Drama

Titane (2021)

Regie: Julia Ducournau
Original-Titel: Titane
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Drama, Horror
IMDB-Link: Titane


Für den diesjährigen Eröffnungsfilm des Slash Filmfestivals hat man niemand Geringeren als den diesjährigen Gewinner der Goldenen Palme in Cannes auserkoren. Auf den war ich schon sehr gespannt nach durchaus geteilten Meinungen unter den Kritikern – vor allem aber aufgrund von Julia Ducournaus fulminantem Vorgängerfilm Raw, den ich damals vielleicht sogar einen Tick schlechter bewertet habe, als er es in der Nachbetrachtung verdienen würde. Denn viele Bilder des Films haben einen starken Eindruck auf mich gemacht und sind heute noch präsent. Gleich vorweg: Bei „Titane“ wird das wohl ähnlich sein. Denn Julia Ducournau schont nichts und niemanden – die Bilder sind stark, fesselnd, brutal und konsequent. Ganz grob zusammengefasst geht es um Alexia, der als Kind – als Folge eines Autounfalls – eine Titanplatte im Kopf eingesetzt wurde, und die im jungen Erwachsenenalter einen ungesunden Fetisch für Autos und Gewalt entwickelt hat. Der eher realitätsnahe Teil der Handlung ist, dass sie sich so lange durch die Stadt mordet, bis ein Phantombild von ihr angefertigt werden kann und sie daraufhin die Identität eines vor 15 Jahren verschwundenen Jungen annimmt (und damit beim verzweifelten Vater des Jungen auch durchkommt). Wie gesagt, das ist der Teil, der noch am ehesten in der Realität verankert ist. Richtig spooky wird es aber durch die Tatsache, dass sie nach einem leidenschaftlichen Geschlechtsakt mit einem Auto schwanger wird und fortan Motoröl aus ihrem Körper rinnt, während in ihr etwas heranwächst, das vielleicht mal Mensch, vielleicht mal Auto sein wird. Das ist harter Stoff, vor allem, wenn er so schonungslos dargebracht wird. Wie auch in „Raw“ ertönt im Kinosaal aus dem Publikum heraus immer wieder fassungsloses Gelächter, das den Schock des gerade Gesehenen überdecken soll. „Titane“ ist ganz klar ein Body-Horror-Film, der sich aber ebenso klar allen anderen Zuschreibungen entzieht. Es ist ein fürchterliches Monster von Film, das sich fast schon nebenbei an Geschlechterklischees und Fragen nach Identität und Rolle abarbeitet, während der nächste Schock nur eine Szene weiter lauert. Grandios gespielt von Newcomerin Agathe Rousselle und Vincent Lindon in den Hauptrollen bohren sich die ambivalenten Figuren unaufhaltsam in die Hirnwindungen – ob es einem nun gefällt oder nicht. Stilistisch erinnert der Film am ehesten noch an Gaspar Noé, und auch der spaltet ja die Meinungen des Publikums. „Titane“ ist ein Film, über den man nur schwer reden kann, der aber – ob im Positiven oder Negativen – wohl eine starke Reaktion auslöst, wenn man ihn sieht.


7,5 Kürbisse

(Foto: Slash Filmfestival, (c) Carole Bethuel)

Das goldene Zeitalter (1930)

Regie: Luis Buñuel
Original-Titel: L’Âge d’Or
Erscheinungsjahr: 1930
Genre: Drama, Experimentalfilm
IMDB-Link: L’Âge d’Or


Einige abgekämpfte Soldaten im Gebirge marschieren los ins nächste Gefecht, auch wenn sie verwundet sind und sich kaum auf den Beinen halten können. Priester halten auf den Felsen eine Zeremonie ab. Schiffe landen, in einer Prozession gelangen die Ankömmlinge zum Felsen mit den Priestern, die mittlerweile nur noch Skelette sind. In Rom tummelt sich der Verkehr, eine Kuh liegt im Schlafzimmer, die verliebte Frau leckt die Zehen einer Statue ab, Menschen hängen von Decken, sind blutüberströmt, ein Herzog feiert eine Orgie und erscheint als Jesus – willkommen in der surrealen Welt von Luis Buñuel. Die Bilder erzählen weniger eine Geschichte als dass sie Assoziationen wecken. Was im Kurzfilm „Ein andalusischer Hund“ noch sehr gut funktioniert hat, führt im Langfilmdebüt des visionären Mexikaners allerdings zu einem langatmigen Durcheinander, das viel Geduld erfordert. Die Konzentration ging mir beim Ansehen zwischendurch mal flöten. So gelungen ich auch den Anfang und das Ende fand, aber der Mittelteil hat seine Durchhänger. Und insgesamt ist es halt auch etwas unbefriedigend, sechzig Minuten lang Assoziationen aufzubauen. Eine Handlung wird zwar angedeutet, aber die ist neblig wie eine Raucherkabine ohne Dunstabzug. Man kommt fast unweigerlich an den Punkt, an dem man sich fragt: Und was soll das alles jetzt? Insofern kann ich empfehlen, lieber beim andalusischen Hund zu bleiben, das ist der stringentere und durch die Kürze auch besser verdauliche Film. Auch wenn die Kuh im Bett schon ein sehr amüsanter Anblick ist.


5,0 Kürbisse

(Bildzitat: © Constantin Film/BerghausWoebke/Gordon Timpen, Quelle http://www.imdb.com)

Tides (2021)

Regie: Tim Fehlbaum
Original-Titel: Tides
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Science Fiction, Drama
IMDB-Link: Tides


Filme, die darauf basieren, dass wir es als Menschheit einfach kollektiv verkackt haben und die Welt unbewohnbar oder zumindest ein verdammt ungemütlicher Ort geworden ist, gibt es ja so einige. In Zeiten drastischer Klimaveränderung und steigender Ressourcenknappheit ist dieses Topos allerdings so nah am Puls der Gegenwart wie noch nie. Tim Fehlbaum, ein aufstrebender Schweizer Filmemacher, hat sich diese Aktualität zunutze gemacht und einen düsteren Science Fiction-Film auf die Leinwand gebracht, der zeigt, was uns blüht, wenn wir den Zug verpassen. Denn dann vergammelt ein Teil der Menschheit als hirngewaschenes Kollektiv auf einem fernen Planeten, während die verbliebenen armen Hunde des Planeten, „Muds“ genannt, zivilisatorisch ins Mittelalter zurückgeschossen wurden – nur dass sie Feuerwaffen haben, was jetzt allerdings auch nicht unbedingt ein Merkmal entwickelter Zivilisation bedeutet. Es ist immer kalt, es ist immer nass und schlammig (das Wattenmeer als Schauplatz ist klug gewählt, es lässt den Menschen noch weiter wegrücken vom Menschsein), und man vegetiert halt so dahin. Atmosphärisch fühlte ich mich immer wieder an The Bad Batch erinnert, ob nun Sandwüste oder Schlammwüste ist auch schon egal. Allerdings wirft Tim Fehlbaum nicht jegliche konventionelle Storyline über Board, um seine Dystopie auszureizen, im Gegenteil: Die Handlung selbst rund um die wortwörtlich gestrandete Aufklärungsastronautin Blake (Nora Arnezeder) kann in Sachen Originalität mit den eindrucksvollen Bildern nicht mithalten und liefert schon bekannte Kost. Die ist jetzt nicht schlecht, aber eben leider etwas arg vorhersehbar. Dennoch ist „Tides“ ein Film, der die große Leinwand verdient und auch darauf genossen werden will.


6,0 Kürbisse

(Bildzitat: © Constantin Film/BerghausWoebke/Gordon Timpen, Quelle http://www.imdb.com)

Promising Young Woman (2020)

Regie: Emerald Fennell
Original-Titel: Promising Young Woman
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Drama, Thriller, Komödie, Krimi
IMDB-Link: Promising Young Woman


Anfang des Jahres mit dem Oscar für das beste Drehbuch ausgezeichnet, gibt es mit ordentlicher Corona-Verspätung Emerald Fennells Debütfilm „Promising Young Woman“ nun endlich auch bei uns in den Kinos zu sehen. Und was für ein Debüt das ist! Die von mir hochgeschätzte Carey Mulligan ist auf einem Rachefeldzug gegen die toxische Männerwelt, der auf der einen Seite herrlich überdreht wirkt und unglaublich unterhaltsam anzusehen ist, auf der anderen Seite aber einen bitteren Unterton aufweist und fast beiläufig unsere Gesellschaft bis ins Kleinste seziert. Fast jede Szene weist diese beiden Seiten auf. Das Unterhaltsame und das Bittere stehen gleichberechtigt nebeneinander, und es liegt an einem selbst, was man hiervon mitnimmt – im Idealfall beides. Worum geht’s? Die 30jährige Cassie, einst eine vielversprechende Medizinstudentin, jobbt untertags in einem Coffeeshop und stellt abends Männern nach, denen sie vorgaukelt, sturzbetrunken zu sein. Wenn diese nun die scheinbar einfache Gelegenheit für ein erotisches Abenteuer mitnehmen möchten, bereuen sie dies schon bald. Doch hinter dieser einfach wirkenden Story verbirgt sich eine gut begründete und hintergründige Rachegeschichte, die sich in all ihren Schichten nach und nach aufblättert. Grandios ist neben Mulligans Schauspiel und der perfekt eingesetzten Musik mit einigen großartigen Coversongs die Tatsache, dass Emerald Fennell, die neben der Regie auch für das prämierte Drehbuch verantwortlich zeichnet, die Grauschattierungen unseres komplexen Zusammenlebens aufgreift und sich nicht damit zufrieden gibt, einfach mal die Frau gegen die Männer austeilen zu lassen. Das Ende ist bitter und zynisch und befriedigend gleichermaßen. „Promising Young Woman“ ist ein Glücksfall von einem Film, der vordergründig beste Unterhaltung bietet und quasi über die Hintertür hochgradig relevante Themen verhandelt. Und jetzt ab ins Kino mit euch!


8,5 Kürbisse

(Bildzitat:: © 2019 – Focus Features, Quelle http://www.imdb.com)

Hannah Arendt (2012)

Regie: Margarethe von Trotta
Original-Titel: Hannah Arendt
Erscheinungsjahr: 2012
Genre: Drama, Biopic, Historienfilm
IMDB-Link: Hannah Arendt


Hannah Arendt gilt als eine der bedeutendsten Politologinnen und Philosophinnen des 20. Jahrhunderts. Für eine massive Kontroverse sorgte ihr Bericht für den New Yorker über den Prozess gegen Adolf Eichmann. Dieser war in Argentinien gefasst und für seine NS-Verbrechen in Jerusalem vor Gericht gestellt worden. Während die ganze Welt gebannt auf den Prozess gegen diese Bestie schaute, kam Arendt zu dem Urteil, dass diese Bestie bloß ein Papiertiger war, der gehorsam Befehlen gehorchte, ganz gleich, welch unmenschliche Konsequenzen diese auch hatten. Sie kam damit zum Schluss der „Banalität des Bösen“ und hielt fest, dass die ganze Grausamkeit der Verbrechen des NS-Regimes darin lag, Menschen zu entmenschlichen und damit auch von persönlicher Verantwortung und Moral zu lösen. Harter Tobak? Aber sicher. Das muss auch die von Barbara Sukowa brillant gespielte Hannah Arendt am eigenen Leib erfahren, denn naturgemäß stoßen ihre Überlegungen vor allem in ihrem jüdischen Freundeskreis nicht auf Gegenliebe. Doch sie bleibt sich und ihren Prinzipien treu, auch wenn das zu Lasten langjähriger Freundschaften geht. Auf dieser Beharrlichkeit, auf dieses „Intellekt vs. Gefühl“-Dilemma, liegt Margarethe von Trottas Fokus in diesem sperrigen Biopic. Das ist schon ein Film zum Mitdenken, zum selbst Erarbeiten. Die Einspielungen der tatsächlichen historischen Aufnahmen aus dem Eichmann-Prozess machen die ganze Angelegenheit zu einer semidokumentarischen Abhandlung, was den Zugang einerseits noch mal etwas erschwert, andererseits dem Film eine enorme Glaubwürdigkeit verleiht. Unterm Strich ist „Hannah Arendt“ Kino für den Kopf, bei dem der Bauch außen vor bleibt.


6,0 Kürbisse

(Bildzitat: © 2013 – Zeitgeist Films, Quelle http://www.imdb.com)

Me, We (2021)

Regie: David Clay Diaz
Original-Titel: Me, We
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Drama, Episodenfilm
IMDB-Link: Me, We


Anderen Menschen in Not zu helfen ist eine hehre Sache. Wir Menschen sind gerne füreinander da, und oft nehmen wir auch große persönliche Unannehmlichkeiten in Kauf, um anderen Menschen in Not zu helfen. Doch mit dem Altruismus ist es so eine Sache, wenn der Wille, zu helfen, über die Notwendigkeit, das zu tun, was tatsächlich angebracht wäre, gestellt wird. Wenn man die Hilfe deshalb leistet, weil man sich damit besser fühlt, weil man sich damit besser darstellen kann. Der Ansporn zu helfen kann dennoch einer inneren Überzeugung entstammen, aber als unterschwelliges Ziel schwingt vielleicht mit, sich selbst in einem besseren Licht zu sehen. Diesen psychologischen Grenzgang lotet David Clay Diaz in seinem Episodenfilm „Me, We“ aus. Drei der vier zentralen Figuren seiner Episoden sind sicherlich Altruisten und leisten bewundernswerte Arbeit – sei es der Asylheimleiter Gerald, die NGO-Volontärin Marie, die TV-Redakteurin Petra, die einen asylwerbenden Jugendlichen bei sich aufnimmt, und auch beim Jugendlichen Marcel, der Mädels beim Fortgehen vor Übergriffen schützen möchte, kann man zumindest Motive herauslesen, die über eigene Bedürfnisse hinausgehen – aber irgendwann funkt ihnen ihr Ego dazwischen und die Hilfe, die sie leisten, wird mehr zur Selbstverwirklichung. Am Papier klingt alles immer super, aber die Realität (und die eigene Psyche) ist halt oft komplexer, als man sich das eingestehen möchte. Wie bei den meisten Episodenfilmen sind nicht alle Episoden gleich stark, aber zumindest sind sie durch die Bank grandios besetzt und gespielt. Lukas Miko glänzt in einem starken Ensemble besonders, doch auch Verena Altenberger, Barbara Romaner und vor allem Nachwuchshoffnung Alexander Srtschin als heimattreuer Jugendlicher setzen starke Akzente. Bemängeln kann man allerdings den Schnitt – die Episoden sind hektisch zusammengeschnitten. So braucht es eine Weile, bis man sich zurechtfindet und den roten Faden erkennt. Ist der aber gefunden, gibt der Film inhaltlich genug her, um intensiv diskutiert zu werden – und das ist ja nicht das Schlechteste, was nach einem Kinobesuch passieren kann.


6,5 Kürbisse

(Foto: Filmladen Filmverleih)

Die Herzogin (2008)

Regie: Saul Dibb
Original-Titel: The Duchess
Erscheinungsjahr: 2008
Genre: Historienfilm, Biopic, Drama
IMDB-Link: The Duchess


Die zehn Gebote sind soweit allgemein bekannt. Weniger bekannt ist das elfte Gebot für Filmschaffende: „Du sollst Keira Knightley in historischen Kostümdramen besetzen.“ Und da Gebote ernst zu nehmen sind, spielt Keira Knightley in Saul Dibbs Historiendrama die titelgebende Herzogin Georgina Cavendish of Devonshire, Mode-Ikone ihrer Zeit und Gebärmaschine für den Duke (Ralph Fiennes, der in Historienfilmen auch nie fehlplatziert wirkt), der sich nichts sehnlicher wünscht als einen männlichen Erben – und den Beischlaf mit allen Damen in seinem Einflussbereich, die bei drei nicht auf den Bäumen sind. Letzteres hat er ja selbst in der Hand, für Ersteres ist das Mitwirken der Angetrauten hingegen unerlässlich. Und so sehr sich diese auch abmüht mit der Aufgabe, es kommen halt nur Mädels aus ihr heraus, was der Göttergatte mit der Zeit persönlich nimmt. „Die Herzogin“ ist ein langsam aufgebautes, eher subtil gespieltes Drama rund um familiäre Probleme, Erwartungshaltungen, Eifersucht und Leidenschaft, das hintersinnig aber die Rolle der Frau zur damaligen Zeit auf eine Weise beleuchtet, dass man ohne große Anstrengung diese in die heutige Zeit transferieren kann. Auch wenn sich natürlich seit damals viel geändert hat, diese patriarchalischen Strukturen, die der Film offenlegt, kann man auch heutzutage vielerorts noch nachzeichnen. So behandelt der Film (leider) immer noch recht aktuelle Themen, ohne diese aber dem Publikum direkt ins Gesicht zu watschen. Allerdings schlägt das gemäßigte Tempo an manchen Stellen in Langeweile um. Man muss schon konzentriert bei der Sache bleiben, um dem Film die Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, die er verdient.


6,0 Kürbisse

(Bildzitat: © 2008 Paramount, Quelle http://www.imdb.com)

The Ides of March – Tage des Verrats (2011)

Regie: George Clooney
Original-Titel: The Ides of March
Erscheinungsjahr: 2011
Genre: Thriller, Politfilm, Drama
IMDB-Link: The Ides of March


Es gibt ein paar Berufe, die wären nichts für den Filmkürbis eures Vertrauens. Lobbyist zum Beispiel. Oder Strafverteidiger. Oder auch Wahlkampfmanager. Alles Berufe, für die man zumindest eine dehnbare Ausprägung an Moralvorstellungen mitbringen muss, ansonsten zerfrisst einem das eigene Tun die Seele. Der junge Stephen Meyers (Ryan Gosling) erfährt dies so nach und nach in George Clooneys „The Ides of March – Tage des Verrats“. Darin spielt er einen Wahlkampfmanager für den von Clooney selbst gespielten demokratischen Präsidentschaftskandidaten Mike Morris. Und auch wenn es sich erst noch um die Vorwahlen der Demokraten handelt, so muss Meyers bald feststellen, dass auch hier schon mit allen Mitteln, auch schmutzigen, gespielt wird. So wird er vom Wahlkampfmanager (Paul Giamatti) des ersten Herausforderers kontaktiert, der das junge politische Talent kurzerhand abwerben möchte. Das gefällt Meyers Boss Paul Zara (der selige Philip Seymour Hoffman einmal mehr mit einer überzeugenden Darstellung) nicht sonderlich, und die Kaskade der Ereignisse führt zu einem politischen Katz-und-Maus-Spiel, bei dem am Ende keiner mehr weiß, an welcher Stufe der Nahrungskette er steht. „The Ides of March – Tage des Verrats“ ist ein spannender Beitrag zur Perversion politischer Wahlen und deren Beeinflussbarkeit durch die Steuerung der Medienlandschaft. Dass die Realität die Fiktion mal mit Karacho rechts überholen würde durch die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten, hätte damals, als „The Ides of March“ gedreht wurde, wohl auch niemand gedacht. Insofern ist das Bild, das George Clooney in seinem Film vermittelt, erschreckend akkurat. Dieser Film wird in den kommenden Jahren wohl nichts von seiner Relevanz einbüßen. Leider.


7,5 Kürbisse

(Bildzitat: Photo by Saeed Adyani – © 2011 IDES FILM HOLDINGS, LLC., Quelle http://www.imdb.com)

The Woman in the Window (2021)

Regie: Joe Wright
Original-Titel: The Woman in the Window
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Thriller, Drama, Krimi
IMDB-Link: The Woman in the Window


Casting Agent: „Hallo, spreche ich mit Julianne Moore/Gary Oldman/Jennifer Jason Leigh/Brian Tyree Henry/Anthony Mackie?“
Moore/Oldman/Leigh/Henry/Mackie: „Am Apparat. Worum geht’s?“
CA: „Folgendes: Wir haben ja gerade Pandemie. Lockdown und so. Die ganze Filmindustrie ist gerade on hold. Aber der Joe Wright hat sich in den Kopf gesetzt, jetzt doch einen Film zu machen. Alles gedreht in einem einzigen Haus wegen Mindestabstand und so. Und da hätten wir für dich vielleicht eine Rolle.“
M/O/L/H/M: „Klingt interessant. Worum geht’s?“
CA: „Ist so ein Thriller. Ziemliche Standardkost. Aber es bringt ein bisschen Geld rein.“
M/O/L/H/M: „Okay. Wer ist denn noch dabei?“
CA: „Ein Nachwuchsdarsteller namens Fred Hechinger, ein echt netter Junge. Und Wyatt Russell, du kennst ihn vielleicht vom Eishockey. Und aus ‚The Falcon and the Winter Soldier‘, aber da kriegt er gerade echt viel Shit ab und so. Ach ja, die Hauptrolle übernimmt Amy Adams.“
M/O/L/H/M: „Ah, Amy ist toll! Ich bin ein großer Fan von ihr!“
CA: „Ja, der ganze Film dreht sich auch um ihren Charakter. So eine Kinderpsychologin, die selbst nicht alle Tassen im Schrank hat und so und deshalb das Haus nicht verlassen kann. Und dann sieht sie was Merkwürdiges im Nachbarhaus.“
M/O/L/H/M: „Ach, ihr macht ein Remake vom ‚Fenster zum Hof‘?“
CA: „Nein, das nicht. Also irgendwie doch. Aber mit mehr Mindfuck und so.“
M/O/L/H/M: „Hm … das klingt nicht sehr überzeugend.“
CA: „Na ja, ich sagte ja schon: Wird ziemliche Standardkost. Aber dem Joe Wright ist halt fad. Und für dich springt dabei auch eine kleine Rolle raus.“
M/O/L/H/M: „Wie klein?“
CA: „Also … ähm … na ja …“
M/O/L/H/M: „Sag schon!“
CA: „Na ja, man sieht dich vielleicht eine Minute oder so …“
M/O/L/H/M: „Shit. Das ist nicht viel. Und dafür soll ich mir einen Film antun, der nicht mal sonderlich interessant klingt?“
CA: „Aber es bringt Kohle.“
M/O/L/H/M: „Okay. Ich mach’s. Weil Amy Adams eine tolle Kollegin ist und Joe Wright eigentlich auch immer gute Filme macht. So schlimm kann es ja nicht werden.“
CA: „Cool! Ich schick dir dann gleich den Vertrag, danach kriegst du das Drehbuch.“
M/O/L/H/M: „Kann ich das Drehbuch bitte vorab sehen?“
CA: „Ähm … das wollen die Produzenten nicht, sorry.“
M/O/L/H/M: *seufzt* „Egal. Schick mir den Vertrag rüber. Ich bin dabei.“


4,5 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Old (2021)

Regie: M. Night Shyamalan
Original-Titel: Old
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Thriller, Horror, Drama, Fantasy
IMDB-Link: Old


So ein Traumurlaub kann schnell mal in einen Albtraum umschlagen. Man kennt das. Mieses Hotelessen. Schlechtes Wetter. Nervige Zimmernachbarn, die bis drei Uhr in der Früh laut Andreas Gabalier hören. Seeigeln. Diese verdammten Seeigeln! Oder aber, dass man auf einem traumhaften Strand binnen kürzester Zeit altert. Das ist natürlich blöd, denn auch wenn man sich oft wünscht, dass ein Urlaub ewig dauern möge – so ist das mit Sicherheit nicht gemeint. In M. Night Shyamalans neuem Film geht es aber genau darum. Das geschieht mit der Familie rund um Guy (Gabriel García Bernal) und Prisca (Vicky Krieps) sowie weiteren Leidensgenossen, die eigentlich nur eine nette Zeit unter karibischer Sonne verbringen wollten. Und mehr sei an dieser Stelle gar nicht verraten. Wollen wir uns auf den restlichen Zeilen lieber mit M. Night Shyamalan und seinem Zugang zu Filmen beschäftigen. Denn bei kaum einem anderen Regisseur streut die Qualität des Outputs dermaßen wie bei ihm. Einem Meisterwerk wie „The Sixth Sense“ stehen Gurken wie „The Lady in the Water“ gegenüber. „Old“ reiht sich tatsächlich irgendwo dazwischen ein. Das Rätselhafte, wofür Shyamalan steht und das er stets genüsslich zelebriert, ist durchaus interessant genug, um den Zuseher bei der Stange halten zu können. Schauspielerisch ist auch nicht viel Negatives zu sagen, Vicky Krieps ist ohnehin eine unverwechselbare Darstellerin, die in ihren Rollen sehr glaubhaft rüberkommt – ihr fehlt das Glatte, was vielen routinierten Hollywoodschauspieler:innen oft anhaftet. Auch Gabriel García Bernal sowie in weiteren Nebenrollen Rufus Sewell, Alex Wolff, Ken Leung, Nikki Amuka-Bird und vor allem Thomasin McKenzie (ich sag‘ euch ja schon seit Leave No Trace, dass ihr die im Auge behaltet sollt) machen ihre Sache gut. Die filmische Umsetzung ist auch nicht übel geraten – die Kamera mäandert oft recht ziellos am Strand daher und begleitet somit die Konfusion, die unter den überforderten Figuren immer mehr um sich greift. Natürlich wirkt das recht aufgesetzt, verfehlt aber nicht die Wirkung. Allein das Drehbuch hält da nicht Schritt. Logiklöcher, wohin das Auge reicht, teilweise sehr hölzerne, befremdlich wirkende Dialoge – all das hätte man eleganter lösen können. Unterm Strich ist „Old“ ein durchaus sehenswerter Thriller mit einer schönen Metaebene über das Altern, wenn man in Sachen Logik alle Augen inklusive Hühneraugen zudrücken kann.


6,0 Kürbisse

(Bildzitat: Photo by Phobymo/Universal Pictures – © 2021 Universal Studios, Quelle http://www.imdb.com)