Drama

Lichter der Großstadt (1931)

Regie: Charlie Chaplin
Original-Titel: City Lights
Erscheinungsjahr: 1931
Genre: Drama, Komödie, Liebesfilm
IMDB-Link: City Lights


Der Tonfilm war schon längst etabliert, aber Charlie Chaplin war der Überzeugung, dass die Zuseher immer noch Stummfilme sehen wollten. Er sollte recht behalten – denn „Lichter der Großstadt“ wurde einer seiner größten Erfolge. Die rührige Liebesgeschichte zwischen dem Tramp und einer blinden Blumenverkäuferin (Virginia Cherrill) ist simpel aufgebaut und eigentlich nur der Rahmen dafür, dass Chaplin seine großartige Slapstick-Akrobatik zeigen kann. Dennoch gibt der Film auch ein Statement zur damals prekäre Wirtschaftslage zwei Jahre nach dem großen Börsencrash ab. Die Kluft zwischen Reich und Arm geht weiter auseinander. Dass dem Tramp ein zufällig kennengelernter Millionär nur gewogen ist, wenn dieser sturzbesoffen durch die Gegend wankt, kann man auch als bissigen Kommentar verstehen. Arm ist amüsant, aber wenn es wirklich darauf ankommt, etwas zu tun, sieht man lieber weg. Aber natürlich soll der Film zunächst einmal eines: Unterhalten. Und das gelingt Chaplin wieder einmal ausgezeichnet. Der Boxkampf gegen einen Preiskämpfer ist legendär. Allein für diese Szene lohnt sich schon der ganze Film. Aber auch die Szenen der Festlichkeiten und Bankette unterhalten heute noch auf höchstem Niveau. Dabei trägt Chaplin den Film nicht allein, sondern kann sich auf die gut gespielte Situationskomik seines Kollegen Harry Myers verlassen, der den Millionär mit Stimmungsschwankungen und einem Alkoholproblem zum Niederknien spielt. Insgesamt halte ich „Lichter der Großstadt“ nicht für Chaplins besten Film, da er dann doch etwas zu leichtgewichtig wirkt im Vergleich zu „Moderne Zeiten“, „Der große Diktator“ oder „Goldrausch“, die ihre Themen stringenter und dringlicher umsetzen, aber gesehen darf man den Film mit einem Charlie Chaplin in Slapstick-Hochform jedenfalls einmal haben.


7,5
von 10 Kürbissen

Once Upon a Time … in Hollywood (2019)

Regie: Quentin Tarantino
Original-Titel: Once Upon a Time … in Hollywood
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Once Upon a Time … in Hollywood


Bei Durchsicht meiner Bewertungen aller Quentin Tarantino-Filme habe ich festgestellt, dass mit Ausnahme von „Four Rooms“, zu dem Tarantino selbst aber nur eine Episode von vier beigesteuert hat, kein einziger Film weniger als 8 Punkte von mir bekommen hat. Quentin und ich – das geht klar. Und kein Wunder, ist Tarantino vielleicht der größte Filmnerd unter den Filmemachern überhaupt. Was liegt also näher als ein Tarantino-Film über Hollywood? Dabei wirft er zwei absolute Schauspielkapazunder in den Ring: Leonardo DiCaprio spielt den Western-Star Rick Dalton, dessen Karriere allmählich in Richtung B-Movies rutscht, und Brad Pitt gibt seinen wortkargen Stuntman und Kumpel Cliff Booth. Und allein schon das Spiel dieser beiden, vor allem von Brad Pitt, ist das Eintrittsgeld wert. Auch in den Nebenrollen ist der Film exquisit besetzt, aber das kennt man ja von Tarantino. Jedenfalls tummeln sich auch noch Margot Robbie, Al Pacino und Emile Hirsch auf der Leinwand, und gelegentlich laufen Bruce Dern, Kurt Russell, Dakota Fanning, Luke Perry, Timothy Olyphant, Michael Madsen und viele mehr durchs Bild. Wenn Tarantino ruft, kommen sie alle. Aber wie ist nun der Abgesang auf eine goldene Hollywood-Ära, die mit der Ermordung von Sharon Tate und weiteren Opfern durch Mitglieder der Manson Familie eine blutige Zäsur hinnehmen musste? Die Stimmen sind ja durchaus geteilt. Ich halte aber „Once Upon a Time … in Hollywood“ für ein weiteres Meisterwerk. Vor allem der Schluss ist vielleicht das Beste, was ich jemals von Tarantino gesehen habe – und die Zahl legendärer Szenen aus seinen Filmen ist Legion. Zwischendurch braucht man, was für Tarantino tatsächlich eher unüblich ist, auch mal Sitzfleisch und muss akzeptieren, dass die Handlung selbst schon arg dünn ist. Aber Tarantino steht auch weniger für ausgefeiltes Storytelling, sondern mehr für das Einfangen von Stimmungen und ein Feuerwerk von Zitaten und Querverweisen, an denen Filmhistoriker noch jahrelang beschäftigt sein werden. Und genau das liefert er mit „Once Upon a Time … in Hollywood“ einmal mehr ab. Fazit: Großartig.


8,5
von 10 Kürbissen

Losing Ground (1982)

Regie: Kathleen Collins
Original-Titel: Losing Ground
Erscheinungsjahr: 1982
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Losing Ground


Bildung schützt vor Torheit nicht. Das könnte man als Claim über Kathleen Collins‘ Drama „Losing Ground“ schreiben. Das gut situierte bürgerliche Paar Sara (Seret Scott) und Victor (Bill Gunn) führt ein solides, zufriedenes Leben. Sarah ist eine äußerst beliebte Dozentin an der Universität, die an einer Arbeit über religiöse Ekstase schreibt, Victor ein Maler, der nach langen Jahren nun endlich Ruhm vor Augen hat. Victor ist in der Beziehung deutlich der energetische, expressive Part. Sara eher zugeknöpft und reserviert. Aber die beiden funktionieren als Paar dennoch sehr gut. Doch dann führt eine egoistisch getroffene Entscheidung Victors, den Sommer in einem Haus am Land zu verbringen, während Sara eigentlich in New York bleiben möchte, um an ihrer Arbeit weiterzuschreiben, zu einer Verschiebung von Prioritäten und Blickwinkeln. Denn bald schon machen beide Eheleute neue Bekanntschaften und brechen allmählich aus den gewohnten Mustern und Routinen aus. Bei einer Gartenparty eskaliert die Situation schließlich, und die Eifersüchteleien und Risse werden sichtbar. Kathleen Collins erzählt eine alte Geschichte, die schon oft behandelt wurde. Sie tut dies allerdings mit erfrischenden Mitteln und mit viel Witz und Charme und baut in ihre Tragikomödie eine Emanzipationsgeschichte ein. Getragen wird das vom exzellenten Spiel der beiden Hauptdarsteller. Seret Scott im Zentrum als Sara spielt in einer anbetungswürdigen Mischung aus Eleganz und Verletzlichkeit. Bill Gunn stellt dem eine Leistung voller Verve und lustvoller, mit Lebensfreude leicht zu verwechselnden Rastlosigkeit entgegen. Ein lebendiger Film, der auch heute dank seiner universellen Geschichte noch gut funktioniert und ein guter Abschluss für meinen ersten Besuch des Locarno Filmfestivals.


7,0
von 10 Kürbissen

Adoration (2019)

Regie: Fabrice du Welz
Original-Titel: Adoration
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama, Thriller
IMDB-Link: Adoration


Paul (Benoît Poelvoorde) ist etwa fünfzehn Jahre alt und ein Außenseiter. Sein einziger Freund ist ein Buchfink, den er verletzt aufgefunden hat und den er nun in einem Schuhkarton pflegt. Pauls alleinerziehende Mutter arbeitet in einer psychiatrischen Anstalt. Dort trifft Paul auf die expressive Gloria (Fantine Harduin). Diese gibt sich als reiche Erbin zu erkennen, die von ihrem Onkel in diese Anstalt gesteckt wurde, damit sie hier zugrunde geht und er an ihr Erbe herankommt. Zwischen Paul und Gloria besteht sofort Sympathie. Und so hilft er dem Mädchen, aus der Anstalt zu entkommen und verspricht ihr, sie in die Bretagne zu ihrem Großvater zu bringen, der einzige Mensch, dem sie vertraut. Dass Gloria die Anstaltsleiterin, die den Fluchtversuch vereiteln möchte, mehrere Stockwerke in die Tiefe stürzt, ist ein bedauerlicher Unfall in der Hektik des Geschehens. Oder doch nicht? Auf der Flucht durch den Wald zeigt Gloria gelegentlich seltsame Verhaltensweisen und äußert Gedanken, die Paul nicht nachvollziehen kann. Wird sie wirklich von allen verfolgt? Und das holländische Urlaubspaar auf dem Hausboot ist doch nett, oder nicht? In Paul entstehen Zweifel. Doch hat er Gloria seine Loyalität und dann auch seine Liebe ausgesprochen. Er geht mit ihr durch Dick und Dünn, komme, was wolle. Was Fabrice du Welz in seinem Film „Adoration“ zeigt, ist bedingungslose Hingabe – und die Gefahren, die damit einhergehen. Gespielt ist das ambitioniert, gefilmt zum Teil wunderschön. Die Waldlandschaft wird selbst zum Protagonisten. Allerdings ist die Story leicht durchschaubar, der Wille, aufzurütteln, zu offensichtlich – was eine echte psychologische Entwicklung der Figuren verhindert. Zu gewollt erscheinen die Handlung und vor allem das Ende. Und so ist „Adoration“ zwar spannend und kurzweilig anzusehen, aber auch ein Film, der wohl nicht allzu lange im Gedächtnis bleiben wird.

 


6,0
von 10 Kürbissen

Mariam (2019)

Regie: Shapira Urazbayeva
Original-Titel: Mariam
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama
IMDB-Link: –


Zu Beginn von Sharipa Urazbayevas Debütfilm sieht man die Titelheldin durch die karge kasachische Schneelandschaft stapfen und nach ihrem Mann rufen. Doch der taucht nicht auf. Nun hat Mariam (Meruert Sabbisunova) ein Problem. Wie soll sie allein im Nirgendwo ihre drei Kinder durchbringen? Der Staat, verkörpert durch die lokale Polizei, ist zwar nicht ohne Verständnis, aber die Mühlen der Bürokratie mahlen langsam. Das ist in Wien genauso wie in Almaty. Um ihren Mann für tot zu erklären, muss er erst einmal drei Jahre lang als vermisst gelten. Dann erst hat Mariam Anspruch auf finanzielle Zuwendung seitens des Staates. Glücklicherweise trifft Mariam auf einen ehemaligen Bekannten aus dem Dorf, der nun selbst Polizist ist. Und der hilft ihr dabei, dass sich die Rädchen ein wenig schneller drehen. Wenn man jemanden kennt, geht vieles leichter. Auch das ist in Wien genauso wie in Almaty. Mariam bekommt also schon nach etwa einem halben Jahr die finanzielle Unterstützung zugesagt. Allerdings ist das mit einem gewissen Risiko verbunden: Falls nämlich der Gatte doch wieder auftauchen sollte, ist all das Geld zurückzuzahlen. Doch dieses Risiko muss Mariam eingehen, zumal sie davon ausgehen kann, dass der Mann das Zeitliche gesegnet hat – ist doch von seinem Ausritt nur das Pferd zurückgekehrt, und das durchnässt und leicht lädiert. Urazbayeva erzählt vom Schicksal ihrer Heldin unaufgeregt und zurückhaltend. Die Dramaturgie ist karg gehalten wie die kasachische Landschaft. Der Fokus liegt auf alltäglichen Situationen und der Bewältigung derer. Der älteste Sohn, obwohl selbst erst zehn Lenze jung, wird für das Funktionieren des Haushalts mehr gebraucht, ansonsten kämpft sich aber Mariam mit stoischer Ruhe durch die Tage. Sie jammert nicht, sie klagt nicht an – man könnte sie fast als schicksalsergeben bezeichnen, wäre da nicht der Kampfeswille, der immer wieder aus ihren Augen hervorscheint. Dass die Darstellung so geglückt ist, liegt vor allem an einer Besonderheit des Films: Laiendarstellerin Meruert Sabbinusova erzählt mehr oder weniger ihre eigene Geschichte. Der einzige relevante Unterschied zur Fiktion ist, dass sie im wirklichen Leben nach fast drei Jahren noch keine staatliche Unterstützung erhalten hat. Eine arge Geschichte, die von Shapira Urazbayeva sensibel mit einfachen filmischen Mitteln umgesetzt wurde.


7,0
von 10 Kürbissen

Cat in the Wall (2019)

Regie: Mina Mileva und Vesela Kazakova
Original-Titel: Cat in the Wall
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Cat in the Wall


Okay, Hand aufs Herz: Wer ist bei diesem Titel nicht sofort angefixt? Vor allem, wenn der, wie man der Synopsis des Films entnehmen kann, durchaus wörtlich gemeint ist und auf wahren Begebenheiten beruhen soll. Ich konnte jedenfalls nicht widerstehen. Was ich dann gesehen habe, war zwar weniger Cat Content als erwartet, aber einen interessanten Film, der nicht frei von Schwächen ist, über den sich aber vortrefflich ausführlich diskutieren lässt. Hauptfigur der Tragikomödie (vorweg: mehr Tragik als Komödie) ist Irina (Irina Atanasova, ein Name, den ich mir merken werde), eine alleinerziehende bulgarische Mutter und studierte Architektin, die zusammen mit ihrem Sohn und ihrem Bruder in einem nicht mehr ganz taufrischen Apartment in London wohnt und abends als Barkeeperin jobbt, um die Familie über Wasser zu halten. Eine entzückende rothaarige Katze, die im Stiegenhaus umherstreunt, und ein Brief von der Hausverwaltung setzen dann aber Ereignisse in Gang, die dazu führen, dass sich die prekäre Lage der kleinen Familie weiter zuspitzen. Bei der Katze, die von der Familie liebevoll aufgenommen wird, handelt es sich nämlich um das Haustier von Nachbarn, die, als sie erfahren, wo die vermisste Katze steckt, nicht besonders freundlich reagieren. Und der Brief kündigt eine Haussanierung an, bei der sich jeder Eigentümer mit etwa 26.000 Pfund beteiligen muss. Prekär an der Geschichte ist, dass Sozialhilfeempfänger davon ausgeschlossen sind. Und ausgerechnet die bulgarische Einwandererfamilie am Rande des Existenzminimums, die versucht, aus eigener Kraft etwas aufzubauen, droht damit finanziell unterzugehen. Nein, lustig ist das alles nicht, auch wenn gelegentliche Situationskomik für Auflockerung sorgt. Das Thema des Films ist aber klar: Es geht um die schwierige Situation von Einwanderern, denen oft trotz aller Bemühungen, ein menschenwürdiges Leben aufzubauen und einen Beitrag zu leisten, Steine in den Weg gelegt werden. Gefilmt in einem semidokumentarischen Ansatz zeigen die beiden bulgarischen Regisseurinnen Mina Mileva und Vesela Kazakova, die selbst in London leben und damit aus persönlichen Erfahrungen schöpfen können, das Miteinander und Durcheinander zwischen Gentrifizierung, Brexit und Einwanderung. Das alles ist sehr interessant, allerdings hätte ich mir mehr Stringenz gewünscht. Viele Themen werden aufgeworfen, da natürlich alles auch zusammenhängt, aber aus meiner Sicht wäre es besser gewesen, einen engeren Fokus zu finden. So mäandert der Film ein wenig herum. Und dass die Katze dann mal in der Wand verschwindet, ist am Ende nicht mehr als eine Randnotiz.


6,0
von 10 Kürbissen

Height of the Wave (2019)

Regie: Park Jung-bum
Original-Titel: Pa-go
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Krimi, Drama
IMDB-Link: Pa-go


Eine geschiedene Polizistin tritt ihre neue Stelle auf einer armen Insel an, die fast ausschließlich von Männern, Fischern und in der Fischindustrie Arbeitenden, bewohnt wird. Der Vorstand der Insel hat große Pläne – er möchte aus der Insel eine offiziell anerkannte Urlaubsdestination machen, was einen Geldregen vom Hauptland bedeutet. Dass die neue Polizistin schon bald gegen die einzige junge Frau der Insel, die 20jährige Yea-eun, wegen Prostitution ermittelt, ist da natürlich ein Dorn im Auge. Bevor die Polizistin die junge Frau ans Festland schicken kann für weitere Ermittlungen, muss die also fortgebracht werden von der Insel. Ein Problem ist allerdings, dass Yea-eun traumatisiert ist vom Tod ihrer Eltern, die, als sie ein Kind war, vor ihren Augen ertrunken sind. So wagt sich Yea-eun nicht aufs Meer. Stattdessen büxt sie aus, zusammen mit der Tochter der Polizistin, die ihrerseits mit einigen Entscheidungen ihrer Mutter unzufrieden ist. Und während die Suche nach den beiden Mädchen im Gange ist, wird allmählich eine tragische Geschichte an die Oberfläche gespült. Park Jung-bum betrachtet in seinem Film auf subtile Weise Abhängigkeiten, kollektive Schuld und Zivilcourage beziehungsweise das Fehlen derer. Zwar zeichnet sich schon bald ab, in welche Richtung es geht, das macht aber die Auflösung nicht weniger bitter. Auch wenn nicht jede Handlung der Figuren aus europäischer Sicht immer vollends nachvollziehbar ist (ein wenig Überdramatisierung gehört zum südkoreanischen Kino einfach dazu), so dient vor allem die von Lee Seung-yeon gespielte Polizistin Nam als Identifikationsfigur und Anker, deren Probleme und Ängste und auch Reaktionen in sich schlüssig sind. Vielleicht hätte man noch ein wenig tiefer in die Hintergründe dieser Figur eintauchen können, doch funktioniert der Film auch so sehr gut. Hervorzuheben ist außerdem noch die wilde Landschaft dieser kleinen Insel, von Kameramann Park Jong-cheol hervorragend eingefangen. Insgesamt also eine lohnende Erfahrung.


7,0
von 10 Kürbissen

Within Our Gates (1919)

Regie: Oscar Micheaux
Original-Titel: Within Our Gates
Erscheinungsjahr: 1919
Genre: Drama
IMDB-Link: Within Our Gates


Vor exakt 100 Jahren, im Jahr 1919, entstand mit „Within Our Gates“ der erste, bis heute erhaltene Film, der von einem Schwarzen gedreht wurde. Oscar Micheauxs Zweitwerk (sein erster Film ging verloren) wurde in den 90er-Jahren spannenderweise in Madrid gefunden, was zeigt, dass es damals eine Nachfrage nach diesem US-amerikanischen ersten Film des Black Cinema in Europa gab. Und angesichts des komplexen Aufbaus des Films, der Problematik der Schwarzen, die darin schonungslos und eindrücklich beschrieben wird, der guten Kameraarbeit ist dies auch nicht weiter verwunderlich. „Within Our Gates“ erzählt vielschichtig und mit Rückblenden und Einschüben vom Schicksal der gebildeten Schwarzen Sylvia (Evelyn Preer). Diese fällt zunächst einer kleinen Intrige ihrer Haushälterin zum Opfer und wird von ihrem überraschend nach Hause kommenden Verlobten verstoßen, kommt dann an eine Schule für Schwarze im Süden der USA, die große Geldprobleme hat, da der Staat die Bildung von schwarzen Kindern kaum unterstützt, und geht schließlich zurück nach Boston, um Geld für die Schule aufzutreiben. Zentrales Thema sind die Bildung der Schwarzen und das Recht zu wählen. Beides wird ausführlich diskutiert in diesem frühen Werk, und zu beiden Themen zeigt Micheaux den offenen Rassismus seiner Zeit auf. Selbst die reiche Philanthropin, die Sylvia und der Schule helfen möchte, wird von ihrer rassistischen Bekannten fast noch umgestimmt. Auch von manchen Schwarzen wird die herrschende Ordnung als gottgegeben und unabänderlich wahrgenommen. Eine ambivalente Figur ist in diesem Zusammenhang der schwarze Pastor, der predigt, dass Bildung der Fluch des reichen Mannes wäre und es damit gut wäre, Schwarze davon fernzuhalten – diese würden schließlich am Tag des Jüngsten Gerichts für ihr einfaches, arbeitsames Leben von Gott belohnt. Auch die Vergangenheit Sylvias, die in einer langen Rückblende gegen Ende aufgezeigt wird, berührt und erschüttert – weiß man doch, dass das hier gezeigte Schicksal kein Einzelfall war. Allerdings muss man sich auf einen so alten Stummfilm auch einlassen können. Da der Inhalt ausschließlich über visuelle Reize transportiert werden kann, wirkt auch das Schauspiel überdramatisierend. Viele Szenen sind sehr plakativ dargestellt und sehen damit aus heutiger Sicht eher lächerlich aus. Das ändert aber nichts daran, dass es sich bei „Within Our Gates“ um ein sehenswertes Frühwerk handelt, das auch heute, 100 Jahre nach seiner Entstehung, von Relevanz ist.

 


7,0
von 10 Kürbissen

Amor Maldito (1984)

Regie: Adélia Sampaio
Original-Titel: Amor Maldito
Erscheinungsjahr: 1984
Genre: Drama, Liebesfilm, Krimi, Erotik
IMDB-Link: Amor Maldito


Adélia Sampaio ist eine Filmpionierin. Bis heute ist sie die einzige schwarze Frau, die in Brasilien jemals einen Film gedreht hat. Um die Mittel dafür zu bekommen, musste sie in die Trickkiste greifen und den Geldgebern vorgaukeln, sie würde einen Porno drehen. Und so weist der Film „Amor Maldito“, eine Liebesgeschichte über die Liebe zweier Frauen, das zu einem Gerichtsdrama wird, in der Ästhetik phasenweise eine weichgezeichnete Ästhetik von 80er-Jahre-Pornos auf. Auch Brüste dürfen nicht fehlen. Diese Ästhetik in Kombination mit dem grandios überdramatischem Schauspiel (das zu Pornos gehört wie der Leopard zu Locarno) führt immer wieder zu vergnügtem Schmunzeln. Eines ist klar: Sampaio wusste, was sie tat. Wenn man dieses Täuschungsmanöver aber durchschaut, entfaltet sich eine recht tragische Geschichte von Moral und Doppelmoral. Denn schlimm genug, dass Fernanda (Monique Lafond) den Verlust ihrer Geliebten Suely (Wilma Dias), die aus einem Fenster in Fernandas Haus gestürzt ist, ertragen muss, doch findet sie sich schon bald im Gerichtssaal als Angeklagte wieder. Ermordet soll sie Suely haben, zumindest durch ihre perverse und obszöne Lebensweise in den Freitod gezwungen haben, so der Gift und Galle spuckende Staatsanwalt. Die Verführung eines unschuldigen Mädchens durch eine Ausgeburt der Hölle ohne Moral und Anstand – so der Grundtenor. Die Verteidigung bemüht sich nach Kräften, diesem Zeigefinger der Scheinmoral etwas entgegenzusetzen – nämlich das Selbstverständnis der Liebe. Allerdings ist unklar, in welche Richtung das Pendel ausschwingen wird, denn zu fest scheinen kirchliche Moralvorstellungen in diesem brasilianischen Gerichtssaal der 80er Jahre zu sitzen. „Amor Maldito“ ist aus den eingangs erwähnten Gründen beileibe kein guter Film. Er ist sogar ziemlich schlecht – wobei man das den Umständen seiner Entstehung zuschreiben muss. Aber dennoch unterhält er recht gut und lässt den Zuseher einen spannenden Blick auf gesellschaftliche Moralvorstellungen seiner Zeit werfen. Und, wenn man ehrlich ist, hat sich bis heute eigentlich nicht genug daran geändert.


5,0
von 10 Kürbissen

South Terminal (2019)

Regie: Rabah Ameur-Zaïmeche
Original-Titel: Terminal Sud
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama, Politfilm
IMDB-Link: Terminal Sud


Irgendein Land am Mittelmeer in den 90ern. Es könnte Algerien sein, es könnte Frankreich sein oder ein anderes Land. Es ist kein Land, und es sind damit alle Länder. Gewalt und Terror halten die Bevölkerung im Griff. Auch dem Staat, vertreten durch Militär und Polizei, ist nicht zu trauen. Mittendrin in dem Chaos ein idealistischer Arzt(Ramzy Bedia). Als sein Schwager, ein Journalist, der über die Übergriffe und Raubüberfälle berichtet, auf der Straße erschossen wird, wird der Arzt hineingezogen in die Gewalt und sieht sich bald selbst mit Todesdrohungen konfrontiert. Auch der Frage, wieweit der hippokratische Eid geht und welche Konsequenzen er zeitigt in einem Umfeld, in dem jeder verdächtig ist, selbst ein Arzt, geht der Film von Rabah Ameur-Zaïmeche nach. „Terminal Sud“ erforscht auf nüchterne Weise, was es mit einem Menschen macht, wenn Humanismus und Frieden durch Terror und Einschüchterung bedroht sind und das eigene Leben in Gefahr ist. Der Arzt versucht dem Chaos auf seine Weise zu begegnen: Mit Alkohol und dem Festhalten an Routinen und seiner Tätigkeit als Arzt, der er sich verpflichtet fühlt. Doch auch Routinen schützen nicht, wenn das Chaos übernommen hat. Die Eskalation gegen Ende trifft den Zuseher überraschend und in die Magengrube. Zwischendurch blitzen immer wieder Momente der Mitmenschlichkeit auf, die Hoffnung geben. Tatsächlich zielt aber Regisseur Ameur-Zaïmeche auf etwas Anderes ab – etwas, das einem fast entgehen könnte, das aber umso wichtiger ist und den Film zusätzlich aufwertet. Dass nämlich Land und Terror darin so gesichts- und namenlos sind, lässt sie als Stellvertreter fungieren. So ist der Film mehr eine Allegorie, die sich auf heutige Zeiten problemlos umlegen lässt, als die Erzählung eines persönlichen Schicksals. Ramzy Bedias namenlose Arztfigur ist jeder Mensch, ob Frau, ob Mann, ob Kind, die dem Terror ausgesetzt waren und sind. Das vor Augen ist „Terminal Sud“ ein wirklich ausgezeichneter Film.


8,0
von 10 Kürbissen