Autor: Filmkürbis

Frau im Dunkeln (2021)

Regie: Maggie Gyllenhaal
Original-Titel: The Lost Daughter
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Drama
IMDB-Link: The Lost Daughter


Eine Professorin für italienische Literatur macht Urlaub in Griechenland. Was zunächst nach einem ungestörten Strandurlaub aussieht, wird aber schon bald recht anstrengend, als eine Großfamilie in die Villa nebenan zieht und den Strand kapert. Die junge, überforderte Mutter, die noch dazu eines Tages ihre eigene Tochter unbeaufsichtigt lässt und kurzzeitig verliert, löst bei Leda, so der Name der Professorin, einige Flashbacks aus. Auch sie war nicht die geborene Mutter, und die beiden Töchter waren öfter Störenfriede in ihrem arbeitssamen Leben als eigentlicher Mittelpunkt desselben. „Frau im Dunkeln“ ist eine sensible Adaption von Elena Ferrantes Romanvorlage. Es passiert nicht viel in Maggie Gyllenhaals Regiedebüt, und doch bleibt der Film über zwei Stunden lang interessant. Das liegt vor allem an Oliva Colmans herausragendem Schauspiel. Ihre Leda ist voller Ambivalenz, jede Gestik und Mimik wirkt echt und authentisch. Auch Jessie Buckley als die jüngere Version von Leda, die mit den Kindern überforderte Mutter, macht ihre Sache ausgezeichnet. So entsteht das Porträt einer Frau, die sich in Rollen gepresst sieht, die sie nicht auszufüllen vermag. Und doch – bei allem Respekt vor der konzentrierten Regie und der tadellosen schauspielerischen Leitungen: Gelegentlich zieht sich das Ganze ein wenig hin. „Frau im Dunkeln“ ist einer dieser Filme, für die man in der richtigen Stimmung sein muss. Ansonsten verliert man vielleicht doch mittendrin das Interesse, da alles so subtil und flüchtig ist, dass man schon aufnahmebereit sein muss, um den Film schätzen zu können. Auch wenn der Film auf Netflix läuft, aber das ist eigentlich etwas fürs Kino, um sich ablenkungsfrei auf die Geschichte konzentrieren zu können.


6,5 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Liebe 1962 (1962)

Regie: Michelangelo Antonioni
Original-Titel: L’eclisse
Erscheinungsjahr: 1962
Genre: Liebesfilm, Drama
IMDB-Link: L’eclisse


Es braucht wohl ein trauriges Gesicht wie jenes von Monica Vitti, um mit dermaßen wenigen Worten gleich zu Beginn glaubhaft eine langjährige Beziehung zerbrechen zu lassen. Generell wird in Michelangelos Drama „Liebe 1962“ wenig gesprochen, zumindest nicht zwischen den Hauptprotagonisten Vitoria und Piero, ein von Alain Delon mit köstlicher Arroganz gespielter Börsenmakler. Dieser ist nach einigem Herummäandern Vitorias durch die Stadt der neue Auserkorene nach dem nächtlichen Drama mit ihrem Ex. Aber ist er auch der richtige bzw. ist Vitoria die richtige für ihn? „Liebe 1962“ ist beileibe kein konventioneller Liebesfilm, sondern ein Film, der sich auf das Ungesagte und Ungeschriebene zwischen den Zeilen konzentriert. In einer hektischen Welt, in der jeder eine Rolle zu spielen hat, eindrucksvoll verkörpert durch den Wahnwitz der Börse, reicht es vielleicht nicht aus, lieben zu wollen – man muss auch dazu fähig sein. Vitorias und Pieros Liebe ist hingegen die Liebe von Verzweifelten, die mehr mit sich selbst beschäftigt sind als mit allem Anderen und daher nicht lieben können. Alain Delon spielt Piero als Arschloch erster Güte, der sowohl die Börse als auch die Liebe eher als Spiel begreift. Die Börse ist fast ein dritter Protagonist im Bunde. Antonioni fängt den kompletten Irrsinn, die seelenlose Gier und Jagd nach Geld und Gewinn, hervorragend ein. Stark ist im ersten Drittel die Szene, als der Handel für eine Schweigeminute unterbrochen wird, aber auf die Sekunde genau nach Ablauf die Hektik wieder hereinbricht wie ein Krieg, der auf die Köpfe donnert. Hervorheben muss man auch die kunstvollen und stimmungsvollen Kameraeinstellungen, die zu meisterhaften Bildern führen – ein jedes davon könnte großflächig ausgedruckt und an die Wand gehängt werden. Das Ende ist konsequent und schlägt die Brücke zurück zum Anfang. Kleine Abzüge mag es aus heutiger Sicht für die Rassismusprobleme und eine Blackfacing-Szene geben, aber die muss man natürlich im Kontext der Zeit betrachten. Über die Zeit hinaus ist „Liebe 1962“ ein Meisterwerk.


8,0 Kürbisse

(Bildzitat: © 1962 – Cineriz, Quelle http://www.imdb.com)

Madagascar (2005)

Regie: Tom McGrath und Eric Darnell
Original-Titel: Madagascar
Erscheinungsjahr: 2005
Genre: Animation
IMDB-Link: Madagascar


Der Großstadtdschungel ist nichts für jeden. Klar, die einen wie Löwe Alex, der Star des Zoos, fühlen sich hier pudelwohl – die Annehmlichkeiten der Zivilisation sind nicht zu unterschätzen. Aber es gibt auch andere wie beispielsweise paramilitärisch organisierte Pinguine oder Alex‘ besten Freund Marty, ein Zebra, die sich im goldenen Käfig fadisieren. Es kommt, wie es kommen muss: Eines Tages ist Marty fort, und Alex samt Nilpferd Gloria und Giraffe Melman machen sich auf die Suche nach ihrem Freund. Eine Verkettung unglücklicher Umstände führt sie schließlich in die Wildnis der Insel Madagascar. Doch mit verkümmerten Urinstinkten und jeder Menge schlechter Laune kommen auch gewaltige Löwen dort nicht weit. Und dann treffen sie auch noch auf ein Volk seltsamer Lemuren, angeführt von König Julien. Nichts davon trägt dazu bei, dass sich unser verwöhnter Großstadtbewohner Alex so richtig an die Wildnis gewöhnt. Auch ein weiteres Problem kommt bald hinzu: Hunger. „Madagascar“ ist ein witziger Animationsklassiker aus den Dreamworks-Studios, dessen Animationen aus heutiger Sicht vielleicht ein wenig ungelenk wirken, der aber immer noch mit einer rasanten, abenteuerlichen Story aufwarten kann. Und vielleicht der besten Version von „I like to move it“ der Geschichte. Insgesamt ist das Abenteuer aber doch recht kindlich gestaltet, sodass der Hype, den der Film damals erzeugt hat, nicht mehr ganz nachzuvollziehen ist. Aber was soll’s – für einen vergnüglichen Filmabend passt das schon.


6,0 Kürbisse

(Bildzitat: © 2006 DreamWorks Animation LLC., Quelle http://www.imdb.com)

Spencer (2021)

Regie: Pablo Larraín
Original-Titel: Spencer
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Biopic, Drama
IMDB-Link: Spencer


Die erste große Überraschung der Award Season: Kristen Stewart ist eine seriöse Anwärterin auf die wichtigsten Schauspielpreise. Die zweite große Überraschung der Award Season: Ausgerechnet beim Preis der Screen Actors Guild, den SAG Awards, ist sie nicht nominiert. Was ist da los? Warum einmal hü und einmal hott? Liefert sie als Prinzessin Diana eine der besten Leistungen des Jahres ab, oder ist ihre Darstellung überschätzt und exaltiert und daher doch nicht der heißeste Scheiß der Award Season? Die Wahrheit liegt in der Mitte. Zwar muss man ihr zweifelsfrei zugestehen, als innerlich zerrissene und von der höfischen Etikette unterdrückte Prinzessin die vielleicht beste Darstellung ihrer Karriere zu liefern, allerdings presst sie gleichzeitig ihre Sätze so heraus, als würde sie unter fürchterlicher Verstopfung leiden. Interessanterweise passt aber gerade dieser hochdramatische Ausdruck perfekt zu Pablo Larraíns kunstvollen, mit surrealen Versatzstücken verfremdeten Zugang zu einer Weihnachtsfeier, in der höfische Etikette und die Freiheitsliebe der depressiven Lady Di aufeinanderprallen. Larraín geht es hier nicht um Realismus (daher fügt sich auch Stewarts Schauspiel so gut ein). Jonny Greenwoods eindrücklicher Score begleitet eine filmische Reise in die tiefsten Abgründe und Ängste einer Person, die niemals öffentlich leben wollte und doch der Inbegriff der Öffentlichkeit wurde. Dazu kommen symbolhaft aufgeladene Momente, wenn Diana durch die ehrwürdigen Hallen des königlichen Schlosses tanzt oder ihr Anne Boleyn in den Gängen begegnet. Keine Frage – das ist richtig gut gemacht. Vielleicht braucht es ein bisschen, um sich in diese verfremdete Welt hineinzufinden, aber wenn man sich mal auf diese abenteuerliche Reise zu den dunkelsten Stellen einer verwundeten Seele eingelassen hat, ist die Geschichte durchaus packend, und alles fügt sich zu einem in sich stimmigen Gesamtkunstwerk zusammen. Larraín ist eben keiner, den klassische Biopics sonderlich interessieren, sondern er findet stets seinen ganz eigenen Zugang zu seinem Thema. Das muss man wissen, bevor man sich auf diesen Film einlässt.


7,0 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

The Room (2003)

Regie: Tommy Wiseau
Original-Titel: The Room
Erscheinungsjahr: 2003
Genre: Drama
IMDB-Link: The Room


Kommen wir zu einem ganz besonderen Schmankerl. In der Filmwelt wird ja trefflich darüber diskutiert, wer nun wirklich der schlechteste Regisseur aller Zeiten war – Ed Wood oder Tommy Wiseau. Nach Sichtung des Meisterwerks „The Room“ ist für mich die Antwort nun völlig klar: Tommy Wiseau. Während die Filme von Ed Wood lustiger Trash sind, ist „The Room“ ein Unfall, ein Totalschaden, auf seine Weise auch wieder enorm lustig, ja, viel lustiger, als es jeder Ed Wood-Film sein könnte, aber das liegt auch daran, dass man bei Ed Wood immerhin noch ernsthafte Ambitionen gemerkt hat, auch wenn diese schrecklich umgesetzt wurden. „The Room“ hingegen ist … unbeschreiblich. Fangen wir beim unfassbar dilettantischen Drehbuch an mit banalsten Dialogen, völlig zusammenhanglosen Szenen und Storylines, die währenddessen komplett fallengelassen werden. Dazu jede Menge Sexismus und ein Tommy Wiseau, dessen Narzissmus aus jeder Dialogzeile jeder Figur tropft. „The Room“ ist eine Tommy Wiseau-Ego-Show, in der sein Johnny der beste Mensch der Welt ist, der von seiner bösen Freundin betrogen wird (das ist dann auch schon die ganze Geschichte). Gehen wir dann zu den Darsteller:innen – vor allem den Hauptfiguren. Man hätte Dummys aus Holz und Stroh basteln können, die eine bessere Leistung abgeliefert hätten. Vor allem der größenwahnsinnige Tommy Wiseau schießt den Vogel ab. James Franco muss in The Disaster Artist einen Höllenspaß gehabt haben, diesen komplett talentfreien Exzentriker zu spielen. Und schließlich Ausstattung und Kostüme und Kameraführung, also die technischen Komponenten. Nichts, wirklich gar nichts passt hier bei diesem Film. Man kommt 1,5 Stunden aus dem Lachen nicht raus. Und dabei habe ich die auf Youtube kostenfreie unzensierte Version gesehen. Was für ein Glück, dass ich zumindest nicht die Sexszenen miterleben musste. Ich kann hier gar nicht anders, als voller Enthusiasmus und mit wärmster Empfehlung, sich das mal anzutun, meine niedrigste Wertung von 0,5 Kürbissen zu zücken. Die sind so was von verdient!


0,5 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Die Meerjungfrau (1904)

Regie: Georges Méliès
Original-Titel: La sirène
Erscheinungsjahr: 1904
Genre: Kurzfilm, Fantasy
IMDB-Link: La sirène


Georges Méliès, der Magier unter den Filmmachern, nutzte das neue Medium, um etliche seiner Bühnentricks auf die große Leinwand zu bringen. Ein Klassiker unter den Zaubertricks ist das Kaninchen aus dem Hut. Méliès wandelt diesen Trick ein wenig ab und fischt aus seinem imposanten Zylinder ein paar kleine Fischchen, die er in ein Aquarium steckt, wo sie sich ihres Daseins freuen. Aber natürlich darf auch das Karnickel nicht fehlen. So weit, so klassisch. In der zweiten Hälfte des nicht ganz fünfminütigen Films wird es hingegen surrealer – und für die damalige Zeit auch deutlich gewagter – als eine leichtbekleidete Meerjungfrau erscheint und Kussmünder verteilt. Es ist die Assistentin des Zauberers, die zwischen Mensch und Fisch mäandert. „Die Meerjungfrau“ ist nicht viel mehr als eine kurze Sequenz, die auch gut in eine abendliche Zauberrevue passen würde. Das Medium Film wird hierbei nicht ganz ausgeschöpft. Diesbezüglich schuf Méliès im Laufe seiner kurzen, aber eindrucksvollen Karriere als Filmregisseure ganz andere Kaliber. Aber nett anzusehen ist diese kleine Zauberei dennoch, und man vertut sich angesichts der Kürze auch nicht viel Lebenszeit.


5,5 Kürbisse

Ralph reichts (2012)

Regie: Rich Moore
Original-Titel: Wreck-It Ralph
Erscheinungsjahr: 2012
Genre: Animation
IMDB-Link: Wreck-It Ralph


Die EAV sangen: „Einmal möchte ich ein Böser sein, eine miese Sau.“ Bei Ralph aus dem Arcadespiel Fix-It Felix Jr. ist das Gegenteil der Fall. Jeden Tag muss er als Wreck-It Ralph im Spiel ein Gebäude zerstören, das der Streber Fix-It Felix wieder aufbaut. Natürlich ist Felix der Held, der am Ende des Tages, wenn die Lichter in der Spielhalle erloschen sind und alle Figuren Feierabend machen, gefeiert wird. Dabei ist Ralph kein so übler Zeitgenosse. Nur sieht das keiner. Also beschließt er, auszubüxen und sich seine eigene Heldenmedaille zu holen, sodass alle das Gute in ihm sehen. Doch wie spielt sich ein Computerspiel, in dem der Bösewicht plötzlich abhanden gekommen ist? Und was passiert mit den Figuren, wenn man ein nicht mehr funktionierendes Arcade-Game vom Strom nimmt? „Ralph reichts“ hat eine wirklich großartige Ausgangsidee und nutzt diese zum größten Teil für einen warmherzigen, pfiffigen und sehr unterhaltsamen Film aus. Zwar erreicht die Disney-Produktion „Ralph reichts“ nicht die emotionale Tiefe der besten Pixar-Filme, und im Mittelteil gibt es ein paar kleinere Leerläufe (die aber schnell überwunden werden), doch macht er vieles richtig. Gamer kommen angesichts vieler Anspielungen und Cameo-Auftritte ohnehin voll auf ihre Kosten, doch auch der Rest der Welt, ob groß oder klein, wird sich angesichts des turbulenten und kunterbunten Spektakels wohl gut unterhalten fühlen.


7,0 Kürbisse

(Bildzitat: Photo by Disney – © 2012 – Disney, Quelle http://www.imdb.com)

Midsommar (2019)

Regie: Ari Aster
Original-Titel: Midsommar
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Horror, Thriller, Drama
IMDB-Link: Midsommar


Der legendäre Hans Huber wusste es schon lange, nachzusehen auf Youtube: „Die Schweeeeeeden sind ein ganz harter Brocken.“ Und so ist trotz schönstem Wetter und langer Tage während des Midsommar-Fests in einer entlegenen schwedischen Kommune bei weitem nicht alles eitel Sonnenschein, wie Dani (Florence Pugh), die sich kurzerhand ihren Freunden bei diesem ethnologisch interessanten Trip angeschlossen hat, im Verlauf von Ari Asters Horrordrama feststellen muss. Dabei hätte Dani ein bisschen Ruhe und Abstand gebraucht, nachdem sich ihre depressive Schwester umgebracht hat und dabei auch noch gleich ihre Eltern mitgerissen hat. Freund Christian (Jack Reynor, das Ergebnis einer wilden Party der Gene von Chris Pratt und Chris Hemsworth) ist keine große Unterstützung. Immerhin bietet sich hier in der Kommune seines schwedischen Kumpels Pelle (Vilhelm Blomgren) die Möglichkeit einer interessanten Abschlussarbeit in Anthropologie. Doch Vorsicht, hätten sie bloß Herbert Prohaska dabei gehabt: Seine Warnung „Da san a poa Hurnkinda dabei“ wäre wohl nicht ungehört verhallt. Aber gut, der Mensch lernt durch Erfahrungen. Das einzige Problem: Diese Erfahrungen müssen erst mal überlebt werden, damit man von ihnen lernen kann. Ari Aster hat ein richtig stimmungsvolles und gleichzeitig abgründiges Horrordrama vorgelegt, das eingefleischte Horroraficionados ob des Mangels an Schreckmomenten wohl eher enttäuschen wird. Vielmehr schleicht sich das Grauen auf leisen Füßen ein. Es ist genau dieser Kontrast zwischen den in der Mittagssonne grell ausgeleuchteten Szenen und der rätselhaften Handlung, die die Stimmung immer bedrückender macht. „Midsommar“ ist kein Horrorfilm im klassischen Sinne, eher ein langsamer, aber unentrinnbarer Strudel ins Herz des Mystischen und der Folklore. In Schweden wird der Film angeblich als schwarze Komödie gefeiert. So kann man es auch sehen. Jedenfalls ist „Midsommar“ ein starker Film, der sich alle Zeit nimmt, die er für seine Geschichte braucht, doch die Zeit ist gut investiert, denn viele Bilder und Szenen lassen einen lange nicht mehr los.


8,0 Kürbisse

(Bildzitat: Photo by Gabor Kotschy – © A24, Quelle http://www.imdb.com)

Opfer der Unterwelt (1949)

Regie: Rudolph Maté
Original-Titel: D.O.A.
Erscheinungsjahr: 1949
Genre: Thriller, Drama, Krimi
IMDB-Link: D.O.A.


Die Abkürzung D.O.A., so auch der englische Titel des Film Noirs von Rudolph Maté mit Edmond O’Brien in der Hauptrolle, steht unter anderem für „Dead on Arrival“. Und das passt, denn als der Buchhalter und Notar Frank Bigelow in einer denkwürdigen Auftaktszene ins Polizeiquartier stolpert, um einen Mord anzuzeigen, überrascht er alle, als er sich als den Ermordeten nennt. In seinem Körper ist ein hochgradig wirksames Gift, gegen das es kein Gegenmittel gibt. Eingefangen hat er sich dieses ungute Zeug während eines Kurzurlaubs in San Francisco. Da soll einer noch mal sagen: Wenn einer eine Reise tut, kann er was erleben. Dass er tödlich vergiftet wurde, ist ihm rasch klar, doch aus welchen Gründen, das nicht. Und so macht er sich in der geringen Zeit, die ihm noch verbleibt, auf die Suche nach seinen Mördern. In seiner Grundprämisse ähnelt „Opfer der Unterwelt“ dem 2021 erschienenen Netflix-Actionblockbuster Kate. Doch damit enden die Ähnlichkeiten auch schon. Denn auch wenn „Opfer der Unterwelt“ mit einigen guten Actionszenen aufwarten kann, so ist der Held der Geschichte ein ganz normaler, ja sogar ziemlich unscheinbarer Typ, der nicht auf Rache aus ist, sondern schlicht und ergreifend verstehen will, warum ihm so etwas Schreckliches widerfährt. Der Film bezieht seine Spannung aus dem Wettlauf gegen die Zeit. Nach und nach wird ein dichtes Netz an halbseidenen Figuren und kriminellen Machenschaften sichtbar, in das sich Bigelow eher zufällig verfangen hat. „Opfer der Unterwelt“ ist ein gelungener Genrebeitrag zum Film Noir, der auch heute noch spannend anzusehen ist.


7,0 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Macbeth (2021)

Regie: Joel Coen
Original-Titel: The Tragedy of Macbeth
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Drama
IMDB-Link: The Tragedy of Macbeth


Joel Coen fühlt sich ohne seinen kongenialen Bruder Ethan wohl einsam. Anders ist kaum zu erklären, wie der Regisseur, dessen Filme für gewöhnlich von lakonischem Humor durchzogen sind, plötzlich einen auf depressiven Emo macht. Wobei – vielleicht gibt es ja doch einen alternativen Erklärungsansatz. Nämlich jenen, dass William Shakespeares „Macbeth“ einfach per se ein verdammt tragisches und depressives Stück ist und Joel Coen einfach nur ein Meisterregisseur, der es versteht, diese Stimmung aufzugreifen und auf die Leinwand zu bringen. Ihm zur Seite steht dabei ein hervorragender Cast, angeführt von Denzel Washington, dessen Oscarnominierung schon als fix gilt, und der in einem Coen-Film obligatorischen Frances McDormand, die, ebenfalls obligatorisch, großartig aufspielt, sich aber mit weniger Screentime begnügen muss als Washington in der Titelrolle. Shakespeare auf der großen Leinwand zu rezitieren – das muss der feuchte Traum eines jeden ambitionierten Darstellers bzw. einer jeden ambitionierten Darstellerin sein. Die Originaltexte auf Film zu bannen, ist allerdings ein riskantes Unterfangen, denn was fürs Theater passt, passt nicht unbedingt auch fürs Kino. Dessen ist sich Joel Coen bewusst – also verschmelzt er einfach die beiden Formen. Die Kulissen sind spärlich und wirken wie ein Zwischending aus Theaterbühne und realer Welt, die Geschichte ist in weißen Nebel gehüllt, der den Hintergrund verschluckt und die Protagonist:innen und ihre aus schwerer Brust deklamierten Worte in den Mittelpunkt rückt, und die Musik simpel und bedrohlich gehalten und spärlich eingesetzt. Auch das Format von 1,19:1 bildet einen die Szenerie verfremdenden Rahmen, in dem sich das Auge stark auf die handelnden Personen fokussiert. Natürlich fordert das Artifizielle des Theaters seine Opfer. Man muss schon sehr konzentriert bei der Sache bleiben, sonst verliert man den Faden. Auch schlägt sich die düstere Stimmung aufs Gemüt. Aber diese Reise in den Wahnsinn ist perfekt umgesetzt und exzellent gespielt. Da gibt’s nicht viel zu meckern.


7,5 Kürbisse

(Bildzitat: © Photo by Alison Cohen Rosa, Quelle http://www.imdb.com)