Border (2018)

Regie: Ali Abbasi
Original-Titel: Gräns
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Fantasy, Thriller
IMDB-Link: Gräns


Tina ist nicht unbedingt eine Schönheit, aber sie hat ein außergewöhnliches Talent: Sie kann Gefühle (oder Rückstände von Gefühlen) an Menschen riechen – und damit ist sie natürlich eine Wunderwaffe bei der Grenzkontrolle. Die Ängstlichen, die voller Scham, die haben meist etwas zu verbergen – wie etwa Drogen, nicht verzollter Alkohol oder USB-Sticks voller Kinderpornographie. Allerdings führt Tina kein glückliches Leben, sondern lebt als Außenseiterin mit dem Slacker Roland, mit dem sie eine platonische Beziehung führt, und dessen Kampfhunden in einer abgelegenen Waldhütte. Eines Tages lernt sie Vore kennen, der bei der göttlichen Verteilung von Schönheit und Anmut auch gerade am Klo war. Und etwas stimmt nicht mit diesem Vore – nur kann Tina ausnahmsweise mal nicht herausfinden, was genau. Als sie erfährt, dass er durch die Gegend streunt und kaum Geld hat, nimmt sie ihn bei sich in ihrem Gästehaus auf. Und allmählich nähern sich die beiden einander an und entdecken erstaunliche Gemeinsamkeiten. Doch wer ist dieser Vore, was will er von ihr? Und warum hat er seinen Kühlschrank mit Klebeband versiegelt? „Border“ von Ali Abbasi ist eine klassische  Außenseiter-Geschichte, die von großartigen Akteuren und einer sensiblen Erzählweise getragen wird. Die Auflösung des Films, der irgendwo zwischen Drama, Thriller, Fantasy und Liebesfilm mäandert, ist durchaus originell. Ich mag ja solche Filme, die zwischen den Stühlen sitzen und sich keinem Genre klar zuordnen lassen. So gibt es auch viel zu entdecken in „Border“. Es geht um die Frage, wer wir tatsächlich sind, wie wir von anderen wahrgenommen werden, vor allem auch dann, wenn wir von der gängigen Norm abweichen. Es geht um die Frage nach einem selbstbestimmten Leben. Am letzten Tag meiner /slash-Filmfestival-Besuche noch einmal ein kleines Highlight.


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: /slash Filmfestival)

Detective Dee und die Legende der vier himmlischen Könige (2018)

Regie: Tsui Hark
Original-Titel: De Renjie Zhi Sidatianwang
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Eastern, Action
IMDB-Link: De Renjie Zhi Sidatianwang


Der zweite Film des /slash Double Features aus Hongkong war der dritte Teil der Detective Dee-Filme von Tsui Hark. Ich muss gestehen, dass ich vor der Sichtung jemals weder etwas von den anderen Detective Dee-Filmen noch von Tsui Hark gehört hatte, aber wie der Kurator der Asien-Auswahl des Festivals versicherte, stehen alle Detective Dee-Filme für sich. Man kann also gut quer einsteigen. Was in der Politik geht, geht auch in der Filmkritik. Also rein ins Vergnügen, 3D-Brillen aufgesetzt und ab in den Wilden Osten, wo sich Detective Dee, der aufgrund eines früheren Abenteuers in den Besitz einer ganz besonderen Waffe gelangt ist, mit allerlei Schurkereien von Magiern herumplagen darf, die diesen McGuffin ebenfalls in ihre Hände bekommen möchten. Hinter all dem steht offenbar ausgerechnet die Kaiserin persönlich, was die Sache recht verzwickt macht. Aber Detective Dee ist ein Wunderwuzzi und durchschaut schon bald das falsche Spiel, das mit ihm gespielt wird. Der Rest ist augenzwinkernde Martial Arts-Prügelei mit teils sehr absurden Einfällen (den Magiern sei Dank), die visuell überzeugend und mit Humor in Szene gesetzt werden. Dass der Film dennoch nicht richtig zündet bei mir, ist der Tatsache geschuldet, dass auch hier wieder die Story selbst eher belanglos, vorhersehbar und teils arg unlogisch gestrickt ist. Auch sind die Charaktere und ihre Motivationen weniger zugänglich als im vor diesem Film gesehenen Sword Master, der erste Teil des Double Features. So bleibt mir nur das Standard-Fazit für derartige Martial Arts-Filme aus dem Osten: Visuell überzeugend, bunt und toll choreographiert, aber nichts, was bei mir dauerhaft im Gedächtnis bleibt – dazu ähneln sich die Filme und ihre konfusen Stories zu sehr.


5,0
von 10 Kürbissen

(Foto: /slash Filmfestival)

Sword Master (2016)

Regie: Derek Yee
Original-Titel: San Shao Ye De Jian
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Eastern, Action
IMDB-Link: San Shao Ye De Jian


Martial Arts-Filme laufen bei mir für gewöhnlich ja ein wenig unterhalb des Radars. Zum einen sind nicht allzu viel davon regelmäßig in unseren Kinos zu bewundern, zum anderen finde ich zwar die aufwendig choreographierten Kämpfe zwar sehenswert, aber die Stories reißen mich nur selten mit. Beim /slash-Filmfestival hatte ich nun Gelegenheit, gleich zwei Martial-Arts-Filme aus Hongkong in 3D zu sichten. Den Auftakt machte der 2016 erschienene Film „Sword Master“ von Derek Yee. Um es kurz zu machen: Innerhalb kurzer Zeit konnte ich wieder feststellen, dass ich wohl kein großer Martial Arts-Fan mehr werde, aber die Faszination, die viele Asien-Begeisterte für diese Art von Filmen haben, durchaus nachvollziehen kann. Denn die Optik von „Sword Master“ ist grandios. Was hier an farbenkräftigen, aufwendigen Kulissen aufgestellt wird und welche irren Kamerafahrten und atmosphärisch dichten Bilder auf der Leinwand zu sehen sind, ist schon eine Kunst für sich. Auch die Figuren sind interessant, und dem Film gelingt es tatsächlich, den Antagonisten trotz markanter Äußerlichkeiten, die ihn klar als den Bösewicht identifizieren, Sympathiepunkte beim Publikum sammeln zu lassen, sodass man sich schon fast vor der finalen Konfrontation zu fürchten beginnt. Allerdings ging es mir wieder so wie bei den meisten anderen Filmen, die ich in diesem Genre gesehen habe (und zugegeben, allzu viele waren es bislang nicht): Die Story rund um alte, zerstrittene Clans mit einem verschwundenen „Third Master“, der mit seiner Schwertkunst über die ganze Welt regieren kann und den Bündnissen, die geschlossen und wieder aufgelöst werden, konnte ich selbst nicht allzu viel anfangen. Zu konfus erscheint mir diese, und allzu oft bedient sich der Film des Deus ex machina, um bestimmte Konfrontationen und Erkenntnisse herbeizuführen. So bleibt die Geschichte einfach nur der Rahmen, innerhalb dessen sich möglichst spektakuläre Schwertkämpfe abspielen sollen, die jegliche Gesetze der Physik nicht nur ignorieren, sondern fröhlich in den Boden stampfen. Unterhaltsam ist das schon, aber auch bald wieder vergessen – jedenfalls von mir.


5,5
von 10 Kürbissen

(Foto: /slash Filmfestival)

Summer of ’84 (2018)

Regie: François Simard, Anouk Whissell und Yoann-Karl Whissell
Original-Titel: Summer of ’84
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Thriller
IMDB-Link: Summer of ’84


Hach, 1984! Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen. Im Radio liefen „Fürstenfeld“ und „I Want to Break Free“, Michel Platini führte Frankreich zum Europameistertitel, Niki Lauda wurde zum dritten Mal Weltmeister, man beging das „Orwell-Jahr“ – und der Filmkürbis … ähm … ja … was machte ich damals? Ach so, in die Windeln. Egal. Was ich sagen will: Die 80er-Nostalgie nimmt derzeit kein Ende und erweist sich für kreative Köpfe als Goldgrube. In diese Kerbe schlägt auch „Summer of ’84“, eine Art Mash-Up aus „Stand by Me“, „Stranger Things“, „It“ und „Disturbia“. Der 15jährige Davey hat seinen Nachbarn Mr. Mackey, einen Polizisten, im Verdacht, als Serienkiller dreizehn Morde auf dem Gewissen zu haben. Mit seinen drei besten Freunden ergreift er nun die Initiative, um Beweismaterial zu finden, das Mr. Mackey als Täter überführen soll. Dass es der geistigen Gesundheit nicht zuträglich ist, wenn man glaubt, dass der unmittelbare Nachbar in der Kleinstadt, in der jeder jeden kennt, ein psychopathischer Killer ist, versteht sich irgendwie von selbst. Und so bezieht „Summer of ’84“ einen Großteil der Suspense aus dem Spiel zwischen Paranoia und ernsthafter Bedrohung. Unterlegt sind die Bilder mit einem 80er-Synthie-Sound, der zwar prinzipiell ganz nett klingt und den Film auch klar in seiner Zeit verankert (was durch die Bilder selbst nicht immer zu 100% gelingt), aber auf Dauer dann doch etwas eintönig wirkt. Auch die vier Freunde sind quasi dem Lehrbuch für Coming-of-Age-Buddy-Filmen entnommen: Davey ist der brave Schüchterne, Farraday der ängstliche Streber, Eats der coole Arme und Woody der dicke Schussel. Dazu gesellt sich noch Nikki, das ehemalige Kindermädchen von Davey, die als Zwanzigjährige nun für feuchte Träume herhalten muss. Das alles kommt einem beim Ansehen einfach wahnsinnig bekannt vor. Leider bleiben die Figuren zumeist auch auf diesem oberflächlichen Niveau. Was die Figurenentwicklung betrifft, kommt „Summer of ’84“ nie an das Niveau von beispielsweise It heran. Trotzdem ist „Summer of ’84“ sehenswert, da die Spannung von Anfang an hochgehalten wird, die Darsteller bzw. ihre Figuren recht sympathisch sind und der Film gegen Ende hin noch die eine oder andere fiese Überraschung bereit hält, die noch eine Weile präsent bleibt, auch wenn der Vorhang längst gefallen ist. Insgesamt also eine solide, unterhaltsame Sache, die man sich jedenfalls ansehen kann.


6,5
von 10 Kürbissen

(Foto: /slash Filmfestival)

Tito and the Birds (2018)

Regie: Gabriel Bitar, André Catoto und Gustavo Steinberg
Original-Titel: Tito e os Pássaros
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Animation
IMDB-Link: Tito e os Pássaros


Fast hätte ich diesen Film ausgelassen, den ich als vierten Film meines /slash-Filmfestival-Besuchs auserkoren hatte. Das war so ein Wackelkandidat – wenn ich rechtzeitig aus dem Büro rauskomme, nehme ich ihn mit, ansonsten sehe ich diesen Animationsfilm, der eher der Überbrückung bis zum Spätabendprogramm dient, halt nicht. So what? Und jetzt sitze ich im orientalischen Lokal, lausche bei einem Glas Ayram dem Donauwalzer (Sie lesen gerade ein Kapitel aus dem Wälzer „The strange life of a film critic“) und versuche, das soeben Gesehene angemessen in Worte zu kleiden, die diesem kleinen Wunderwerk gerecht werden können. „Tito and the Birds“ ist nämlich ein Film, den ich uneingeschränkt wirklich jedem empfehlen kann, ob filminteressiert oder nicht, ob alt, ob jung – so etwas kommt selten vor. Gemacht ist dieser Animationsfilm in einer spannenden (und vielleicht anfangs etwas gewöhnungsbedürftigen) Mischung aus mit groben Pinselstrichen gemalten Ölbildern im Hintergrund und digitaler und grafischer Animation der Figuren im Vordergrund. Dadurch wirkt der Film zum Einen wunderschön mit seinen kräftigen, lebhaften Farben und fokussiert gleichzeitig auf die optisch sehr einfach gehaltenen, aber dennoch ausdrucksstarken Figuren. Allein das schon macht den Film sehenswert. Nun kommen aber noch zwei Elemente hinzu, die „Tito and the Birds“ zum Meisterwerk aufsteigen lassen: Die expressive, intensive Musik und das Herzstück des Films, die unglaublich fantasievoll erzählte, kluge Geschichte. Denn in „Tito and the Birds“ geht es um die Angst und wie sie in die Welt kam. In einer Großstadt bricht eine seltsame Epidemie aus, die die Menschen zu Steinklumpen schrumpfen lässt. Allein Tito und seine Freunde stellen sich ohne Angst dieser Epidemie entgegen. Tito vermutet, dass die Sprache der Vögel, die sein Vater erforschte, der nach einem fatalen Unfall die Familie verlassen musste, der Schlüssel zur Heilung sein könnte. Und so baut er eine Maschine, um die Sprache der Vögel zu lernen und zu verstehen. Angereichert ist die Geschichte mit vielen liebevoll durchdachten Details und vielschichtigen Figuren, die so organisch miteinander verwoben sind, dass der Film für ein jüngeres Zielpublikum (10+) gut verständlich und unterhaltsam ist, den erwachsenen Zusehern aber einen Raum voller Ebenen öffnet, in dem sich intelligent verpackte Gesellschaftskritik und ein sehr deutliches Statement zur sozialen Kälte unserer Zeit und dem Wiederaufkeimen von faschistischen und diktatorischen Regimes finden lässt. „Tito and the Birds“ ist mit Herz und Hirn gleichermaßen gemacht und ein Wunder an Fantasie und Kreativität. Einer der Filme des Jahres für mich.


9,0
von 10 Kürbissen

(Foto: /slash Filmfestival)

The Friendly Beast (2017)

Regie: Gabriela Amaral Almeida
Original-Titel: O Animal Cordial
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Thriller
IMDB-Link: O Animal Cordial


Wenn man sich nach einem ganztägigen Meeting in Berlin um 10 Uhr abends zu Hause von der Couch noch einmal aufrafft, um ins Kino zu fahren in dem Bewusstsein, dass sich dann die Anzahl an Schlafstunden in der Nacht auf vier reduziert, dann muss die Erwartungshaltung eine relativ hohe sein. So ging es mir mit dem brasilianischen Thriller „The Friendly Beast“, meine dritte /slash-Filmfestival-Sichtung. Man möchte nicht glauben, wie viele Leute um 23 Uhr noch im Kinosaal hocken, um sich dieses makabre Schauspiel zu geben, das da auf der Leinwand gezeigt wurde. Leute, habt ihr nichts zu tun? Oder seid ihr alle so wahnsinnig wie ich? Zweiteres wäre echt beunruhigend. Jedenfalls wurde ein gut gefüllter Saal Zeuge davon, wie ein Überfall auf ein kleines Restaurant sehr schnell sehr schief gehen kann. Nämlich dann, wenn der Restaurantbesitzer selbst eine Puffen in der Schublade hat und schon bald Tendenzen zum paranoiden Verschwörungstheoretiker aufweist. Wenn die schüchterne Kellnerin dann auch noch einen Crush auf den selbst ernannten Westernsheriff hat, findet sich die Verbrecherbande schon bald entweder blutend auf dem Boden oder mit überraschender Gesellschaft in der Restaurantküche festgebunden wieder. Was wie eine Reminiszenz an Quentin Tarantinos „Pulp Fiction“ beginnt, wird schon bald zu einem blutigen Psycho-Kammerspiel. Inklusive der vielleicht seltsamsten und makabersten Sexszene der jüngeren Filmgeschichte. Hier ist der Zuseher ständig auf High Alert. Insgesamt sieht man dem Film aber immer wieder an, dass er etwas zu plakativ auf das Schockieren des Publikums abzielt, und das geht zu Lasten der Story. Etwas subtiler wäre der Film wirkungsvoller gewesen. Dennoch bietet er gute Unterhaltung, sofern man beim Anblick von Blut nicht grün im Gesicht wird. Denn in diesem Fall verlässt man spätestens nach 45 Minuten den Saal als Laubfrosch.


6,0
von 10 Kürbissen

(Foto: /slash Filmfestival)

Inuyashiki (2018)

Regie: Shinsuke Sato
Original-Titel: Inuyashiki
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Action, Komödie, Fantasy, Science Fiction
IMDB-Link: Inuyashiki


Herr Inuyashiki ist schon etwas in die Jahre gekommen. Für seine Firma verkauft er recht erfolglos mit Mineralen angereichertes Sportwasser, seine Kinder verachten ihn, ihm läuft ein Hund zu, den seine Frau nicht im Haus haben will, und dann bekommt er noch die Diagnose: Krebs. Drei Monate zu leben. Da kann man es schon nachvollziehen, wenn der gute Mann zum nächtlichen Sinnieren in den Park geht. Dort ist er aber nicht allein. Er bekommt Gesellschaft durch einen High School Schüler – und seltsame Entitäten, die ihn ausknocken. Als Inuyashiki wieder zu sich kommt, ist fortan alles ein bisschen anders. Denn das nächtliche Rendezvous mit den Gästen From Outer Space hat ihm ein paar lässige Zusatz-Features eingebracht. Einen Düsenantrieb zum Beispiel, oder einen Waffe im Arm, und nicht zuletzt die Fähigkeit zu heilen. Damit kann man schon ein paar nette Dinge anstellen. Nur blöd, dass sich an seiner Rolle als gering geschätzter Familienvater erst einmal nichts geändert hat. Und noch blöder, dass der Junge, der in jener Nacht ebenfalls im Park war, die gleichen Special Effects mitbekommen hat, diese schneller zu beherrschen versteht und mit einer Mordswut im Bauch gleich mal ganz Japan den Krieg erklärt. So muss der betagte Bürohengst seine Düsen in die Hand nehmen und hinausziehen ins Gefecht. Die japanische Live-Action-Verfilmung des Animes „Last Hero Inuyashiki“ ist ein durchaus spaßiges und actionreiches Vergnügen mit soliden visuellen Effekten und einem sympathischen Anti-Helden als Hauptfigur. Wenn der völlig überforderte Inuyashiki zum ersten Mal mit seinen neuen Modifikationen konfrontiert wird, sind seine Reaktionen darauf brüllend komisch anzusehen. Was dem Film aber eindeutig fehlt, ist eine nachvollziehbare Handlung. Zwar wird versucht, dem Bösewicht auch eine Geschichte zu geben, aber es bleibt dennoch völlig unschlüssig, warum er dermaßen austickt. Und das ist schade, denn dadurch wird der Film auf ein spaßiges Action-Abenteuer reduziert, das die wirklich tolle Grundprämisse, nämlich den alltägliche Büroangestellten zum Superhelden zu machen, nicht wirklich ausspielen kann. Dennoch hatte ich im Kino meinen Spaß mit dem Film, auch wenn er kaum im Gedächtnis hängenbleiben wird.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 64 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


5,5
von 10 Kürbissen

(Foto: /slash Filmfestival)

Brothers‘ Nest (2018)

Regie: Clayton Jacobson
Original-Titel: Brothers‘ Nest
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Komödie, Thriller
IMDB-Link: Brothers‘ Nest


Mein erster Besuch des /slash-Festivals führte mich in ein entlegenes Haus in Victoria, Australien. Zwei etwas festere bärtige Herren im schicken Müllmann-Outfit haben offensichtlich sinistere Pläne, als sie in das Haus einsteigen, um auf den dort lebenden älteren Roger zu warten. Man erfährt, dass die beiden Zottelbären Brüder sind, dass ihre alte Mutter an Krebs erkrankt ist und bald sterben wird und Roger der neue Lebensgefährte der Mutter ist, der laut Testament das alte Familienhaus erben soll. Und das geht den beiden Brüdern gegen den Strich. „Brothers‘ Nest“ beginnt als sehr schwarze Komödie, die ihre Komik aus den beiden charakterlich sehr ungleichen und schrägen Brüdern zieht. Terry ist nicht die hellste Kerze auf der Torte, und er ist es auch, der Bedenken äußert, dem Stiefvater eben alle Kerzen auszublasen. Jeff ist der Mann mit dem Plan. Und wenn man sich in schwarzen Komödien auf etwas verlassen kann: Dass eher selten alles nach Plan funktioniert. Auch Pinky und der Brain mussten das ein ums andere Mal feststellen – warum also soll es diesem australischen Brüderpaar anders gehen? Als dann tatsächlich Roger auftaucht und die Wartezeit, die man sich mit Putzen, Saugen und Wortgefechten vertrieben hat, endlich ein Ende findet, wird es turbulent. Am Ende blickt man als Zuseher fassungslos auf das Geschehen, die Gefühlslage ist irgendwo zwischen hysterischer Freude angesichts des Adrenalins, das noch einmal eingefahren ist, und blankem Entsetzen in Anbetracht der Wendungen, die die Handlung genommen hat. Und in der hintersten Reihe hört man die Coen-Brüder kichern, die ihr filmisches Vermächtnis in guten Händen wissen. Clayton Jacobson hat mit „Brothers‘ Nest“ einen sehr einfachen, aber wirkungsvollen Film gedreht, der von der ersten bis zur letzten Minute an diebisch Freude macht. Ein großartiger erster /slash-Film!


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: /slash Filmfestival)

Creed – Rocky’s Legacy (2015)

Regie: Ryan Coogler
Original-Titel: Creed
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Sportfilm, Drama
IMDB-Link: Creed


Der Junior blickt aufs Filmprogramm: „Bäm, Oida, da spühn’s CREED – ROCKY’S LEGACY. Is sicha voi leiwand mit Schwertan und Kung Fu und so. Wia ASSASSIN’S CREED!“
Der Senior studiert mit verkniffenem Blick das Plakat. „Wos steht do? ROCKY’S LEGASTHENIE? Jo, der Rocky, so a helle Kerzn is er echt net, des waaß i no vom erstn Füm. Oba doss des so schreibm …“
Junior (ungeduldig): „Heast, du vastehst nix! Da geht’s um so Mörda und so. De hupfn voi von aam Haus zum onderen.“
Der Senior schaut seinen Sprössling verdutzt an. „Wos redst du fia an Blech? Des is da Rocky, denn muasst ja kennan! Da Süvesta Stailon. A Boxa! Da beste wos gibt!“
Und wenn der Junior und der Senior dann im Kinosaal sitzen, werden wohl beide ein bisschen überrascht sein, denn weder hüpft Sylvester Stallone als Rocky Balboa von Dach zu Dach, noch wird seine Leseschwäche über Gebühr strapaziert (nur einmal kurz, aber darüber kann man ja hinweg sehen). Wahrscheinlich wäre es für Junior und Senior auch einfacher gewesen, wenn man den Titel beim einfachen „Creed“ belassen hätte, denn das englische Anhängsel im deutschen Verleihtitel ist tatsächlich unnötig. Aber sei’s drum – für die Qualität des Films spielt das keine Rolle. Und die ist überraschend gut. Im Grunde ist „Creed“ fast eine Art Remake von „Rocky“, nur dass sich nun Michael B. Jordan (der Schauspieler, nicht der Basketballer) als Underdog Adonis Creed gegen den Weltmeister prügeln darf und dass sein Problem nicht das ist, ein unbekannter Niemand zu sein, der aus dem Armenviertel kommt (wie einst Rocky), sondern einen berühmten Namen zu tragen, nämlich jenen seines Vaters Apollo Creed, und aus einem privilegierten Umfeld zu kommen, wodurch er zu sehr auf seinen Nachnamen reduziert wird. Diese Inversion der Milieus ist durchaus reizvoll – denn ob arm oder reich: Sowohl Adonis als auch Rocky kämpften um das gleiche Ziel, nämlich sich selbst einen Namen zu machen. Adonis engagiert dafür das große Vorbild als Trainer. Und während er den Kampf gegen den langen Schatten seines früh verstorbenen Vaters antritt, muss Rocky einen anderen Kampf bestehen – und zwar gegen jenen Feind, der ihm auch schon seine geliebte Adrian genommen hat. Etwas überraschend, aber nicht unverdient wurde Sylvester Stallone für seine erneute Darstellung des Italian Stallion mit dem Golden Globe ausgezeichnet und einer Oscarnominierung bedacht. Nicht unverdient deshalb, weil er dem eigentlich schon durch die sechs vorherigen Filme bestens bekannten Rocky eine neue, verletzliche Seite hinzufügen kann und diese mit großer Sensibilität ausfüllt. „Creed“ zeigt, dass man auch im siebten Film zu einer Figur noch Neues an dieser entdecken kann, sofern diese vielschichtig und interessant und eben menschlich ausgestaltet ist. Vielleicht ist der Film ein bisschen zu lang ausgefallen und zu sehr auf die Wiederholung der ursprünglichen Rocky-Geschichte bedacht (wohl um sich in künftigen Filmen dann von dieser auch emanzipieren zu können), aber nach „Rocky Balboa“ ist auch „Creed“ ein überraschend guter Beitrag zu der legendären Boxer-Saga.


6,5
von 10 Kürbissen

Rocky Balboa (2006)

Regie: Sylvester Stallone
Original-Titel: Rocky Balboa
Erscheinungsjahr: 2006
Genre: Sportfilm, Drama
IMDB-Link: Rocky Balboa


Es ist schon erstaunlich. Nach den wirklich miserablen Rocky-Filmen III-V dachte man, die Filmreihe wäre nun endgültig zu Grabe getragen worden. Doch da taucht plötzlich 2006 ein gealterter Sylvester Stallone auf, wirft sich noch mal in die glitzernden Unterhosen und zieht in Personalunion Hauptdarsteller/Regie/Drehbuch erneut in den Ring. Was hätte das für ein Desaster werden können! Doch plötzlich ist die Reihe wieder interessant. Als hätte Stallone die 16 Jahre zwischen „Rocky V“ und „Rocky Balboa“ gebraucht, um sich wieder darüber klar zu werden, wer Rocky ist. In „Rocky Balboa“ ein Restaurantbesitzer, der sich schwer tut, loszulassen. Ein Has-Been, wie es im Englischen heißt. Immer noch glänzt sein Name – zu sehr im Übrigen für seinen Sohn Robert (Milo Ventimiglia), dem es nicht gelingt, aus Rockys großem Schatten herauszutreten. Aber eigentlich lebt Rocky in der Vergangenheit – und zwar in der Vergangenheit, in der er ein großer Champion ist und in der vor allem seine geliebte Adrian noch lebt. Nur Paulie ist noch da, und der trägt seine eigenen Dämonen mit sich. Die Szene, in der Rocky in Adrians Gedenken zusammen mit Paulie all die Plätze besucht, die für ihn und Adrian eine wichtige Rolle gespielt haben (und die zum Teil nur noch Schutt und Asche sind), ist einfach verdammt gut und rührt zu Tränen. Man sieht einen Mann, der nicht begreifen kann und will, dass das Leben vorwärts und nicht rückwärts läuft. Doch plötzlich tut sich eine Chance auf, noch einmal im Rampenlicht zu stehen und den Geistern der Vergangenheit vielleicht einen entscheidenden Kinnhaken zu verpassen, als er das Angebot bekommt, in einem Exhibition-Fight gegen den amtierenden und ungeschlagenen Weltmeister Mason „The Line“ Dixon (Antonio Carver) anzutreten. In diesen legt Rocky noch einmal alles hinein, was er zu geben imstande ist. „Rocky Balboa“ ist wirklich ein gelungenes Drama über das Altern, über die Verluste, die wir in unserem Leben hinnehmen müssen – und zeitweise blitzt auch ein subtiler, ironischer Humor durch, wenn beispielsweise Rocky (Paulie sei Dank) zu „High Hopes“ von Frank Sinatra in den Ring steigt. Auch die Leistungen der Darsteller sind wieder auf dem Punkt und schließen (endlich!) an das Niveau der ersten beiden Rocky-Filme an. Ein überraschendes, da sehr gelungenes Comeback.


7,0
von 10 Kürbissen