Das Mörderspiel (1982)

Regie: Sidney Lumet
Original-Titel: Deathtrap
Erscheinungsjahr: 1982
Genre: Krimi, Thriller, Komödie
IMDB-Link: Deathtrap


Michael Caine spielt in Sidney Lumets Verfilmung von Ira Levins Broadway-Hit „Deathtrap“ den ehemals sehr erfolgreichen Dramatiker Sidney Bruhl, dessen letztes Stück allerdings von der Kritik völlig zerfetzt wurde. Zu seinem Unglück kommt hinzu, dass das Stück eines ehemaligen Schülers von ihm, Clifford Anderson (Christopher Reeve), das ihm dieser mit der Bitte um ein professionelles Urteil zugeschickt hat, wohl besser ist als alles, was Bruhl noch schreiben wird. Zum Entsetzen seiner hysterischen Ehefrau Myra (Dyan Cannon) schmiedet der geschmähte Autor einen sinisteren Plan, das junge Genie zu sich ins abgelegene Landhaus einzuladen und dort zu meucheln, um sich das Manuskript unter den Nagel zu reißen. Das ist der Auftakt zu einem wahnwitzigen Spiel mit doppelten, dreifachen und vierfachen Böden. „Die Schwierigkeit beim Katz-und-Maus-Spiel ist zu wissen, wer die Katze ist“. Ein wundervolles Zitat aus „Jagd aus Roter Oktober“, das perfekt auf „Deathtrap“ passt. Die Verwicklungen, die auch recht schnell eine metaphysische Ebene erreichen, machen viel Spaß und sorgen für eine spannende Dramaturgie. Um den Knoten, den mal zuweilen ins Gehirn gedreht bekommt, mal zu verdeutlichen: Sidney Bruhl ist im Film der Autor des erfolgreichsten Broadway-Stücks der Geschichte, und „Deathtrap“ ist wiederum die Verfilmung des damals tatsächlich erfolgreichsten Broadway-Stücks von Ira Levin, und das Stück, das im Film neu geschrieben wird mit dem Titel „Deathtrap“ handelt von einem Dramatiker, der gerade eine Megapleite hingelegt hat, das Manuskript eines jüngeren Schülers in die Hände bekommt und ihn in sein Landhaus einlädt, um ihn dort zu meucheln etc. Großartig, dieses Spiel mit den Ebenen, das sowohl das Stück als auch den Film als Vertreter der Postmoderne ausweist. Auch das Schauspiel weiß zu überzeugen. Über Michael Caine muss man ohnehin nicht viel sagen, der Mann weiß immer, was er tut. Aber auch Christopher Reeve ist erfreulich weit weg von seiner Superman-Rolle und gibt einen interessanten, undurchschaubaren Widerpart ab. Lediglich gegen Ende hin übertreibt es der Film ein wenig mit seinen Absurditäten und mit dem Katz-und-Maus-Spiel, da wird dann teilweise doch etwas zu dick aufgetragen – zumal man als Zuseher aus der vorangegangenen Stunde schon etwas gelernt hat und den Braten riecht. Insgesamt aber eine sehr erfreuliche Sichtung.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 62 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


7,0
von 10 Kürbissen

The Darkest Minds – Die Überlebenden (2018)

Regie: Jennifer Yuh Nelson
Original-Titel: The Darkest Minds
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama
IMDB-Link: The Darkest Minds


Irgendwie blöd für die Welt, wenn plötzlich 90% der Kinder von einer seltsamen Epidemie hinweggerafft werden und die restlichen 10% ungute Fähigkeiten entwickeln, die den Erwachsenen höchst suspekt sind (wie beispielsweise Intelligenz – wie man an den letzten Wahlergebnissen weltweit sieht, wohl der schlimmste Feind der Menschheit). Ruby (Amandla Stenberg) ist eines von den übrigen Kindern. Und ihre Fähigkeit ist besonders gefürchtet – sie kann nämlich in die Köpfe der Menschen schauen und Gedanken manipulieren. Versehentlich löscht sie sich aus den Erinnerungen ihrer Eltern und wird von denen prompt den Behörden übergeben, die alle Kinder mit speziellen Fähigkeiten in eine Art KZ einsperren. So weit, so dystopisch. Aber weil wir hier im beliebten Genre der Jugend-Dystopie sind, muss man um die Protagonistin nicht groß fürchten, die auch wieder frei kommt dank der Hilfe einer Ärztin (Mandy Moore, sichtlich erwachsen geworden), als wäre das Ganze nur ein etwas nerviges Sommercamp gewesen. Auf der Flucht schließt sie sich drei weiteren Jugendlichen an, die auf der Suche nach einem sagenumwobenen Camp der Kinder sind. Und damit nimmt die Geschichte ihren routinierten Lauf. Gleich vorweg: Ich kenne die Buchvorlage zu „The Darkest Minds“ nicht und kann daher keinerlei Angaben zur Werktreue geben. Aber ein Meilenstein an Innovation und Originalität dürfte auch die Vorlage nicht gewesen sein. Denn so gut die Ausgangsidee auch ist, erst mal alle Kinder aus dem Leben rauszufegen und die wenigen Überlebenden zu kasernieren, in weiterer Folge ist genau das relativ bedeutungslos für den Fortgang der Geschichte, die sich lieber in einer platten Romanze zweier Darsteller/innen verzettelt, die keinerlei Chemie miteinander aufweisen, und dem üblichen Wir-gegen-die-Bösen-Schmarren, wobei die Ziele aller Beteiligten höchst diffus bleiben. Ein paar nette Momente hat der Film, und Stenberg als tragende Figur macht ihre Sache gut. Aber trotzdem ist alles so banal und vorhersehbar und unoriginell, dass das Ding einfach keinen Spaß macht. Ob es trotz des offenen Endes Fortsetzungen geben wird? Wenn ja, werde ich mir sie wohl nicht ansehen.


4,0
von 10 Kürbissen

Fish Tank (2009)

Regie: Andrea Arnold
Original-Titel: Fish Tank
Erscheinungsjahr: 2009
Genre: Drama
IMDB-Link: Fish Tank


Für manche Menschen ist das Leben wie in einem Aquarium. Man dreht immer die selben Kreise und erhascht gelegentlich einen Blick darauf, wie es draußen, außerhalb der Glaswände, sein könnte, ohne aber selbst je die Chance zu haben, an diesem Draußen teilzunehmen. So ergeht es auch der 15jährigen Mia (Laiendarstellerin Katie Jarvis mit einer furiosen Darstellung) Ihre Mutter (Kierston Wareing) ist alkoholkrank, die jüngere Schwester nervig, sie selbst hat die Schule geschmissen und strawanzt in der abgefuckten Gegend herum, in der sie lebt, sucht Streit, trinkt und versucht, Ablenkung im Hip Hop-Tanz zu finden, den sie allein in einer nicht fertig gestellten Wohnung über den Dächern von Essex übt. Doch dann tritt Connor (Michael Fassbender), der neue Freund ihrer Mutter, in ihr Leben und schenkt ihr Aufmerksamkeit. Gegen anfänglichen inneren Widerstand baut Mia allmählich Vertrauen zu dem Mann auf. Plötzlich scheint so etwas wie Geborgenheit und Harmonie in Griffweite für Mia zu sein, und auch sie selbst wird zugänglicher, nimmt soziale Beziehungen auf, die nicht nur darin bestehen, sich gegenseitig Slang-Ausdrücke um die Ohren zu schmeißen und sich aggressiv vor die Brust zu stoßen. Doch dann kommt es eines Nachts zu einem alkoholbedingten Zwischenfall, der diese fragile Harmonie wieder ins Wanken bringt – und die Weichen stellt für die Entscheidung, welcher Mensch Mia einmal sein wird. Der von der Kritik gefeierte Film „Fish Tank“ von Andrea Arnold ist ein Sozialdrama par excellence. Gedreht in dem für Arnold üblichen Format 4:3 wird das Beengende der sozialen Situation Mias auch optisch auf den Punkt gebracht. Das Kernstück des Films ist aber die vielschichtige und ehrliche Leistung von Katie Jarvis, die ihrer Mia ein großes Spektrum an Ausdrucksmöglichkeiten zur Verfügung stellt – über Gestik und Mimik, über Blicke und den gut sitzenden Jugendjargon. Hier wirkt keine einzige Bewegung, kein einziger Satz gekünstelt. Mia ist so wütend und gleichzeitig verletzlich, so altklug wie naiv, wie es nur 15jährige sein können. Zwar entfaltet der Film noch nicht den gleichen Sog wie das spätere Meisterwerk American Honey, aber Andrea Arnolds Sozialstudie weiß dennoch zu fesseln, und man wünscht trotz allem, was am Ende schief rennt, Mia für ihr weiteres Leben nur das Allerbeste und dass sie ausbrechen kann aus ihrem Aquarium.


7,5
von 10 Kürbissen

Tarantula (1955)

Regie: Jack Arnold
Original-Titel: Tarantula
Erscheinungsjahr: 1955
Genre: Horror, Fantasy
IMDB-Link: Tarantula


Dank der Filmreisechallenge, an der ich dieses Jahr teilnehme, stoße ich auf Filme, die ich mir sonst wohl kaum angesehen hätte. „Tarantula“, das kultige Horror-B-Movie von Jack Arnold aus dem Jahr 1955, ist so ein Film. Ja, ich wusste, dass es den gibt, aber ihn anzusehen wäre mir wohl eher nicht in den Sinn gekommen. Da allerdings die Sichtung eines B-Movies der 1950er ein Teil der Challenge ist, habe ich also gespannt die DVD in den Player geschoben in Erwartung eines Trash-Vergnügens – und wurde nicht enttäuscht. Eines vorweg: Spinnenphobiker sollten einen großen Bogen um diesen Film machen. Aber gut, wer sich als Spinnenphobiker einen Film namens „Tarantula“ reinzieht, wendet entweder todesmutig die Schocktherapie zur Bekämpfung der Phobie an, oder hat schlicht nicht alle Murmeln beisammen. Denn das Viech ist scheußlich. Dank eines schief gelaufenen Experiments wächst sie auf eine Größe an, die man nur noch schwer satt bekommen kann, und macht die Wüste rund um das idyllische Städtchen Desert Rock unsicher. Dort lebt der Arzt Dr. Hastings (John Agar), dem das verfrühte und ziemlich hässliche Ableben eines Wissenschaftlers, der draußen in der Wüste Experimente durchführt, zu schaffen macht. Verstärkung erhält er von seinem Freund, dem Sheriff (Nestor Paiva) und der schönen Biologie-Studentin (Mara Corday), die das Team der Wissenschaftler unterstützen soll. Das wird allerdings mehr und mehr dezimiert, und bald schon stellt sich heraus, dass sie alle ein großes (und hungriges) Problem an der Backe haben. Man sieht dem Film an, dass das Budget nicht sonderlich üppig war. Dennoch gelingt es Jack Arnold, eine Stimmung von Suspense zu erzeugen, auch wenn es schnell ins Lächerliche geht, wenn das Monster dann tatsächlich zur Tat schreitet (zu blöd stellen sich die Menschen dabei an). Alle Rollen sind aber durchwegs gut gespielt. Natürlich ist das alles aus heutiger Sicht recht amüsanter Horror-Klamauk, der weit davon entfernt ist, irgendwelche Ansprüche bedienen zu wollen außer zu unterhalten. Aber das gelingt dem Film ziemlich gut. Insofern ein B-Movie, das trotz unübersehbarer dramaturgischer und technischer Schwächen auch heute noch für einen unterhaltsamen Filmabend sorgen kann.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 18 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


6,0
von 10 Kürbissen

Böse Zellen (2003)

Regie: Barbara Albert
Original-Titel: Böse Zellen
Erscheinungsjahr: 2003
Genre: Drama, Episodenfilm
IMDB-Link: Böse Zellen


Manu (Kathrin Resetarits) macht in Rio de Janeiro Urlaub, und auf dem Rückflug stürzt das Flugzeug ab. Wie durch ein Wunder überlebt sie. So die Eingangssequenz von Barbara Alberts Episodenfilm „Böse Zellen“. Schnitt. Sechs Jahre später. Manu ist verheiratet mit Andreas (Georg Friedrich), hat eine kleine Tochter und geht noch immer gern mit ihrer besten Freundin Andrea (Ursula Strauss) feiern. An einem Abend kommt es zur Katastrophe, als Manu am Heimweg von einem entgegenkommenden abgeschossen wird und stirbt. Episodenhaft wird im Anschluss aus dem Leben von Menschen erzählt, die mehr oder weniger das soziale Netz von Manu geformt haben. Der trauernde Witwer fängt sich etwas mit Andrea an. Manus Schwester hat ein massives psychisches Problem, vielleicht auch ein Drogenproblem, und lässt sich von einem einbeinigen Lustmolch aushalten. Der Bruder, ein verpeilter Lehrer, verschaut sich ein bisschen in eine Schülerin, die wiederum Probleme mit ihrer Mutter hat, die sie kaum wahrzunehmen scheint, da sie selbst all ihre Aufmerksamkeit auf den Gendarmen Karl legt, in den sie verschossen ist. Ein Mitschüler wiederum, der das entgegenkommende Auto gelenkt hat, fühlt sich schuldig an der Querschnittslähmung seiner Freundin, die damals ebenfalls im Auto gesessen ist. Eine weitere Mitschülerin, die in der Schule gemobbt wird, legt Séancen. Und irgendwie geht das alles nicht wirklich zusammen, die Geschichten bleiben kaleidoskopartig aufgefächerte Bruchstücke. Das verbindende Element aller Figuren und Geschichten ist eine tiefe innere Einsamkeit und die Unfähigkeit, diese zum Ausdruck zu bringen oder etwas dagegen zu tun. Ein Feelgood-Movie ist „Böse Zellen“ definitiv nicht, eher anstrengend. Auch zeigt der Film deutlich auf, wie schwer es ist, gute jugendliche Darsteller/innen zu casten. Das, was die so spielen, wirkt teilweise arg hölzern. Aber: Die Figuren sind allesamt immerhin so lebensnah dargestellt und viele Episoden in sich geschlossen auch interessant, sodass man dann doch einigermaßen neugierig dranbleibt. Insgesamt ein seltsames Werk – nichts, was man sich öfter ansehen muss.


5,5
von 10 Kürbissen

Wendy and Lucy (2008)

Regie: Kelly Reichardt
Original-Titel: Wendy and Lucy
Erscheinungsjahr: 2008
Genre: Drama
IMDB-Link: Wendy and Lucy


Wendy möchte nach Alaska, um dort nach Arbeit zu suchen. Sie hat nicht viel dabei – ein altes Auto, knapp über 500 Dollar und ihren geliebten Hund Lucy. Sie schläft im Auto oder bei jungen Obdachlosen neben den Bahngleisen. Und von Oregon ist der Weg noch weit. Als sich ihr Auto nicht mehr starten lässt und auch noch das Hundefutter ausgeht, trifft sie eine folgenschwere Entscheidung – nämlich ein paar Dosen Hundefutter unbezahlt aus dem örtlichen Supermarkt mitgehen zu lassen, was nicht unentdeckt bleibt. Von da an nimmt eine Kette unglücklicher Ereignisse ihren Lauf, deren primäres Unglück das Verschwinden von Lucy ist. Nur ein alter Wachmann hilft der jungen Frau, die ohne Auto, ohne Telefon, ohne Hund, nahezu pleite und obdachlos in diesem kleinen Kaff gestrandet ist. Aber auch er kann nicht zaubern, und das bisschen Mitgefühl, was er mitbringt, ist eigentlich das, was man als Mindestmaß unter Mitmenschen erwarten darf. Doch so funktioniert die Welt nun einmal nicht. „Wendy und Lucy“ ist ein – ganz im Stile Kelly Reichardts – ein sehr langsam und schonungslos erzähltes Sozialdrama, das allerdings ihre Hauptfigur nicht ausweidet. Die Kamera hält einfach drauf und folgt Wendy, ohne dazu einen Kommentar abgeben zu wollen. Dieser bleibt den Zusehern vorbehalten. Warum kam Wendy in diese prekäre Lage? Was ist mir ihrer Familie? (Aus einem kurzen Telefonat geht hervor, dass es zumindest eine Schwester gibt, die auf Wendy aber nicht gut zu sprechen ist bzw. von ihr genervt zu sein scheint.) Die Hintergründe bleiben im Verborgenen. Kelly Reichardt erklärt nichts – sie zeigt nur eine junge Frau, die an den Minimalanforderungen der Zivilisation scheitert. Und das ist schon Aussage genug. Dennoch: Ein bisschen mehr über die Hintergründe zu wissen, wäre vermutlich hilfreich gewesen, noch mehr in den Film und in Wendys Situation hineinzukippen. Aber das ist eben nicht Kelly Reichardts Stil, die sich selbst – so empfinde ich es – als Beobachterin und nicht als Erzählerin sieht.


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Stadtkino Filmverleih)

Stories We Tell (2012)

Regie: Sarah Polley
Original-Titel: Stories We Tell
Erscheinungsjahr: 2012
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Stories We Tell


Sarah Polley lässt Familienmitglieder die Geschichte ihrer Familie und jene über ihre früh an Krebs verstorbene Mutter erzählen. Das ist „Stories We Tell“. Und was sich jetzt so fürchterlich banal anhört, im schlimmsten Fall sogar wie eine grausame Bauchnabelschau voller Selbstmitleid und Pathos, entpuppt sich als irrsinnig kluge, vielschichtige, hochgradig spannende und komplexe Geschichte über Geheimnisse und Wahrheiten, über die Liebe und die Lügen, die wir der Liebe zu Willen auf uns nehmen, über Sehnsüchte und die Unfähigkeit, diese manchmal zum Ausdruck zu bringen – und nicht zuletzt über die Erinnerungen, die wir in uns tragen, und die oft sehr subjektiv geformt ist von unserer eigenen Perspektive. Die Genialität von Sarah Polley liegt darin, alle Beteiligten, die Erinnerungen an ihre Mutter mitbringen, gleichermaßen zu Wort kommen zu lassen in sehr persönlichen Interviews, die per se schon unter die Haut gehen, in der Summe und den kleinen Widersprüchlichkeiten, die es zu entdecken gibt, aber das Bild einer Familie formen, wie man es selten, vielleicht sogar noch nie gesehen hat. Da sich ab einem bestimmten Punkt des Films alles um Sarah Polley selbst dreht, die Filmemacherin also zum Subjekt ihres eigenen Films wird und sie nicht davor zurückscheut, weiterhin einfach draufzuhalten, egal, wie aufwühlend das Gesagte für sie auch sein mag, spricht ebenfalls für Sarah Polley, einer sensiblen Ausnahmekünstlerin unserer Zeit. Für diesen Film brauchte es eine extragroße Portion Mut von allen Beteiligten und vor allem von Polley selbst. Herausgekommen ist ein intimes Meisterwerk, das vielleicht gelegentlich ein paar Längen aufweist und in der Form auch recht starr ist, aber definitiv aufrührt und den Zuseher gebannt am Bildschirm kleben lässt.


8,5
von 10 Kürbissen

Third Star (2010)

Regie: Hattie Dalton
Original-Titel: Third Star
Erscheinungsjahr: 2010
Genre: Drama
IMDB-Link: Third Star


Sherlock stirbt. Also nimmt er Dr. Watson und zwei weitere Freunde mit auf einen Spaziergang durch die Wildnis Englands, um in seiner Lieblingsbucht noch einmal schwimmen zu gehen. Kombiniere, kombiniere: Auf dem langen Hatscher durchs Grün bleibt genug Zeit, um herumzualbern und markige Sprüche loszulassen, um im nächsten Augenblick boshafte Wahrheiten auszuteilen, gemäß dem Motto „wann, wenn nicht jetzt“.  So gesehen ist „Third Star“ der britischen Regisseurin Hattie Dalton ein recht routiniertes Befindlichkeitskino über Freundschaften und unbequeme Wahrheiten, die im Angesicht des Todes ausgesprochen werden. Dass die überraschungsfreie Geschichte dennoch nett anzusehen ist, liegt am gut aufgelegten Darsteller-Quartett (allen voran Benedict Cumberbatch als krebskranker James) und der dabei entstehenden guten Chemie zwischen den Burschen. Auch wird die tragische Geschichte immer wieder mit Prisen von Humor gewürzt, der allerdings nie platt wirkt. Einzig die Machosprüche der Protagonisten, die dahinter ihre eigenen Unsicherheiten verbergen, sind vielleicht an der einen oder anderen Stelle etwas zu plakativ eingesetzt. Allerdings ist „Third Star“ auch nicht die ganz große Indie-Perle, als die er sich gerne positionieren möchte, denn, wie gesagt, die Story selbst gibt im Grunde nicht viel her außer einem langen Spaziergang von Freunden durch die Pampa und einem vorhersehbaren Ende. Eine große philosophische Abhandlung über das Leben kann man da nicht unbedingt herausziehen. Aber die Geschichte ist sensibel und gefühlvoll erzählt und bemüht sich zumindest, nicht allzu sehr auf die Tränendrüse zu drücken. Das hätte angesichts des Themas auch ganz anders sein können.

PS: Ich will einen Film sehen, in dem JJ Feild und Tom Hiddleston Brüder spielen.


6,0
von 10 Kürbissen

Das Cabinet des Dr. Caligari (1920)

Regie: Robert Wiene
Original-Titel: Das Cabinet des Dr. Caligari
Erscheinungsjahr: 1920
Genre: Horror, Fantasy
IMDB-Link: Das Cabinet des Dr. Caligari


Wenn man an den deutschen Film und dabei an den Expressionismus denkt, ist „Das Cabinet des Dr. Caligari“ von Robert Wiene aus dem Jahr 1920 so etwas wie dessen Urknall. Vor windschiefen, verwinkelten Kulissen wird die dramatische Geschichte eines verrückten Gauklers, Dr. Caligari, auf dem Jahrmarkt erzählt, der einen Schlafwandler  präsentiert, der angeblich, wenn er aufgeweckt wird, die Zukunft vorhersagen kann. Das wollen sich die beiden Bohemiens und Freunde Franzis und Alan nicht entgehen lassen.  Blöd nur, dass der Somnambule Alan ein frühes Ableben, nämlich noch in der folgenden Nacht, prophezeit. Und noch blöder, dass sich der Mist bewahrheitet und Alan am nächsten Morgen ermordet in seiner Kammer aufgefunden wird. Franzis rückt aus, um dem Schurken Caligari, den er hinter dem Mord vermutet, den Garaus zu machen. So weit, so simpel die Story. Und natürlich, was das Storytelling selbst betrifft, war von Dr. Caligari aus noch ein Weg zu gehen bis zu Filmen wie „Inception“. Trotzdem kann der Klassiker auch heute noch überzeugen – durch die expressionistischen und liebevoll gestalteten Bühnenbilder, durch das charmante Overacting der Hauptfiguren, die interessante Farbgebung und natürlich auch durch die Geschichte selbst, die zwar simpel ist, aber doch spannend erzählt und gegen Ende hin auch einen unerwarteten Twist aufweist, über den sich trefflich grübeln lässt. So trefflich, dass sich Filmhistoriker bis heute mit dem Werk beschäftigen. „Das Cabinet des Dr. Caligari“ ist auch heute noch solide Unterhaltung und dank einer ökonomischen Laufzeit und vieler interessanter Details am Rande auch recht kurzweilig. Gleichzeitig weiß man beim Sichten natürlich um die filmhistorische Bedeutung. Diese Perle des Expressionismus wird, wenn man sie in ihren historischen Kontext setzt, zu einem tiefenpsychologischen Werk über den Zustand der deutschen Seele kurz nach dem verheerenden Weltkrieg. Das hier im Detail auszuführen, würde aber jeden Rahmen sprengen. Kann man woanders nachlesen – dazu einfach den eigenen Kürbis gebrauchen anstelle des Filmkürbis.

Übrigens ein kleiner Tipp für alle, die sich selbst ein Bild machen möchten: Auf Youtube ist der ganze Film verfügbar (mit englischen Texten).

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 12 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


7,5
von 10 Kürbissen

Tag und Nacht (2010)

Regie: Sabine Derflinger
Original-Titel: Tag und Nacht
Erscheinungsjahr: 2010
Genre: Drama, Erotik
IMDB-Link: Tag und Nacht


Zwei jungen, privilegierten Kunststudentinnen (Anna Rot und Magdalena Kronschläger) ist fad im Schädel. Für den Extrakick und die nette Kohle, die damit einhergeht, beschließen sie, gemeinsam im ältesten Gewerbe der Welt tätig zu werden und für eine Escort-Agentur zu arbeiten. Dort haben sie viele seltsame Begegnungen, und allmählich verschieben sich die Prioritäten, denn natürlich macht das etwas, wenn man mit Geld zugeschüttet wird für Sex. So leiden beispielsweise zwischenmenschliche Beziehungen wie jene zu Claus (Manuel Rubey, der dank eines Paktes mit dem Teufel in 80% aller österreichischen Filmproduktionen mitspielt), und der Fokus auf das Studium leidet durchaus. Und natürlich gehen auch die Dates nicht spurlos an den beiden Königinnen der Nacht vorbei. Da Sabine Derflinger, für Buch und Regie verantwortlich, sämtliche Freier als perverse Vollidioten darstellt, gibt es auch dort reichlich Konfliktpotential – mal mit besserem, mal mit schlechterem Ausgang für die Escortgirls. Am Ende kommt es natürlich zum großen Knall. Bis dahin ist „Tag und Nacht“ ein unentschlossenes Werk. Wie gesagt, die Freier haben allesamt einen gewaltigen Klopfer, aber davon abgesehen ist der Film durchaus auf Hochglanz poliert und weiß nicht so recht, wie er sich positionieren will. Die Mädchen machen alles freiwillig, sogar ihr Chef (der gerade bei den Salzburger Festspielen gefeierte Philipp Hochmair) ist verhältnismäßig nett, Schattenseiten werden kaum thematisiert – aber andererseits ist durch das Bild, das von den Kunden gezeichnet wird, und das durchaus mitreißende und verstörende Ende auch wiederum der erhobene Zeigefinger zu sehen. Damit reiht sich der Film ein in die Riege jener moralischen Werke, die ein bisschen auf verrucht tun möchten und sich dem Thema der Prostitution annehmen, ohne aber wirklich Überraschendes dazu sagen zu können. Aber das – abgesehen vom Männerbild, das hier gezeigt wird – immerhin subtiler als so manch anderer Film.


5,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Stadtkino Filmverleih)