beach
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: On Chesil Beach


England 1962. Das junge Paar Florence (Saoirse Ronan – und zum ersten Mal konnte ich ihren Vornamen richtig schreiben, ohne ihn vorher zu ergoogeln – wird aber auch Zeit, denn sie ist eine der besten Darstellerinnen überhaupt, die es derzeit auf den Leinwänden dieser Welt zu bewundern gibt) und Edward (Billy Howle) ist frisch vermählt und beginnt seine Flitterwochen in einem gediegenen Hotel am Strand. Der Anfang ist holprig, es liegt trotz der gegenseitigen Liebesbeteuerungen eine Spannung in der Luft, und schon bald wird klar, dass die beiden vor ihrer Heirat noch nicht miteinander geschlafen haben und die Sache nun hochgradig nervös angehen. Immer wieder geraten auch ihre Erinnerungen dazwischen, ans Kennenlernen, an die Schritte ihrer Beziehung. Ja, es ist eine sehr romantische Liebe, die hier gezeigt wird, aber auch eine der Gegensätze und Momente der Distanz, und schon bald fragt man sich als Zuseher, ob die beiden vielleicht nicht ein wenig überstürzt den Bund der Ehe eingegangen sind. Deutlich wird diese Frage aufgezeigt in dem Moment, in dem es im Bett zum ersten Mal zur Sache gehen soll, aber nun werden allmählich Wahrheiten angedeutet, die bislang immer verschwiegen wurden. „Am Strand“ ist ein Lehrbeispiel für fehlende oder zumindest fehlgeleitete Kommunikation. Was anfangs noch für fröhliches Glucksen im Saal sorgte, weil sich die beiden Turteltauben allzu patschert anstellen, wechselt immer mehr zu einem fassungslosen Bemitleiden angesichts der hilflosen Blicke und Gesten und des Unvermögens, das für alle Offensichtliche anzusprechen. Ronan und Howle liefern denkwürdige und oft sehr subtile Performances ab. Hier wird mehr über Bewegungen und das Verkrampfen von Körpern erzählt als durch Worte selbst. Ganz große Schauspielkunst und ein herausragendes Drehbuch! Was mir allerdings missfallen hat, ist, dass die Nebenfiguren oft nur zu Karikaturen gereichen und blass bleiben. Was in der Paarbeziehung so subtil erzählt wird, wird bei diesen Nebenfiguren plakativ kurz mit dem Hammer eingebläut. Und das ist schade. Ein wenig mehr Ausgewogenheit hier hätte dazu führen können, dass der Film einer meiner Highlights des Jahres wird. Aber auch so hat sich der Kinobesuch definitiv gelohnt. Das Ende ist bitter, wie nur das Leben selbst sein kann.


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Thimfilm)

Auf der Suche nach Oum Kulthum (2017)

Regie: Shirin Neshat
Original-Titel: Looking for Oum Kulthum
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Biopic
IMDB-Link: Looking for Oum Kulthum


Oum Kulthum war die vielleicht berühmteste Sängerin Ägyptens und an ihrem Höhepunkt quasi Ägyptens Nationalheiligtum. Mir war sie, das muss ich ehrlich zugeben, bis zu Shirin Neshats Film kein Begriff. Aber man mag mir diese Bildungslücke nachsehen – denn zum Einen verstarb die große Künstlerin 1975 und zum Anderen trat sie mit einer einzigen Ausnahme niemals in Europa auf. Aber da sieht man wieder: Filmschauen bildet. Dass „Auf der Suche nach Oum Kulthum“ aber kein klassisches Biopic ist, geht bereits aus dem Titel hervor. Vielmehr zeigt der Film die Reise einer iranischen Regisseurin (Ähnlichkeiten mit real lebenden Personen sind hier sicherlich gewollt) zu sich selbst bzw. dem, was wichtig ist für sie. Sie dreht einen Film über Oum Kulthum, und dadurch, dass die Kamera der Kamera über die Schulter schaut und man die Produktion des Films mitverfolgt, bekommt man auch die Geschichte von Oum Kulthum erzählt. Eine raffinierte Struktur, die elegant ein übliches Problem des Biopics umgeht, nämlich der Anspruch auf Wahrhaftigkeit, der oft nicht eingelöst werden kann. Denn die Oum Kulthum in Shirin Neshats Film ist durch dieses Nacherzählen einer Biographie ganz klar als Neshats eigene Vision der Sängerin gekennzeichnet. Die echte Oum Kulthum war vielleicht ganz anders, aber das spielt hier keine Rolle. Auch geht es weniger um die Geschichte der ikonischen Künstlerin, sondern um jene der Regisseurin, die im Exil arbeiten muss und den Kontakt zu ihrem 14jährigen Sohn verloren hat. Im Laufe der Dreharbeiten ist sie gezwungen, ihre Ideen und Prioritäten zu hinterfragen. Das alles und die herausragend gefilmten Bilder machen aus „Auf der Suche nach Oum Kulthum“ einen wirklich interessanten Film. Allerdings zahlt Neshat auch einen Preis für die Verlagerung der Geschichte auf die Regisseurin und das Filmeschaffen selbst: Nämlich Oum Kulthum, diese faszinierende Persönlichkeit, wird dem Zuseher nicht greifbar. Ihre Lebensstationen werden eher rasch abgespult, und das Bild bleibt damit bestenfalls fragmentarisch. Eine kleine Randnotiz am Schluss: Der historische Saal des Wiener Metro Kinos kommt hier zu überraschenden Ehren und dient in einer Sequenz als Konzertsaalkulisse.


6,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen)

Blade Runner (1982)

Regie: Ridley Scott
Original-Titel: Blade Runner
Erscheinungsjahr: 1982
Genre: Science Fiction
IMDB-Link: Blade Runner


Träumen Androiden von elektrischen Schafen? Diese Frage stellte sich einst der Sci-Fi-Visionär Philip K. Dick und lieferte damit die Vorlage für einen der einflussreichsten Filme aller Zeiten. Und dabei floppte Ridley Scotts „Blade Runner“ mit Harrison Ford in der Hauptrolle erst einmal ordentlich an den Kinokassen. Erst in späteren Jahren wurde der Film wiederentdeckt. Heute gilt er als einer der Wegbereiter moderner Science Fiction. Ich selbst kann mich an meine erste Sichtung noch erinnern, als wäre es gestern gewesen. Ich war ein Schüler, lag zuhause in meinem Bett und zappte durchs Spätabendprogramm (ja, damals machte man das noch, dieses „zappen“). Und da lief dieser düstere Science Fiction-Streifen, den ich noch nicht kannte. Und weil der Film in der Fernsehzeitschrift gut bewertet war und ich Harrison Ford mochte, blieb ich hängen. Es dauerte ungefähr drei Minuten, und dann war die lebenslange Beziehung von mir und dem Film besiegelt. Wenn ich einen einzigen Film auswählen müsste, den ich bis ans Ende meiner Tage sehen dürfte, dann wäre es mit Sicherheit dieser. Auf das Nacherzählen der Story verzichte ich an dieser Stelle – man kann diese gerne selbst ergoogeln, wenn man den Film noch nicht kennen sollte. Lieber beschäftige ich mich damit, warum mich dieser Film so unglaublich packt – und das jedes Mal, wenn ich ihn sehe. Es ist das unglaublich düstere Film Noir-Setting – ein dystopisches Los Angeles im Dauerregen, auf Fahrrädern huschen vermummte Gestalten durch den Regen, man spricht Englisch und Chinesisch, die Stadt wirkt so, als hätte man längst aufgegeben, an eine Zukunft zu glauben und macht daher einfach weiter, weiter, weiter. Es ist die ambivalente Figur des Rick Deckard (Harrison Ford), der im Dauerregen und durch seinen Job zu einem Zyniker geworden ist, aber man spürt als Zuseher, dass er eine der wenigen Figuren ist, um die es noch nicht hoffnungslos steht. Es ist diese überraschende Liebesgeschichte und die Motivation dahinter – Liebe aus Verzweiflung, vielleicht gibt es auch gar keine stärkere Liebe. Es ist die Tatsache, dass die Bösen zwar Böses tun, aber man mit Fortdauer des Films immer mehr ihre Motivation begreift und ihre Ängste und ihre Verletzlichkeit, und die Grenzen zwischen richtig und falsch zu verschwimmen beginnen. Es ist die episch-trostlose Musik von Vangelis, die sich wie ein eigener Charakter tief einbrennt und, wenn man sie zum ersten Mal gehört hat, den Hörer den Rest seines Lebens im Unterbewussten begleiten wird. Es ist Rutger Hauers unfassbarer Schlussmonolog, der Filmgeschichte geschrieben hat, und am Ende einer trostlosen Tour de Force durch die schleichende Apokalypse wie ein funkelnder Diamant im Dunkeln steht. Und es ist die Tatsache, dass am Ende dieser zwei Stunden die Ambivalenzen nicht aufgelöst werden und man in weiterer Folge gedanklich immer wieder zurückkehrt zu diesem Meisterwerk und den Fragen, die es aufgeworfen hat. Ein Film für die Ewigkeit.


10
von 10 Kürbissen

Lotte Reiniger – Tanz der Schatten (2012)

Regie: Rada Bieberstein, Susanne Marschall und Kurt Schneider
Original-Titel: Lotte Reiniger – Tanz der Schatten
Erscheinungsjahr: 2012
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Lotte Reiniger – Tanz der Schatten


Lotte Reinigers Meisterwerk „Die Abenteuer des Prinzen Achmed“ war einer der ersten abendfüllenden Trickfilme der Filmgeschichte und ist heute noch wegweisend für Trickfilmtechnik. In „Lotte Reiniger – Tanz der Schatten“ wird die Geschichte dieser bemerkenswerten Filmpionierin erzählt. Mit einfacher Scherenschnitttechnik und einem Übermaß an Fantasie schuf sie zeitlose Animationen mit viel Seele und Herz. Die Dokumentation beleuchtet dabei sowohl ihre Arbeit als auch ihren Lebensweg. Beides allerdings leider arg zusammengedampft und nicht in die Tiefe gehend. Die Stationen ihres Lebens werden in einer recht trockenen Montage herunter erzählt. Mich hätte noch viel mehr interessiert, was diese Frau selbst zu sagen hat über ihre Motivation, ihre Ideen, die Herkunft ihrer Kreativität, die man jedem Schnitt anmerkt. Leider scheint es dafür nicht ausreichend Archivmaterial mit Interviews der 1981 verstorbenen Filmemacherin zu geben. Und die Aussagen von Wegbegleitern, Biographen und Museumskuratoren bleiben oberflächlich und dienen kaum dazu, das Bild, das sich der Zuseher von Lotte Reiniger macht, zu schärfen. So ist diese Dokumentation seltsam kühl anzusehen, fast wie ein Lehrstück, das man im Unterricht gelangweilten Schülern vorführt. Natürlich bleibt der Film inhaltlich interessant, weil Lotte Reiniger selbst eine interessante Frau war – aber man muss sich damit abfinden, dass das Bild oberflächlich bleibt, und Lotte Reiniger selbst am besten wohl wirklich durch ihre Filme entdeckt werden kann.


5,5
von 10 Kürbissen

Across the Universe (2007)

Regie: Julie Taymor
Original-Titel: Across the Universe
Erscheinungsjahr: 2007
Genre: Musical, Liebesfilm
IMDB-Link: Across the Universe


Zugegeben, Musicals gehören weder zu meinen präferierten Genres noch zu jenen, in denen ich mich gut auskenne. Aber ein Musicalfilm mit über 30 Beatles-Songs? Count me in! „Across the Universe“ von Julie Taymor erzählt die Geschichte einer Liebesbeziehung zwischen Jude (Jim Sturgess), einem Arbeiter mit künstlerischer Ader aus England, der in den USA nach seinem Vater sucht, und Lucy (Evan Rachel Wood), einer amerikanischen Studentin aus gutem Haus, die sich durch ihren Bruder Max (Joe Anderson) kennenlernen. Es sind die 60er-Jahre, die Haare werden länger, die Mienen der Eltern säuerlicher und als Gespenst im Hintergrund spukt der Vietnam-Krieg. Die Sorglosigkeit der jungen Liebenden wird schließlich auch durchbrochen von den politischen und gesellschaftlichen Veränderungen jener Zeit. „Across the Universe“ beginnt etwas zäh, da das zunächst liebliche Setting mit den singenden, hüpfenden Dandys nicht wahnsinnig interessant und originell wirkt. Aber mit Fortdauer der Spieldauer (von immerhin über zwei Stunden) und auch korrelierend zu der zunehmenden Experimentierfreude der Beatles, die sich in ihren späteren Jahren von der grinsenden Gute-Laune-Boyband, die Mädels aller Altersklassen zum Kreischen bringt, zu Free Spirits mit langen Haaren und bunten Hemden gemausert haben, nimmt auch der Film an Fahrt auf und überzeugt im Mittelteil mit einigen sehr schrägen, sehr psychedelischen Sequenzen. Inhaltlich bleibt das alles recht beliebiges Stückwerk, was auch der Tatsache geschuldet ist, dass sich der Film am Inhalt der Songs entlanghangeln muss – was immer eine schwierige Gratwanderung zwischen Crowd Pleasing und dramaturgischer Spannung bedeutet. Dennoch kann der Film trotz dieser Schwächen bis zum Ende hin fesseln, und die bunten Psychedelic-Ausflüge im Mittelteil (mit einem Bono von U2 als zugedröhntem Rockstar) werden sicher länger in Erinnerung bleiben.


6,5
von 10 Kürbissen

Jurassic World: Das gefallene Königreich (2018)

Regie: J. A. Bayona
Original-Titel: Jurassic World: Fallen Kingdom
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Abenteuerfilm, Science Fiction, Thriller
IMDB-Link: Jurassic World: Fallen Kingdom


Vor 25 Jahren musste ein nervöser Versicherungsmakler mitten im Unwetter auf einer Freizeitparkinsel dringend aufs Klo. Die Entledigung seines Abendessens war seine letzte Handlung, ehe er selbst als Abendessen im Magen eines Tyrannosaurus Rex landete. The circle of life. Jedenfalls erzitterte in jenem Jahr die Welt zum ersten Mal vor der Urgewalt der Dinosaurier. „Jurassic Park“ war und ist ein Meilenstein der Filmgeschichte, und auch heute noch sehe ich den Film unheimlich gern. Es folgen zwei weitere Jurassic Park-Fortsetzungen, die recht unterhaltsam waren, aber nicht mehr auf dem Niveau des ersten Films. Im zweiten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends beschloss Universal etwas Bahnbrechendes und Kreatives und brachte 2015 mit „Jurassic World“ ein Re-Boot heraus. Der Film war im Grunde eine Wiederholung des ersten Jurassic Park-Films, nur mit noch fieseren Dinosauriern, die man nun extra im Labor herangezüchtet hat. Drei Jahre später bekommt die Reihe nun den nächsten Aufguss. Wieder sind Chris Pratt und Bryce Dallas Howard mit dabei, die schon in „Jurassic World“ als Dino-Appetizer durch den Dschungel gerannt sind – mit zum Teil erstaunlichem Schuhwerk. Diesmal haben sie immerhin passende Schuhe an, aber dafür tun sich in „Jurassic World: Fallen Kingdom“ an anderer Stelle Logiklöcher auf, so groß, dass da locker ein Brontosaurus durchstapfen könnte. Insider-Tipp: Auf die Story besser nicht achten. Im Grunde ist die auch rasch erzählt: Dino-Insel droht zu explodieren, Rettungsmission startet, Insel explodiert, ein paar Dinos werden gerettet und toben sich später in ihrem neuen Domizil aus. Und weil das nicht reicht, mischt auch noch eine neue Laborratte mit, die noch fieser und noch tödlicher und noch teurer ist als das Viech, das im ersten Jurassic World-Film die Insel lahmgelegt hat. „Jurassic World: Fallen Kingdom“ ist natürlich Effektkino. Am besten mit Popcorn zu genießen. Und der Film hat seine guten Momente, keine Frage. Die Szene, in der die Dinosaurier panisch vor dem Vulkanausbruch flüchten und trotzdem dem Untergang geweiht sind, ist herzerweichend. Allerdings liegt darin auch das größte Manko des Films: Die Dinosaurier, die in der ursprünglichen Trilogie noch wilde, unberechenbare Reptilien waren, werden hier immer mehr vermenschlicht. Dadurch wird die ohnehin dünne Story-Suppe noch etwas weiter verdünnt, und irgendwie verlieren die mächtigen Urzeit-Tiere dadurch auch ein wenig von ihrer Exotik, die die ersten Filme noch getragen hat. Insgesamt ist „Jurassic World: Fallen Kingdom“ ein unterhaltsamer, spannender Film, hat aber unübersehbare Schwächen, die mir schon das Vergnügen ein bisschen verhagelt haben. Vielleicht sollte man das Mesozoikum auch einfach mal ruhen lassen.


5,0
von 10 Kürbissen

Augenblicke: Gesichter einer Reise (2017)

Regie: Agnès Varda und JR
Original-Titel: Visages Villages
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Visages Villages


Die 89jährige Agnès Varda ist sozusagen die Grand Dame der französischen Nouvelle Vague, JR ein 33jähriger Fotokünstler, der großflächige Schwarzweißfotos auf Mauern klebt. Gemeinsam macht sich dieses unwahrscheinliche Paar auf eine Reise durch die Dörfer Frankreichs, um mit den Menschen zu sprechen und ihre Bilder zu verewigen. Das klingt erst einmal nicht unbedingt nach einem besonders spannenden Thema für einen Dokumentationsfilm, doch je länger der Film dauert, desto klarer wird, worum es in „Visages Villages“ eigentlich geht. Nämlich um die Neugier aufs Leben, auf die Geschichten, die jeder von uns zu erzählen hat, es geht um die Fähigkeit, genau hinzusehen und vor allem um die Freundschaft. Denn zwischen dem jungen, stets mit Hut und Sonnenbrille gekleideten Fotografen und der kleinen, alten Dame mit dem verschmitzten Lächeln entwickelt sich eine überraschend enge Beziehung mit viel Verständnis füreinander und Interesse am Gegenüber. Die beiden gehen sehr herzlich und vertraut miteinander um, der Altersunterschied und die unterschiedlichen Erfahrungen, die sie im Leben gemacht haben, rücken in den Hintergrund. Dazu kommen die Geschichten, die sie auf ihrer Fahrt durch das Land erfahren. Ob die letzte Bewohnerin einer Siedlung, die abgerissen werden soll, oder die Ehefrauen von Hafenarbeitern im Streik, oder die Nachkommen von Minenarbeitern – ihre Geschichten mögen unspektakulär sein, aber durch die konzentrierte Anteilnahme von Varda und JR bekommen sie die Bedeutung, die sie verdienen. Es geht hier um nicht mehr und nicht weniger als das Menschsein, um die kleinen Momente, wenn man erkennt, dass jedes Leben wertvoll und voller Bedeutung ist, die getragen wird von den Begegnungen, die wir unterwegs haben. Agnès Varda und JR leben das in ihrem wunderschönen Film vor.


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen)

Godzilla (1954)

Regie: Ishirō Honda
Original-Titel: Gojira
Erscheinungsjahr: 1954
Genre: Science Fiction, Horror
IMDB-Link: Gojira


Es ist Zeit für einen Klassiker. Der erste Godzilla-Film von 1954 ist ein durchaus ansehnliches Trash-Vergnügen, jedenfalls was die Special Effects betrifft. Das Gummimonster mit den lustigen Glubsch-Augen stapft über Kartonmodelle und wirft zornig mit Modelleisenbahnwaggons um sich. Blickt man über diese amüsanten, wenngleich fantasievollen Notbehelfe hinweg, sticht jedoch die gut durchdachte, mitreißende Story ins Auge. „Godzilla“ war anno dazumal nicht weniger als ein Versuch der cineastischen Aufarbeitung des japanischen Atombombentraumas. Gleichzeitig ist die Story verknüpft mit der Frage nach der Verantwortung der Wissenschaft für das Weltgeschehen. Zwar werden dem Zuseher alle Fragen und Erkenntnisse mit dem Holzhammer eingebläut, aber schon der Versuch, sich dieser Themen anzunehmen, ist löblich und stellt den Original-Godzilla schon mal weit über das Emmerich’sche Desaster von 1998 (über das ich lieber keine weiteren Worte verliere, auch wenn ich Jean Reno seit „Léon der Profi“ vergöttere). Dazu kommen durchaus interessante Protagonisten mit eigenen Geschichten und Motivationen, die dem Zuseher Identifikationsmöglichkeiten bieten. Einzige Schwierigkeit: Die japanischen Gesichter auseinanderzuhalten, was durch die körnigen Schwarz-Weiß-Aufnahmen noch einmal eine besondere Herausforderung darstellt für das die Physiognomie des Ostens betreffend ungeübte Auge. Aber gut, auch wir Europäer sehen schließlich alle gleich aus. Es ist alles eine Frage der Perspektive. Und die japanische Perspektive ist eine durchaus interessante, die nicht nur viele weitere Fortsetzungen mit sich gezogen, sondern auch dazu geführt hat, dass auch der Westen dieses ur-japanischste aller Monster lieben gelernt hat.

 


6,5
von 10 Kürbissen

Convoy (1978)

Regie: Sam Peckinpah
Original-Titel: Convoy
Erscheinungsjahr: 1978
Genre: Action, Roadmovie
IMDB-Link: Convoy


Nein, erklären kann ich es nicht, warum „Convoy“ von Sam Peckinpah der Film ist, den ich mit Abstand am häufigsten gesehen habe. Ich war ein Kind, es gab Trucks und Wüstensand und zu Schrott gefahrene Polizeiautos und coole Typen wie Kris Kristofferson als „Rubber Duck“. Tagelang spielte ich den Convoy aus dem Film mit meinem Matchbox-LKWs nach – und ich hatte sogar eines, das ein wenig aussah wie das Gefährt des furchtlosen, stoischen Anführers. Warum mich der Film auch heute noch so begeistert, kann ich allerdings noch weniger erklären. Na gut, ein Erklärungsversuch: Es gibt Trucks und Wüstensand und zu Schrott gefahrene Polizeiautos und coole Typen wie Kris Kristofferson als „Rubber Duck“. Man sagt ja, dass sich Burschen bis zum Alter von 12 Jahren entwickeln, und danach wachsen sie nur noch. Jedenfalls ist „Convoy“ auch heute noch mein größtes Guilty Pleasure. Es gibt nichts Schöneres, als zu den Klängen von Countrymusik einen Convoy von Trucks, gelenkt von kantigen Gesetzesbrechern, durch Polizeibarrikaden rauschen und Polizeiautos in Hühnerställe fliegen zu sehen. Und ganz ehrlich: Viel mehr bietet der Film auch nicht. Gut, da wäre noch eine ziemlich verschenkte Ali McGraw, die mal eine Weile an Rubber Ducks Seite sitzen darf und was fürs Auge bieten soll, und die Privatfehde zwischen Rubber Duck und dem herrlich fiesen Sheriff „Dirty“ Lyle Wallace (Ernest Borgnine in einer Glanzrolle), die den ganzen Convoy erst zum Rollen bringt. Inhaltlich darf man sich allerdings nicht mehr erwarten von diesem Macho-Traum, der beim Bechdel-Test mit Pauken und Trompeten durchfällt. Aber ganz ehrlich: Das ist mir in diesem Fall egal. Denn der Film hat einfach alles: Trucks und Wüstensand und zu Schrott gefahrene Polizeiautos und coole Typen wie Kris Kristofferson als „Rubber Duck“.


10
von 10 Kürbissen