Drama

The Lobster (2015)

Regie: Giorgos Lanthimos
Original-Titel: The Lobster
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Drama, Fantasy, Satire
IMDB-Link: The Lobster


Vorweg: Der griechische Regisseur Giorgios Lanthimos hat einen an der Waffel. Definitiv. Oder gute Drogen. Oder beides. Aber das ist gut so. Denn nur deshalb kommen wohl solch außergewöhnlichen Filme wie „Dogtooth“ oder eben „The Lobster“ zustande, die verstören, aufwühlen und lange nachhallen. Worum geht es in „The Lobster“? In einer dystopischen Nah-Zukunfts-Welt oder einer alternativen Gegenwart (so ganz klar wird das nicht) müssen alleinstehende Erwachsene für 45 Tage in ein Hotel mit Rundum-Betreuung ziehen und innerhalb dieser 45 Tage einen Partner bzw. eine Partnerin finden. Gelingt ihnen das nicht, werden sie nach Ablauf der Frist in ein Tier ihrer Wahl transformiert und im Wald ausgesetzt. Sie können die Aufenthaltsdauer im Hotel verlängern, indem sie „Loners“ betäuben und einfangen – Menschen, die sich gegen ein Leben in Partnerschaft entschieden haben und in Grüppchen als Outsider durch die Wälder streifen. Und als wäre das alles nicht schon bizarr genug, finden sich die Paare über gemeinsame Merkmale wie ein hinkendes Bein oder Nasenbluten. Daraus resultiert dann ein lakonisches Kunstwerk, das zwischen bitter-zynischer Komödie, verstörender Dystopie und schwarzhumoriger Parabel über Beziehungssuche und das menschliche Bedürfnis nach Bindung changiert. Colin Farrell in der Hauptrolle spielt so gut wie noch nie zuvor, aber auch der Rest des Casts kann mit zurückhaltendem, nuanciertem Spiel überzeugen. Einige Szenen gehen massiv an die Nieren, und das Lachen bleibt dem Zuseher des Öfteren auch im Hals stecken. Ein Meisterwerk.


9,0
von 10 Kürbissen

Das bessere Leben (2011)

Regie: Małgorzata Szumowska
Original-Titel: Elles
Erscheinungsjahr: 2011
Genre: Drama, Erotik
IMDB-Link: Elles


Es gibt drei Gründe, „Das bessere Leben“ anzusehen: Juliette Binoche sowie Joanna Kuligs linke Brust und Joanna Kuligs rechte Brust. Ist man eine heterosexuelle Frau oder ein homosexueller Mann, reduziert sich das auf Juliette Binoche. Diese spielt eine Reporterin, die für das Magazin Elle zwei junge Callgirls interviewt. Die beiden jungen Damen leben nach außen hin ein bürgerliches, studentisches Leben und haben es folglich nicht immer leicht, Privates und Beruf voneinander zu trennen. Im Laufe des Interviews kommt Anne, die Reporterin, den Mädchen emotional näher, sie freunden sich gewissermaßen an. Gleichzeitig wirkt Anne in ihrem Familienalltag ein wenig unentspannt, sie kann nicht loslassen. Wer sich jetzt die Frage stellt „So what?“, hat des Pudels Kern ganz gut erfasst. So what? Irgendwie führt der Film zu nichts. Will er ein Statement gegen Prostitution abgeben? Nein. Dazu ist das alles (mit einer Ausnahme) zu harmlos und zu lieblich in Hochglanzbildern dargestellt. Ist es ein Plädoyer für die sexuelle Selbstbestimmung der Frau? Auch nicht wirklich. Denn so richtig selbstbestimmt wirkt niemand in diesem Film. Es fehlt das Ziel. Worauf will der Film hinaus? Welche Geschichte will er erzählen? Über die Verruchtheit, die in den Alltag einbricht? Dafür ist das Erzählte viel zu glatt und oberflächlich. Und so sitzt „Das bessere Leben“ irgendwie zwischen den Stühlen und kann sich nicht entscheiden, was es sein möchte. Nur Juliette Binoche ist gut wie fast immer. Sie spielt ihre Anne mit einer Mischung aus Neugier und Verletzlichkeit. Einzig diese Figur zeigt ein wenig Tiefe, aber auch da weiß man am Ende nicht, wohin die Geschichte diese Figur führen möchte. Am Ende bleibt der Eindruck, dass man hier mal was ganz Verruchtes machen wollte, über Prostitution und so, ganz heißes Thema, damit können wir die Klassikradio hörenden Spießbürgerlichen aufrütteln, da machen sie Augen ob der Abgründe, die sich aus ihren Begehrlichkeiten auftun. Ja eh. Gähn. Das Ergebnis ist so glattgebügelt und nichtssagend wie das Hochglanzmagazin, für das im Film die Reportage geschrieben werden soll.


5,0
von 10 Kürbissen

Nordrand (1999)

Regie: Barbara Albert
Original-Titel: Nordrand
Erscheinungsjahr: 1999
Genre: Drama
IMDB-Link: Nordrand


Das ist er also, der Wendepunkt des österreichischen Films. „Nordrand“ von Barbara Albert, 1999 angelaufen, entwickelte sich zu einem Festivalhit und war der erste österreichische Film seit Jahrzehnten, der in Venedig für den Goldenen Löwen nominiert wurde. Nina Proll konnte sogar den Preis für die beste Nachwuchsschauspielerin mit nach Hause nehmen. Plötzlich wurde der österreichische Film international wieder beachtet, und seitdem heimsen österreichische Filmschaffende bedeutende Filmpreise ein, Haneke und Ruzowitzky sind sogar Oscar-prämiert. Aber wie sieht es nun mit „Nordrand“ selbst aus, der Film, der quasi das Starterkabel für den stotternden österreichischen Filmmotor bereitstellte? Nun, es geht um alles, und es geht um nichts. Es geht primär einmal um die junge Erwachsene Jasmin (Nina Proll), die in einer dysfunktionalen Familie aufwächst (teilnahmslose Mutter, goscherte Kinder, gewalttätiger und sexuell missbrauchender Vater) und von ihrem Chef schwanger wird. Dass ihr so eine Schwangerschaft einmal passiert, überrascht niemanden, denn sie ist als promiskuitiv verschrien. Als sie die Schwangerschaft abbricht, trifft sie auf ihre ehemalige Schulkameradin Tamara (Edita Malovčić), gebürtige Serbin, die von ihrem Freund ebenfalls ungewollt schwanger geworden ist. So ein Erlebnis verbindet, und die alte Freundschaft flammt wieder auf. Weitere Handlungsstränge beschäftigen sich mit dem bosnischen Soldaten Senad (Astrit Alihajdaraj), ein Deserteur, der illegal über die Grenze nach Österreich eingewandert ist, und dem Rumänen Valentin (Michael Tanczos), der von Amerika träumt. Die Wege dieser vier jungen Menschen kreuzen sich, und für einen Moment sieht es so aus, als wäre ein glückliches Leben möglich. Doch was das Leben tatsächlich bringt, bleibt offen. Barbara Albert selbst erklärte, sie wollte einen Film über Nähe und Distanz machen, und diese Intention kommt klar durch. Allerdings mäandert der Film manchmal ein wenig zu sehr herum. Ich mag es prinzipiell, wenn Vieles in der Schwebe bleibt, wenn der Zuseher am Ende des Films die Geschichte weiterdenken kann, aber ein wenig mehr Struktur hätte Barbara Albert dem Zuseher schon an die Hand geben können. So ist „Nordrand“ mehr ein Gesellschafts- und Zeitporträt als eine interessante Geschichte. Auf jeden Fall kann man den Film wunderbar dazu verwenden, den jüngeren Österreicherinnen und Österreichern das Wien der 90er zu erklären: Den Soundtrack liefern die Kelly Family und Ace of Base, Jasmin arbeitet bei der Aida (dass es dieses rosafarbene Konditorei-Franchise auch heute noch gibt, gehört zu den großen Anachronismen des Universums), am Nationalfeiertag fahren vor begeisterten, Fähnchen schwingenden Vorstadthelden („Yeah, unser Heer! Wir brauchen des!“) die Panzer auf, während am Himmel die Draken vorbeistottern, zu Silvester wird vor dem Stephansdom der Donauwalzer getanzt, und ein junger Georg Friedrich raunzt sich durchs Drehbuch. Mehr Wien, mehr 90er geht nicht.


6,0
von 10 Kürbissen

Das Piano (1993)

Regie: Jane Campion
Original-Titel: The Piano
Erscheinungsjahr: 1993
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: The Piano


Sam Neill im Dschungel. Warum muss ich da immer an Jurassic Park denken? Sei’s drum – in Jane Campions dreifachem Oscar-Gewinner „Das Piano“ wird er nicht von hungrigen Dinosauriern attackiert, sondern als Alistair Stewart von den Wirrnissen der Liebe. Soeben hat es seine neue Angetraute, die stumme Witwe Ada (Holly Hunter, Oscar), samt deren Tochter Flora (Anna Paquin, ebenfalls Oscar) an den neuseeländischen Strand gespült, doch die Gewöhnung aneinander läuft nicht ganz so reibungslos ab, wie man sich das im Vorfeld ausmalt. Ein bisschen spröde ist die Neue, und dass sie nichts redet, macht es auch nicht einfacher, sich anzunähern. Schwerer taktischer Fehler gleich zu Beginn: Das heiß geliebte Piano, für Ada mehr als nur ein Musikinstrument, sondern ihre Weise, sich der Welt gegenüber auszudrücken, bleibt aufgrund der Sperrigkeit und des Gewichts am Strand zurück. Klar hat sich da Alistair gleich mal selbst ein Ei gelegt, denn so gewinnt man keine Zuneigung, sondern nur Probleme. Man kann nicht wirklich sagen, dass sich Ada in die starken Arme von George Baines (Harvey Keitel) flüchtet, ein eher schweigsamer Geselle mit interessanten Tattoos, der sich mit den Maori gut gestellt hat. Es ist vielmehr so, dass er die Gunst der Stunde (und Alistairs Dummheit) nutzt, seinem Bekannten das am Strand verwaiste Piano abluchst und in Folge dessen Ada um, sagen wir mal, kleine Gefälligkeiten bittet, wenn sie es wiederhaben möchte. Auftakt zu einer mit viel melancholischer Musik unterlegter Ménage à trois. Und weil’s ständig schifft wie aus Eimern und die Pianomusik gar so traurig klingt, lässt sich schon bald erahnen: Das geht nicht lange gut. Allerdings bleibt der Film über seine gesamte Spieldauer interessant und sehenswert. Zum Einen liegt das an der poetischen, aber selten kitschigen Inszenierung von Jane Campion, zum Anderen an den tollen Leistungen aller Beteiligten – wobei Holly Hunter als stumme Ada, hin- und hergerissen zwischen Abscheu und Verlangen, noch einmal deutlich herausragt. Auch das neuseeländische Setting und die Einbettung der Maori in den Alltag ist durchaus gelungen. Das Ende ist schön und stimmig. Wer den Film noch nicht kennt, kann hier jedenfalls mal einen Blick riskieren, ungeachtet spezieller cineastischer Präferenzen.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 1 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


7,0
von 10 Kürbissen

A Most Violent Year (2014)

Regie: J. C. Chandor
Original-Titel: A Most Violent Year
Erscheinungsjahr: 2014
Genre: Drama, Krimi, Thriller
IMDB-Link: A Most Violent Year


1981. New York. Die Kriminalitätsrate ist hoch, und in der Wirtschaft kommen noch eher Brechstangen und Eisen als Computer vor. Die Heizölgesellschaften bekämpfen sich gegenseitig mit allen erlaubten und vielen unerlaubten Mitteln, und die Staatsanwaltschaft ermittelt sicherheitshalber gleich mal gegen die gesamte Branche. Im Mittelpunkt von „A Most Violent Year“ steht der von Oscar Isaac verkörperte Unternehmer, der versucht, halbwegs redlich über die Runden zu kommen, dabei aber mit einem Bein im Gefängnis steht, den anderen Fuß in der Tür eines großen Geschäftsabschlusses hat und von hinten von den Gangstern gefickt wird, die seine Lastwagen kapern und sein Öl klauen. Dass seine von Jessica Chastain überragend gespielte Frau ihre Erziehung durch einen Gangstervater genossen hat, ist auch nur bedingt hilfreich. Kurz: Er hat Stress. Als Folge davon entwickelt sich ein Wirtschaftsthriller mit Längen, der zunächst nur schwer in Fahrt kommt, dann aber doch noch packender wird und am Ende ein ziemlich zynisches, da zutreffendes Statement über den Zustand des Kapitalismus abgibt. Der kleine Arbeiter liegt am Boden, der Rest wäscht sich gegenseitig die Hände.


6,5
von 10 Kürbissen

The Woman Who Left (2016)

Regie: Lav Diaz
Original-Titel: Ang Babaeng Humayo
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama
IMDB-Link: Ang Babaeng Humayo


Bei manchen Regisseuren empfiehlt es sich, zunächst einmal als Einstieg einen Kurzfilm anzusehen, um sich mit dem Stil vertraut zu machen und zu überprüfen, ob die Bildsprache und Komposition dem eigenen Geschmack entsprechen. So auch bei Lav Diaz. Bevor man sich also an seine Langfilme macht, kann man mal einen Blick wagen auf seinen nicht einmal 4 Stunden dauernden Kurzfilm „The Woman Who Left“, der erfreulicherweise gerade im Wiener Metro Kino läuft. Diese Gelegenheit musste ich nutzen. Und auch wenn der Film stellenweise aufgrund seiner Kürze arg gehetzt wirkt und man manche Handlungsstränge durchaus ordentlicher hätte auserzählen können, so ist dieser erste Appetithappen ein schmackhafter. Die Geschichte ist natürlich sehr ökonomisch angelegt (anders brächte man sie in der kurzen Spieldauer auch gar nicht unter): Eine Frau kommt nach dreißig Jahren aus dem Gefängnis, die sie unschuldig einsitzen musste. Ausgerechnet die Mitinsassin und gute Freundin war geständig, den Ehemann der Frau im Auftrag ihres Ex-Lovers aus dem Weg geräumt und ihr den Mord in die Schuhe geschoben zu haben. Nun ist die Frau auf Rache aus und fährt in die Stadt, in der sich ihr ehemaliger Liebhaber, ein mächtiger Gangsterboss, verschanzt hat. Dort lernt sie einige Außenseiter der Gesellschaft kennen: einen buckligen Straßenverkäufer, eine verrückte Obdachlose, einen viel geschundenen Transvestiten. Alle Kalauer mal beiseite – wie vielleicht schon zwischen den Zeilen angedeutet wurde, nimmt sich „The Woman Who Left“ wirklich viel Zeit für seine Geschichte und seine Figuren. Was vordergründig als Rachegeschichte a la „Kill Bill“ angelegt ist, entpuppt sich als sehr menschliches Drama rund um die Außenseiter dieser Geschichte, die immer mehr in den Vordergrund rücken. Horacia, die unschuldige Insassin, begegnet all diesen Menschen mit viel Respekt und Zuneigung, und allmählich treten die Rachegelüste zurück zugunsten einer Wertschätzung für das Leben im Generellen. Gedreht in formal strengem Schwarz-Weiß mit ruhigen, statischen Kameraeinstellungen (bis auf eine Ausnahme) konzentriert sich der Film dabei voll und ganz auf die Begegnungen seiner Figuren, auf die vielen zarten Momente des Kennenlernens und wachsenden Vertrauens. Viele dieser Momente wirken zunächst redundant, greifen aber nach und nach ineinander und tragen dazu bei, dass man als Zuseher den Figuren immer näher kommt. So überrascht es auch nicht, dass der Film in der ersten Hälfte tatsächlich einige Längen aufweist, in der zweiten aber mit jeder Einstellung interessanter wird, da einem die Figuren vertrauter sind, als wären sie nahe Verwandte, die einem ihre Geschichte erzählen. Am Ende findet der Film sogar wieder den Bogen zurück zu seinem Anfang, und die letzte Szene ist ambivalent und auf eine unbestimmte Weise erschütternd. Ein Meisterwerk, für das man viel Sitzfleisch benötigt und das sicherlich nicht jederzeit und in jeder Stimmungslage angesehen werden kann, das sich aber, am richtigen Tag gesehen, sehr lohnt und den Horizont des Zusehers erweitert.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 4 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


8,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmgarten)

Struggle (2003)

Regie: Ruth Mader
Original-Titel: Struggle
Erscheinungsjahr: 2003
Genre: Drama
IMDB-Link: Struggle


Das Leben kann aus unterschiedlichen Gründen schwierig sein. Wenn man zum Beispiel arm und eine allein erziehende Mutter aus Polen ist, die sich in Österreich illegal mit knochenharten Jobs über Wasser halten muss – darunter von Hand tagein, tagaus Erdbeeren pflücken oder in einer Putenfleischfabrik schwere Kisten schleppen. Oder aber, wenn man sich von der eigenen Tochter bereits völlig entfremdet hat und immer mehr vereinsamt. Aleksandra Justa und Gottfried Breitfuß spielen die beiden sehr gegensätzlichen Figuren, die am Ende ein Stück des Weges gemeinsam gehen. Bis dahin ist man als Zuseher ganz nah dran an den Mühlen des Alltags. Man steht mit der Protagonistin auf dem Erdbeerfeld, am Fließband der Fabrik, schrubbt mit ihr den Pool, alles wortlos und eintönig. „Struggle“ ist ein entschleunigter Film. Man könnte ihn fast als meditativ bezeichnen, doch dafür fehlt etwas – die positive Erkenntnis, die sich mit der Zeit einstellt, das Gefühl, den Menschen beim Zusehen näher gekommen zu sein. Denn das ist hier definitiv nicht der Fall. Im Gegenteil: Die Langsamkeit wird quälend, je länger der Film dauert, das Schweigen baut sich auf wie eine Wand. Nein, man fühlt sich nicht herrlich entspannt wie nach einer Yoga-Übung, sondern erschöpft. Und wenn am Ende die Stille durchbrochen wird vom kindlichen Puppentheater, fühlt sich dieser kurze Moment des alltäglichen Kinderglücks an wie eine Erlösung. „Struggle“ ist österreichisches Kino par excellence. Man fühlt sich danach wie ausgekotzt. Aber es ist dennoch interessant, mit welch sparsamen Mitteln Ruth Mader die menschliche Seelenqual seziert. Und so bekommt man dann doch einen kleinen Blick auf das große Ganze. Humanistisches Kino im besten wie auch im anstrengendsten Sinne.


6,0
von 10 Kürbissen

L’Animale (2018)

Regie: Katharina Mückstein
Original-Titel: L’Animale
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama
IMDB-Link: L’Animale


Oida! Das Leben ist manchmal echt oarsch. Vor allem, wenn man 18 ist, kurz vor der Matura steht, etwas studieren soll, für das man keine Leidenschaft aufbringt, die einzigen Beschäftigungen in der Pampa, in der man aufwächst, aus Motocross-Rennen im Steinbuch und der Dorfdisco bestehen, der beste Buddy plötzlich Gefühle zeigt, der Rest der Gang aus Wichsern besteht und man eigentlich selbst auf dem besten Weg ist, ein Arschloch zu werden. Wie sangen schon Fanta 4? „Es könnte alles so einfach sein, ist es aber nicht.“ Erwachsenwerden ist eben schwierig (und zuweilen auch bedrohlich, wie „L’Animale“ andeutet, wenn der Wind wieder mal besonders vielsagend durchs Gehölz rauscht). Das haben schon Generationen von Filmemachern festgestellt. Nun eben auch Katharina Mückstein, die ihre Heldin Mati (eine sehr glaubhafte Sophie Stockinger) durch diese ewigen Mühlen dreht. Der Fokus bleibt aber nicht auf Mati allein. Immer wieder zersplittert die Geschichte in ihre Einzelteile. Die im wohl nie fertig gebauten Haus vereinsamende Mutter, der nicht geoutete Vater, auch sie bekommen ihre Screentime. So ist „L’Animale“ mitunter auch das Porträt einer Familie, deren Mitglieder völlig isoliert voneinander zu sein scheinen. Jedes Mitglied ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Und jeder sucht auf seine Weise nach Erlösung. Der Hauptstrang gehört aber eindeutig Mati, die eine erstaunliche Wendung durchmacht von der knallharten Motocross-Bitch, die für ihre Gang einer Mitschülerin auch mal ins Gesicht spuckt, zu einer sensiblen jungen Frau, die zu verstehen beginnt, dass es einen Unterschied gibt zwischen richtig und falsch, und dass Freundschaft etwas Anderes ist als ein ständiges Sich-beweisen-müssen. In diesem Sinne ist „L’Animale“ ein durchaus konventionelles Coming of Age-Drama, aber die wirklich tollen Darstellerleistungen (so gab’s auf der Diagonale 2018 den Schauspielpreis für das Ensemble) und die Erzählung selbst, die klare Aussagen verweigert und mehr in der Schwebe lässt als abschließt, heben den Film deutlich über den Durchschnitt hinaus.


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Polyfilm)

Take This Waltz (2011)

Regie: Sarah Polley
Original-Titel: Take This Waltz
Erscheinungsjahr: 2011
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Take This Waltz


Selten war eine Storyline so rasch erzählt wie jene von „Take This Waltz“: Margot (Michelle Williams) ist glücklich verheiratet mit Lou (Seth Rogan). Als sie den charismatischen Daniel (Luke Kirby) aus ihrer Nachbarschaft kennenlernt, beginnt sie, ihre Ehe in Frage zu stellen. Mehr gibt es inhaltlich erst einmal nicht zu sagen über Sarah Polleys Beziehungs- und Sinnfindungsfilm. Aber mehr ist auch gar nicht nötig, denn in diesem (klassischen) Stoff steckt ohnehin genug Material für zwei abendfüllende Stunden. Wortreicher lässt sich allerdings die Umsetzung beschreiben. Dann da gibt es allerhand zu entdecken. Von den warmen, gelb-goldenen Farben der Kamera über die Dramaturgie, die den Zuseher das eine oder andere Mal subtil in eine andere Richtung lenkt, um dann doch wieder zum Ausgangspunkt zurückzukehren, bis zum verletzlichen Spiel einer zuckersüßen Michelle Williams, deren Figur man nach diesem Film vom Fleck weg heiraten würde, auch wenn man weiß, dass man damit sehenden Auges in den Untergang rennen würde. Interessant fand ich, dass in einigen Reviews, die ich zu diesem Film gelesen habe, von der realistischen Darstellung dieser Sinnkrise und von den realitätsnahen und glaubhaften Charakteren geschrieben wurde. Glaubhaft sind die Figuren allemal, aber dennoch erkenne ich in „Take This Waltz“ weniger einen Film mit Anspruch auf Authentizität als vielmehr ein strikt durchkomponiertes Planspiel über Sehnsüchte, bei dem viel auf eine Metaebene gehoben wird. Dass dieser streckenweise artifizielle Aufbau (so interagiert der Daniel, der Love Interest, bis auf wenigen Ausnahmen fast gar nicht mit seiner Umwelt; vielmehr zeigt Sarah Polley Margot und Daniel immer nur in abgeschotteten, zweisamen Situationen, sodass ich mich lange Zeit gefragt habe, ob Daniel nicht nur ein Produkt von Margots Fantasie sein könnte) dennoch so gut auf einer emotionalen Ebene funktioniert, ist Sarah Polleys handwerklichem Können (die angesprochenen warmen Farben, die gute Musikauswahl) sowie der schauspielerischen Exzellenz von Michelle Williams zu verdanken, die ihre Margot auf eine unnachahmlich sensible Weise spielt. Auch Seth Rogen und Sarah Silverman sind hervorzuheben, die ihre Sache außerordentlich gut machen. Allein Luke Kirby hat kaum Gelegenheit, seinem Daniel Konturen zu verleihen, aber genau darin glaube ich auch wieder Polleys Absichten zu erkennen, die eben genau diese Figur wie ein Abziehbild stehen lässt – denn weniger geht es ihr um eine reale Liebesbeziehung als um das Sichtbarmachen geheimer Sehnsüchte und wie diese trotz glücklichem Leben plötzlich groß wie Drachen werden können. Ob jener, auf den diese Sehnsüchte projiziert werden, nun Daniel, John, Hans oder Ahmed heißt, ist dabei zweitrangig.


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Polyfilm)

Hemel (2012)

Regie: Sacha Polak
Original-Titel: Hemel
Erscheinungsjahr: 2012
Genre: Drama, Episodenfilm, Erotik
IMDB-Link: Hemel


Das wäre etwas fürs alljährliche Viennale-Bingo gewesen! Gleich in der ersten Szene hätte man frohgemut „Brüste“ und „Penis“ abhaken können. Denn da steigt Hemel (das niederländische Wort für Himmel) textilfrei in den Ring mit einem gewissen Joris und seinem Jorischen. Das soll allerdings nicht der einzige Bettentango sein, denn bereits im nächsten Kapitel („Hemel“, der Film, ist in kurzen Episoden erzählt, in Schlaglichtern auf das Leben der Protagonistin) turnt Hemel mit einem Algerier über die Matratzen. Schon wird ein Muster deutlich: Die junge Hemel (Hannah Hoekstra) ist selbstbewusst, promiskuitiv und eiskalt. Der gerade Verflossenen ihres Vaters (Hans Dagelet) bringt sie nicht mehr Mitgefühl entgegen als einem verschmutzten Pflasterstein. Doch nach und nach zeigen sich Risse in dieser glatten, kontrollierten Oberfläche. Als sich ihr Vater ernsthaft verliebt, kann sie damit nicht umgehen. Es wird klar, dass sie selbst im Grunde auch nur auf der Suche nach Liebe und Geborgenheit ist. Und so wird „Hemel“ nach dem freizügigen Beginn dann doch ein recht stiller, nachdenklicher Film über eine verletzliche junge Frau, die ihre zarte Seite hinter einem Schutzpanzer verbirgt. Hannah Hoekstra spielt diese vielen Nuancen ihrer Figur ausdrucksstark und glaubhaft. Auch Hans Dagelet als ihr Vater und Mark Rietman als einer von Hemels Liebhabern können überzeugen. Psychologisch steckt viel drin in diesem Film – der Vaterkomplex als das offensichtlichste Thema. Aber auch darüber hinaus gibt es einiges, worüber man später auch noch nachdenken kann. Dass mich „Hemel“ dennoch nicht auf der ganzen Linie überzeugt hat, liegt an einigen Details wie beispielsweise der episodenhaften Erzählweise, die sich manchmal auch in Banalitäten verstrickt, die den Film zwischenzeitlich langatmig machen. Zudem ist das Thema der jungen Frau, die Liebe mit Sex verwechselt, nicht unbedingt neu oder originell, und abgesehen davon, dass die Psychologie der Figuren ganz gut ausgearbeitet scheint, fügt der Film dem Topos der Selbstfindung junger Frauen keine zusätzliche Nuance hinzu.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 60 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


6,0
von 10 Kürbissen