Krimi

I Care a Lot (2020)

Regie: J Blakeson
Original-Titel: I Care a Lot
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Thriller, Komödie, Krimi
IMDB-Link: I Care a Lot


Wie gut, dass es Menschen wie Marla Grayson (Rosamund Pike) gibt, die sich selbstlos aufopfern, um ihren älteren Mitmenschen das Leben so angenehm und komplikationsfrei wie möglich zu machen. Besitztümer können da durchaus Komplikationen mit sich bringen, also sorgt Marla dafür, dass sich die Menschen, die sich in ihrer Fürsorge befinden, nicht länger mit diesen profanen Problemen herumplagen müssen. Auf Marlas Konto ist das Geld sicherlich auch gut verwahrt, nicht wahr? Doch eines Tages legt sich die resolute junge Dame, die vor allem auf ihren eigenen Vorteil bedacht ist, mit dem falschen Opfer an. Denn an Jennifer Petersons Wohlergehen sind auch durchaus einflussreiche Herrschaften mit zum Teil unorthodoxen Geschäftsgebaren interessiert. Und manche Warnungen, die von windigen Anwälten überbracht werden, sollte man nicht so einfach in den Wind schlagen, wie Marla schon bald feststellen muss. „I Care a Lot“ von J Blakeson beginnt als zynische Komödie über eine gewissenlose Geschäftsfrau, die die Schwächen anderer gnadenlos unter Mithilfe des Rechtsstaates zu ihren Gunsten auszunutzen versteht, und wendet sich dann zu einem teils recht atemlosen Thriller, der sich hätte vermeiden lassen, wenn Marla nicht so verdammt von sich selbst überzeugt gewesen wäre. Wie gesagt, manche Fehler bereut man bitterlich, aber dann ist es schon zu spät, und du rennst um dein nacktes Leben. Eine runde Geschichte ist das zwar nicht, aber unterhaltsam allemal. Das liegt vor allem an einer grandiosen Rosamund Pike, kürzlich für ihre Darstellung erst mit einem Golden Globe geadelt, der es gelingt, beim Zuseher eine unangenehme Ambivalenz entstehen zu lassen: Einerseits wünscht man ihrem Miststück alles erdenklich Schlechte, andererseits fiebert man dann doch auch wieder mit und hofft auf ihr Überleben. Begleitet wird Pike von einem soliden Nebencast: Peter Dinklage (mal richtig grimmig), Dianne Wiest und Eiza González an vorderster Front, die ihre Sache allesamt sehr gut machen. Dennoch ist und bleibt „I Care a Lot“ eine Rosamund Pike-Soloshow. Und das reicht aus für einen spannenden Filmabend.


6,5 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Catch Me If You Can (2002)

Regie: Steven Spielberg
Original-Titel: Catch Me If You Can
Erscheinungsjahr: 2002
Genre: Biopic, Krimi
IMDB-Link: Catch Me If You Can


Leonardo DiCaprio zählt heute zu den profiliertesten Schauspielern überhaupt und wird oft in einer Reihe mit den Allzeitgrößten genannt. 2002, fünf Jahre nach seinem Megaerfolg mit „Titanic“, war seine Karriere gerade so richtig am Durchstarten. Da hatte er schon eine ganze Reihe gewichtiger und vielbeachteter Rollen auf seinem Buckel, aber die Zusammenarbeit mit den Meistern Martin Scorsese („Gangs of New York“) und Steven Spielberg (eben in „Catch Me If You Can“) hat dem weiteren Verlauf seiner Karriere sicherlich nicht geschadet, um es mal so zu formulieren. „Catch Me If You Can“ schultert er trotz seiner renommierten Nebenleute (Tom Hanks, Christopher Walken, Martin Sheen, Amy Adams etc.) quasi im Alleingang. Als Hochstapler Frank Abagnale Jr. macht er den großen Reibach als falscher Pilot, als falscher Arzt, als falscher Anwalt und nutzt gnadenlos die Schwächen eines Systems aus, in dem mehr Wert auf Schein als auf Sein gelegt wird. Selbst sein Widersacher Carl Hanratty (Tom Hanks), der ihm immer auf den Fersen, aber meist einen Schritt zu spät ist, hegt eine gewisse Bewunderung für den charmanten und gerissenen jungen Mann, der nicht nach den Regeln spielen will, sondern lieber seine eigenen erfindet. Wie von Spielberg gewohnt, ist die Story dynamisch und nuanciert umgesetzt mit von einer gewissen Leichtfüßigkeit getragen, die vielen seiner Filme innewohnt, jedenfalls seinen Komödien und familiengerechten Unterhaltungsfilmen. Da fallen auch die fast 2,5 Stunden Spieldauer nicht arg ins Gewicht. Allerdings: Auch wenn ich den Film mag und gerne sehe und er auch schauspielerisch über alle Zweifel erhaben ist, irgendwie hatte ich trotzdem immer das Gefühl, dass „Catch Me If You Can“ eine Art bessere Fingerübung des Meisters war. Für mich ein guter Spielberg, der bei allem Unterhaltungswert nicht ganz die Brillanz seiner besten Filme erreicht.


7,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: © 2002 – Dreamworks LLC, Quelle http://www.imdb.com)

Side Effects – Tödliche Nebenwirkungen (2013)

Regie: Steven Soderbergh
Original-Titel: Side Effects
Erscheinungsjahr: 2013
Genre: Thriller, Krimi
IMDB-Link: Side Effects


Was wären wir alle ohne den Wundern, die die Pharmaindustrie bewirkt? Doch manchmal scheint man sich auch dort in den milliardenschweren Konzernen, die eigentlich eh unter permanenter Beobachtung stehen und sich keine Fehler erlauben dürfen, kräftig zu verhauen. Traue niemals etwas, das als „Wundermittel“ angepriesen wird. Diesen Rat hätte sich Psychiater Jonathan (Jude Law, sehr judelawig, was aber nicht negativ gemeint ist) besser zu Herzen nehmen sollen. Aber stattdessen verschreibt er seiner Patientin Emily (Rooney Mara, mit einer nuancierten Darstellung wie von ihr gewohnt) das neue Antidepressivum Ablixa, und das zeigt schon bald ungewollte Nebenwirkungen in Form eines toten Ehemannes (Channing Tatum, der tatsächlich nicht viel zu tun hat in diesem Film). Emily landet vor Gericht, und Jonathan ist schwer damit beschäftigt, sie aus dem Schlamassel, an dem er nicht unbeteiligt ist, wieder herauszuhauen. Doch wie von Soderbergh gewohnt, bleibt es nicht bei dieser straighten Geschichte, sondern das Drama verzweigt sich immer mehr und bald schon scheint sich Jonathan in diesem Winkelspiel zu verlieren. Der Auftritt von Emilys ehemaliger Psychiaterin Victoria (Catherine Zeta-Jones) macht die Sache auch nicht durchsichtiger. (An dieser Stelle ein kleiner Schritt zur Seite, denn was raus muss, muss raus: Ich kann’s immer noch nicht ganz fassen, dass Catherine Zeta-Jones Oscarpreisträgerin ist. Denn eigentlich spielt Catherine Zeta-Jones immer Catherine Zeta-Jones, und ja, ich schaue ihr dabei gerne zu, sie macht das auf ihre Weise sehr gut, aber ihr wenig subtiles Schauspiel in „Side Effects“ ist im Grunde ein einziger Spoiler, was vor allem neben den sehr guten Darstellungen von Law und Mara ins Auge fällt.) Aber gut, Zeta-Jones hin oder her, Steven Soderbergh hat die Zügel routiniert in der Hand und führt uns so durch einen guten, wenngleich nicht herausragenden Thriller, der vielleicht ein oder zwei Kapriolen zu viel schlägt und so gegen Ende hin ein bisschen den Fokus verliert. Der Weg dahin ist aber sehr sehenswert und lädt zum Miträtseln ein.


6,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Photo by Eric Liebowitz – © 2013 – Open Road Films Quelle http://www.imdb.com)

Die Haut, in der ich wohne (2011)

Regie: Pedro Almodóvar
Original-Titel: La piel que habito
Erscheinungsjahr: 2011
Genre: Thriller, Drama, Krimi
IMDB-Link: La piel que habito


Auf so eine Geschichte musst du erst mal kommen. Also echt, als Vera (Elena Anaya) herausfindet, was ihr Robert (Antonio Banderas) angetan hat, nämlich, dass … aber halt! Ich hätte ja jetzt fast den ganzen Film gespoilert, so aufgeregt, wie ich bin. Doch was schreibt man über Pedro Almodóvars verstörenden Mindfuck „Die Haut, in der ich wohne“, ohne zu viel Inhalt vorwegzunehmen und das WTF der ersten Sichtung zu spoilern? Dass dieser Chirurg Robert sichtlich einen an der Waffel hat, ja, das kann man schreiben. Und dass die bildhübsche Vera von ihm gefangen gehalten wird, auch das erschließt sich relativ schnell. Aber das sind auch schon alle Andeutungen zum Inhalt, die man gefahrlos geben kann, ohne jemandem, dessen Erstsichtung dieses Films aus dem Jahr 2011 noch aussteht, den Spaß zu verderben. Ansonsten bleibt einem nicht viel mehr, als den Einfallsreichtum des Pedro Almodóvar zu rühmen, der sein Ding einfach konsequent durchzieht und mit „Die Haut, in der ich wohne“ einen Film realisiert hat, über den sich andere etabliere Filmemacher vielleicht gar nicht erst getraut hätten aus Sorge, mit einem solch schrägen und unbequemen Werk die treue Fangemeinde zu verstören. Und man kann einmal mehr Antonio Banderas loben, der wohl auf Basis seiner eindimensionalen Hollywood-Rollen, die ihm nicht mehr zugestehen wollen als den glutäugigen Latin Lover, immer noch vielfach unterschätzt wird. Aber unter Almodóvars Regie zeigt er, dass viel mehr in ihm steckt. Was man vielleicht ein wenig an dem Film kritisieren kann, ist dann doch eine gewisse Neigung zur Effekthascherei. Diese verhindert eine durchaus mögliche höhere Wertung. Nichtsdestotrotz die unbedingte Empfehlung an alle Cineasten, die für Grenzerfahrungen offen sind: Anschauen! Aber nichts vorab über den Inhalt des Films lesen, sondern ihn einfach wirken lassen.


7,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: © 2011 – Sony Pictures Classics, Quelle http://www.imdb.com)

Official Secrets (2019)

Regie: Gavin Hood
Original-Titel: Official Secrets
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Thriller, Krimi, Biopic
IMDB-Link: Official Secrets


Spionagethriller, vor allem, wenn sie auf wahren Begebenheiten beruhen, können eine zähe Angelegenheit sein. Da werden irgendwelche Geheimdokumente, deren Inhalt ohnehin kaum jemand versteht, auf USB-Sticks gespeichert und durch die Weltgeschichte geschickt, man flüstert sich in dunklen Ecken Geheimnisse zu, aber ehrlich: Wer kapiert die schon, wenn man nicht zufälligerweise selbst für einen Geheimdienst arbeitet? Gavin Hoods „Official Secrets“ mit Keira Knightley in der Rolle der realen britischen Whistleblowerin Katherine Gun geht mit der Materie überraschend eingängig um. So komplex der Sachverhalt auch ist, er wird dem Zuseher durchaus nachvollziehbar präsentiert, ohne aber allzu sehr simplifiziert werden so müssen (so jedenfalls mein Eindruck). Unterm Strich ist es eine einfache Geschichte: Haben Großbritannien und die USA die Invasion des Irak 2003 unter Zuhilfenahme illegaler Methoden gegen UNO-Staaten durchgepeitscht, um ihre eigenen Interessen zu wahren? Das Memo, das Katherine Gun der Zeitung The Observer zuspielt, lässt ebendies jedenfalls annehmen. Natürlich möchte man in einem solchen Fall, wenn man es sich mit gleich zwei Weltmächten auf einmal verscherzt, lieber anonym bleiben, aber weil Katherine Gun halt keine Jane Bond ist, sondern nur eine einfache Geheimdienstmitarbeiterin, die noch dazu recht frisch dabei ist, fliegt sie bald auf. Natürlich sind George W. Bush und Tony Blair keine Blofelds, also wird Katherine Gun nicht an einen Stuhl gefesselt, der langsam in ein Haifischbecken abgesenkt wird, während Bush und Blair fies grinsend die letzten Details ihres perfiden Plans verraten, aber auch der Rechtsstaat findet unangenehme Druckmittel, um ein bürgerliches Leben ungemütlich zu gestalten. Da hilft dann nur Rechtsbeistand in Form von Ralph Fiennes. „Official Secrets“ ist ein angenehm gedrosselter, auf das Wesentliche reduzierter Spionagethriller mit echten Figuren und echten Problemen. Er geht nicht tief genug, um nachhaltig im Gedächtnis zu bleiben, aber für die Dauer der Sichtung unterhält er spannend und ist handwerklich gut erzählt. Wie wir Österreicher sagen: Passt schon.


7,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Genus Pan (2020)

Regie: Lav Diaz
Original-Titel: Lahi, Hayop
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Krimi, Drama
IMDB-Link: Lahi, Hayop


Für seine Verhältnisse hat Lav Diaz mit „Genus Pan“ (im Original: „Lahi, Hayop“) einen Kurzfilm gedreht. In flotten 157 Minuten ist man durch. Seine Filme können auch schon mal die 8-Stunden-Marke überschreiten. Bei einem achtstündigen „Lahi, Hayop“ wäre ich allerdings ausgestiegen, hat der Film ja auch jetzt schon seine Längen. Die Geschichte kann nämlich recht einfach zusammengefasst werden: Drei Minenarbeiter schlagen sich von der Insel, auf der sie arbeiten und ausgebeutet wurden, durch den Dschungel in ihr Heimatdorf durch. Einer von ihnen ist finanziell besonders gebeutelt, denn das wenige Geld, das ihm bleibt, reicht nicht aus, um die Medikamente der kranken Schwester zu bezahlen. Nach einem langen, beschwerlichen Weg kommt nur er im Dorf an. Was ist passiert? Dass er den Dorfbewohnern von seinem Geld nichts abgeben möchte, macht die Menschen noch misstrauischer. „Lahi, Hayop“ bringt unter allen Figuren das Schlechteste hervor. Man ist nicht besser als der vom Instinkt geleitete „Pan“, also Menschenaffe. Es gibt wenig Hoffnung auf Läuterung – trotz eines starken Beginns, der den beschwerlichen Weg der drei Männer minutiös nachzeichnet und die drei ungleichen Typen auch zueinanderfinden lässt. Aber was bleibt davon übrig im Angesicht der Not? „Lahi, Hayop“ ist eine finstere Reise an die dunkelsten Stellen der Herzen. Allerdings fällt der Film nach einer starken ersten Hälfte stark ab, wird mühsam und zieht sich wie ein alter Kaugummi. Erst das bittere Ende lässt den Zuseher wieder mitfiebern und rettet den Film über die letzte Kurve. Die 157 Minuten Laufzeit sind aber mehr als üppig bemessen für den Inhalt, der damit trotz der kürzeren Laufzeit deutlich mühsamer zu sehen ist als der grandiose The Woman Who Left aus dem Jahr 2016. Wie schon gesagt: Acht Stunden lang hätte ich hier nicht durchgehalten. 


6,0
von 10 Kürbissen

(Foto: (c) Viennale)

Shirley (2020)

Regie: Josephine Decker
Original-Titel: Shirley
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Krimi, Thriller
IMDB-Link: Shirley


Shirley (Elisabeth Moss) ist eine renommierte Schriftstellerin, die an einer Schreibblockade und einer Depression leidet. Ihr Ehemann Stanley (Michael Stuhlbarg), Dozent an der Uni, bringt seinen neuen Assistenten Fred (Logan Lerman) und Rose (Odessa Young) ins Haus. Rose soll Shirley im Haushalt unter die Arme greifen, dafür bekommt das junge Paar Kost und Logis. Zwischen den beiden Frauen entspinnt sich eine zarte Freundschaft, und über den realen Fall einer verschwundenen Studentin, die Shirley fiktional aufarbeitet, findet sie auch wieder zum Schreiben. Doch wie sehr greifen Realität und Fiktion ineinander, und was macht das mit den Betroffenen? „Shirley“ von Josephine Decker spielt diese Frage auf mehrere Ebenen durch. Vordergründig ist der Film eine Biographie der Horror- und Mystery-Autorin Shirley Jackson, doch werden reale Kernelemente des Biographischen ausgespart und durch Inhalte ersetzt, die eher an Jacksons fiktive Geschichten erinnern. Gleichzeitig verschmelzen Rose und die verschwundene Studentin Paula, die junge Rose wird zum Inhalt von Shirleys Geschichte. Und auch die Beziehung zwischen Shirley und Stanley wirkt oft dramatisch überhöht und inszeniert. Ein Fest für großartige Schauspieler/innen wie eben Michael Stuhlbarg und Elisabeth Moss, die zur Hochform auflaufen. Beide spielen sich damit in den Vordergrund für die großen Schauspielpreise der kommenden Monate. Und dieser Aspekt macht den Film auch wirklich sehenswert, während die Story selbst dann doch recht beliebig und ziellos bleibt. 


6,0
von 10 Kürbissen

(Foto: (c) Viennale)

Kajillionaire (2020)

Regie: Miranda July
Original-Titel: Kajillionaire
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Drama, Komödie, Krimi
IMDB-Link: Kajillionaire


Es gibt sie ja, die Menschen, die sich vom Kapitalismus nicht vereinnahmen möchten und nicht mitmachen beim Prinzip „Geld gegen Leistung“. Was, wenn man aber bei diesem Spiel nicht mitmachen möchte, aber dennoch alle Energie aufbringt bzw. aufbringen muss, um Geld zusammenzubringen, das für das Leben eben unabdingbar ist? In Miranda Julys „Kajillionaire“ geht es um eine solche Familie (Debra Winger, Richard Jenkins und Evan Rachel Wood), die nach außen hin dem bösen System trotzen, indem sie sich aufgrund kleiner Gaunereien am Geld anderer Leute bedienen. Das Familienleben selbst liegt aber im Argen. Das Misstrauen gegen die Welt ist so ausgeprägt, dass selbst interfamiliäre Zuneigungen nicht möglich erscheinen – alles nur Schein und Trug, wenn man dem Kind zum Geburtstag ein Geschenk macht, oder? Die Tochter Old Dolio (allein die Namensgebung beweist, dass manche Menschen einfach keine Eltern werden sollten) ist dementsprechend nicht mit allzu großer Sozialkompetenz ausgestattet. Als eines Tages eine Zufallsbekanntschaft (Gina Rodriguez) zu diesem seltsamen Trio stößt, bringt die eine neue Dynamik in dieses Gefüge hinein, und Old Dolio lernt, dass ihre Lebensrealität vielleicht nicht die einzig wahre ist, auch wenn ihr Vater versichert, dass sie selbst die Gesunden sind, während alle anderen Menschen nur danach streben, „Kajillionäre“ zu werden. Gemäß des alten Witzes: „Verkehrsfunk: Achtung, ein Geisterfahrer auf der A1″ – Autofahrer: Was? Einer? Das sind Hunderte!“. Miranda Julys Film wirkt an vielen Stellen etwas gar aufgesetzt und übertrieben, die von Evan Rachel Wood mit viel Fragilität gespielte Old Dolio zu naiv und unbedarft – da schießt der Film vielleicht ein bisschen am Ziel vorbei. Aber geschenkt, wenn man dennoch so gut unterhalten wird, mit Witz, aber auch viel Herz. Die Verwundungen der Seele werden nicht direkt thematisiert, sind aber stets zu spüren. So ist der Film zwar nur in Teilaspekten gut gelungen, aber das reicht aus für einen lohnenden Kinobesuch.


6,5
von 10 Kürbissen

(Foto: (c) Viennale)

The Devil All the Time (2020)

Regie: António Campos
Original-Titel: The Devil All the Time
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Thriller, Drama, Krimi
IMDB-Link: The Devil All the Time


Grimmig geht’s in Donald Ray Pollocks Roman „Das Handwerk des Teufels“ zu. Menschen fügen sich gegenseitig Leid zu, religiöser Fanatismus trifft auf arme Seelen, die sich nur mit Gewalt zu helfen wissen – das alles ist im Buch eindrücklich geschildert. Glaube ich. Gelesen habe ich es, nur erinnern konnte ich mich nicht mehr daran. Meine Amnesie in litteris, wie Patrick Süskind diesen Zustand beschrieben hat, geht so weit, dass ich nicht mal mehr wusste, ob ich das Buch gelesen habe oder nicht, bis ich es im Regal der gelesenen und nicht in jenem der ungelesenen Bücher entdeckt habe. In gewisser Weise ging also frisch an den Film. Der protzt gleich mal mit einer saustarken Besetzung (Tom Holland, der Rolle des nerdigen Teenagers entwachsen, Jason Clarke, Mia Wasikowska, Bill Skarsgard, Robert Pattinson, Riley Keough uvm.) und authentischen Kleinstadt-Kulissen der 50er-Jahre, vor denen sich das Ingrimm seinen Weg bahnt. Der Teufel schläft nicht, er ist hellwach und treibt seine Sünder vor sich her. Wenn ein Film den Satz homo homini lupus est („Der Mensch ist des Menschen Wolf“) je konsequent dargestellt hat, dann „The Devil All the Time“. Es ist eine finstere Reise, auf die sich der Zuseher begibt. António Campos, der mit der Netflix-Serie „The Sinner“ große Erfolge feierte, nimmt sich Zeit für die episodenhaft ineinander greifenden Geschichten. Das Schlimme daran ist: Man begreift recht früh, dass es keine Erlösung geben kann, aber anders als bei einem Pflaster, das man schnell herunterreißen kann, wird hier der Weg in den Abgrund zelebriert. „The Devil All the Time“ ist kein angenehmer Film, aber er ist auf seine Weise gründlich und konsequent. Und vielleicht sollte ich das Buch doch noch einmal lesen. Es scheint gut gewesen zu sein.


7,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle imdb.com)

Im Schatten des Zweifels (1943)

Regie: Alfred Hitchcock
Original-Titel: Shadow of a Doubt
Erscheinungsjahr: 1943
Genre: Krimi, Thriller
IMDB-Link: Shadow of a Doubt


Gemäß des alten Spruchs „Besuch bereitet immer Freude – entweder beim Kommen oder beim Gehen“ wird das Kleinstadtleben der Familie Newton in Santa Rosa, Kalifornien, gründlich auf den Kopf gestellt, als sich der Bruder der Mutter, Charlie (Joseph Cotten), zu einem überraschenden Besuch einfindet. Dieser lebt eigentlich in New York, aber da ihm zwei finstere Gestalten auf den Fersen sind, richtet er es sich erst einmal bei seiner Schwester ein – sehr zur Freude der nach dem Onkel benannten ältesten Tochter (Teresa Wright). Die hat nämlich das Kleinstadtleben satt – und wenn dann so ein waschechter und manierlicher New Yorker Onkel vorbeischaut, tut sich endlich mal was. Aber sein nervöses und teils abweisendes Verhalten lässt bald erste Zweifel aufkochen. Was, wenn der nette Onkel ein paar Probleme von der Ostküste mitgebracht hat? „Im Schatten des Zweifels“ ist ein grundsolider Thriller, der davon lebt, wie Kleinstadtidylle und großstädtische Kriminalität aufeinanderprallen. Die heile Welt wird von Alfred Hitchcock nach und nach genüsslich demontiert, was der Zuseher durch die Augen der unglaublich naiven Charlie verfolgen kann. Dabei gibt es – wie für Hitchcock üblich – einige herausragende Kamerafahrten zu bewundern, vor allem gleich zu Beginn, als Charlie in New York vor seinen beiden Verfolgern flüchtet. Aus heutiger Sicht mag der Plot nicht mehr ganz so taufrisch wirken, da haben sich andere Klassiker von Hitchcock aus meiner Sicht besser gehalten, aber dennoch versteht es der Meister des Suspense, das Interesse am Film aufrecht zu halten. Ein Großteil der Ehre gebührt dabei auch Teresa Wright, deren Charisma jeden Film sehenswert machen kann. Wie gut für uns alle, dass sie in die Zeitmaschine gestiegen ist, um 1985 in „Zurück in die Zukunft“ Martys Mutter zu spielen.


6,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle: imdb.com)