Alles ist gut (2018)

Regie: Eva Trobisch
Original-Titel: Alles ist gut
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama
IMDB-Link: Alles ist gut


„Echt jetzt?“ Das sind die genervt ausgesprochenen zwei Worte, die Janne (Aenne Schwarz) noch anbringt, ehe ihr Bekannter Martin (Hans Löw) nach einer Party mit etwas zu viel Alkohol in sie eindringt. Das Problem bei der Geschichte ist: Dieser Koitus beruht nicht auf Konsens. Eva Trobisch erzählt in „Alles ist gut“ von den Folgen einer Vergewaltigung. Vom Weitermachen, nachdem für einen kurzen Moment eine ganze Welt zusammengebrochen ist und sich alles ein Stück weit verschoben hat: die Alltagssorgen, die eigene Wahrnehmung, das Selbstvertrauen, die Beziehung. Und das alles beschreibt Trobisch sehr unaufgeregt und nicht einmal mit einem halben Auge auf die #metoo-Debatte schielend – und gerade deshalb vielleicht einer der relevantesten Beiträge dazu überhaupt. Denn hier wird sexuelle Gewalt im Alltäglichen gezeigt. Der Angreifer ist kein gesichtsloses Monster, kein Arschloch. Er ist eigentlich ein netter Typ, der danach selbst mit sich hadert und seine Schuldgefühle mit sich schleppt. Das Problem: Er hätte sich das vorher überlegen müssen. Das Kind ist in den Brunnen gefallen, und verzeihen kann man eine solche Tat nicht. Und Janne muss nun damit leben. Sie verkriecht sich nicht, sie wirkt nicht wie gelähmt – im Gegenteil, sie versucht, diese Nacht in den Untiefen ihres Ichs wegzusperren und weiterzumachen, denn das Leben geht nun mal weiter mit all seinen Herausforderungen und Problemen und Aufgaben. Allerdings ist das, was man so hart zu sich selbst einfach wegsperrt, nie ganz weg. Irgendwann kommt es wieder hoch, und dann beginnen die seelischen Verwundungen zu bluten, lange nachdem sie zugefügt wurden. „Alles ist gut“ zeigt, was diese strukturelle Art der Gewalt auf eine subtile Weise mit den Betroffenen macht. Dass er das kann, liegt vor allem an Aenne Schwarz. Denn diese spielt diese herausfordernde und vielschichtig angelegte Rolle mit all der Überzeugungskraft, die es dafür braucht. Ihre Janne ist verletzlich und stark, sie ist wehrhaft und dann auch wieder wehrlos, und ein einziger Blick von ihr sagt mehr, als ihr der beste Drehbuchautor in diesem Moment in den Mund legen könnte. Ganz ehrlich: Wäre ich ein renommierter Autorenfilmer, ich würde ein Drehbuch für ein 4-stündiges Epos schreiben, das all die widersprüchlichen Untiefen der menschlichen Seele frei legt, und Aenne Schwarz mit der Hauptrolle besetzen. Wahrscheinlich würde es sogar reichen, vier Stunden lang einfach nur die Kamera auf ihr Gesicht zu halten, und damit wäre alles gesagt.


7,5
von 10 Kürbissen

Briefe aus dem Jenseits (1947)

Regie: Martin Gabel
Original-Titel: The Lost Moment
Erscheinungsjahr: 1947
Genre: Drama, Thriller, Liebesfilm
IMDB-Link: The Lost Moment


Der Verleger Lewis Venable (Robert Cummings) kommt Anfang des 19. Jahrhunderts nach Venedig, um dort nach den Briefen eines berühmten Dichters an seine Geliebte zu suchen, die er dann für gutes Geld veröffentlichen möchte. Dafür quartiert er sich unter dem falschen Namen im Haus der ehemaligen Geliebten an. Diese ist nicht mehr ganz taufrisch, denn die Episode mit dem berühmten Dichter liegt nun schon mehr als ein halbes Jahrhundert zurück. Ihre Nichte Tina (Susan Hayward) ist von dem Besuch weniger begeistert und lässt ihn das auch spüren. Zur Tante selbst entwickelt Lewis allerdings schon bald ein recht gutes Verhältnis, auch wenn die alte Dame, deren faltige Hände sich immer recht unentspannt an die Lehnen ihres Stuhls klammern, ein wenig creepy wirkt. So wie eigentlich auch das ganze Haus, das viel zu groß für die beiden Damen und ihre Haushälterin ist. Und das einige verwinkelte Ecken aufweist, in denen es sich nachts hervorragend herumschleichen lässt. Schon bald ist Lewis auf der Suche nach den verschollenen Briefen tiefer in die persönlichen Angelegenheiten der kleinen Damenrunde verwickelt, als es ihm lieb ist. Vor allem Tina gibt ihm so einiges zu denken auf. „The Lost Moment“ (der deutsche Titel „Briefe aus dem Jenseits“ ist eher irreführend) ist ein klassischer Film Noir. Die Gänge sind dunkel, die Mienen finster, die Schatten lang wie die Nächte, und hinter jeder Ecke lauert ein Geheimnis. Als Vorlage diente Henry James‘ Novelle „The Aspern Papers“, und man merkt dem Film den Geist der Vorlage aus dem 19. Jahrhundert durchaus an. Das erhöht durchaus die Eleganz und damit auch den Reiz des Films. Die Auflösung ist mir persönlich dann etwas zu einfach gestrickt geraten, aber dennoch unterhält der Film auch heute noch sehr gut mit seiner stimmungsvollen Atmosphäre, dem gelungenen Schauspiel und gut inszenierten Spannungsmomenten.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 16 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


6,5
von 10 Kürbissen

Der Killer von Wien (1971)

Regie: Sergio Martino
Original-Titel: Lo strano vizio della Signora Wardh
Erscheinungsjahr: 1971
Genre: Thriller, Krimi
IMDB-Link: Lo strano vizio della Signora Wardh


Ich muss gestehen: Vor meiner Teilnahme an der Filmreisechallenge war mir das Genre des „Giallo“ kein Begriff. Im Rahmen der Challenge wurde mir aber nun eben auch dieses italienische Filmgenre aufgedrückt, in dem unter anderem Dario Argento für Furore gesorgt hat. Ein Giallo ist ein Krimi/Thriller, in dem stimmungsvoll und stilistisch ansprechend Mordserien mit sehr viel Ketchup und Kunstblut inszeniert werden, die einen Mehrwert durch frei hängende Tutteln attraktiver Schauspielerinnen erfahren. Und wenn einer dieser Filme schon unter dem Titel „Der Killer von Wien“ läuft, ist klar, welcher meiner erster Giallo sein muss. In diesem Streifen kommt die attraktive Signora Wardh (Edwige Fenech, wahnsinnig attraktiv und vom Schöpfer wohlgeformt) mit ihrem Bürokratengatten nach Wien, wo sie auf ihren sadistischen Ex-Lover, einen mysteriösen Macho und eine Mordserie an jungen Damen stößt – Ersteres wie Letzteres zu ihrem Leidwesen, Zweiteres zur Freude der Zuseher, wenn sich Fenech und George Hilton in den Bettlaken wälzen. Schon bald wird klar, dass der Meuchelmörder, der seine Opfer mit einem Rasiermesser aufschlitzt, etwas mit Signora Wardh zu tun hat. Bis es zum Showdown kommt, dürfen sich einige ansehnliche Nebendarstellerinnen mit Kunstblut beschmieren, und Kellner wie Portiere mit einem sehr authentischen Wiener Zungenschlag parlieren. Hierbei hat sich die Synchronisation wirklich etwas gedacht in Sachen Lokalkolorit. All das reicht schon mal aus, um 1,5 Stunden lang vergnügt mitzurätseln, a) wer der Killer ist, b) was er mit Signora Wardh zu schaffen hat und c) wie hoch der Booby Count noch wird. Was die Freude hingegen ein wenig trübt, sind das hölzerne Schauspiel der meisten Beteiligten, die wohl genre-üblichen Logiklöcher und fetzendepperten Handlungen der Damen, denen nachgestellt wird, sowie das Ende selbst. Die Auflösung soll schockieren mit einem genialen Twist. Stattdessen sorgt sie nur für Stirnrunzeln und den Wunsch, dass der Drehbuchautor mittlerweile wieder weg ist von dem Zeug, das ihm dieses Ende eingegeben hat.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 22 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


5,5
von 10 Kürbissen

Matangi / Maya / M.I.A. (2018)

Regie: Steve Loveridge
Original-Titel: Matangi / Maya / M.I.A.
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Matangi / Maya / M.I.A.


Steve Loveridge und Matangi „Maya“ Arulpragasam, die später eine Weltkarriere als M.I.A. hinlegen sollte, lernten sich in London am Saint Martins College of Art kennen und freundeten sich an. Diesem glücklichen Umstand ist es zu verdanken, dass etwa zwei Jahrzehnte später die Dokumentation „Matangi / Maya / M.I.A.“ in die Kinos kommt, die unter Anderem die Kritiker des Sundance-Filmfestivals überzeugen konnte. Sowie den Kürbis eures Vertrauens. Denn der Film erzählt keine gewöhnliche Geschichte vom Aufstieg trotz aller Widerstände und dem Erreichen des Olymps. Vielmehr bietet Loveridge ein Porträt über die Hintergründe der Musikerin an und zeigt, wie die persönliche Geschichte ihre Kunst geformt hat. Denn M.I.A. hat so einiges Charakterbildendes erlebt. Ihr Vater gründete in Sri Lanka den bewaffneten tamilischen Widerstand gegen die Regierung mit und kämpfte in dem sich an der Unterdrückung der Tamilen entzündeten Bürgerkrieg. Der Rest der Familie migrierte nach London, wo M.I.A., damals noch Maya, mit den Schwierigkeiten von Flüchtlingen und Fremdenhass konfrontiert wurde. Später kam der Vater nach, doch der Krieg blieb. Und je älter Maya wurde, desto mehr beschäftigte sie sich mit der Geschichte ihres Volkes und dem Mord, der an ihm begangen wurde. All das manifestierte sich schließlich in der Musik, die die angehende Dokumentarfilmerin schließlich als für sie passendste Ausdrucksform fand. Und von diesem Findungsprozess erzählt Loveridge in seinem Film. Und von den Konfrontationen mit der Presse und dem Fernsehen, die M.I.A. immer wieder suchte, um auf den Bürgerkrieg in Sri Lanka hinzuweisen. Sie kann nicht schweigen, wenn Unrecht geschieht.  Und so erfährt man in dieser Dokumentation nicht nur viel über die Herkunft von M.I.A. selbst und die historischen Hintergründe Sri Lankas, sondern vor allem über ihren Charakter, ihren Kampfgeist, ihre Menschlichkeit und auch ihre Verletzbarkeit. Loveridge ist damit ein sehr persönliches Porträt gelungen, das lange nachhallt.


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Stadtkino Filmverleih)

Die Zigarette (1919)

Regie: Germaine Dulac
Original-Titel: La Cigarette
Erscheinungsjahr: 1919
Genre: Drama
IMDB-Link: La Cigarette


Rauchen gefährdet die Gesundheit. Vor allem, wenn in der Zigarettenschachtel eine vergiftet ist wie der Apfel im Märchen von Schneewittchen. Diesen Zustand hat sich der Pariser Museumsdirektor Pierre selbst eingebrockt. Er selbst zählt schon einige Lenze und beschäftigt sich am liebsten mit der Mumie einer ägyptischen Königin, die der Legende zufolge einer blöden Eifersuchtsgeschichte zum Opfer gefallen ist. Womit sich Pierre weniger häufig beschäftigt: Mit seiner jungen und bildhübschen Frau. Die wird natürlich mit der Zeit empfänglich für die Ablenkungen, die die Welt da draußen so bietet. Das wiederum missversteht ein gelackter Dandy, der sich der Dame nun vehement anzunähern versucht. Sie selbst will nicht, denn trotz aller Langeweile liebt sie ihren verstaubten Professorengatten. Als aber eines Tages aufgrund eines Missverständnisses die Eifersucht in diesem entzündet wird, entschließt er sich, zur melodramatischsten aller Liebesbezeugungen zu greifen – dem Suizid. Eine vergiftete Zigarette soll sein Schicksal entscheiden. Nur eine einzige wird von ihm vergiftet und dann untergeschoben in die volle Zigarettenschachtel. Irgendwann, so der Plan, wenn er selbst nicht damit rechnet, soll ihm diese den Garaus machen. Suizid durch russisches Roulette, wenn man so will. Doch die Gattin wittert, dass da etwas faul ist – nicht nur im Staate Dänemark, sondern auch unter den Tabakgenussprodukten. Und so entspinnt sich ein dramatisches Katz-und-Maus-Spiel um das Leben des Professoren, seiner Frau und die Nerven der Zuseher. Und das ist durchaus modern inszeniert. Anders nämlich als viele anderer ihrer Zunft zur damaligen Zeit scheute sich Germaine Dulac, die „Die Zigarette“ inszenierte, vor dramatisch überhöhten Gesten und Mimiken. Ihre Figuren wirken angenehm geerdet und werden von den Schauspielern, allen voran Gabriel Signoret als Pierre, mit einer stoischen Zurückhaltung gespielt, die das ganze Drama noch viel greifbarer macht. Hier wird nicht gehampelt und gehüpft, und auch Augen werden nur in wirklich nachvollziehbaren Fällen aufgerissen. Und damit wird das Spiel naturalistisch und authentisch. Auch die Story selbst weiß mit dem gelungenen Einsatz von Suspense und wirklich tollen Twists zu überzeugen. So ist der Film auch heute noch, 100 Jahren nach seiner Entstehung, ein Meisterwerk, das man sich als Film-Aficionado keinesfalls entgehen lassen sollte. Sofern man nicht einer militanten Nichtraucher-Lobby angehört.


8,5
von 10 Kürbissen

Suspense (1913)

Regie: Lois Weber
Original-Titel: Suspense
Erscheinungsjahr: 1913
Genre: Kurzfilm, Thriller
IMDB-Link: Suspense


Mit Rezensionen von Kurzfilmen ist es so eine Sache. Meistens dauert es länger, sie zu schreiben, als den ganzen Film zu sehen. „Suspense“ von Lois Weber ist so ein Fall. Konsumiert hat man den in knackigen zehn Minuten – und das auch noch kostenlos auf Youtube. Diese zehn Minuten kann wohl wirklich jeder aufbringen, warum also eine Rezension vorab lesen, ob sich die Sichtung lohnt oder nicht? Bei einem 7,5-Stunden-Knüller wie Satanstango sieht die Sache natürlich anders aus, da hilft so eine erste Einschätzung, ob man stattdessen nicht lieber etwas Sinn Stiftendes wie beispielsweise einen ausgedehnten Frühjahrsputz, eine Wanderung auf eine Alm oder die Sichtung einer kompletten Staffel Game of Thrones bewerkstelligten sollte. Aber bei zehn Minuten Laufzeit? Da dauert mancher Klogang länger. Aber weil ich gerade nicht am Häusl hocke und die Zeit habe, kann ich ein paar Zeilen schreiben über diese Pionierarbeit des Films. In „Suspense“ geht es um eine Hausfrau, die allein zuhause hockt, als sie einen Tramp sieht, der um ihr Haus schleicht. Anders als Charlie Chaplins berühmte Figur ist dieser eher von der ungepflegten Art, weshalb die Dame des Hauses gleich mal ihren im Büro weilenden Göttergatten anruft. Doch da ist der Tramp schon im Haus, kappt die Telefonleitung und schleicht durch die Räume. Der Gemahl kapert panisch ein Auto und wetzt mit Volldampf nach Hause, wild verfolgt von der Polizei, die natürlich den Autodieb stellen möchte. Wird er es schaffen, den Gesetzeshütern zu entkommen und rechtzeitig bei seiner Frau zuhause sein, um das Schlimmste zu verhindern? Das erfahrt ihr ab Minute 9. So viel Zeit muss sein. Was an diesem Frühwerk ungemein positiv auffällt, sind die Schnitttechnik, die durchaus als modern zu bezeichnen ist, und die Kameraeinstellungen. Vielleicht war Lois Weber ihrer Zeit diesbezüglich sogar voraus – so sehr bin ich filmgeschichtlich nicht bewandert, als dass ich dazu eine valide Aussage treffen könnte. Aber ob nun Alleinstellungsmerkmal oder nicht: „Suspense“ ist einfach gut und visuell überzeugend gemacht – das Ding fetzt. Da kann man die hanebüchene Story getrost in der Pfeife rauchen, die zehn Minuten kann man dennoch getrost investieren. Und hiermit ist die verdammte Rezi vermutlich länger als der Film selbst.


7,0
von 10 Kürbissen

Ong-Bak (2003)

Regie: Prachya Pinkaew
Original-Titel: Ong-Bak
Erscheinungsjahr: 2003
Genre: Eastern, Action
IMDB-Link: Ong-Bak


Manchmal braucht es einfach den richtigen Anschub, um ein Land auf der cineastischen Weltkarte zu verankern. 2003 war für Thailand der Martial Arts-Film „Ong-Bak“ dieser Anschub. Dieser Film gilt mittlerweile als Klassiker der Haudrauf-Filme, und ganz ehrlich: Gegen Tony Jaa hätte sogar Bud Spencer (selig) seine liebe Not gehabt. Er hätte das schlaksige Springginkerl einfach nicht zwischen die Oberarme bekommen. Und im Grunde ist damit alles über den Film gesagt. Tony Jaa hüpft und läuft und springt und prügelt sich durch die Gegend. Von seinem Dorf wurde er beauftragt, den gestohlenen Kopf der heiligen Buddha-Statue des Ortes zurückzuholen aus Bangkok. Dabei helfen ihm seine Kenntnisse des Muay Thai, ein ehemaliger Dorfbewohner, der unter die Kleinkriminellen gegangen ist, sowie seine zierliche Kumpanin, die gut Motorrad fahren kann, aber ansonsten wenig zur Geschichte beiträgt. Am meisten hilft natürlich das Muay Thai. Damit machen Schurken, Drogenbosse, verrückte Amerikaner und jede Menge Tuk-Tuks unliebsame Bekanntschaft. Und die Kampfszenen und Stunts können wirklich beeindrucken. Denn hier werden keine halben Sachen gemacht: Wenn der Bösewicht eines zwischen die Rippen bekommt, hat es dem armen Kerl, der in dieses Kostüm gesteckt worden ist, mit Sicherheit weh getan. Denn hier wird tatsächlich auf den Körper gezielt und nicht einen halben Meter daneben geschlagen, sodass man noch den Luftzug hören kann. Und auch mit unsichtbaren Seilen und dergleichen ist nichts – die hüpfen tatsächlich wie Flummis durch die Gegend. Ich frage mich, was für einen Verschleiß an Schauspielern das Produktionsteam hatte. Immerhin hat Tony Jaa den ganzen Wahnsinn überlebt. Und war danach in Asien der neue Superstar. Als Fazit für den Film kann man gerne die Ärzte zitieren: „Immer mitten in die Fresse rein!“

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 36 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


6,5
von 10 Kürbissen

Private Life (2018)

Regie: Tamara Jenkins
Original-Titel: Private Life
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Private Life


Eine Familie zu gründen ist manchmal gar nicht so leicht. Bei manchen ist es ja so, dass sie nur an Sex zu denken brauchen, und schon ist fröhlich der Nachwuchs im Anmarsch. Bei Rachel und Richard (Kathryn Hahn und Paul Giamatti in einer 1A-Vorstellung eines intellektuellen Paares) ist das nicht so. Und weil beide schon die 40 überschritten haben und der Kinderwunsch sehr ausgeprägt ist, versuchen sie es nun bereits mit den letzten verbleibenden Mitteln: Einer künstlichen Befruchtung. Doch auch da stellen sich Hürden entgegen, sei es eine Auszeit von Richards Spermien oder die Altersmüdigkeit von Rachels Eiern. Diese beiden Komponenten dazu zu bringen, miteinander neues Leben zu erschaffen, ist in etwa so erfolgsversprechend wie der Versuch, aus Nord- und Südkorea einen gemeinsamen Einheitsstaat zu machen. Um die Chancen zu verbessern, dass doch noch ein kleiner Intellektueller in die Idylle mit Buch und Hund gesetzt wird, soll also nun ein Ei herangezogen werden, das sich quasi auf dem Höhepunkt seiner Vitalität befindet. Jung und knackig. Rachel braucht naturgemäß eine Weile, um sich mit dem Gedanken anzufreunden, aber als ihre Quasi-Nichte Sadie (Kayli Carter), nicht blutsverwandt, als College-Aussteigerin in das Leben des Paares geschneit kommt, tut sich da ein Fenster auf. Denn Sadie, die bislang nicht so wirklich etwas mit ihrem Leben anzufangen wusste, ist nur allzu bereit, ihren beiden Vorbildern den größten Wunsch zu erfüllen. Und das bleibt natürlich nicht komplikationsfrei, vor allem Sadies Mutter ist alles andere als begeistert von der Idee. Der Inhalt von „Private Life“ liest sich ein wenig wie eine Screwball-Komödie. Allerdings ist das Thema sensibel und mit vielen Zwischentönen umgesetzt. Die Komik ist nie aufgesetzt, und immer wieder übernehmen auch dramatische Töne die Regentschaft. Dabei hält der Film eine gute Balance. Auch das Schauspiel weiß durch die Bank zu überzeugen. Bis in die kleinsten Nebenrollen ist der Film gut und glaubwürdig besetzt. Und auch wenn ich selbst mit dem Thema der Familiengründung so gar nichts anfangen kann, hat mich der Film trotz seiner längeren Laufzeit von etwa zwei Stunden gut unterhalten. Dass er ewig in Erinnerung bleiben wird, glaube ich zwar eher nicht, aber empfehlenswert ist die Sichtung dennoch.


7,0
von 10 Kürbissen

The Blot (1921)

Regie: Lois Weber
Original-Titel: The Blot
Erscheinungsjahr: 1921
Genre: Liebesfilm, Drama
IMDB-Link: The Blot


Lois Weber ist unzweifelhaft eine der großen Pionierinnen des Films. 1914 drehte sie den ersten Langfilm der Geschichte, bei dem eine Frau Regie führte. Ihre Fähigkeiten waren enorm – und viele Einstellungen oder Schnitte aus „The Blot“, ihrem Film aus dem Jahr 1921, wirken heute noch frisch und originell. In „The Blot“ erzählt sie vom sozialen Gefälle, das sich auch in den Roaring Twenties durch die Gesellschaft zog – ein Thema, das auch heute nichts an Aktualität und Brisanz eingebüßt hat. Der reiche Student Phil West verliebt sich in Amelia, die Tochter seines Professors. Diese erwidert seine Avancen nicht, und bald schon stellt man fest, dass auch ihr Stolz sie zurückhält. Die ganze Familie ist nämlich arm, da die Gehälter für Universitätsprofessoren unter aller Sau sind. Auch nicht besser ergeht es dem zweiten Verehrer Amelias, einem jungen Geistlichen, mit dem sich Phil anfreundet. Auch der hat kein Geld, weshalb er beispielsweise seine Schuhe mit Gänsefett polieren muss – was Amelias Katze mit Wohlwollen zur Kenntnis nimmt. Die Lage der Familie wird immer brisanter, während nebenan die Familie eines Schuhmachers lebt, der mit seinem Handwerk zu Reichtum gekommen ist. Vor allem die Ehefrau des Schuhmachers zeigt eine große Abneigung gegen das Elend auf der anderen Seite des Gartenzauns. Nicht einmal die Abfälle gönnt sie der hungrigen Hauskatze. Eines Tages kommt es zu einem Missverständnis, als Phil West der kranken Amelie ein Huhn zur Stärkung schicken lässt, was sich die Familie sonst nicht leisten könnte, diese aber ihre Mutter dabei beobachtet, wie sie in den Garten der reichen Nachbarn schleicht, wo ein frisch gebratenes Huhn vor dem Fenster steht. Und die dramatischen Verwicklungen nehmen ihren Lauf. Was ich an „The Blot“ besonders mag: Lois Weber führt niemanden vor. Niemand ist frei von Fehlern, von Stolz und Hochmut beispielsweise, von Missgunst und Neid, aber niemand gerät zur Karikatur. Es gibt (Achtung: Wortwitz, höhö) kein Schwarz-Weiß-Denken in diesem Schwarz-Weiß-Film. Und auch das Ende ist nicht ausschließlich happy, auch wenn sich die Geschichte zum Guten wendet. Aber einer bleibt immer auf der Strecke, und der geht dann mit nachdenklichem Blick die dunkle Straße entlang. Ein wunderbar differenziertes Stück Kino, handwerklich großartig gemacht und mit einem starken Thema, das auch heute noch relevant ist.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 11 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


8,0
von 10 Kürbissen

Unter dem Pflaster ist der Strand (1975)

Regie: Helma Sanders-Brahms
Original-Titel: Unter dem Pflaster ist der Strand
Erscheinungsjahr: 1975
Genre: Liebesfilm, Drama, Politfilm
IMDB-Link: Unter dem Pflaster ist der Strand


Es dauert eine Weile, bis man hinein findet in Helma Sanders-Brahms Debütfilm „Unter dem Pflaster ist der Strand“ (übrigens ein ziemlich genialer Titel, wie ich finde). Der Beginn wirkt dokumentarisch, Helma Sanders-Brahms erzählt aus dem Off von ihren Figuren, die erst einmal in einen kahlen Raum gestellt werden, wo sie seltsame Theaterperformances zum Besten geben müssen. Sperrig. Doch wenn dann Grischa (Grischa Huber) und Heinrich (Heinrich Giskes) beim Abschminken etwas spät dran sind und versehentlich in der Garderobe eingesperrt werden, sodass sie gemeinsam die Nacht darin verbringen müssen, nimmt der Film Fahrt auf. Nach dieser Nacht verlässt Grischa ihren Mann, und sie und Heinrich werden ein Paar. Sie ziehen zusammen. Helma Sanders-Brahms beleuchtet nun die Beziehung der beiden, die Veränderungen darin, auch vor dem politischen Hintergrund einer enttäuschten 68er-Generation, die vergeblich auf den Big Bang, die große Revolution, gewartet hat. Heinrich ist so ein enttäuschter 68er. Statt auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren oder mit Gleichgesinnten zu diskutieren, träumt er davon, ein Kind zu haben, ohne eine konkrete Vorstellung davon zu besitzen. Grischa hingegen führt den Kampf für sich und für die Emanzipation der Frauen weiter. Sie interviewt Arbeiterinnen, die von ihrem harten Leben und der Fremdbestimmung darin erzählen, von männlicher Sexualität, die die weibliche unterdrückt, und von der Schwierigkeit, selbst über die eigene Familienplanung bestimmen zu können. Über die Arbeit entfremden sich Grischa und Heinrich, und die fragile Beziehung bröckelt. Helma Sanders-Brahms hat schon einen ziemlich didaktischen Zugang zum Filmedrehen, wenn man das so sagen kann. Dennoch überzeugt das Ende auf einer emotionalen Ebene. Man muss sich zeitweise ein wenig durchkämpfen, aber der Film wird mit längerer Fortdauer besser und interessanter. Schön jedenfalls, dass ich dank der Filmreisechallenge auf diese Regisseurin gestoßen bin, die ansonsten komplett an mir vorbeigegangen wäre.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 21 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


6,0
von 10 Kürbissen