Liebesfilm

Das Piano (1993)

Regie: Jane Campion
Original-Titel: The Piano
Erscheinungsjahr: 1993
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: The Piano


Sam Neill im Dschungel. Warum muss ich da immer an Jurassic Park denken? Sei’s drum – in Jane Campions dreifachem Oscar-Gewinner „Das Piano“ wird er nicht von hungrigen Dinosauriern attackiert, sondern als Alistair Stewart von den Wirrnissen der Liebe. Soeben hat es seine neue Angetraute, die stumme Witwe Ada (Holly Hunter, Oscar), samt deren Tochter Flora (Anna Paquin, ebenfalls Oscar) an den neuseeländischen Strand gespült, doch die Gewöhnung aneinander läuft nicht ganz so reibungslos ab, wie man sich das im Vorfeld ausmalt. Ein bisschen spröde ist die Neue, und dass sie nichts redet, macht es auch nicht einfacher, sich anzunähern. Schwerer taktischer Fehler gleich zu Beginn: Das heiß geliebte Piano, für Ada mehr als nur ein Musikinstrument, sondern ihre Weise, sich der Welt gegenüber auszudrücken, bleibt aufgrund der Sperrigkeit und des Gewichts am Strand zurück. Klar hat sich da Alistair gleich mal selbst ein Ei gelegt, denn so gewinnt man keine Zuneigung, sondern nur Probleme. Man kann nicht wirklich sagen, dass sich Ada in die starken Arme von George Baines (Harvey Keitel) flüchtet, ein eher schweigsamer Geselle mit interessanten Tattoos, der sich mit den Maori gut gestellt hat. Es ist vielmehr so, dass er die Gunst der Stunde (und Alistairs Dummheit) nutzt, seinem Bekannten das am Strand verwaiste Piano abluchst und in Folge dessen Ada um, sagen wir mal, kleine Gefälligkeiten bittet, wenn sie es wiederhaben möchte. Auftakt zu einer mit viel melancholischer Musik unterlegter Ménage à trois. Und weil’s ständig schifft wie aus Eimern und die Pianomusik gar so traurig klingt, lässt sich schon bald erahnen: Das geht nicht lange gut. Allerdings bleibt der Film über seine gesamte Spieldauer interessant und sehenswert. Zum Einen liegt das an der poetischen, aber selten kitschigen Inszenierung von Jane Campion, zum Anderen an den tollen Leistungen aller Beteiligten – wobei Holly Hunter als stumme Ada, hin- und hergerissen zwischen Abscheu und Verlangen, noch einmal deutlich herausragt. Auch das neuseeländische Setting und die Einbettung der Maori in den Alltag ist durchaus gelungen. Das Ende ist schön und stimmig. Wer den Film noch nicht kennt, kann hier jedenfalls mal einen Blick riskieren, ungeachtet spezieller cineastischer Präferenzen.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 1 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


7,0
von 10 Kürbissen

Take This Waltz (2011)

Regie: Sarah Polley
Original-Titel: Take This Waltz
Erscheinungsjahr: 2011
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Take This Waltz


Selten war eine Storyline so rasch erzählt wie jene von „Take This Waltz“: Margot (Michelle Williams) ist glücklich verheiratet mit Lou (Seth Rogan). Als sie den charismatischen Daniel (Luke Kirby) aus ihrer Nachbarschaft kennenlernt, beginnt sie, ihre Ehe in Frage zu stellen. Mehr gibt es inhaltlich erst einmal nicht zu sagen über Sarah Polleys Beziehungs- und Sinnfindungsfilm. Aber mehr ist auch gar nicht nötig, denn in diesem (klassischen) Stoff steckt ohnehin genug Material für zwei abendfüllende Stunden. Wortreicher lässt sich allerdings die Umsetzung beschreiben. Dann da gibt es allerhand zu entdecken. Von den warmen, gelb-goldenen Farben der Kamera über die Dramaturgie, die den Zuseher das eine oder andere Mal subtil in eine andere Richtung lenkt, um dann doch wieder zum Ausgangspunkt zurückzukehren, bis zum verletzlichen Spiel einer zuckersüßen Michelle Williams, deren Figur man nach diesem Film vom Fleck weg heiraten würde, auch wenn man weiß, dass man damit sehenden Auges in den Untergang rennen würde. Interessant fand ich, dass in einigen Reviews, die ich zu diesem Film gelesen habe, von der realistischen Darstellung dieser Sinnkrise und von den realitätsnahen und glaubhaften Charakteren geschrieben wurde. Glaubhaft sind die Figuren allemal, aber dennoch erkenne ich in „Take This Waltz“ weniger einen Film mit Anspruch auf Authentizität als vielmehr ein strikt durchkomponiertes Planspiel über Sehnsüchte, bei dem viel auf eine Metaebene gehoben wird. Dass dieser streckenweise artifizielle Aufbau (so interagiert der Daniel, der Love Interest, bis auf wenigen Ausnahmen fast gar nicht mit seiner Umwelt; vielmehr zeigt Sarah Polley Margot und Daniel immer nur in abgeschotteten, zweisamen Situationen, sodass ich mich lange Zeit gefragt habe, ob Daniel nicht nur ein Produkt von Margots Fantasie sein könnte) dennoch so gut auf einer emotionalen Ebene funktioniert, ist Sarah Polleys handwerklichem Können (die angesprochenen warmen Farben, die gute Musikauswahl) sowie der schauspielerischen Exzellenz von Michelle Williams zu verdanken, die ihre Margot auf eine unnachahmlich sensible Weise spielt. Auch Seth Rogen und Sarah Silverman sind hervorzuheben, die ihre Sache außerordentlich gut machen. Allein Luke Kirby hat kaum Gelegenheit, seinem Daniel Konturen zu verleihen, aber genau darin glaube ich auch wieder Polleys Absichten zu erkennen, die eben genau diese Figur wie ein Abziehbild stehen lässt – denn weniger geht es ihr um eine reale Liebesbeziehung als um das Sichtbarmachen geheimer Sehnsüchte und wie diese trotz glücklichem Leben plötzlich groß wie Drachen werden können. Ob jener, auf den diese Sehnsüchte projiziert werden, nun Daniel, John, Hans oder Ahmed heißt, ist dabei zweitrangig.


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Polyfilm)

Call Me By Your Name (2017)

Regie: Luca Guadagnino
Original-Titel: Call Me By Your Name
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Liebesfilm
IMDB-Link: Call Me By Your Name


Erste Liebe. Gibt es etwas Schöneres? Gibt es etwas Schrecklicheres? Mit einem wohligen Schaudern erinnern wir uns an den ersten Schwarm und an das erste Mal, wenn die Zuneigung erwidert wird. Und an die tränenreiche Zeit danach, wenn man feststellt, dass die Ewigkeit oft nur einen Sommer lang dauert. Genau das ist die Geschichte von Luca Guadagninos „Call Me By Your Name“, die Adaption des gleichnamigen Romans von André Aciman. Der 17jährige Elio (Timothée Chalamet, oscarnominiert für seine nuancierte Darstellung) verbringt den Sommer mit seinen Eltern in Norditalien, das in wirklich sehr schönen, warmen Bildern eingefangen wird. Die Familie ist ein Paradebeispiel für wohlsituierte Akademiker: Der Vater (der wunderbare Michael Stuhlbarg) ist Archäologieprofessor, die Mutter (Amira Casar mit einer Aura, die Geborgenheit ausstrahlt) liebt Literatur, der Sohn ebenfalls – man unterhält sich in einer Mischung aus Englisch, Französisch und Italienisch. Auftritt des Love Interests. Und hier geht „Call Me By Your Name“ einen etwas anderen Weg als konventionellere Liebesfilme, denn eben jener ist 24 Jahre alt, extrem attraktiv und männlich. Der Student Oliver (Armie Hammer mit der wohl besten Leistung seiner bisherigen Karriere) wurde vom Vater eingeladen, den Sommer in dessen Haus zu verbringen. „Call Me By Your Name“ hält seinen wachsamen, wertungsfreien Blick auf die Chemie zwischen den beiden Protagonisten, ihre Annäherungen, die Missverständnisse, die Verwirrungen bis schließlich zum Eingestehen der eigenen Gefühle. Und bei all dem spielt die Tatsache, dass es sich hierbei um eine gleichgeschlechtliche Liebe handelt, keine größere Rolle als jene, dass sie ein kleines, zusätzliches Erschwernis bedeutet, da diese Liebe nicht öffentlich ausgelebt werden kann. Alles Andere – der Weg dahin – ist von einer erfrischenden Natürlichkeit und Zwanglosigkeit, was dem Zuseher eine wichtige Botschaft mitgibt: Liebe ist Liebe. Ganz einfach. Dass der Weg zu dieser Botschaft um mindestens eine halbe Stunde zu lang ausfällt (da sich der Film gerade in der Anbahnung reichlich Zeit lässt und auch gegen Ende hin noch ein paar kleinere Schleifen dreht, ehe er auf den konsequenten Schluss zusteuert), erfordert dann aber dennoch etwas Geduld und Sitzfleisch.


7,0
von 10 Kürbissen

American Honey (2016)

Regie: Andrea Arnold
Original-Titel: American Honey
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Roadmovie, Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: American Honey


„American Honey“ ist kompromisslos. Gleich zu Beginn wird das Setting mit wenigen Bildern aufgebaut, wenn die 18jährige Star (Laiendarstellerin Sasha Lane, die ihre Sache großartig macht) aus dem Abfall eines Supermarktes ein halb aufgetautes Tiefkühlhuhn hervorfischt, das sie ihren beiden Halbgeschwistern zum Spielen hinwirft. Dieser Film spielt im finsteren Amerika, Land der begrenzten Möglichkeiten. Eine Chance ergibt sich für Star, als sie im Supermarkt auf den charismatischen Jake (Shia LaBeouf in einer Rolle, in der er mir mal nicht auf die Nerven geht) trifft. Der arbeitet für Krystal (Riley Keough), die aussieht, als würde sie im Trailerpark leben, sich aber als toughe Geschäftsfrau gibt. So hat sie eine Truppe von Jugendlichen zusammengezogen, die als Keiler von Tür zu Tür gehen, um Zeitschriftenabos zu verkaufen. Das eine oder andere Souvenir wird dabei gerne mal mitgenommen. Star schließt sich der Runde an, die ihr eine Alternative zu ihrem Tiefkühlhuhnleben bietet. Und Jake ist ja irgendwie schnuckelig. Andrea Arnold macht es ihrem Publikum mit „American Honey“ nicht leicht. Fast drei Stunden beobachtet sie akribisch und mit vielen Nahaufnahmen das Treiben der Jugendliche, wie sie ihrer Arbeit nachgehen, wie sie am Abend danach feiern, wie sie im Bus durch den Mittleren Westen fahren und dabei Musik hören. Es geschieht nicht viel. Die Dramen spielen sich eher im Kleinen ab, kleinere Eifersüchteleien, der Druck, Geld verdienen zu müssen, die Andeutung einer Entwurzelung, die ein unstetes Leben mit sich bringt. Meistens blödeln die Jugendlichen herum, spielen sich auf, markieren den starken Mann und die harte Frau – es ist trotz aller Kumbaya-Lagerfeuerromantik ein fordernde Welt mit klaren Regeln, und wer sich nicht an die Regeln hält, bekommt Probleme. Besser also, mit Coolness die eigenen Ängste herunterspielen. Dabei dreht Andrea Arnold den Hahn vielleicht das eine oder andere Mal etwas zu weit auf. So authentisch die Jugendlichen (allesamt Laiendarsteller/innen) auch wirken, aber es fehlen die leiseren Zwischentöne. Andererseits wiederum fehlt es diesen jungen Menschen vielleicht auch einfach an den Gelegenheiten, mal die Deckung runterzunehmen. Star ist diesbezüglich eh die Ausnahme. So konzentriert sich die Kamera auch ganz auf sie. Gedreht in teils wackeligen, aber wunderschönen 4:3-Bildern entsteht ein fast intimes Porträt der jungen Frau. So ist der Film trotz seiner langen Laufzeit stets intensiv und interessant, auch wenn die Handlung selbst nur wenige Fortschritte zeigt. Aber auch das ist in sich stimmig, denn für viele Menschen aus prekären Verhältnissen ist das Leben tatsächlich eine immer wieder kehrende Momentaufnahme, eine Abfolge von Wiederholungen, und neue Perspektiven bieten sich nur selten, wenn überhaupt.


8,0
von 10 Kürbissen

Shape of Water – Das Flüstern des Wassers (2017)

Regie: Guillermo del Toro
Original-Titel: The Shape of Water
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Fantasy, Liebesfilm
IMDB-Link: The Shape of Water


„I come from the water / That weren’t no easy thing / It’s more like nature / It’s like my destiny“. Das sangen die Toadies 1994. Das Reptilienwesen aus Guillermo del Toros Oscar-Favoriten „The Shape of Water“ hätte den Song vielleicht auch gemocht. Vielleicht aber auch nicht. Schwer einzuschätzen, wie überhaupt alles, was dieses Wesen betrifft: dessen Herkunft (irgendwo aus dem Amazonas), dessen Fähigkeiten (auch wenn manche davon im Laufe des Films offenbart werden und sich als recht nützlich erweisen), dessen Ziele. Vorerst scheint es glücklich damit zu sein, nicht vom sadistischen Regierungsbeamten Strickland (Michael Shannon) malträtiert zu werden. Die stumme Reinigungskraft Elisa (Sally Hawkins) rennt da mit ihrer zärtlichen Fürsorge offene Türen ein. Sie erkennt eine verwandte Seele in diesem Wesen, und als sie hört, dass Ungemach droht, beschließt sie, mit Hilfe ihres Nachbars Giles (Richard Jenkins), ihrer Kollegin Zelda (Octavia Spencer, beide mit Oscarnominierungen bedacht) und des spionierenden russischen Wissenschaftlers Dr. Hoffstetler (Michael Stuhlbarg) das Schicksal in die Hand bzw. Flosse zu nehmen. „The Shape of Water“ ist ein Film, der offenbar entweder restlos begeistert oder völlig ratlos zurücklässt, wenn man die bisherigen Kritiken dazu liest – wobei die begeisterten Stimmen allerdings ganz klar in der Überzahl sind. Das moderne Märchen, denn das wäre tatsächlich die passendste Genrebeschreibung, ist vor allem handwerklich überaus gelungen. Die Ausstattung, die Musik (die ein wenig an „Die fabelhafte Welt der Amélie“ erinnert), die Kamera und natürlich das herausragende Spiel von Sally Hawkins (völlig zurecht für den Oscar nominiert und wäre da nicht die ebenfalls grandiose Frances McDormand, es wäre wohl ein sicherer Gewinn) sind die ganz großen Pluspunkte des Films in meinen Augen. „The Shape of Water“ ist ein wirklich schöner Film, dem man die Liebe zum Detail anmerkt, die Guillermo del Toro in allen Belangen aufgebracht hat. (Der Oscar-Gewinn für die beste Regie ist wohl nur noch Formsache.) Allerdings hat mich die Geschichte selbst leider nicht berührt. Die Gründe für die Handlungen der Figuren haben sich mir kaum erschlossen, auch die große Liebesromanze ist zwar schön anzusehen, wird aber im Grunde nur behauptet. Was mich allerdings richtig gestört hat: Dass das Böse (in Person von Strickland) völlig eindimensional ist – selbst die eine oder andere Andeutung einer häuslichen Szene bestärkt die Widerlichkeit von Strickland eher noch, als dass sie der Figur neue Facetten hinzufügen könnte. Das führt dazu, dass ich „The Shape of Water“ zwar gern gesehen habe, aber dem großen Lobgesang kann ich mich nur bedingt anschließen. Auf der handwerklichen Ebene: Ja, unbedingt. Die Story allerdings hat mich nicht zur Gänze überzeugt.


7,0
von 10 Kürbissen

Die defekte Katze (2018)

Regie: Susan Gordanshekan
Original-Titel: Die defekte Katze
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Die defekte Katze


Der Assistenzarzt Kian (Hadi Khanjanpour), iranischstämmiger Deutscher, hat nicht viel Glück mit den Dates. Irgendwie ist nie die Richtige dabei. Und Mina (Pegah Ferydoni), noch im Iran, ist mit Anfang 30 fast schon ein bisschen zu alt, um zu heiraten. So beschließen die beiden, den traditionellen Weg zu gehen und sich verheiraten zu lassen. Die Eltern regeln das, und so zieht Mina vom Iran nach Deutschland zu Kian. Sie sind sich fremd, und der Gedanke, dass sie nun ein Eheleben zu führen haben, ist noch mehr als gewöhnungsbedürftig. Auch der Grad der Freiheit, den Mina in Deutschland genießt, ist zu Beginn erst einmal einschüchternd. Im Bikini ins gemischte Schwimmbad zu gehen ist eine völlig neue Erfahrung für sie. Ein wenig Halt und Zuspruch findet sie bei der „defekten Katze“, die sie eines Tages sehr zum Missfallen Kians kauft. Denn das Tier hat nicht nur einen Gendefekt, sondern einige unangenehme Macken. Die Katze wird zum Symbol für die (defekte) Beziehung, die sich Kian und Mina erst nach und nach erarbeiten müssen. Die Fehler, die sie dabei machen, führen sie jedoch nur weiter voneinander fort anstatt aufeinander zu. Nach Figlia Mia war „Die defekte Katze“ der zweite Film in Folge, den ich auf der Berlinale zum Thema Familie gesehen habe. Während aber in Laura Bispuris die Karten der Familienzugehörigkeit neu gemischt werden, müssen sie in „Die defekte Katze“ erst einmal ausgeteilt werden, und die ersten Regeln müssen definiert werden. Auch hier ist Beziehung harte Arbeit, die von folgenschweren Patzern durchzogen ist. Was ist die Basis für Anziehung? Für einen liebevollen Umgang miteinander? Wie erarbeitet man sich Verständnis füreinander? Und baut Nähe und Vertrautheit auf? Susan Gordanshekan ist ein sehr intimer Film gelungen, der von den beiden Hauptdarstellern gut getragen wird. Vielleicht ist die eine oder andere Entwicklung etwas zu schnell abgearbeitet, und an manchen Stellen bleibt der Film an der Oberfläche, anstatt tiefer im Gefühlschaos zu schürfen, aber dennoch ist „Die defekte Katze“ ein schöner Beitrag zu der Frage: Was ist Liebe? Und wie entsteht sie?

 


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: (c) Glory Film / Julian Krubasik)

Der seidene Faden (2017)

Regie: Paul Thomas Anderson
Original-Titel: Phantom Thread
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Phantom Thread


Der distinguierte, leicht pedantische Reynolds Woodcock (Daniel Day-Lewis) ist der beste Schneider Londons. Sogar Prinzessinnen lassen sich von ihm zu ihrer Hochzeit einkleiden. Alma Elson (Vicky Krieps) ist eine Kellnerin, die dank ihrer perfekten Maße zu Woodcocks Muse und Geliebten wird. Das ist „Phantom Thread“ – und was jetzt erst einmal nach einer eh-schon-tausend-Mal-gesehenen Geschichte über die fragile Liebesbeziehung zwischen einem reichen, alten Sack und einem betörend agilen Mädchen klingt, entpuppt sich in weiterer Folge als subtiles, schwarzhumoriges Meisterwerk über Macht und Abhängigkeit. Denn der Stoff (Achtung: Doppeldeutigkeit!) ist bei Paul Thomas Anderson in den allerbesten Händen. Allein schon, wenn man das Handwerkliche betrachtet, kommt man aus dem Zungeschnalzen nicht mehr heraus. Die Kamera schafft mit gedämpften Bildern eine sehr intime Atmosphäre. Die Ausstattung ist exquisit und edel und unterstreicht den Reichtum sowie auch die Entrückung Woodcocks von der „realen Welt“. Die ganz große Stärke des Films liegt aber in der Akustik. Woodcock liebt Stille, er braucht sie, um sich zu konzentrieren und sein Genie zur Entfaltung zu bringen. Konsequenterweise nimmt er Geräusche überhöht wahr – und mit ihm auch das Publikum. Hier knistert der Stoff, wenn die Schere am Werk ist. Hier scharren Absätze auf dem Parkett, blubbert das Teewasser beim Aufguss besonders laut. Begleitet wird die Geräuschkulisse, die – ähnlich wie die Kamera – auch noch mal einen größeren Eindruck von Intimität entstehen lässt, durch den genialen Soundtrack von Jonny Greenwood, der sich einmal mehr enorm wandlungsfähig zeigt. Kein Vergleich zu dem düsteren, bedrohlichen Soundtrack von „There Will Be Blood“, der ebenfalls aus seiner Feder stammt. Der Soundtrack in „Phantom Thread“ ist sanft, den Zuhörer wie in Seide einbettend, weist aber dennoch immer wieder auf die Spannungsverhältnisse innerhalb der Beziehung von Reynolds und Alma hin. Bleibt zuletzt nur noch etwas über die schauspielerische Leistung zu sagen. Daniel Day-Lewis. Sein letzter Film. Was für eine Lücke wird er hinterlassen! Wie in allen seinen Filmen spielt er die Rolle nicht, er lebt sie. Er tritt völlig hinter der Rolle zurück. Sein Reynolds Woodcock ist mit keiner seiner vorigen Rollen vergleichbar, und gleichzeitig fühlt er sich wieder authentisch an, als wäre das die einzige Rolle gewesen, die er jemals gespielt hat. Ein absolutes Ausnahmetalent. Er und Meryl Streep – das sind die beiden Giganten unserer Zeit. Aber auch die luxemburgische Newcomerin Vicky Krieps ist zu erwähnen. Furchtlos stellt sie sich in ihrer Rolle als Alma und als Schauspielerin der Naturgewalt von Daniel Day-Lewis. Ihre Rolle ist fordernd – denn sie muss gleichzeitig verletzlich und willensstark wirken, und das gelingt ihr außerordentlich gut. „Phantom Thread“ gehört definitiv jetzt schon zu den Highlights des Jahres und wird sich wohl auch in meiner Best of 2018-Liste wiederfinden.


8,5
von 10 Kürbissen

Meine schöne innere Sonne (2017)

Regie: Claire Denis
Original-Titel: Un Beau Soleil Intérieur
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Satire, Liebesfilm
IMDB-Link: Un Beau Soleil Intérieur


Die FAZ zeigte sich begeistert, und Moviepilot prognostizierte mir eine Bewertung von 3,5. Auf Claire Denis‘ Film „Meine schöne innere Sonne“ mit Juliette Binoche war ich nun sehr gespannt. Und wie so oft liegt die Wahrheit in der Mitte – jedenfalls für mich. Denn „Meine schöne innere Sonne“ hat mich zwar nicht umgehauen, aber schlecht fand ich diesen Film beileibe auch nicht. Juliette Binoche spielt mit großem Mut und noch größerer Verletzlichkeit Isabelle, die Anfang 50 und die meiste Zeit über eine irrationale Träumerin ist und die Liebe sucht. Was sie findet sind Affären, die sich prickelnd anfühlen, jedenfalls zu Beginn, sie jedoch leer und ausgelaugt zurücklassen. Im Grunde ist „Meine schöne innere Sonne“ in weiten Teilen eine Variation der alten französischen Film-Prämisse „schöne Menschen zerreden Beziehungen“. Claire Denis, die Regisseurin, setzt dieses Thema allerdings auf eine sehr andere, subjektive Weise um. Die Handlungen der Beteiligten, die Dialoge, sind so erratisch wie ich es selten zuvor in einem Film gesehen habe. Die kleineren und größeren Verletzungen bahnen sich ihren Weg nach draußen, am deutlichsten in der Szene, als Isabelle bei einem Waldspaziergang ihre männlichen Begleiter, die von der Natürlichkeit der Natur schwärmen, out of the blue anzuschreien beginnt, dass sie es satt habe, dass sie es wisse, dass ihnen, den Männern, alles gehöre, auch die Landschaft. Ein starkes Zeichen. Allerdings geht diese Verfremdung und Überzeichnung in den Dialogen nicht immer gleichermaßen auf. Und manchmal kratzt man sich einfach am Kopf und fragt sich, ob das, was auf der Leinwand gezeigt wird, tatsächlich noch als zwischenmenschliche Interaktion durchgeht oder nicht. Dass Claire Denis auf Roland Barthes „Fragmente einer Sprache der Liebe“ Bezug nehmen wollte, ist somit einerseits filmisch interessant, andererseits auch stellenweise sehr anstrengend. Allerdings ist es immer ein Genuss, Juliette Binoche zuzusehen.


5,5
von 10 Kürbissen

Zwischen zwei Leben (2017)

Regie: Hany Abu-Assad
Original-Titel: The Mountain Between Us
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Abenteuerfilm, Liebesfilm
IMDB-Link: The Mountain Between Us


Kate Winslet und Idris Elba gehen spazieren. Es ist halt ein bisschen kalt und man weiß nicht genau, wo man gerade herumhirscht, aber immerhin hat man den Hund dabei, und ein paar Tage an der frischen Luft tun ja auch gut, vor allem, wenn es sich dabei um so klare Bergluft handelt, die nicht die geringste Ahnung der industrieverseuchten Welt in sich trägt. In der Nacht campiert man aneinandergekuschelt bei einem Lagerfeuer in kuscheligen Höhlen – das erhöht den Herzschlagfaktor. Da kann man durchaus mal vergessen, dass man eigentlich vor ein paar Tagen geheiratet hätte (Winslet) oder einem 10jährigen Kind in einer OP das Leben gerettet hätte (Elba) oder auch, dass man eine außerplanmäßige Landung auf einem Berggipfel hingelegt hat, den Piloten im Schnee verscharren musste, von einem Puma angefallen wurde und mit einem gebrochenen Bein durchs Nirgendwo humpelt. Kleinigkeiten halt, die angesichts der bezaubernd verschneiten Gegend und der prickelnden neuen Gesellschaft, in der man diese erkundet, entfallen können. „The Mountain Between Us“ (ddT – dämlicher deutscher Titel: „Zwischen zwei Leben“) kann sich nicht so recht entscheiden, ob es ein abenteuerliches Survival-Drama oder ein romantischer Liebesfilm sein möchte. Es sind von beidem gute Ansätze erkennbar, aber konsequent umgesetzt ist nichts davon. Für das Survival-Drama ist der Überlebenskampf zu leichtgängig und einfach gestrickt. Die beiden hocken ein paar Tage in ihrem Wrack, dann stapfen sie trotz gebrochenem Bein fröhlich viele Kilometer durch hüfthohen Schnee (wer auch immer schon mal das Vergnügen hatte, sich durch kniehohen Schnee zu kämpfen, weiß, dass man nach ein paar hundert Meter eigentlich nur noch auf die letzte Ölung wartet), immer wieder hüpft fröhlich der Hund herum (was hat der eigentlich zu fressen bekommen, um stets so gut gelaunt zu sein, und was zum Geier haben die beiden Überlebenden gegessen außer mal ein paar Bissen Puma-Steak?), Kälte ist eh ziemlich egal, und auch tagelanges Marschieren ohne Nahrung scheint weder ihre Laune noch ihre Libido zu verderben. Was den romantischen Aspekt der Geschichte betrifft, so ist zwar prinzipiell ganz gut und plausibel nachgezeichnet, wie in Extremsituationen Gefühle entstehen können, und auch in der Nachbetrachtung ist der Film nicht übel, aber trotzdem wird auch dieser Teil etwas zu … nun ja … kühl erzählt. Kate Winslet und Idris Elba bemühen sich, ihren Figuren Tiefe zu verleihen, doch manchmal macht es sich das Drehbuch zu einfach, postuliert Emotionen, die vage und unbegründet bleiben, nur damit zwischen den beiden etwas vorangeht. Stattdessen wird dann erzählerisch zu einfachen Tricks gegriffen. „The Mountain Between Us“ gehört zu jener Art von Filmen, in denen Geigen anheben, wenn die verliebten Protagonisten zum ersten Mal leidenschaftlich übereinander herfallen, und wo der Mann die Angebetete durchaus mal in Slow-Motion verlässt, um die Dramatik der Trennung zu unterstreichen. Für einen romantischen Kerzenschein-Abend zu zweit ist die Landschaft aber zu frostig. Kate Winslet und Idris Elba, die beiden schauspielerischen Naturgewalten, retten, was zu retten ist, und der Hund hat immerhin einen Charakterkopf.


5,0
von 10 Kürbissen

Eine fantastische Frau (2017)

Regie: Sebastián Lelio
Original-Titel: Una Mujer Fantástica
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Una Mujer Fantástica


Ein älterer Mann führt eine junge Frau in ein Lokal aus und schenkt ihr einen Gutschein für eine Wochenendfahrt. Später tanzen sie. Sie küssen sich. Allmählich wird klar, dass die Frau Transgender ist. Sie fahren nach Hause zu ihm, gehen ins Schlafzimmer. Schnitt. Das nächste Bild: Er sitzt in der Nacht völlig geschockt mit aufgerissenen Augen am Bettrand und keucht. Was ist geschehen? Es sollte sich herausstellen, dass dieser Moment in „Eine fantastische Frau“ meine eigenen Vorurteile schonungslos aufzeigen würde. Denn mein erster Gedanke war: Jetzt hat der Mann erfahren, dass die Frau, mit der er intim geworden ist, männliche Geschlechtsorgane besitzt, und er ist davon schwer geschockt. Bei der Auflösung kurz später war ich schwer ertappt und erfuhr damit einen dieser seltenen und wunderbaren Momente, in denen man in Kino nicht nur etwas über fremde Welten, sondern auch über sich selbst erfährt. Denn Orlando, der ältere Mann, hat in diesem Moment einen Herzinfarkt, und Marina ist seine feste Freundin, seine Geliebte, und das schon seit längerer Zeit. Sie führen eine Beziehung, die auf Liebe und gegenseitigem Respekt und Akzeptanz beruht. Alles, was nun auf diesen Schreckensmoment, als Orlando keuchend im Bett sitzt, folgt, muss also von mir mit neuen, vorurteilsfreien Augen betrachtet werden. Und das ist eine der ganz großen Stärken von „Eine fantastische Frau“: Der Film ermöglicht ein Überdenken des eigenen Wertekatalogs und der Klischeefallen, in die man unter Umständen tappt. Er ermöglicht einen vorurteilsfreien Blick auf eine nicht ganz alltägliche, aber liebevolle und ehrliche Beziehung. Gleichzeitig geht es in diesem Film um Trauer, um Abschied, und ganz besonders um die persönliche Würde, um die Marina in vielen Momenten kämpfen muss – sei es gegen die Exfrau von Orlando, die seine letzte Liebe als sexuelle Perversion abtut (und damit auch Marina persönlich herabwürdigt), sei es gegen die Polizistin, die nach dem Tod von Orlando die Umstände seines Ablebens untersucht und die Marina der häuslichen Gewalt bezichtigt, sei es gegen die restliche Verwandtschaft, die Marina so sehr verachtet, dass sie ihr nicht einmal einen angemessenen Abschied im Rahmen der Trauerfeier für Orlando ermöglichen will. Immer stößt Marina auf diese Barrieren von Vorurteilen, doch weder zerbricht sie daran, noch entwickelt sie daraufhin Wut oder gar Hass. Sie ist nur um zwei Dinge bedacht: Das Bewahren ihrer Gefühle und Erinnerungen an Orlando, und ihre eigene Menschenwürde. Dafür setzt sie sich ein, ohne sich selbst auf das Niveau ihrer Peiniger hinunterzusetzen. Und das macht Marina wohl zu einer der größten Heldinnen dieses Kinojahrs. (Da kann selbst Wonder Woman einpacken.) Ein sehr schöner, stiller und zutiefst menschlicher Film.


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Polyfilm)