Drama

Parasite (2019)

Regie: Bong Joon-ho
Original-Titel: Gisaengchung
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama, Komödie, Thriller
IMDB-Link: Gisaengchung


Der erste südkoreanische Film, der in Cannes die Goldene Palme für den besten Film gewinnen konnte. Begeisterte Kritiken. Golden Globe-Nominierungen. „Parasite“ von Bong Joon-ho, der schon mit früheren Werken wie „Snowpiercer“ und „Okja“ für Furore gesorgt hat, ist ein Film, den man sich nicht entgehen lassen sollte. Gekonnt setzt sich Bong Joon-ho zwischen alle Stühle. Ohne zu viel von der Handlung verraten zu wollen, geht es um eine Familie (Vater, Mutter, Sohn, Tochter, beide schon erwachsen) in ärmlichen Verhältnissen, deren Schicksal sich zu wenden beginnt, als der Sohn eine Stelle als Nachhilfelehrer für ein Mädchen aus einer reichen Familie findet. Beziehungsweise fällt ihm diese Stelle eher in den Schoß. Aber schon bald zeigt sich, dass Chuzpe, ein bisschen Frechheit und Mut die eigenen Karten, die man vom Leben zugeteilt bekommen hat, deutlich verbessern können. Doch dann wendet sich das Blatt erneut – auf eine völlig überraschende Weise, die man so nicht kommen sieht. Bong Joon-ho gelingt mit dem Film Erstaunliches: Er schafft beinahe mühelos den Spagat zwischen Komödie, Sozialdrama und Thriller, ohne dass einer der Aspekte zu kurz kommt oder sich fehl am Platz anfühlt. „Parasite“ ist das pure Leben selbst: Mal witzig, mal tragisch, mal aufregend und immer voller Überraschungen. „Mein Plan ist der Nicht-Plan. Denn das ist der einzige Plan, der immer funktioniert. Bei allen anderen Plänen, die man macht, passieren dann doch unvorhergesehene Dinge, die den Plan vereiteln. Nur wenn man keinen Plan hat, kann man auch nicht überrascht werden“. So sinngemäß aus dem Gedächtnis zitiert eine der Schlüsselstellen des Films. Hier zeigt sich der Fatalismus, der einen befallen kann, wenn man nicht zu den wenigen Privilegierten gehört. Gleichzeitig liegt darin auch die ganze Komik des Films. „Parasite“ ist unterhaltsam, konsequent, voller schwarzem Humor und klug geschrieben. Zurecht einer der am meisten gefeierten Filme des Jahres 2019.


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen Filmverleih)

Interview mit einem Vampir (1994)

Regie: Neil Jordan
Original-Titel: Interview with the Vampire: The Vampire Chronicles
Erscheinungsjahr: 1994
Genre: Horror, Drama
IMDB-Link: Interview with the Vampire: The Vampire Chronicles


Zwei Emos mit wallender Mähne frönen dem Hedonismus und dem Saft des Lebens, lachen sich eine 11jährige an und werden älter, als ihnen gut tut. Das ist „Interview mit einem Vampir“, das Referenzwerk für emotional gestörte Vampire, ehe diese zu glitzern lernten. Doch anders als in der Twilight-Serie geht es hier tatsächlich auch mal zur Sache. Diese Vampire beißen zu. Tom Cruise und Brad Pitt geben dabei ein kongeniales Duo ab, das die Mädchenherzen der in den frühen 80ern Geborenen höherschlagen lässt, während die 11jährige Kirsten Dunst eine erste grandiose Talentprobe aufs Parkett legt. Antonio Banderas und Stephen Rea dürfen auch die spitzen Beißerchen zeigen, und Christian Slater ist der arme Tropf, der sich die ganze Story anhören darf. Und die ist lang, denn immerhin beginnt sie im späten 18. Jahrhundert und zieht sich bis in die Jetztzeit. Und die Geschichte fühlt sich auch so lang an. Kaum zu glauben, dass der Film gerade mal zwei Stunden dauert. Aber das langsame Erzähltempo, die vielen vielsagenden Blicke bei Kerzenschein, diese viktorianische Opulenz, die sich durch den Film zieht, erfordern durchaus etwas Sitzfleisch vom geneigten Publikum. Dieses bringt man allerdings gerne auf, denn der Film ist auch heute noch, 25 Jahre nach seinem Entstehen, wunderschön anzusehen. Vielleicht haben die damals schockierenden Horrorszenen heute nicht mehr die gleiche Wucht, vielleicht sind die gut geföhnten Mähnen heute nicht mehr zeitgemäß, und Brad Pitt mag heute ein interessanterer und besserer Schauspieler sein als damals, aber der Film funktioniert dennoch. Vampire glitzern halt einfach nicht. Schreibt euch das hinter die Ohren.


7,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Photo by Warner Bros./Getty Images – © 2012 Getty Images, Quelle imdb.com)

Casablanca (1942)

Regie: Michael Curtiz
Original-Titel: Casablanca
Erscheinungsjahr: 1942
Genre: Drama, Liebesfilm, Thriller
IMDB-Link: Casablanca


„Here’s looking at you, kid!“ Eines der berühmtesten Filmzitate aller Zeiten. Bogey sieht der Bergman tief in die Augen, sie schmilzt sichtlich dahin, dann kommt staubtrocken dieser Spruch und Millionen Herzen entschweben auf rosaroten Wölkchen. Dabei war Humphrey Bogart gar nicht mal so ein fescher Kampel. Er war eher der Typ Buchhalter/Alltagstrinker. Aber hey, wenn man solche Sprüche aufsagen kann, ohne mit den Mundwinkeln zu zucken, hat das unbestritten Qualität. Und so verwundert es dann doch wieder nicht, dass Humphrey Bogart einer der größten Filmstars seiner Zeit war und dass „Casablanca“ von Michael Curtiz als einer der relevantesten Filmklassiker aller Zeiten gilt. Und ganz ehrlich: Der Film ist perfekt. Der Plot ist im  Grunde recht simpel, aber überzeugend konstruiert. Als McGuffin dienen zwei Ausreisepapiere, die der windige Ugarte (Peter Lorre) vor seiner Verhaftung in der Bar des neutralen (bis opportunistischen) Rick (Humphrey Bogart) versteckt. Mit diesen Papieren kommt man aus Casablanca heraus, um über Lissabon vor den Wirren des Weltkrieges in die Staaten zu flüchten. Der aus dem KZ geflohene Widerstandskämpfer Victor László (Paul Henreid) und dessen Gattin Ilsa (Ingrid Bergman), die eine Vergangenheit mit Rick in Paris teilt, haben naturgemäß Interesse daran, an die Papiere zu kommen, um vor den Deutschen (verkörpert durch den von Conrad Veidt gespielten Major Strasser) und dessen französischem Erfüllungsgehilfen Capitaine Renault (Claude Rains) zu flüchten. Kein einfaches Unterfangen, denn im Schmelztiegel von Casablanca und vor allem in Ricks Bar verschieben sich Allianzen und Machtverhältnisse nahezu stündlich. Und Rick muss sich entscheiden, auf welche Seite er sich schlägt.

„Casablanca“ ist zeitlos. Der Film ist dermaßen gut geschrieben, dass gleich sechs Zitate den Einzug in die Liste der 100 berühmtesten Filmzitate aller Zeiten geschafft haben. Dazu kommen geniale Kameraeinstellungen, die kammerspielartige Ausstattung (der Großteil der Handlung spielt in Ricks Bar), der großartige Claude Rains als zynischer Capitaine Renault, die Chemie zwischen Bogart und Bergman, die bis in die kleinsten Nebenrollen großartig besetzten Schauspieler, die witzigen Dialoge (beispielhaft das ältere deutsche Paar, das in die USA ausreisen möchte und daher nur noch Englisch spricht: „Liebchen … äh … Darling, what watch?“ – „Ten watch!“ – „Ah, such watch!“), das alles ist zum Niederknien. Ein Film für die Ewigkeit. Wer ihn noch nicht kennt: Unbedingt nachholen. Weil: „I think this is the beginning of a beautiful friendship.“


9,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Photo by Michael Ochs Archives, Quelle: imdb.com)

 

Porträt einer jungen Frau in Flammen (2019)

Regie: Céline Sciamma
Original-Titel: Portrait de la jeune fille en feu
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Portrait de la jeune fille en feu


An Adèle Haenel kommt man derzeit nicht vorbei. Und das mit gutem Grund. Denn die Französin ist eine der talentiertesten und interessantesten Schauspielerinnen Europas. In Céline Sciammas (und der Preis für den besten Filmtitel 2019 geht *trommelwirbel* an …) „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ spielt sie die junge Gräfin Héloïse, die Ende des 18. Jahrhunderts von ihrer Mutter (Valeria Golino) nach dem Freitod ihrer Schwester aus dem Kloster zurückgeordert wird, um sich mit einem reichen Mailänder zu vermählen. Bevor der die junge Frau aber ehelicht, möchte er aber ein Bild von ihr sehen (es wäre ja nicht so blöd, zu wissen, wen man heiratet). Zu diesem Zweck schleust die listige Gräfinmutter die Malerin Marianne (Noémi Merlant) in das Landhaus ein – als Gesellschafterin für ihre Tochter. Nur dass Marianne heimlich Héloïses Porträt anfertigen soll. Langsam kommen sich die beiden jungen Frauen, die beide von den Konventionen ihrer Zeit unterdrückt werden, näher. Und aus neugieriger Zuneigung wird langsam mehr. Céline Sciammas Film ist ein Fest für die Sinne. Einer der schönsten Filme des Jahres – jede Kameraeinstellung ist ein Meisterwerk für sich, die Farben, das Spiel mit Licht und Schatten, das weiche Licht, die sorgsam ausgewählte Ausstattung, die sowohl Schönheit als auch Härte der Zeit, in der der Film spielt, zum Ausdruck bringt, alle Rädchen greifen auf wundersame Weise ineinander. Das alles hätte aber nichts gebracht, wenn die beiden Hauptdarstellerinnen nicht miteinander funktioniert hätten. Aber da sind wir wieder beim einleitenden Satz meiner Rezension. Auf Adèle Haenel ist eben Verlass. Und Noémi Merlant muss man sich wohl auch merken. Denn deren Schauspielkunst steht jener von Haenel in keinem Moment nach. Es ist wunderbar, den (mit Ausnahme von zwei Minirollen) ausschließlich weiblichem Cast (zu den beiden Hauptdarstellerinnen und Valeria Golino kommt noch Luàna Bajrami als Hausmädchen Sophie) dabei zuzusehen, wie die Figuren langsam Vertrauen zueinander aufbauen und dann das Begehren kommt. Unbedingt empfehlenswert!


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen Filmverleih)

Somewhere (2010)

Regie: Sofia Coppola
Original-Titel: Somewhere
Erscheinungsjahr: 2010
Genre: Drama
IMDB-Link: Somewhere


Filmstars haben es schwer. Sie ersticken in Geld, müssen protzige Autos fahren, über mehrere Wochen in Luxushotels wohnen, sich mit willigen One-Night-Stands abgeben, Poledancern bei ihrer Arbeit zusehen und die Zeit mit Videospielen und Drogen totschlagen. Filmstars haben es schwer. Denn wenn man alles hat und jeder einem zu Füßen liegt und es keine Herausforderungen und kaum echte zwischenmenschliche Beziehungen gibt, geht die Seele kaputt. Stephen Dorff spielt in Sofia Coppolas „Somewhere“ den Hollywood-Star Johnny Marco, der nichts mit sich selbst und seiner Zeit anzufassen weiß. Bedeutung erhält sein Dasein erst, als er sich um seine zwölfjährige Tochter Cleo (Elle Fanning) kümmern muss. Und davon erzählt Coppola unsentimental, aber mit einem genauen Blick, der auch Subtilitäten einfängt und einfließen lässt. Es passiert nicht viel in „Somewhere“, und der hedonistische Schauspieler hat auch keine groß angelegte Epiphanie. Aber etwas ändert sich. Langsam. Beständig. Ein Mensch findet ins Leben zurück. Einfach, weil es da einen Menschen gibt, der ihn mag und der Zeit mit ihm verbringen möchte. Viel mehr braucht es oft nicht. Und viel mehr braucht es auch nicht für einen gelungenen Film. „Somewhere“ hat vielleicht nicht die Dringlichkeit und Prägnanz von Coppolas Meisterwerk „Lost in Translation“, ist aber thematisch nicht weit weg davon. Beide Filme loten die Annäherung zweier Menschen aus. Hier sind es Vater und Tochter. Und das ist überzeugend geschrieben und gespielt.


6,5
von 10 Kürbissen

Die zwei Päpste (2019)

Regie: Fernando Meirelles
Original-Titel: The Two Popes
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama, Biopic
IMDB-Link: The Two Popes


Auch wenn man mit der katholischen Kirche nicht viel oder gar nichts am Hut hat, so kann man sich kaum der Faszination der Papstwahl entziehen. Milliarden von Menschen starren auf einen Kamin, und wenn es weiß heraus raucht, dann fallen sich alle in die Arme. Habemus Papam! Oder: „Wir sind Papst!“, wie ein deutsches Schundblatt 2005 getitelt hat. Gerade jener (ungeliebte) Papa Ratzi, der als Papst Benedikt XVI. eine strikt konservative Linie fuhr und damit Millionen von weiteren Gläubigen vergraulte, sorgte 2013 für eine handfeste Überraschung, als er als erster Papst seit etwa 800 Jahren freiwillig seinen Sede räumte, um fortan in seinem Exil den Tomaten beim Wachsen zuzusehen. Kurz davor kam es aber noch zu einem geheimen Treffen mit dem argentinischen Kardinal Bergoglio, der in der darauf folgenden Konklave zu seinem Nachfolger gewählt wurde und seitdem als Papst Franziskus durch die Weltgeschichte hüpft. Von diesem Treffen handelt Fernando Meirelles‘ Film. Und überraschenderweise erweist es sich als ungemein spannend, belebend und inspirierend, zwei alten Katholiken beim christlichen Disput zuzusehen über den Glauben, über Reformen, über persönliche und spirituelle Erfahrungen. Selbst als vom Glauben abgefallenes Schaf (so bin ich bereits vor fast zwanzig Jahren aus der Kirche ausgetreten) wird man mit diesem Film bestens unterhalten. Was vor allem an den zwei Schauspielgiganten Jonathan Pryce als Kardinal Bergoglio und Anthony Hopkins als Papst Benedikt XVI. liegt. Die beiden sind der schiere Wahnsinn, wobei Pryce sogar noch mal eine Extraschippe drauflegen kann. Das muss Oscar-Nominierungen geben. Alles Andere wäre nur damit zu erklären, dass die Academy ausschließlich aus Satanisten besteht.


7,5
von 10 Kürbissen

Marriage Story (2019)

Regie: Noah Baumbach
Original-Titel: Marriage Story
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Marriage Story


Adam Driver hat in der letzten Zeit ein bisschen Pech mit seinen Filmbeziehungen. Für Kylo Ren sieht es in Star Wars: Der Aufstieg Skywalkers nicht so gut aus, und jetzt muss er sich in „Marriage Story“ von Noah Baumbach sogar von Scarlett Johansson scheiden lassen. Armer Teufel. Was die Sache verkompliziert: Nicole und Charlie verbrachten die letzten gemeinsamen Jahre mit ihrem Sohn Henry in New York, wo sie eine Theatergruppe leiteten. Im Zuge der Scheidung zieht Nicole nun mit Henry wieder nach Los Angeles zu ihrer Familie, und aus einer ursprünglich möglichst amikal gehaltenen Scheidung wird – dank gerissener Anwälte (Laura Dern und Ray Liotta) – eine sündteure Schlammschlacht um das Sorgerecht. Und alle Bemühungen des sich trennenden Paares, möglichst würdevoll und im Interesse des gemeinsamen Sohnes auseinanderzugehen, werden durch komplizierte Verwicklungen des Gesetzes unterlaufen. Dabei gelingt es Noah Baumbach immer wieder, trotz der Tragik auch Herz erwärmende Szenen oder gar Schmunzler unterzubringen. „Marriage Story“ kann zwei ganz große Qualitäten abrufen: Ein überragend gut geschriebenes Drehbuch, das nuanciert und subtil zwischenmenschliche Beziehungen auslotet. Und zwei Darsteller in Hochform. Sowohl Scarlett Johansson als auch Adam Driver wurden für ihre Leistungen für viele Preise, darunter den Golden Globe und die SAG-Awards, nominiert, und eine Oscarnominierung scheint der unausweichliche nächste Schritt zu sein. Während sich Adam Driver da wohl übermächtiger Konkurrenz stellen muss, schätze ich Scarlett Johanssons Chancen, den goldigen Glatzkopf mit nach Hause zu nehmen, recht gut ein. Verdient hätten es beide – denn sowohl Johansson als auch Driver spielen ihre Figuren mit Leib und Seele und einem tollen Gespür für die Qualen der zerrissenen Seele, die bei einer solchen Trennung tief drinnen zu spüren sind. Die eine oder andere Nebenfigur gerät zu sehr zur Karikatur – das verhindert eine noch bessere Bewertung des Films – aber insgesamt ist „Marriage Story“ Baumbachs bisheriges Meisterstück und einer der interessantesten und ehrlichsten Filme des Jahres.


8,0
von 10 Kürbissen

The Irishman (2019)

Regie: Martin Scorsese
Original-Titel: The Irishman
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Krimi, Drama, Biopic
IMDB-Link: The Irishman


Unbestritten hat Martin Scorsese einige der besten Mafia-Filme aller Zeiten gedreht. Ob „Goodfellas“, „The Departed“ oder „Casino“ – jeder dieser Filme ist ein Meisterwerk. Umso neugieriger durfte man auf „The Irishman“ sein, ein 3,5-stündiges Epos mit Robert DeNiro, Al Pacino und Joe Pesci in den Hauptrollen, das auf wahren Begebenheiten beruht. Der Film folgt dem Mafia-Killer Frank Sheeran (DeNiro), der in Fachkreisen als „The Irishman“ bekannt ist. Scorsese zeigt den langsamen, aber stetigen Aufstieg Sheerans in der Mafia, protegiert von Mafia-Boss Russell Bufalino (Joe Pesci). Sheeran wird sogar zum engsten Vertrauten von Gewerkschaftsführer Jimmy Hoffa (Al Pacino), der ebenfalls in die Mafia verstrickt ist und für den er die groben Arbeiten erledigt. Allein den drei alten Könnern bei der Arbeit zuzusehen ist das Geld für das Netflix-Abo wert. Dass sie durch geschickten Einsatz von CGI auch noch in ihre jüngere Form gebracht wurden, erlaubt es Scorsese, die Geschichte von Anfang bis Ende über viele Jahrzehnte hinweg aufzudröseln. Für diese erstaunlichen Effekte darf man wohl eine Oscar-Nominierung erwarten – wie auch für das Darsteller-Trio (DeNiro für die Hauptrolle, Pacino und Pesci für die Nebenrollen, wobei vor allem Pesci ein würdiger Oscar-Gewinner wäre). Allerdings hat „The Irishman“ zwei Probleme. Erstens: Scorsese hat eben schon drei legendäre und verdammt gute Mafia-Filme gedreht, sodass vieles in „The Irishman“ zwangsweise vertraut wirken muss oder auch als Zitat auf frühere Mafia-Filme gesehen werden kann. Erfrischend ist vielleicht der verstärkte Fokus auf das Privatleben von Frank Sheeran und die zwischenmenschlichen Beziehungen, aber so richtig viel Neues kann man in „The Irishman“ nicht entdecken. Zweitens: Die Laufzeit von 3,5 Stunden bringt auch die eine oder andere Leerstelle mit sich. Zwar merkt man in jeder Szene und jeder Einstellung die handwerkliche Meisterschaft von Scorsese und seinem Team, aber bei einem dermaßen langen Biopic lassen sich eben redundante Szenen nicht gänzlich vermeiden. Man muss es Scorsese hoch anrechnen, dass sich der Film dennoch kürzer anfühlt, als er ist. Unterm Strich ist „The Irishman“ ein weiterer Beweis für Scorseses Meisterschaft, aber der Film fühlt sich ein bisschen wie ein Best-Of, eine Werkschau, seines Schaffens an und fügt Scorseses Œuvre wenig Neues hinzu.


7,5
von 10 Kürbissen

The Meyerowitz Stories (New and Selected) (2017)

Regie: Noah Baumbach
Original-Titel: The Meyerowitz Stories (New and Selected)
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Komödie, Drama
IMDB-Link: The Meyerowitz Stories (New and Selected)


Adam Sandler kann schauspielen. Was man seit „Punch Drunk Love“ von Paul Thomas Anderson vielleicht schon ahnte, wurde mit „The Meyerowitz Stories (New and Selected)“ von Noah Baumbach 2017 Gewissheit. Gebt dem Mann einfach eine Rolle, in der er seinen Dackelblick zielbringend einsetzen kann – und das Ding läuft. Wenn auch noch ein fatalistischer Ben Stiller, ein stoisch-komischer Dustin Hoffman, eine überspannte Emma Thompson und eine depressive Elizabeth Marvel zur Seite stehen, ist erstens das Patchwork komplett und zweitens das Ergebnis komischer als es klingt. Eigentlich handelt „The Meyerowitz Stories“ von nicht viel. In einer jüdischen Familie, die vom dominanten Vater (Hoffman), einem Künstler, dem nie die Anerkennung zuteil wurde, die er sich selbst gewünscht hätte, dominiert wird, versuchen die beiden Söhne (Sandler und Stiller) sowie die Tochter (Marvel), ihren eigenen Weg zu finden – was angesichts der langen Schatten, die der Vater wirft, nicht so einfach ist. Eigentlich plätschert der Film so vor sich hin, ohne wirklich zu zünden. Gleichzeitig ist das Geschehen aufgrund der klug geschriebenen und gut gespielten Figuren zu jedem Zeitpunkt interessant. Was irgendwie auch die Quintessenz von Noah Baumbach-Filmen beschreibt. Vielleicht hätte man sich eine stringentere Geschichte gewünscht, eine festere Hand in der Figurenführung – aber ganz ehrlich: Das Leben ist nun mal ein zuweilen zäh fließendes Ding, das hauptsächlich durch unsere Neurosen aufgepeppt wird. Und diese Stimmung fängt Noah Baumbach – mal wieder – sehr gut ein. Fazit: Es lohnt sich definitiv, da mal einen Blick hineinzuwerfen, vor allem, wenn man Sandler bislang nur aus den halblustigen bis gar nicht lustigen überdrehten Komödien kennt, mit denen er hauptsächlich seine Kohle gescheffelt hat.


7,0
von 10 Kürbissen

Ich war zuhause, aber … (2019)

Regie: Angela Schanelec
Original-Titel: Ich war zuhause, aber …
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama
IMDB-Link: Ich war zuhause, aber …


Der silberne Bär in Berlin für die beste Regie. Die Kritiker überschlagen sich mit Lob. Es ist nur Gutes über Angela Schanelecs „Ich war zuhause, aber …“ zu lesen. Dementsprechend gespannt war ich auf die Sichtung dieses Films, zumal ich ja schon einige Filme von Schanelec gesehen habe – mal mit mehr Interesse, mal mit weniger. Leider funktioniert aber ausgerechnet nun das hochgelobte neue Werk für mich überhaupt, nicht, auch wenn ich seine unbestrittenen Qualitäten erkennen kann. Schanelec perfektioniert hierin ihre sehr eigentümliche Weise, sich filmisch mit der Welt auseinanderzusetzen. Da treffen autobiographische Bezüge auf die Form des Essays, da vermischen sich die Theatralik der Sprache mit der Alltagswelt. All das ist hier stringent und durchdacht – und trotzdem oder vielleicht gerade deswegen war „Ich war zuhause, aber …“ ein Film, den ich am liebsten vorzeitig verlassen hätte. Und ja, es liegt an mir, nicht am Film. Aber ich gehöre zu jenen Film-Aficionados, die ein Mindestmaß an Geschichte brauchen und eine Entwicklung, wie subtil auch immer, spüren möchten, um sich in einen Film hineinfallen zu lassen. Das verwehrt mir Angela Schanelec in ihrem neuesten Film komplett. So haben mich andere Werke wie Orly oder Marseille noch interessiert, da gab es Figuren, mit denen ich mitfühlen konnte, da gab es Figuren, bei denen ich unter der abweisenden Oberfläche so etwas wie ein inneres Verlangen nach Leben gespürt habe – in „Ich war zuhause, aber …“ jedoch sind die Figuren fast ausschließlich reduziert auf ihre Funktion als Projektionsflächen für Ideen rund um Sprache, Theater, Verlust und Verlustangst. Das ist mir persönlich zu wenig. Und so kann ich mich (leider) nicht in den allgemeinen Lobgesang einfügen. Ich war zuhause, aber hätte der Postbote geläutet mit der DVD von Schanelecs Film, ich hätte ihm nicht aufgemacht.


3,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Viennale)