Drama

Auf der Suche nach einem Freund fürs Ende der Welt (2012)

Regie: Lorene Scafaria
Original-Titel: Seeking a Friend for the End of the World
Erscheinungsjahr: 2012
Genre: Liebesfilm, Komödie, Drama, Roadmovie
IMDB-Link: Seeking a Friend for the End of the World


Was würdet ihr tun, wenn ein gewaltiger Asteroid auf die Erde zuhält, in drei Wochen alles Leben auslöschen wird und jegliche Hoffnung auf Rettung vergebens ist? Das Naheliegende ist wohl, sich in den Kreis seiner Familie und Freunde zu begeben und hemmungslos alles zu tun, was bislang verboten oder moralisch anrüchig war. Weil: Who cares? Dodge Petersen (schön zurückhaltend gespielt von Steve Carell), ein Versicherungsmakler, dem angesichts der Apokalypse die Ehefrau schneller weggerannt ist als er „Asteroid“ sagen konnte, tut nichts von alledem. Für eine Midlife-Crisis ist es zwar schon reichlich spät, aber wenn man sonst nichts mehr hat, bleibt halt nur das Selbstmitleid. Da helfen auch Aufmunterungs- und Verkuppelungsversuche der Freunde nichts. Doch dann schneit überraschend seine deutlich jüngere Nachbarin Penny (Keira Knightley, als Hippie-Mädchen vielleicht nicht ganz glaubwürdig, aber charmant) in sein Leben. Diese hat den letzten Flug zu ihrer Familie verpasst und ist dementsprechend geknickt. Gemeinsam machen sich die beiden unterschiedliche Charaktere auf den Weg, um Penny doch noch mit ihrer Familie zu vereinen und Dodges alte Jugendliebe aufzusuchen. „Auf der Suche nach einem Freund fürs Ende der Welt“ von Regie-Debütantin Lorene Scafaria, die auch fürs Drehbuch verantwortlich zeichnet, baut voll und ganz auf das Gedankenexperiment, das wohl jeder von uns schon mal durchgedacht hat. In der Darstellung dieses Szenarios findet sie aber – trotz gut eingesetztem Humor – eher leise Töne, die dem Film gut stehen. Die Grundstimmung des Films ist wohl leicht melancholisch mit überraschend zarten Anklängen zwischendurch. Der Humor fügt sich gut ein und ist nie aufdringlich. Zwar hüpft Scafaria im letzten Drittel des Films durchaus in die Kitsch-Pfütze, aber dennoch ist „Auf der Suche nach einem Freund fürs Ende der Welt“ vor allem dank Steve Carell ein Feelgood-Movie, das man wirklich gerne sieht. Und das auch länger nachhallt. Aber jetzt will ich von euch wissen: Was würdet ihr tun, wenn in drei Wochen die Welt unrettbar unterginge?


7,0
von 10 Kürbissen

Rebecca (1940)

Regie: Alfred Hitchcock
Original-Titel: Rebecca
Erscheinungsjahr: 1940
Genre: Drama, Thriller, Krimi
IMDB-Link: Rebecca


Es gehört zu den großen Missverständnissen der Filmgeschichte, dass Kobe Bryant einen Oscar hat und Sir Alfred Hitchcock nicht. Dabei sorgte gleich Hitchcocks erste US-Produktion, die Verfilmung von Daphne du Mauriers Welterfolg „Rebecca“, bei den Oscars für Furore. 11 Nominierungen, darunter jene für die beste Regie, letztlich zwei Auszeichnungen, darunter aber auch jene als bester Film – nur ging diese nicht an Hitchcock, sondern an den Produzenten David O. Selznick. Im Nachhinein konnte sich Hitchcock wohl damit trösten, zu wissen, einer der einflussreichsten Regisseure der Filmgeschichte geworden zu sein. Warum das so ist, zeigt das frühe Werk „Rebecca“ schon sehr deutlich: Der atmosphärisch dichte Spannungsaufbau durch Kamerafahrten durch neblige Wälder, ungewöhnliche Perspektive und geschliffen vorgetragenen Dialogen macht ihn zum Meister des Suspense. Als exemplarisch sei jene großartige Szene erwähnt, in der Maxim de Winter, gespielt von Superstar Laurence Olivier, seiner neuen Frau (wunderbar fragil gespielt von Joan Fontaine) von der letzten Begegnung mit seiner verstorbenen Frau Rebecca erzählt und die Kamera der Erinnerung von Rebecca folgt, also auf den leeren Raum hält, in dem sie zum damaligen Zeitpunkt der Begegnung gestanden ist. Und plötzlich manifestiert sich vor dem inneren Auge des Zusehers jene geheimnisvolle Schöne, die wir kein einziges Mal zu Gesicht bekommen. Selten wurde eine Abwesende wirkungsvoller und plastischer inszeniert als in Hitchcocks Film. Natürlich ist der Film trotz allem ein Kind seiner Zeit und weist historisch bedingte Schwächen auf, die einen heute die Stirn runzeln lassen. Sei es das Frauenbild, das hier gezeigt wird, oder das übertriebene Macho-Gehabe von Maxim de Winter, mit dem ich bis zum Schluss nicht warm geworden bin. Diesbezüglich waren andere Filme aus der damaligen Zeit durchaus fortschrittlicher und moderner. Die grandiose Inszenierung lässt aber auch über solche Mängel hinwegsehen, und so ist „Rebecca“ auch heute noch ein spannendes und toll gefilmtes Vergnügen.


7,5
von 10 Kürbissen

Stan & Ollie (2018)

Regie: Jon S. Baird
Original-Titel: Stan & Ollie
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Biopic, Komödie, Drama
IMDB-Link: Stan & Ollie


Wir schreiben das Jahr 1953. Die legendären Komiker Stan Laurel (Steve Coogan) und Oliver Hardy (John C. Reilly) sind schon etwas in die Jahre gekommen, ihre Filme gelten bereits als Klassiker, doch statt große Hallen zu füllen, spielen sie vor einem kleinen Publikum in englischen Industriestädten und wohnen in heruntergekommenen Hotels. Der Zahn der Zeit. Diese England-Tournee soll den Weg bereiten für einen neuen Film der beiden, die Adaption des Robin Hood-Stoffs, an dem Stan Laurel arbeitet. Doch es ist alles nicht so einfach. Der Produzent ist telefonisch nicht erreichbar, der Tournee-Veranstalter Bernard Delfont hat im Vorfeld kaum Werbung gemacht und dann plagen Oliver Hardy auch noch gesundheitliche Probleme. Die Ankunft der Ehefrauen (Shirley Henderson und Nina Arianda) bringt eine zusätzliche Dynamik in das Geschehen. Am Ende ist „Stan & Ollie“ ein recht konventionelles Biopic über eine langjährige Freundschaft und die Zeit nach dem Ruhm und die Suche nach dem Erfolg der Vergangenheit, das den Zuseher in alter Tradition zufrieden aus dem Kinosaal gehen lässt. Allerdings hat der Film zwei, eigentlich drei große Trümpfe in der Hand, die er gekonnt ausspielt: Steve Coogan, John C. Reilly und Nina Arianda. Die beiden Ersteren sind genial in ihren Rollen als Laurel & Hardy. Die beiden gehen vollends auf in den Rollen der beiden Komiker, die so großartig darin waren, die Komik im Körperlichen zu finden. Sie haben alle Nuancen drauf und verschwinden als Schauspieler völlig in ihren Rollen. Vor allem Steve Coogan spielt unglaublich charismatisch, aber auch John C. Reilly ist toll. Zwei wahnsinnig unterschätzte Schauspieler, auch wenn beide bereits für einen Oscar nominiert waren. Es ist schön, sie dabei zu sehen, wie sie ihr ganzes Können ausspielen. Der dritte kleine Trumpf ist die schon erwähnte Nina Arianda, die mir vorher kein Begriff war. Sie spielt ihre Ida, die russische Frau von Stan Laurel, zum Niederknien mit einem trockenen Humor und gleichzeitig einem solch liebevollen Stolz auf ihren berühmten Mann, dass sie wirklich allen die Szenen stiehlt, wenn sie zu sehen ist. „Stan & Ollie“ ist also großes Schauspielkino, das Spaß macht und dem man dann gerne auch die eine oder andere kleine Schwäche im Drehbuch verzeiht.


7,0
von 10 Kürbissen

Nur eine Frau (2019)

Regie: Sherry Hormann
Original-Titel: Nur eine Frau
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama
IMDB-Link: Nur eine Frau


Im Februar 2005 wurde in Berlin die 23jährige Türkin Hatun Aynur Sürücü von ihrem Bruder erschossen. Der Grund dafür: Ein Ehrenmord. Mit ihrem selbstbestimmten Leben hatte Hatun Sürücü die Ehre ihrer Familie beleidigt. Dieses Thema griff schon Feo Aladag 2010 in ihrem Film Die Fremde auf. Doch während Aladag die Geschichte abgewandelt erzählte und sich nur von dem realen Mord an Sürücü inspirieren ließ, bringt Sherry Hormann nun die wahre Geschichte der jungen Frau auf die Leinwand – so wahr Filmbiographien halt sein können. Der Kunstgriff, Hatun Sürücü, die von allen Aynur genannt wird, nach ihrem Tod selbst aus dem Off erzählen zu lassen, erweist sich allerdings als wenig hilfreich. Denn von Beginn an fühlt sich der Film dadurch artifiziell an. Ja, Sam Mendes hat das in „American Beauty“ auch gemacht, und er ist damit durchgekommen, aber dort war die Stimme aus dem Off organischer eingearbeitet. Sherry Hormanns Aynur hingegen klingt beliebig und kommentiert in einer Nüchternheit, die Distanz schafft. Auch die Entscheidung, die Geschichte immer wieder durch Fotos zu erzählen statt durch Bewegtbilder, wirft den Zuseher raus. Am fatalsten ist es aber aus meiner Sicht, immer wieder Aufnahmen (Fotos und Videoaufzeichnungen) der realen Aynur Sürücü und deren Umfeld einzuflechten. Es wirkt so, als müsse uns Sherry Hormann immer wieder darauf hinweisen: „Seht nur, das ist tatsächlich alles passiert!“ Nur leider lenkt dieser Kniff von der Geschichte ab. Auch handwerklich ist das alles eher mau geraten. Echte Schnitzer wie beispielsweise moderne Autos aus unserem Jahrzehnt, die durch das Berlin des Jahres 1998 fahren, oder Plakate, die Veranstaltungen im Jahr 2018 ankündigen, während die Geschichte gerade im Jahr 2002 angelangt ist, dürfen auf einem solchen Niveau einfach nicht passieren. Und so ist „Nur eine Frau“ trotz des wichtigen Themas leider eine dröge Nacherzählung mit stilistisch unzureichenden Mitteln. Wer sich wirklich mit dem Thema und den Hintergründen dazu beschäftigen möchte, sollte sich lieber Feo Aladags Films ansehen.


3,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen)

The Woman Condemned (1934)

Regie: Dorothy Davenport
Original-Titel: The Woman Condemned
Erscheinungsjahr: 1934
Genre: Krimi, Drama
IMDB-Link: The Woman Condemned


Wenn man vor etwa drei Wochen einen Film gesehen hat und vor dem Schreiben dieser Review erst mal den Inhalt nachlesen muss, ist das kein so gutes Zeichen. „The Woman Condemned“ von Dorothy Davenport, geführt nach dem Namen ihres Mannes als Mrs. Wallace Reid, ist leider eine arg dünne Suppe, die im Gegensatz zu manch anderen Filmen jener Zeit nicht allzu gut gealtert ist. Es geht um einen toten Radio-Star, einen Reporter und die Hauptschuldige, deren Unschuld der Reporter beweisen möchte. Leider plätschert die Handlung sehr uninspiriert dahin, die Motivationen der Figuren bleiben im Dunkeln. Auch die Plot-Twists kann man nur als lächerlich bezeichnen. In einer Review von der Userin Paghat the Ratgirl habe ich den wunderschönen Satz gelesen „A crime story for housewives […]“. Diese Beschreibung trifft es meiner Meinung nach sehr gut. „The Woman Condemned“ ist leichte Unterhaltung auf Groschenroman-Niveau. Nichts gegen Groschenromane per se – diese finden auch heute noch reißenden Absatz, und wer hat schon etwas gegen ein bisschen Eskapismus? Um die Füße hochzulagern und abzuschalten ist solche Unterhaltung genau richtig. Wenn man aber literarische oder cineastische Ansprüche stellt, wird man mit solchen Werken kaum zufriedenzustellen sein. Diesbezüglich geht es „The Woman Condemned“ wie Jerry Cotton, Geisterjäger John Sinclair oder Dr. Frank, dem Arzt, dem die Frauen vertrauen. Wer aber kein Problem hat mit Plot Holes, in denen man ganze Städte verschwinden lassen kann, mit hölzernem Schauspiel und Twists, die sich via Erdmittelpunkt bis nach Neuseeland durchdrehen, kann hier durchaus mal einen Blick riskieren.


3,5
von 10 Kürbissen

Fugue (2018)

Regie: Agnieszka Smoczyńska
Original-Titel: Fuga
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Thriller
IMDB-Link: Fuga


Agnieszka Smoczyńska ist jene geniale Frau, die mit Sirenengesang das erste polnische Horrormusical über Meerjungfrauen auf die Leinwand gebracht hat (was wahrscheinlich auch das weltweit erste Horrormusical über Meerjungfrauen war). Ihr neuestes Werk „Fugue“ ist da deutlich gedämpfter und zurückhaltender, wenngleich der Einstieg schon ein Brett ist: Da kommt eine sichtlich desorientierte und schmutzige Frau in ihren Dreißigern aus einem U-Bahn-Schacht und klettert vor den verwirrten Blicken anderer Fahrgäste den Bahnsteig hoch. Diese Frau nennt sich Alicja, und sie hat keine Ahnung von ihrer Vergangenheit. Wenig später wird sie in einer TV-Show von ihrem Vater erkannt. Ihr Name ist Kinga, und sie gilt seit zwei Jahren als verschollen. Der Versuch, sie wieder in ihre Familie mit Ehemann und Sohn einzugliedern, geht zunächst ziemlich schief. Denn weder Alicja/Kinga noch ihr Ehemann oder ihr Sohn sind begeistert davon, wieder als Familie unter einem Dach leben zu müssen. Auch weist Alicja ein paar Wesenszüge und Eigenschaften auf, die befremdlich auf ihr Umfeld wirken. Die vermisste Kinga war anders. Der Film lässt sehr lange alle Interpretationsmöglichkeiten offen und die Zuseher fröhlich mitraten, was es mit der an Amnesie leidenden Frau auf sich hat. Smoczyńska weiß um den Suspense der Rätselhaftigkeit und nimmt sich Zeit für die Geschichte. Gabriela Muskała, die das Drehbuch geschrieben hat und für diesen Film auch gleich die Hauptrolle übernommen hat, legt ihre Alicja/Kinga auch ambivalent und spannend an: Man kann sich bei ihr nie sicher sein. Mal wirkt sie verletzlich, mal unnahbar, mal ängstlich und mal furchteinflößend. Diese Ambivalenz überträgt sich auf das familiäre Umfeld. Nach diesem Spannungsaufbau wirkt die Lösung am Ende fast banal. Aber der Weg dahin ist zumindest sehenswert. Ein durchaus gelungener Abschluss meines Besuchs des Crossing Europe Festivals 2019.

 


6,5
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival)

Winter Flies (2018)

Regie: Olmo Omerzu
Original-Titel: Všechno bude
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Roadmovie, Komödie
IMDB-Link: Všechno bude


Auf diesen Film am letzten Tag des Crossing Europe Filmfestivals in Linz habe ich mich sehr gefreut. Ich mag Roadmovies. Ich mag Geschichten über Jugendliche, wie sie ausbrechen aus dem starren Gerüst, das sie zurückhält, und wie sie ihre eigenen Erfahrungen sammeln. Der Geruch von Freiheit. Born to be wild. Vielleicht, weil ich selbst nie so ein Kind oder Jugendlicher war. Ich habe keinen Audi gestohlen, um damit quer durchs Land zu fahren. Und ich hatte keinen dicken Freund im Tarngewand an meiner Seite, der die ganze Zeit davon redet, endlich mal ein Mädchen flachzulegen. Stattdessen habe ich FIFA Soccer gezockt und dämliche Sitcoms angeschaut. Verwegene Freiheit: Wenn man mal im Garten die olympischen Spiele nachgespielt hat und beim Speerwurf mit Ast des Birnenbaums ein Kellerfenster dran glauben musste. Ja, in diesem Moment hätte ich mir gewünscht, in einem gestohlenen Auto abzuhauen mit einem Kumpel an meiner Seite. Und dann hätten wir vielleicht dieses eine hübsche Mädchen aufgegabelt und mitgenommen. Und wir hätten Abenteuer erlebt, andere, als wir uns vorgestellt haben, aber aufregend wären sie dennoch gewesen. Nachdem ich nun „Winter Flies“ von Olmo Omerzu gesehen habe, weiß ich aber: Es gibt für alles eine bestimmte Zeit. Ich habe sie damals verpasst. Vielleicht fiel es mir auch deshalb so schwer, mich in diesen Film, den ich so gern gemocht hätte, hineinfallen zu lassen. Ein anderer Faktor waren die Jugendlichen selbst, die trotz aller Bemühungen ihrer Hauptdarsteller für mich nicht glaubwürdig wirkten. Beziehungsweise zu eindimensional. Der Rebell. Der notgeile Dicke. Nur wenige Momente strahlen Glaubwürdigkeit aus, darunter eine sehr seltsame, aber doch nachvollziehbare Masturbationsszene. Aber unterm Strich konnte der Film mit meiner Erwartungshaltung nur viel zu selten mithalten. Sind wir doch ehrlich: Die besten Abenteuer sind die, die wir nie erlebt haben.


5,0
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival)

One Day (2018)

Regie: Zsófia Szylágyi
Original-Titel: Egy nap
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama
IMDB-Link: Egy nap


Familie ist doch etwas Wunderbares! Was gibt es Schöneres, als den aufmüpfigen Sohn auf den letzten Drücker in die Schule zu bringen, während die hyperaktive Tochter auf dem Rücksitz auszuckt und der Ehemann gerade überlegt, ob er die beste Freundin der Familie pudern soll oder nicht? Herzerfrischend ist das! Wenn dann auch noch der Abfluss kaputt ist, sich die Schwiegermutter mit ungewollten Ratschlägen und noch ungewollteren Taten ins Leben einmischt, die Tochter eine Freundin nach Hause bringt, die einem anderen Kind die Schuhe geklaut hat, da es diese schöner findet als die eigenen, der Sohn fast das Cello-Konzert verdaddelt, das er am nächsten Tag geben soll, und der Herr Gemahl immer noch abwesend ist, weil er vielleicht gerade die hübsche Freundin schnackselt, ist das Glück komplett. Zsófia Szylágyis Drama „One Day“ richtet sich an all jene Menschen, die gerade mit dem Gedanken spielen, eine Familie zu gründen. Ihre Botschaft ist laut und unmissverständlich. Sie lautet: „Tut! Es! NICHT!“ Rette sich, wer kann. Alles, was man euch über Familienglück und die Vervollständigung des eigenen Ichs durch die Weitergabe der eigenen Gen-Sequenz gesagt habt, ist eine glatte Lüge. Familie ist die Hölle. Außer, man ist der Ehegatte, der mit Gedanken einer außerehelichen Begattung schwanger geht, während zuhause das Familienleben sinkt wie die Titanic. Weil der kriegt von den ganzen Tragödien ja nichts mit. Erbaulich ist es nicht, Annas familiärer Katastrophe voyeuristisch beizuwohnen. Aber von Zsófia Szamosi famos gespielt und in der Wirkung wie ein Unfall: Man kann einfach nicht wegschauen.


6,0
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival)

One and a Half Prince (2018)

Regie: Ana Lungu
Original-Titel: Un print si jumatate
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama
IMDB-Link: Un print si jumatate


Drei befreundete Menschen in ihren 30ern leben zusammen in einer WG. Iris ist Schauspielerin und hat vor nicht allzu langer Zeit überraschend ihren Freund verloren. An dessen Tod kiefelt sie noch immer. Der schwule István ist ebenfalls Schauspieler und kommt dem, was man einen Dandy nennen würde, sehr nahe. Marius schließlich ist der bodenständigste unter ihnen. Er ist geschieden und kämpft darum, seine Tochter öfter zu sehen. Wie diese Freundschaft entstanden ist, bleibt in Ana Lungus Film „One and a Half Prince“ im Unklaren. Dass sie aber funktioniert, zeigt sie mit subtilen und gleichzeitig erfrischenden Mitteln. Wenn die drei blödeln mit Insider-Witzen, die für den Außenstehenden (und damit auch das Publikum) unverständlich bleiben, oder wenn sie über Gott und die Welt philosophieren – alles ist getragen von einem Gefühl der Authentizität. Ja, so sehen Freundschaften aus. Mit guten Momenten und schlechten. Und wie zerbrechlich Freundschaften auch sein können, zeigt Ana Lungu, in dem sie Iris für einen Schriftsteller schwärmen lässt, der ihr wie ein strahlender Prinz auf seinem edlen Ross erscheint. Um ihn für sich zu gewinnen, stellt sie auch die Bedürfnisse ihrer engsten Freunde zurück. Nicht rücksichtslos, nicht selbstsüchtig, aber einfach unachtsam, wie es eben manchmal geschieht. „One and a Half Prince“ lebt zum größten Teil von diesen echt wirkenden Dialogen, der Komik darin und den Nuancen wie eben diesen Insider-Witzen. Die Geschichte selbst gerät dabei fast zur Nebensache. Allerdings nur fast, denn wenn man genau hinsieht, findet man neben einer Geschichte über eine Freundschaft zwischen Erwachsenen und deren fragile Momente auch eine Geschichte über Trauerarbeit und Verlust. „One and a Half Prince“ ist sehr subtil angelegt und trifft damit vielleicht nicht jedermanns Geschmack, aber wer sich auf solche dialoglastigen Filme mit leisen Zwischentönen einlassen kann, wird damit seine Freude haben.


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival)

Schwimmen (2018)

Regie: Luzie Loose
Original-Titel: Schwimmen
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama
IMDB-Link: Schwimmen


Der Ursulinensaal in Linz, eine der größten Spielstätten des Crossing Europe Filmfestivals. Ein ausverkauftes Haus – und das an einem Montagvormittag. Der Grund dafür ist rasch ersichtlich: Mehrere Schulklassen werden von ihren Lehrern in Luzie Looses Debütfilm „Schwimmen“ gelotst. Oder sagen wir eher: Der Saal wird von Hunderten Schülern überrannt. Die paar Lehrer und ein Filmkürbis haben Panik in den Augen. Aber trotz des anfänglichen Aufruhrs, der sich noch mal verstärkt, als vor der Vorführung vom Moderator noch Schokolade in den Saal geworfen wird, ist es bei der Sichtung von „Schwimmen“ mucksmäuschenstill. Die Schüler sehen der 15jährigen Elisa zu, wie sie zunächst aufgrund ihrer plötzlichen Blackouts von den Mitschülern gemobbt wird, dann Freundschaft mit der hübschen Möchtegernschauspielerin Anthea schließt und sich durch geheime Videoaufzeichnungen ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler in prekären Situationen rächt. Das Rad der Rache dreht sich aber bald zu weit. So weit, so gut. Ein ambitionierter Film über ein wichtiges Thema, keine Frage. Im Mittelpunkt steht zwar eher die freundschaftliche Beziehung zwischen Elisa und Anthea, aber der Film bietet den anwesenden Lehrerinnen und Lehrern genügend Stoff, um anschließend erschöpfend über die Themen Mobbing, Drogenmissbrauch und Social Media-Missbrauch zu diskutieren. Das große Problem des Films bringt aber im anschließenden Q&A ein Schüler auf den Punkt: Gerade das Mobbing-Thema ist überzeichnet dargestellt. Als Elisa beginnt, sich zu rächen, indem sie die verfänglichen Videos teilt, springt sofort die ganze Schule darauf auf und mobbt sofort die gezeigten Schüler, egal, wie beliebt diese vorher waren. Auch folgen die Figuren weniger einer inneren Logik, sondern den Vorgaben des Drehbuchs, was zu Überzeichnungen und nicht nachvollziehbaren Handlungen und Reaktionen führt. Es ist immer ein Problem, wenn Figuren etwas tun, weil es das Drehbuch so will. Dann verliert ein Film nämlich seine Glaubwürdigkeit. Und genau das ist meiner Meinung nach Luzie Loose bei „Schwimmen“ passiert. So bleiben auf der Habenseite allein ein ambitioniertes und wichtiges Thema und eine gut aufspielende Hauptdarstellerin Stephanie Amarell sowie eine wirklich schön gefilmte Drogenmissbrauchsszene, die Lust auf mehr macht (was vielleicht aber nicht so ganz in der Absicht der Filmemacherin liegen dürfte).


4,0
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival)