Krimi

Neruda (2016)

Regie: Pablo Larraín
Original-Titel: Neruda
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Biopic, Krimi, Drama, Komödie
IMDB-Link: Neruda


Luis Gnecco spielt Pablo Neruda, den großen Volksdichter Chiles und einen der bedeutendsten Vertreter des Kommunismus. Dieser tritt in den Augen der Machthaber etwas zu vehement gegen das herrschende Regime auf und wird so seines Amtes als Senator enthoben und soll verhaftet werden. Neruda flüchtet, geht mit seiner Frau Delia (Mercedes Morán) in den Untergrund, unterstützt von seinen Parteifreunden. Der Polizist Oscar Peluchonneau, gespielt von Gael García Bernal, heftet sich an seine Fersen. Der sinnliche Liebes- und Lebensmensch Neruda hat keine Lust darauf, sich wie ein Käfer zu verkriechen, und so entspinnt sich rasch ein amüsantes wie spannendes Katz-und-Maus-Spiel. Ich muss zugeben, ich tat mir anfangs trotz der großartigen Darstellerleistungen und der extrem intelligenten Dialoge etwas schwer, in den Film hineinzufinden, denn Vieles schien mir überzeichnet zu sein, maßlos übertrieben, überdramatisiert. Aber dann fiel der Groschen: „Neruda“ ist nicht einfach ein politisches Bio-Pic, sondern vielmehr (auch) eine vergnügliche Hommage an den Film Noir und die Hard-Boiled-Detektivgeschichten der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Spätestens wenn der knallharte, wortkarge Polizist Peluchonneau (herrlich missverstanden in einer Szene, als ein Mann seinem Gutsherrn die Ankunft des Polizisten ankündigt und auf dessen Frage, was denn der für einer sei, antwortet mit: „Halb Idiot, halb Arschloch“) über seine eigene Rolle in Nerudas Geschichte zu reflektieren beginnt, löst sich das Vexierspiel zwischen den Genres auf, und der Film steuert auf einen grandiosen Showdown im Schnee der Anden hin. Kluges, großes und herrlich selbstironisches Kino.


8,0
von 10 Kürbissen

Flucht in Ketten (1958)

Regie: Stanley Kramer
Original-Titel: The Defiant Ones
Erscheinungsjahr: 1958
Genre: Thriller, Krimi
IMDB-Link: The Defiant Ones


Der Film legt einen Blitzstart hin. Gerade noch trällert Noah Cullen (Sidney Poitier) einen Song im Gefangenentransporter, so kommt dieser auch schon von der Straße ab, überschlägt sich ein paar Mal, und ab geht’s in die Wälder und Sümpfe, denn so eine Fluchtmöglichkeit möchte man natürlich nicht verstreichen lassen. Blöd nur, dass Cullen angekettet ist. Und am anderen Ende der Kette hängt John Jackson (Tony Curtis) dran, der wenig erfreut darüber ist, zum Synchronschwimmpartner eines Schwarzen geworden zu sein. Aber Freiheit ist dann doch das höchste Gut, also arrangiert man sich miteinander. Zumal einem der Sheriff (Theodore Bikel) samt Hilfssheriffs und Hundemeute schon auf den Fersen ist. „Flucht in Ketten“ von Stanley Kramer ist einer jener Filme, die auf einer einfachen Prämisse basieren und kein großes Brimborium brauchen, um zu funktionieren. Die Story ist simpel: Schwarzer und weißer Strafgefangener befinden sich aneinandergekettet auf der Flucht vor der Polizei und müssen ihre jeweiligen Vorurteile überwinden, um gemeinsam erfolgreich zu sein. Ein bisschen greift der Film also den Teambuilding-Maßnahmen vor, die später in Mode gekommen sind. Dass das deutlich reduzierte Geschehen, das zudem ohne eigens geschriebener Filmmusik auskommt, funktioniert, liegt vor allem an den Darstellern. Wirklich jeder macht hier einen großartigen Job, und so verwundert es nicht, dass sich sowohl Curtis als auch Poitier über Nominierungen als bester Hauptdarsteller freuen konnten, Bikel als bester Nebendarsteller und Cara Williams als beste Nebendarstellerin nominiert wurden. Diese ausgezeichneten Leistungen tragen einen hochgradig relevanten Film über den Abbau von Ressentiments und von Rassenhass, der ansonsten in seiner Simplifizierung vielleicht etwas plump geraten hätte können. So aber bleibt jeden Minute spannend und interessant, und die Botschaft hat bis heute (leider) ja nichts von ihrer Aktualität verloren. Nettes Detail am Rande: Tony Curtis setzte sich persönlich dafür ein, dass sein Partner Sidney Poitier ein besseres Gehalt bekam, da es damals unüblich war, schwarze Schauspieler angemessen zu entlohnen.


8,0
von 10 Kürbissen

Der Fall Collini (2019)

Regie: Marco Kreuzpaintner
Original-Titel: Der Fall Collini
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Krimi
IMDB-Link: Der Fall Collini


Zugegeben, meine Erwartungshaltung für diesen Film war gedämpft. Ich bin nicht unbedingt ein großer Krimi-Fan, und auch wenn Ferdinand von Schirachs Bücher einen guten Ruf genießen, so war ich angesichts der Verfilmung seines Romans „Der Fall Collini“ im Vorfeld nicht unbedingt euphorisch. Wenn mich der Kollege vom Filmgenuss nicht mitgenommen hätte, wäre dieser Film wohl unbesehen an mir vorbeigegangen. Allerdings hätte ich dann durchaus einen Filmgenuss verpasst. (Hö hö hö, samma wieder witzig heute). „Der Fall Collini“ von Marco Kreuzpaintner ist natürlich vordergründig erst einmal ein klassischer Justiz-Krimi. Der junge Rechtsanwalt Caspar Leinen, gespielt von Elyas M’Barek, bekommt eine Pflichtverteidigung aufs Auge gedrückt, dessen Tragweite er erst nach und nach begreift. Der Italiener Fabrizio Collini (Franco Nero) hat in einem Hotelzimmer den Industriellen Jean-Baptiste Meyer erschossen. Was Leinen zu Beginn nicht mitbekommt: Er selbst kennt diesen Meyer sehr gut, war von Kindheit an freundschaftlich mit ihm verbunden, ja, sogar eine Art Vaterersatz war dieser Meyer für ihn. Allerdings kannte er ihn – wie alle in seinem Umfeld – unter dem Namen Hans Meyer. Dennoch nimmt er die Pflichtverteidigung an. Beggars can’t be choosers. Und außerdem wird er als Verteidiger ohnehin immer wieder Leute verteidigen müssen, die ihm nicht zu Gesicht stehen, wie der Rechtsprofessor Dr. Mattinger (Heiner Lauterbach mit Prinz Eisenherz-Gedächtnisfrisur) einwendet, also warum nicht gleich damit beginnen? In weiterer Folge entspinnt sich ein spannendes, in gedämpften Farben gefilmtes Gerichtsdrama, das sich qualitativ vor Hollywood-Produktionen nicht zu verstecken braucht. Schauspielerisch ist zwar noch Luft nach oben (so spielt Elyas M’Barek sympathisch, aber recht eindimensional, Alexandra Maria Lara als Enkelin des Ermordeten ist bemüht, kommt aber gegen eine unrund geschriebene Figur nicht wirklich an, und Heiner Lauterbach ist in der Rolle als zynischer, aalglatter Rechtsgelehrter eine ziemliche Vorgabe – einzig Franco Nero brilliert wirklich) und auch manche Wendungen sind dann doch recht vorhersehbar, aber der Spannungsbogen wird dennoch ständig hochgehalten und etliche übliche Klischeefallen wie etwa potentielle Love Interests vermeidet der Film gekonnt. Die Auflösung ist berührend und nachvollziehbar. Ich sag’s ja seit Jahren: In Deutschland werden wirklich gute Filme gedreht. Man muss nur wissen, welche.


6,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Constantin)

Rebecca (1940)

Regie: Alfred Hitchcock
Original-Titel: Rebecca
Erscheinungsjahr: 1940
Genre: Drama, Thriller, Krimi
IMDB-Link: Rebecca


Es gehört zu den großen Missverständnissen der Filmgeschichte, dass Kobe Bryant einen Oscar hat und Sir Alfred Hitchcock nicht. Dabei sorgte gleich Hitchcocks erste US-Produktion, die Verfilmung von Daphne du Mauriers Welterfolg „Rebecca“, bei den Oscars für Furore. 11 Nominierungen, darunter jene für die beste Regie, letztlich zwei Auszeichnungen, darunter aber auch jene als bester Film – nur ging diese nicht an Hitchcock, sondern an den Produzenten David O. Selznick. Im Nachhinein konnte sich Hitchcock wohl damit trösten, zu wissen, einer der einflussreichsten Regisseure der Filmgeschichte geworden zu sein. Warum das so ist, zeigt das frühe Werk „Rebecca“ schon sehr deutlich: Der atmosphärisch dichte Spannungsaufbau durch Kamerafahrten durch neblige Wälder, ungewöhnliche Perspektive und geschliffen vorgetragenen Dialogen macht ihn zum Meister des Suspense. Als exemplarisch sei jene großartige Szene erwähnt, in der Maxim de Winter, gespielt von Superstar Laurence Olivier, seiner neuen Frau (wunderbar fragil gespielt von Joan Fontaine) von der letzten Begegnung mit seiner verstorbenen Frau Rebecca erzählt und die Kamera der Erinnerung von Rebecca folgt, also auf den leeren Raum hält, in dem sie zum damaligen Zeitpunkt der Begegnung gestanden ist. Und plötzlich manifestiert sich vor dem inneren Auge des Zusehers jene geheimnisvolle Schöne, die wir kein einziges Mal zu Gesicht bekommen. Selten wurde eine Abwesende wirkungsvoller und plastischer inszeniert als in Hitchcocks Film. Natürlich ist der Film trotz allem ein Kind seiner Zeit und weist historisch bedingte Schwächen auf, die einen heute die Stirn runzeln lassen. Sei es das Frauenbild, das hier gezeigt wird, oder das übertriebene Macho-Gehabe von Maxim de Winter, mit dem ich bis zum Schluss nicht warm geworden bin. Diesbezüglich waren andere Filme aus der damaligen Zeit durchaus fortschrittlicher und moderner. Die grandiose Inszenierung lässt aber auch über solche Mängel hinwegsehen, und so ist „Rebecca“ auch heute noch ein spannendes und toll gefilmtes Vergnügen.


7,5
von 10 Kürbissen

The Woman Condemned (1934)

Regie: Dorothy Davenport
Original-Titel: The Woman Condemned
Erscheinungsjahr: 1934
Genre: Krimi, Drama
IMDB-Link: The Woman Condemned


Wenn man vor etwa drei Wochen einen Film gesehen hat und vor dem Schreiben dieser Review erst mal den Inhalt nachlesen muss, ist das kein so gutes Zeichen. „The Woman Condemned“ von Dorothy Davenport, geführt nach dem Namen ihres Mannes als Mrs. Wallace Reid, ist leider eine arg dünne Suppe, die im Gegensatz zu manch anderen Filmen jener Zeit nicht allzu gut gealtert ist. Es geht um einen toten Radio-Star, einen Reporter und die Hauptschuldige, deren Unschuld der Reporter beweisen möchte. Leider plätschert die Handlung sehr uninspiriert dahin, die Motivationen der Figuren bleiben im Dunkeln. Auch die Plot-Twists kann man nur als lächerlich bezeichnen. In einer Review von der Userin Paghat the Ratgirl habe ich den wunderschönen Satz gelesen „A crime story for housewives […]“. Diese Beschreibung trifft es meiner Meinung nach sehr gut. „The Woman Condemned“ ist leichte Unterhaltung auf Groschenroman-Niveau. Nichts gegen Groschenromane per se – diese finden auch heute noch reißenden Absatz, und wer hat schon etwas gegen ein bisschen Eskapismus? Um die Füße hochzulagern und abzuschalten ist solche Unterhaltung genau richtig. Wenn man aber literarische oder cineastische Ansprüche stellt, wird man mit solchen Werken kaum zufriedenzustellen sein. Diesbezüglich geht es „The Woman Condemned“ wie Jerry Cotton, Geisterjäger John Sinclair oder Dr. Frank, dem Arzt, dem die Frauen vertrauen. Wer aber kein Problem hat mit Plot Holes, in denen man ganze Städte verschwinden lassen kann, mit hölzernem Schauspiel und Twists, die sich via Erdmittelpunkt bis nach Neuseeland durchdrehen, kann hier durchaus mal einen Blick riskieren.


3,5
von 10 Kürbissen

Ein Gauner & Gentleman (2018)

Regie: David Lowery
Original-Titel: The Old Man & the Gun
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Krimi, Komödie
IMDB-Link: The Old Man & the Gun


Mit der Anhebung des Pensionsantrittsalter ist es so eine Sache. Prinzipiell natürlich richtig, dass wir bei gesteigerter Lebenserwartung auch länger einzahlen. Dass man aber wie der Redford Bertl bis 82 hackeln muss, ist dann jedoch ein ziemlicher Härtefall. Der Bertl hat es aber wie der Gentleman genommen, der er ist, und seine wohl endgültig letzte Kinorolle mit einem charmanten Lächeln auf den Lippen veredelt. Gelernt ist gelernt. Und so darf er in David Lowerys 80er-Hommage noch mal zeigen, weshalb ihm ein halbes Jahrhundert lang die Frauenherzen zugeflogen sind. Ganz ehrlich: Eine bessere Abschluss-Rolle als jene des Gentleman-Gauners, der höflich und gewaltfrei Banken ausraubt, hätte es für ihn nicht geben können. Tatkräftig zur Seite stehen ihm dabei Danny Glover und Tom Waits, die ihrerseits auch schon langsam über den Ruhestand nachdenken dürfen. Sissy Spacek spielt den Love Interest, Casey Affleck den (grundsympathischen) Gegenspieler. In diesem Film ist selbst das Schlechte der Welt (und Banküberfälle zähle ich ehrlicherweise dazu) irgendwie gut. Wohlfühlkino eben. Das Erzähltempo ist extrem reduziert, und es braucht auch eine Weile, um sich darauf einzustellen. Überhaupt ist alles an diesem Film gedrosselt – das Tempo, die Schnittfolge, das Schauspiel selbst, die Dialoge. Was vielleicht nicht jedem gleichermaßen zusagt, folgt aber David Lowerys System. Denn der Film spielt Anfang der 80er. Und David Lowery ist bei der Umsetzung enorm konsequent. Es reicht ihm nicht aus, die Sets mit hübschen Requisiten aus jener Zeit vollzustopfen und den Protagonisten lustige Frisuren und Bärte zu verpassen. Nein, „The Old Man & the Gun“ lebt und atmet das Jahrzehnt, das er verkörpert. Das Bild ist körnig, die Farben weisen gelegentlich einen leichten Rotstich auf, und dazu passt eben auch das langsame Tempo, dazu gehören die unspektakulären, vor sich hinplätschernden Dialoge. Der Film will nicht 80er-Jahre sein, er ist 80er-Jahre. Nach dem grandiosen Mid90s von Jonah Hill der zweite Film, den ich innerhalb kürzester Zeit gesehen habe, der sein Jahrzehnt so völlig absorbiert. Allerdings ist „The Old Man & the Gun“ zwar gut umgesetzt, die Story aber tatsächlich nicht unbedingt mitreißend, sodass die Spuren, die er hinterlässt, wohl nicht allzu tief ausfallen werden. Als Robert Redfords Abschied vom Schauspiel passt er aber perfekt. Mach’s gut in der Pension, Bertl. Und wenn dir fad sein sollte, kannst du gern mal in Wien vorbeischauen, und wir gehen auf eine Melange. In Ordnung?


6,0
von 10 Kürbissen

Birds of Passage – Das grüne Gold der Wayuu (2018)

Regie: Cristina Gallego und Ciro Guerra
Original-Titel: Pájaros de verano
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Krimi, Thriller
IMDB-Link: Pájaros de verano


Gewalt erzeugt Gegengewalt. Actio = reactio. Man kennt das. Aber zunächst mal beginnt alles mit der Liebe. Einem Tanz. Dem Werben um die schöne Braut. Rapayet (José Acosta) vom indigenen Volk der Wayuu in Kolumbien bringt die geforderten 30 Ziegen, die Rinder, die Halsketten, und er bekommt dafür die schöne Zaida (Natalia Reyes) zur Frau. Ermöglicht wurde ihm dies durch ein im Jahr 1968 noch neues und sehr erträgliches Geschäft – nämlich jenes mit Marihuana, das gewinnbringend an die Gringos des Nordens verkauft wird. Und dieses Geschäft läuft sehr erfolgreich weiter und wird größer. Erste Komplikationen treten auf, als sich der Freund und Geschäftspartner Moisés (Jhon Narváez) als unberechenbar und gewalttätig herausstellt. Aber Drogenhandel ist schließlich kein Kindergeburtstag. Da wird selbst die Mutter der Braut, Úrsula (Carmina Martínez mit einer wundervoll ambivalenten Darstellung), zur pragmatischen Geschäftsfrau. Es ist allerdings schwer, in einer Welt, die von Kugeln und weniger von Regeln und Moral bestimmt wird, die Tradition des Volkes beizubehalten. Und wie das Geschäft größer wird, vergrößern sich auch die Probleme, bis die Situation schließlich eskaliert. „Birds of Passage – Das grüne Gold der Wayuu“ (den Zusatz hätte es echt nicht gebraucht) beginnt durchaus gemächlich, weiß aber mit jedem neuen Kapitel, das Tempo anzuziehen. Und die Gewaltspirale beginnt sich zu drehen. Begleitet ist diese Fahrt ins dunkle Herz des Drogenhandels von wunderschönen, surrealistisch anmutenden Bildern. Optisch kommt der Film nicht ganz an Ciro Guerras Vorgänger-Film „Der Schamane und die Schlange“ (nominiert für einen Oscar als bester fremdsprachiger Film) heran, bietet aber durchaus genug fürs Auge. Hier wird wortwörtlich in Schönheit gestorben, was die Gewalt nicht weniger drastisch macht. Überhaupt interessant: Die Gewalthandlung selbst wird oft nur indirekt gezeigt, die Auswirkungen der Gewalt hingegen dann jedoch klar und deutlich. In dieser Hinsicht erinnert der Film an Lynne Ramsays großartiges You Were Never Really Here aus dem Vorjahr, auch wenn „Birds of Passage“ weniger konsequent ist. Ein weiterer spannender Aspekt des Films ist, dass er sich weniger auf den Drogenhandel selbst konzentriert (der für Rapayet nur ein Mittel zum Zweck ist), sondern vielmehr auf die Auswirkungen dieser modernen, kriminellen Welt auf das Wertesystem der Wayuu. Und die sehen gar nicht gut aus. Der Film dafür schon. Daher gibt es eine klare Empfehlung von mir – allerdings mit dem Warnhinweis, dass man für die erste halbe Stunde schon Geduld aufbringen muss, da es der Film zu Beginn wirklich sehr gemütlich angeht.


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Polyfilm Verleih)

Graduation (2016)

Regie: Cristian Mungiu
Original-Titel: Bacalaureat
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama, Krimi
IMDB-Link: Bacalaureat


Cristian Mungiu zählt zu den renommiertesten rumänischen Regisseuren derzeit. Überhaupt passiert cineastisch in den letzten Jahren viel Spannendes in jenem Land, das man sonst in der Regel erst mal mit einem bleichen, spitzzahnigen Grafen mit einem eher ungewöhnlichen Appetit verbindet. Abseits von Gothic Horror präsentiert sich das rumänische Kino aber mit sozialrealistischen und viel diskutierten Beiträgen auf den Filmfestivals und in den Kinos dieser Welt. In Cristian Mungius „Bacalaureat“ geht es um eine Familie in Cluj (Siebenbürgen, womit wir wieder beim gut gekleideten Grafen mit dem Blutdurst wären), der Vater ein anerkannter Arzt, die Tochter kurz vor ihren Abschlussprüfungen und mit einem Stipendium für Cambridge in der Tasche, sofern sie diese Prüfungen nicht versaut, die Mutter depressiv. Am Tag vor der ersten Abschlussprüfung wird das Mädchen auf dem Schulweg von einem Unbekannten angegriffen und beinahe vergewaltigt. Als Folge dessen ist sie verständlicherweise neben der Spur und bringt nicht die für das gute Abschlusszeugnis nötige Leistung bei der Prüfung. Der Vater beschließt, einzugreifen. Wir sind ja schließlich in Rumänien, und auch wenn der Vater versucht, ein aufrechtes und ehrbares Leben zu führen (Dass er eine jüngere Geliebte hat? Na ja, man kann ja trotzdem noch anständig sein. Hüstel) und gegen die Korruption anzukämpfen, wenn es um die eigene Tochter geht, muss man sich solche Dinge wie Ehre und Anstand halt noch mal genau durchdenken. Und so entspinnt sich ein Drama rund um moralische Werte und deren, sagen wir mal, „Flexibilität“, und im großen Ganzen dann auch um die um sich greifende Korruption. Wobei: Nein, korrupt ist hier keiner, alle sind nur freundlich zueinander. Der Film wirft viele wichtige Fragen auf, ist gut gespielt und hat auch eine interessante Story. Dennoch ist er nicht frei von Schwachpunkten. Zum Einen mal wieder die Länge. Die Geschichte hätte man durchwegs kompakter erzählen können. Zum Anderen hatte ich mit dem Film das gleiche Problem wie mit allen rumänischen Filmen, die ich bisher gesehen habe: So dramatisch und einschneidend auch die Ereignisse sind, die Geschichte wird immer sehr distanziert und kühl erzählt, ich werde einfach nicht emotional mitgenommen. Es sind gute, wohl auch wichtige Filme, aber sie bleiben dennoch nicht so richtig hängen bei mir.

 


6,5
von 10 Kürbissen

Destroyer (2018)

Regie: Karyn Kusama
Original-Titel: Destroyer
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Krimi, Thriller
IMDB-Link: Destroyer


Es gab eine Zeit, in der Nicole Kidman botoxbedingt die Mimik eines Kühlschranks aufbrachte. Diese Zeit ist zum Glück vorbei. Älter werden ist gar nicht so schlimm, ein paar Fältchen können ja auch sehr sympathisch wirken, vor allem wenn sie sich als Lachfalten um die Mundwinkel ziehen. Doch viel zu lachen hat Nicole Kidman in Karyn Kusamas Film „Destroyer“ nicht. Und mit den Falten hat sie es auch ein wenig übertrieben. Ihre Detective Erin Bell wird zu Beginn jedenfalls als wandelnde Depression auf zwei Beinen vorgestellt. Diese Frau geht zum Lachen nicht einmal in den Keller, die quittiert einen guten Witz höchstens mit einem Fußtritt in das Allerheiligste. Dass so etwas nicht von ungefähr kommt, ist klar. Und so rollt sich allmählich anhand des Falls, in dem sie ermittelt, ihre eigene Vergangenheit auf, in der sie als junge Undercover-Polizistin mit ihrem Kollegen Chris (Sebastian Stan) eine auf Bankraube spezialisierte Vereinigung unter dem Boss Silas (Toby Kebbell) infiltriert hat. Und dabei ist nicht alles so rund gelaufen, wie man sich das im Vorfeld ausgedacht hat. 17 Jahre später plagt sie sich mit den Geistern der Vergangenheit herum und verfolgt eine sehr persönliche Agenda. Kleinere familiäre Probleme mit dem Nachwuchs erleichtern das Unterfangen nicht unbedingt. „Destroyer“ ist ein sehr entschleunigter Krimi, der einem gängigen Muster folgt: Kaputte Polizistin wird mit Fehlern der Vergangenheit konfrontiert. Allzu viele Kreativitätspunkte kann ich dafür nicht vergeben. Bleibt das Spiel von Nicole Kidman, die für ihre Rolle viel Lob einheimsen konnte. Doch obwohl ich Kidman mag, kann ich mich dem allgemeinen Jubelreigen nicht anschließen, da sie ihre Erin Bell für mich etwas zu grimmig anlegt und damit fast zur Karikatur werden lässt. Hier wollte sie meiner Meinung nach zu viel. Ein etwas subtileres Spiel hätte nicht geschadet. So ist „Destroyer“ ein seriöser Film, dem man seine Ambitionen anmerkt, aber die Rädchen greifen nicht ineinander und stellenweise breitet sich Fadesse aus. Das Ende weist mit einem schönen Twist auf, aber das hebt den Film für mich auch nicht mehr über den Durchschnitt hinaus. Einen halben Punkt dazu gibt es für die Verwendung des Songs „Gardenia“ von Kyuss im Soundtrack.


5,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen)

Elle (2016)

Regie: Paul Verhoeven
Original-Titel: Elle
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Krimi, Thriller, Drama, Erotik
IMDB-Link: Elle


Die grandiose Isabelle Huppert spielt in Paul Verhoevens Film eine Frau, die scheinbar nichts aus der Fassung bringt. Sie ist erfolgreiche Managerin einer Entwicklungsfirma für Computerspiele, sarkastische Tochter, geduldige Mutter, souveräne Ex-Partnerin … und fast gleichgültiges Vergewaltigungsopfer. Soweit die Ausgangsbasis für einen Thriller, der zunächst mit einer unglaublich starken Frauenrolle aufwartet, dann aber mehr und mehr in konventionelle Muster verfällt und aus diesen dann nicht anders auszubrechen weiß als auf Verhoeven-Art: Provokant, möglichst verstörend und schockierend. Gähn. Immer wieder fühlt man sich an Basic Instinct erinnert, und Paul Verhoeven opfert die Glaubwürdigkeit und Authentizität seiner Figuren auf dem Altar des Schock-Moments. Das ist jammerschade, denn die erste Hälfte des Films ist wohl das Beste, was er jemals gedreht hat. Isabelle Huppert ist, wie gesagt, überragend, sie wurde für ihre grandiose Leistung auch mit einer Oscar-Nominierung gewürdigt, aber auch ihre Figur leidet am Ende unter dem Verhoeven’schen Ziel, das Publikum möglichst durchzurütteln. Ja eh. Kennen wir schon. Ein wenig mehr Altersmilde und Subtilität würde Verhoevens Werk wirklich gut tun, aber in diesem Film bringt er das (noch) nicht. Ein Film mit durchaus vielen guten Ansätzen und auch in den schwächeren Momenten durchaus sehenswert, aber zu deutlich sehe ich das Potential, das Verhoeven hier liegen gelassen hat.

 


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen)