Drama

Marighella (2019)

Regie: Wagner Moura
Original-Titel: Marighella
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Action, Thriller, Politfilm, Biopic, Drama
IMDB-Link: Marighella


Eines sei gleich vorweg gesagt: „Marighella“ von Wagner Moura verlangt dem Zuseher einiges ab. Denn der Film über den brasilianischen Dichter, Essayist und Revolutionär Carlos Marighella (Seu Jorge mit einer Wahnsinnspräsenz), der ab 1964 nach dem Militärputsch in Brasilien zum bewaffneten Widerstand aufgerufen hat, bis er 1969 getötet wurde, nimmt sich 155 Minuten Zeit. Und apropos Zeit: Gerade zu Anfang wird da gerne auch mal zwischen den Zeiten umher gesprungen, was sich aber nach einer Weile legt zu Gunsten einer chronologischen Erzählung. Um die Figuren einzuführen, Carlos Marighella selbst und seine Mitstreiter, erfüllt dieses Hüpfen seinen Zweck allerdings. Man muss allerdings in der richtigen Stimmung sein, um zweieinhalb Stunden lang einem Widerstandskämpfer und seinen Kumpanen dabei zuzusehen, wie sie sich organisieren, wie sie immer größere Coups planen und dann doch langsam, aber unerbittlich von der Staatsgewalt (verkörpert von Bruno Gagliasso, der seinen Bösen etwas zu böse anlegt) auseinandergenommen werden. Das geht mitunter auch sehr gewalttätig vonstatten, und mehr als einmal dachte ich mir beim Sichten: ‚Puh, also das hat jetzt wirklich weh getan, selbst wenn es nur gespielt war‘. Worüber man auch hinwegsehen muss, ist die Tatsache, dass Wagner Moura mit diesem Film so etwas wie Heldenverehrung betreibt. Und ohne die historische Figur des Carlos Marighella wirklich einschätzen zu können (dafür bin ich einfach nicht brasilianisch genug, auch wenn meine Arbeitskollegen fest die These vertreten, dass ich während meines Brasilien-Urlaubs 2017 in Rio eine Sambaschule gegründet habe), so bleibt doch ein eher unguter Beigeschmack haften, wenn ein bewaffneter Widerstandskämpfer, so gerecht sein Kampf auch gewesen sein mag, so unkritisch betrachtet wird. Aber gut, da geht es mir bei Che Guevara nicht anders. Was mir allerdings hier eindeutig fehlte, waren mehr Hintergründe, wie Carlos Marighella zu dem Mann geworden ist, als der er gezeigt wird. Vielleicht wäre dann das Bauchgrummeln etwas leiser gewesen. Dennoch lohnt sich „Marighella“, denn der Film ist spannend erzählt (und kann die Spannung tatsächlich über die ganze Laufzeit hoch halten), handwerklich gut gemacht und mit exzellenten Schauspielern besetzt.


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: O2 Filmes)

Der Nachtportier (1974)

Regie: Liliana Cavani
Original-Titel: Il Portiere di Notte
Erscheinungsjahr: 1974
Genre: Drama, Thriller
IMDB-Link: Il Portiere di Notte


Tja, so kann’s gehen, wenn man ein verpeiltes Filmgemüse ist. Da holt man sich einfach ein Ticket für den Charlotte Rampling Hommage-Film „Der Nachtportier“, weil er zeitlich gerade gut reinpasst, im Berlinale Palast gezeigt wird und man dorthin nicht weit hat und er interessant klingt – und stolpert unversehens via roten Teppich und Blitzlichtgewitter der Fotografen in die Verleihung des Goldenen Ehrenbären der Berlinale an Charlotte Rampling, die vor dem Screening des Films in einer Galaveranstaltung durchgeführt wird. (Die deutsche Staatsministerin für Kultur, die zeitgleich mit mir eingetroffen ist, habe ich übrigens auf dem roten Teppich knallhart ausgebremst.) Und damit nicht genug – der Kürbis eures Vertrauens sitzt dabei nur etwa zehn Meter Luftlinie von der großen Charlotte Rampling entfernt, nur etwas weiter links und eine Reihe nach hinten versetzt. Somit habe ich Charlotte Rampling gesehen. Ob Charlotte Rampling auch mich gesehen hat, wage ich allerdings nicht zu bezeugen. Was wir beide aber unzweifelhaft gesehen haben, ist eben „Der Nachtportier“ von Liliana Cavani aus dem Jahr 1974. Damals verursachte der Film die eine oder andere Schnappatmung. Denn die Geschichte des Wiedersehens eines ehemaligen SS-Offiziers, der in einem Wiener Hotel als Nachtportier arbeitet, mit der früheren KZ-Gefangenen Lucia, zu der er ein sadomasochistisches Verhältnis pflegte, hat es durchaus in sich. Ausgerechnet Lucia checkt mit ihrem Mann, einem Dirigenten, nämlich im Hotel ein, Lucia, die einzige Überlebende des SS-Mannes, der damals die Aufsicht hatte. Der plagt sich gerade mit weiteren Problemen herum: In einem Prozess soll er als Mitläufer hingestellt und von aller Schuld freigesprochen werden. Seine ehemaligen SS-Spezis, die das schon hinter sich haben, sollen dafür sorgen. Da ist natürlich die Ankunft der einzigen Zeugin, die ihn wirklich belasten kann, allen ein Dorn im Auge – zumal der Offizier die zart-harten Liebesbande von damals wieder aufnehmen will. Klingt provokant? Ist es auch. Liliana Cavani weiß in „Der Nachtportier“ genau, was sie tut. Und regt damit wohl mehr zu Diskussionen über Schuld, Vergebung und Sühne an, als es jedes moralingetränkte Werk tun könnte. Der Film hat seine Längen, und manche Szenen verlieren in ihrer Groteske etwas an Kraft – da wäre manches Mal ein subtilerer Zugang wünschenswert gewesen. Dennoch ist „Der Nachtportier“ ein Film, der hängenbleibt und auch 45 Jahre nach seiner Entstehung seine Kraft entfaltet. Was nicht zuletzt an der gelungenen Darstellung von Charlotte Rampling liegt, um den Bogen wieder zurückzuspannen. Das hätte ich ihr nach dem Film vielleicht sagen können – nur war sie da schon weg. Vielleicht hat sie mich ja doch nicht gesehen.


7,0
von 10 Kürbissen

Variety (1983)

Regie: Bette Gordon
Original-Titel: Variety
Erscheinungsjahr: 1983
Genre: Drama, Thriller
IMDB-Link: Variety


Im Rahmen von Retrospektiven von Filmfestivals kann man Filme sichten, von denen man noch nie gehört hat und die man auch sonst nirgends finden kann. Manchmal entdeckt man dabei wunderbare Perlen wie zum Beispiel die Filme von Roberto Minervini, die auf der Viennale letztes Jahr gezeigt wurden. Und manchmal hockt man in so etwas wie Bette Gordons „Variety“. Das Leben ist bunt. Das trifft auch für die Heldin Christine (Sandy McLeod) zu, eine ätherische Schönheit in bester amerikanischer Cheerleader-Optik, also hübsch, aber brav, die aus Geldknappheit einen Job als Kartenverkäuferin eines Kinos annimmt. Der Clou dabei: Bei jenem Lichtspieltheater handelt es sich um ein Pornokino, das zwar dafür, wie man sich so ein klassisches Pornokino vorstellt, überraschend wenig abgeranzt wirkt und auch die Kundschaft weiß sich bis auf gelegentliches Betätscheln der Hand zu benehmen, zudem springt auch noch ein junger Luis Guzmán mit beeindruckendem Afro durchs Bild, um die Schöne zu beschützen, aber es ist eben ein Etablissement, in dem die junge und naive Christine erst mal fehl am Platz wirkt. Das findet auch ihr Freund Mark (Will Patton), der schon bald gewisse Veränderungen an Christine bemerkt. Wenn sie ihm nämlich ungeniert von Fantasie übers Schnackseln erzählt. Denn natürlich heizt das Pornokino das Gemüt der Heldin an, und schon bald träumt sie sich in eine Welt voller Sex, Abgründe und dunkler Machenschaften. So spioniert sie eines Tages einem Stammkunden, einem distinguierten Geschäftsmann, hinterher und scheint da allerlei Ungereimtheiten zu entdecken. Doch was ist Realität, was ist Fantasie? „Variety“ ist ein Versuch aus den 80er Jahren, verruchte Neonröhren-Ästhetik, Dauerwellen und Leggings mit einer erotisch aufgeladenen Film Noir-Atmosphäre zu verbinden. Das Problem dabei ist: Damit ist er einer von geschätzt 1.000 Filmen, die genau das versuchten. Und auch wenn es hier mehr um die weibliche Fantasie als den Thrill geht, so entlockt das Geständnis, dass auch Frauen von Sex träumen, heute keinem mehr als eine müdes Gähnen. Ein Film, der nicht besonders gut gealtert ist.


4,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Kino Lorber)

Mein Herz – Niemandem! (1997)

Regie: Helma Sanders-Brahms
Original-Titel: Mein Herz – Niemandem!
Erscheinungsjahr: 1997
Genre: Drama, Biopic, Experimentalfilm
IMDB-Link: Mein Herz – Niemandem!


Mit Unter dem Pflaster ist der Strand war mein Erstkontakt mit der Filmemacherin Helma Sanders-Brahms ein durchaus interessanter und erfreulicher. So war ich durchaus gespannt auf ihre Verfilmung der Liebelei zwischen den deutschen Dichtergrößen Else Lasker-Schüler (Lena Stolze) und Gottfried Benn (Cornelius Obonya). Wie für Helma Sanders-Brahms üblich wird die Geschichte halb dokumentarisch, halb inszeniert erzählt. Historische Fotos werden in die Handlung hineingeschnitten und aus dem Off kommentiert. Dazu kommt eine reduzierte, spartanische Inszenierung mit Schauspielern vor Kulissen, die an Schülertheater erinnern. Kann ja funktionieren, so ein minimalistischer Ansatz, tut er hier aber nicht. Denn das historische Setting, das verzweifelt mit geringsten Mitteln heraufbeschworen wird, will sich einfach nicht einstellen und unterläuft damit die Glaubwürdigkeit der Figuren. Dazu kommt erschwerend, dass diese Figuren einfach schnarchlangweilig sind und im schlimmsten Fall ohne Qualitätsverlust durch Pappfiguren ersetzt werden könnten (gilt für alle Nebenfiguren). Am interessantesten ist noch Lena Stolzes Else Lasker-Schüler, aber auch sie bleibt austauschbar und motivationslos. Gottfried Benn ist einfach nur ein Unsympathler, dem man die Genialität zu keinem Zeitpunkt abnimmt. Und irgendwie ist es wirklich völlig wurscht, was die Figuren sagen, denn keine der Dialogzeilen hilft dabei, die Figuren besser zu verstehen – selbst wenn es sich um historische Zitate handelt. So werden Else Lasker-Schüler und Gottfried Benn wie Spielfiguren in einem Spiel verschoben, dessen Regeln niemand kennt und niemand versteht. Helma Sanders-Brahms vielleicht, das wage ich ja schon zu hoffen, aber leider hat sie vergessen, dem Film eine Spielanleitung beizulegen. Daher eine 1-Stern-Rezension bei Amazon: „Produkt leider mangelhaft, wird wieder retourniert.“


2,5
von 10 Kürbissen

Joy (2018)

Regie: Sudabeh Mortezai
Original-Titel: Joy
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama
IMDB-Link: Joy


Man hat’s nicht leicht mit dem österreichischen Film. Wenn man versehentlich ein Werk wie „Joy“ von Sudabeh Mortezai in der falschen Stimmung ansieht, schlittert man ungebremst in eine veritable Existenzkrise. Die richtige Stimmung für einen solchen Film: Euphorisch, aufgekratzt, wie auf Wolken schwebend. Denn der Film zieht einen unweigerlich hinunter, sodass man Ende wie ein begossener Pudel aus dem Kino schleicht. Und jetzt stellt euch mal vor, was passieren würde, ginge man bereits mit einer depressiven Grundstimmung da hinein. Ich will es mir lieber nicht ausmalen. Jedenfalls ist „Joy“ ein interessanter Beitrag, aber schwere Kost. Der Film zeigt in seinem dokumentarisch wirkenden Ansatz (der leider dramaturgisch auch zu Verschleppungen und Redundanzen führt) das Leben der Wiener Prostituierten Joy, die über einen Schlepperring von Nigeria nach Österreich kam und nun die Schulden bei ihrer Zuhälterin abstottern muss. Das System ist fies. Jungen Mädchen werden in Nigeria Versprechungen von hochbezahlten und guten Jobs als Dienstmädchen, Köchinnen und Reinigungskräften in Aussicht gestellt, dann verlangt man für den Transfer nach Europa mehr, als sie sich jemals leisten können, also stehen sie bei ihren künftigen Zuhältern von Anfang an in der Kreide. Damit die Mädels nicht auf dumme Gedanken kommen, belegt sie eine Art Voodoo-Priester noch mit einem Fluch, der dafür sorgt, dass es ihrer Familie an den Kragen geht, wenn sie vor Rückzahlung des letzten Cents abhauen. Joy, die schon lange Jahre anschafft, ist ein alter Hase und weiß sich mittlerweile zu wehren. Sie bekommt die junge Precious unter ihre Obhut gestellt, um die sie sich fortan kümmern muss. Der Film zeigt dabei so ziemlich alle Widrigkeiten, die einer afrikanischen Prostituierten am Wiener Straßenstrich widerfahren können. Nichts wird ausgespart. Und trifft immer wieder die Magengrube des Zusehers. All das wirkt gut recherchiert und glaubhaft – und damit umso erschreckender. Leider aber schleppt sich der Film dramaturgisch mit einem Hinken durch seine Laufzeit. Viele einzelne Szenen greifen nicht wirklich ineinander, vieles hätte man auch einfach aussparen können. Aber dennoch ein durchaus sehenswerter Film – wenn man ihn eben, siehe oben, in einer gefestigten Stimmung sieht.


6,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen)

Green Book – Eine besondere Freundschaft (2018)

Regie: Peter Farrelly
Original-Titel: Green Book
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Komödie, Roadmovie, Biopic
IMDB-Link: Green Book


Kritiker und die Oscar-Academy lieben den Film. Meine gute Freundin Elke, unerreichtes Vorbild cineastischer Expertise, hasst ihn. Wie so oft liegt die Qualität des Films wohl irgendwo dazwischen. Jedenfalls war ich arg neugierig auf den Film, der Peter Farrelly, dem lustigen Krachmacher, plötzlich so etwas wie eine ernst zu nehmende Reputation beschert hat. Erzählt wird die Geschichte von Tony Lip (Viggo Mortensen), einem ungehobelten italoamerikanischen Türsteher mit rassistischen Vorurteilen, und seinem Boss für zwei Monate: Dr. Don Shirley (Mahershala Ali), ein brillanter Pianist, der sich einbildet, eine Konzerttour durch den Süden der USA zu machen. Also engagiert er Tony Lip als Fahrer. Das Problem bei der Sache ist die Jahreszahl. 1962. Und so sehr Dr. Shirley auch hofiert wird, Konzerte zu geben, vor Ort kommt auch er nicht gegen rassistische Ressentiments an. Dazu gehört beispielsweise, dass er nicht die Toilette im Haus benutzen darf, sondern mit dem Plumpsklo im Garten vorlieb nehmen muss. Diese Vorurteile stehen im krassen Kontrast zum kultivierten Auftritt des Musikers, der selbst aufgrund seiner Hautfarbe einige gröbere Identitätsprobleme mit sich herumschleppen muss. „Green Book“ bezieht seinen Humor wie auch seine Tragik aus dem gekonnt inszenierten Kontrast zwischen den beiden Hauptfiguren. Gerade das Zusammenspiel der beiden und das Unterlaufen von Erwartungshaltungen, was die Figurenkonstellation betrifft, führt dazu, dass der Rassismus, dem sich beide gegenüber sehen, umso wirkungsvoller zur Geltung kommt. Allerdings schafft es der Film nicht, gröbere Klischeefallen zu vermeiden. Und das Ende ist hollywoodtauglich zuckersüß. Das Problem bei der Sache: Man geht danach mit einem guten Gefühl aus dem Kino und vergisst dabei auf das Leid, das Minderheiten zur damaligen Zeit erfahren haben und auch heute noch erfahren. Dieses Leid kleistert der Film einfach zu. So gesehen ist „Green Book“ zwar ein nett anzusehender Feelgood-Film mit ernstem Thema, aber zu leichtgewichtig, um als großer Wurf durchzugehen. Hollywood liebt den Film dennoch (oder vielleicht auch gerade deshalb). Und immerhin: Die schauspielerischen Leistungen sind in der Tat oscarwürdig.


6,5
von 10 Kürbissen

Das Mädchen Wadjda (2012)

Regie: Haifaa Al Mansour
Original-Titel: Wadjda
Erscheinungsjahr: 2012
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Wadjda


Die Geschichte eines Fahrradkaufs. Ein 11jähriges Mädchen möchte den neuesten Flitzer käuflich erwerben und sinnt daher darüber nach, wie es am besten zu Geld kommen kann. Das klingt erst mal recht unspektakulär. Wenn die Geschichte allerdings im stock-konservativen Saudi-Arabien stattfindet und das vorwitzige Mädchen, das vor allem bei den streng muslimischen Lehrerinnen ununterbrochen aneckt, ausgerechnet darauf verfällt, einen Zitierwettbewerb zum Koran zu gewinnen, um das Preisgeld für den Fahrradkauf einzustreifen, und wenn man auch noch berücksichtigt, dass in Saudi-Arabien Frauen nicht Fahrradfahren, denn das macht man einfach nicht als Frau, dann wird aus dieser banalen Geschichte recht schnell ein subversiver Spaß. „Das Mädchen Wadjda“ von Haifaa Al Mansour war nicht nur der erste Film Saudi-Arabiens, der von einer Frau gedreht wurde, sondern 2012 auch ein weltweiter Kassenknaller und Festivalerfolg. Allerdings stellt sich bei mir trotz der unbestrittenen Qualitäten, die der leichtfüßige und humorvoll erzählte Film hat, dann doch die Frage, ob er für ähnliche Furore gesorgt hätte, wäre er von einem Mann oder in einem anderen Land gedreht worden. Es ist sehr löblich und wichtig, dass Haifaa Al Mansour mit dem Film ein Zeichen setzen konnte, aber dass „Das Mädchen Wadjda“ es gleich unter die „1001 Filmen, die man gesehen haben muss, bevor das Leben vorbei ist“ geschafft hat, ist dann vielleicht doch ein bisschen zu viel der Ehre für diesen netten und unterhaltsamen, aber nicht spektakulären Film. Gesellschaftliche Implikationen mag er gehabt haben, und das ist auch gut so, aber als Meisterwerk für die Ewigkeit sehe ich ihn dennoch nicht an. Nichtsdestotrotz kann man sich damit einen beschwingten Abend machen. Und froh darüber sein, dass wir im Westen zwar auch unsere Kreuze zu tragen haben (pun intended), aber zumindest die Frauen Fahrradfahren dürfen.


7,0
von 10 Kürbissen

Roma (2018)

Regie: Alfonso Cuarón
Original-Titel: Roma
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama
IMDB-Link: Roma


Ein bisschen überraschend wirkt es auf den ersten Blick ja schon, dass neben The Favourite ein mexikanisches Schwarz-Weiß-Drama, das von Netflix produziert wurde, mit 10 Oscar-Nominierungen der große Favorit der diesjährigen Oscar-Verleihung ist. Donald Trump wird sich ärgern, dass er mit dem Shut-Down nicht nur die Pläne für seine schöne, große Mauer zurückstellen musste, sondern diese mexikanischen Gfraster auch noch den wichtigsten amerikanischen Filmpreis abstauben könnten. Überhaupt: Wenn das so weitergeht, hat bald jeder Mexikaner seinen eigenen Oscar. Iñárritu hat ihn schon. Del Toro hat ihn schon. Cuarón hat ihn auch schon – und jetzt vielleicht gleich noch mal. Und Donald Trump? Wird für die Goldene Himbeere nominiert. Das kann ja nicht mit rechten Dingen zugehen. Oder doch? Wenn man nämlich Cuaróns „Roma“ gesehen hat, wird man erneut darin bestätigt, dass Mexikaner einfach verflucht gute Filme machen. So unspektakulär und banal und gleichzeitig so mitreißend und zutiefst menschlich muss man eine Geschichte erst einmal erzählen können. Im Grunde passiert nicht viel: In atemberaubend komponierten Schwarz-Weiß-Tableaus folgt die Kamera der jungen mixtekischen Haushälterin Cleo (Yalitza Aparicio in ihrer ersten Filmrolle und dafür gleich für einen Oscar nominiert – was ich angesichts ihrer zurückhaltend nuancierten Leistung absolut verstehen kann), die in Zeiten des politischen Umbruchs Anfang der 70er Jahre in Mexiko-City für eine bürgerlichen Familie arbeitet, die es selbst gerade zerreißt, weil der Vater kaum noch zuhause anzutreffen ist und stattdessen lieber mit einer Anderen anbandelt. Die politischen Unruhen spiegeln sich im Privaten. Leidtragende ist die Ehefrau Sofia (Marina de Tavira, ebenfalls zu Recht für einen Oscar nominiert), die ihren drei Kindern eine heile Welt vorspielen muss. Cleo selbst hat bald ein weiteres Problem an der Backe: eine ungewollte Schwangerschaft durch den Kampfsportler Fermín, der nichts von ihr wissen will. Stoisch erträgt sie aber diesen und weitere Schicksalsschläge. „Roma“ ist ein sagenhaft gut ausbalancierter Film. Nichts wird explizit durchgekaut, nichts wird analysiert und interpretiert, weder im Privaten noch was die politische Tragödie betrifft. Cuarón folgt mit seiner Kamera einfach dem Geschehen und lässt die Handlungen der Protagonisten und ihre Gesichter für sich sprechen. Das Ergebnis wirkt organisch und wie aus einem Guss. Wie im wahren Leben kommen die großen Umwälzungen auf leisen Sohlen. Und auch wenn der Film am Ende zu seinem Ausgangspunkt zurückkehrt, so hat sich dennoch etwas verändert bei beiden Frauen, die im Zentrum der Geschichte stehen. Das ist große Kunst.

 


8,5
von 10 Kürbissen

Maria Stuart, Königin von Schottland (2018)

Regie: Josie Rourke
Original-Titel: Mary Queen of Scots
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Historienfilm, Biopic
IMDB-Link: Mary Queen of Scots


Schottland und England. Wenn die beiden aneinandergeraten, rollen in der Regel Köpfe. Davon kann William Wallace berichten. Oder Maria Stuart. Und auch im aktuellen Brexit-Theater, in dem Schottland und England ihren jüngsten Beef austragen, ist eine unwahrscheinliche, aber dennoch denkbare Möglichkeit gegeben, dass wieder mal ein Kopf vom Rumpf getrennt wird – wobei diesmal ausnahmsweise Schottland zum Beil greifen könnte, um sich selbst von diesem seltsam unentschlossenen Torso unter sich zu trennen. Wie gesagt, besonders wahrscheinlich erscheint dies nicht, aber ich verstehe den Grant der Schotten auf dieses England, das ein bisschen raus möchte aus der EU (analog zu „ein bisschen schwanger sein“). Aber zurück zu Maria Stuart, die von diesem Wickel rund um den EU-Austritt Großbritanniens nichts ahnen konnte – sonst wäre sie vermutlich gleich in Frankreich geblieben. Ist sie aber nicht, wie die Geschichte lehrt, und so kommt Saoirse Ronan, der Namen ich einfach nicht aussprechen kann, so sehr ich diese versierte und vielseitige Schauspielerin auch schätze, zu einer weiteren Glanzrolle. Sie verkörpert die katholische Königin Schottlands, die aufgrund ihres Machtanspruchs auf den Thron von England und ihrer im protestantischen England ungeliebten Religion ordentlich mit der Amtsinhaberin in London, Queen Elizabeth (Margot Robbie), aneinanderkracht. Aber eigentlich wollen beide der jeweils Anderen nichts Böses. Vor allem Elizabeth scheint kompromissbereit zu sein. Doch ihre Berater sehen die Sache nicht so entspannt und schmieden lieber ihre eigenen Komplotte. Was bleibt, sind zwei starke Frauen, die in einen Konflikt getrieben wären, der zu vermeiden gewesen wäre, wenn die depperten Mannsbilder rund um sie herum nicht solche intriganten und machtgeilen Günstlinge gewesen wären. Liebe Geschlechtsgenossen, da hilft kein Jammern, diesen Schuh müssen wir uns anziehen. Allerdings leidet Josie Rourkes Verfilmung dieses historischen Stoffs trotz authentisch wirkender Kostüme und Settings und zweier grandios aufspielender Hauptdarstellerinnen an einem eher unglücklichen Timing. Die Geschichte wird einfach etwas unrund erzählt, vor allem am Anfang. Auch fehlten mir einige Hintergründe sowie das Verständnis für Maria Stuart. Ja, Susie Ronan spielt sie hinreißend und hat die Sympathien auch auf ihrer Seite, aber es wird nicht so recht klar, warum sich Maria Stuart so sehr darauf verbeißt, den Thron Schottlands zu sichern. Einfach, weil’s geht? Am Ende ist es ja doch nicht gegangen. Hier fehlt mir einfach Kontext zur Königin und ihrer Motivation. Aber apropos Sissi Ronan: Es ist verblüffend, wie weit weg diese Rolle von ihrer oscar-nominierten Rolle in Lady Bird im letzten Jahr ist. Ein Oscar für Sushi Ronan scheint wohl nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Und vielleicht kann ich bis dahin dann doch ihren Namen aussprechen. Ich werde jedenfalls brav üben.


5,5
von 10 Kürbissen

35 Rum (2008)

Regie: Claire Denis
Original-Titel: 35 Rhums
Erscheinungsjahr: 2008
Genre: Drama
IMDB-Link: 35 Rhums


Die ersten Minuten von Claire Denis‘ „35 Rum“ bescheren Fans der „Nachtschiene“ einen kollektiven Orgasmus. Denn wie auch in der Sendung des Wiener Fernsehsenders W24 blickt man einfach mal für eine Weile aus dem Führerstand eines Zugs hinaus, der durch das abendliche Paris rollt. Von da an läuft der Film wie auf Schienen. Und wie Schienen halt so sind: Es geht unspektakulär, gemütlich und ohne große Haken und Kapriolen voran. Allein deshalb schon ist diese erste Einstellung, die gleichzeitig den Hauptprotagonisten Lionel (Ales Descas mit unerschütterlichem Stoizismus) vorstellt, klug gewählt. Denn „35 Rum“ ist ein Film, der seine Geschichte im Kleinen erzählt. Viel passiert nicht, außer dass man eine Zeit lang eben jenem alternden Lokführer und Witwer dabei zusehen kann, wie er sich bemüht, zu akzeptieren, dass seine Tochter Joséphine (Mati Diop) erwachsen ist und anfängt, ihre eigenen Wege zu gehen. Eine filmische Reflexion über das Altern und über Familie, über die Vergangenheit, die manchmal schwer loszulassen ist, wie beispielsweise ein pensionierter Ex-Kollege Lionels am eigenen Leib spürt und auch Lionel selbst, der den Tod seiner Frau nicht wirklich überwunden hat, weshalb er auch die Avancen seiner Nachbarin zurückweist, über das zarte Knüpfen neuer Bande und eben auch das Weitermachen. Abschluss und Neubeginn und der Umgang damit sind die zentralen Themen des Films. Und was ich Claire Denis hoch anrechne ist, dass sie von diesen bedeutungsschweren Themen, die man sehr melodramatisch inszenieren könnte, fast beiläufig und nuanciert erzählt. Das führt zwar zu der einen oder anderen Länge beim Sichten, wirkt aber länger nach als eine tränenreiche, von Geigenmusik begleitete Klimax. Denn es ist schon so: Viele Veränderungen im Leben passieren schleichend, ohne großes Tamtam und auch unterhalb unserer Wahrnehmungsschwelle. Und irgendwann in einem ruhigen Moment blicken wir kurz zurück und stellen verwundert und mit dem Anflug eines Lächeln fest, dass sich etwas geändert hat.


7,0
von 10 Kürbissen