Drama

Hold Me Tight (2021)

Regie: Mathieu Amalric
Original-Titel: Serre moi fort
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Drama
IMDB-Link: Serre moi fort


Gleich zu Beginn sieht man eine sichtlich überspannte Vicky Krieps, wie sie Mann und Kinder verlässt und mit dem Oldtimer ihres Göttergatten auf einen Roadtrip geht. Ihre sozialen Interaktionen lassen an Finesse zu wünschen übrig, und man merkt als alter Filmhase: Da ist etwas im Busch. Und tatsächlich biegt die Geschichte, die von Mathieu Amalric nach einem unveröffentlichten Theaterstück von Claudine Galea inszeniert ist, schon bald in eine ganz andere Richtung ab. Und das anfängliche Befremden über die Aktionen der Mutter weicht einem Verständnis und schließlich auch Interesse. Dem Film, der mich früh in der Handlung verloren hat, gelingt es, mich ab der Mitte des Geschehens wieder einzufangen. Allerdings bleibt die Struktur gewöhnungsbedürftig. Denn die Geschichte springt zwischen Vergangenheit und Gegenwart und Zukunft, zwischen Imagination und Realität hin und her, und auch wenn es schon bald nicht mehr allzu schwer fällt, diese Facetten auseinanderzuhalten, bleibt der Zugang dennoch sperrig. Vicky Krieps und Arieh Worthalter in den Hauptrollen machen ihre Sache gut, doch vor allem Krieps leidet hier ein wenig unter der, ich nenn’s mal, klassischen französischen Kinokrankheit, das alles groß und dramatisch sein muss. Die stillen Momente sind zumeist die besten, doch auf die zieht sich Amalric zu selten zurück. Das Drama, so emotional mitreißend es auch ist, wird dadurch noch ein wenig überhöht und verliert gerade dadurch paradoxerweise an Kraft. Aber gut, das ist eben die französische Art der Trauerbewältigung. Die österreichische ist es, sich mit einer Flasche Schnaps und einer Axt in den Wald zurückzuziehen und Bäume anzuschweigen. Das bringt auch nicht wirklich ergiebigere Filme hervor.


5,5 Kürbisse

(Foto: (c) Viennale)

A Chiara (2021)

Regie: Jonas Carpignano
Original-Titel: A Chiara
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Drama
IMDB-Link: A Chiara


Die fünfzehnjährige Chiara hat ein leiwandes Leben. Papa verdient gut, mit den beiden Schwestern (eine älter, eine deutlich jünger) versteht sie sich super, in ihrer Stadt und der Schule wird sie geschätzt – sie lebt ein ganz normales und behütetes Teenagerleben. Das bekommt allerdings Risse, als eines Tages der fürsorgliche Papa in einer Nacht-und-Nebel-Aktion über die Hintertür verschwindet und es vorne auf der Straße das Familienauto zerfetzt. Vielleicht sollte man sich an dieser Stelle mal fragen, was Papa eigentlich beruflich so macht. Chiara erfährt dies schon bald aus den Medien, und natürlich ist es schwer zu verdauen, wenn man feststellt, dass der geliebte Vater für die Mafia arbeitet und Drogen vertickt. „A Chiara“ ist ein bemerkenswertes Stück Kino. Denn es handelt sich hierbei um ein sehr intimes Familiendrama, in dem Angehörige der Mafia als ganz private Personen gezeigt werden – eben liebevolle Väter, scherzende Cousins, lebenskluge Tanten – was die moralische Bewertung ihrer Taten nicht ändert. Dafür wird die Ebene der Kollateralschäden hinzugefügt, vertreten durch die 15jährige Tochter, die aus ihrer heilen Welt gerissen wird und schneller erwachsen werden muss, als sie sich das jemals erwartet hätte. Für die Familie hat Regisseur Jonas Carpignano gleich eine ganze echte Familie rekrutiert, und alle spielen, als hätten sie ihr ganzes Leben lang nichts anderes getan. Herausragend ist dabei Swamy Rotolo als Chiara, die die ganze Bandbreite ihrer Figur von Egoismus über Verletzlichkeit, Angst, Wut, Verzweiflung abdeckt und dabei zu jedem Zeitpunkt glaubwürdig bleibt. Eine ganz starke Leistung. „A Chiara“ ist ein konzentriert inszeniertes und leidenschaftlich gespieltes Drama, das man sich nicht entgehen lassen sollte.


7,5 Kürbisse

(Foto: (c) Viennale)

In gewisser Hinsicht (1977)

Regie: Sara Gómez
Original-Titel: De cierta manera
Erscheinungsjahr: 1977
Genre: Drama, Politfilm
IMDB-Link: De cierta manera


Filme können Arbeit sein. Und Arbeit kann Inhalt des Films sein. Beides trifft sich in „De Cierta Manera“, der einzige Langfilm der früh verstorbenen kubanischen Filmmacherin Sara Gómez aus den Jahren 1974-1977. Ihr Film spielt kurz nach der Revolution 1959. In einem arg didaktischen Ansatz erzählen eine männliche und eine weibliche Stimme aus dem Off von gesellschaftlichen Entwicklungen in den Schichten der Ärmsten, während sich auf einer fiktionalisierten Ebene die Liebesgeschichte zwischen Mario, einem Arbeiter und Macho, und der Lehrerin Yolanda entspinnt – mit allen Höhen und Tiefen. Die Ideale der Revolution ziehen sich auch in den privatesten Bereich hinein, das Fiktive vermischt sich mit dem Dokumentarischen, die Bilder schwanken zwischen intimer Vertrautheit und abstrakten Bildern von Abrissbirnen, die sich durch die Elendsviertel von Havanna fräsen. Ich muss zugeben: Mehr als einmal hat mich der Film gedanklich verloren, obgleich er nicht zu später Stunde, sondern an einem lauen Nachmittag gelaufen ist. Das Problem – für mich – ist eben dieser didaktische Aufbau, der kaum Nähe zu den Figuren zulässt. Auch springt Gómez arg hin und her, möchte alles, möchte ganz Kuba in einen Film packen und verliert den Zuseher dabei auf dem Weg. So bleiben einige sehr schöne Szenen, aber der Film fügt sich nicht zu einem stimmigen Ganzen zusammen. Man kann durchaus die Ambition würdigen, filmhistorisch ist das alles auch recht interessant und ein gefundenes Fressen für alle Filmstudenten dieser Welt, noch mal werde ich mir den Film allerdings nicht ansehen.


4,5 Kürbisse

(Foto: (c) ICAIC / Viennale)

Women Do Cry (2021)

Regie: Mina Mileva und Vesela Kazakova
Original-Titel: Women Do Cry
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Drama
IMDB-Link: Women Do Cry


Nach Cat in the Wall bringen die beiden bulgarischen Regisseurinnen Mina Mileva und Vesela Kazakova mit „Women Do Cry“ nun eine Familiengeschichte ins Kino, die tief in der bulgarischen Seele verwurzelt zu sein scheint. Die Geschichte handelt von drei Schwestern, die allesamt aus diversen Gründen nicht glücklich sind, und den beiden Töchtern einer der Schwestern. Der Jüngsten, Sonja, wird eine erschütternde HIV-Diagnose gestellt, die sie in den Abgrund zu reißen scheint, dann aber zu einer schwesterlichen Solidarität führt, die stark genug scheint, um das Schicksal überwinden zu können. Soweit der Handlungsrahmen. „Women Do Cry“ ist im Kern ein politischer Film. Hier wird das bulgarische (das damit stellvertretend für fast alle anderen Länder steht) Patriachat gehörig zerpflückt und fast schon beiläufig das bulgarische Gesundheitswesen auch noch kritisch unter die Lupe genommen. Männer kommen kaum vor – und wenn, dann als Antagonisten wie ein erzkonservativer Gynäkologe, oder mit einer latenten Gewaltbereitschaft, wie sie der Großvater zeigt. Der Stil ist gelegentlich semi-dokumentarisch, die Kameraarbeit uneinheitlich, und auch die Handlung zerfranst immer wieder mal und scheint etwas unschlüssig umherzuspringen. Mehr Fokus hätte der Geschichte gut getan. Gleichzeitig wirkt der Aufbau beinahe schon kaleidoskopartig, und die verschiedenen Frauenschicksale verknüpfen und spiegeln sich. Der Film wirkt dadurch länger, als er ist. Das Thema ist relevant, die schauspielerischen Leistungen sind durch die Bank auch gut – so darf sich beispielsweise die durch den zweiten Borat bekannt gewordene Maria Bakalova als Sonja vielseitig und ausdrucksstark zeigen – und doch ist der Film anstrengend und wirkt nicht wie aus einem Guss. Dennoch gab’s von einem dankbaren Urania-Publikum nach einem sehr sympathischen (aber leider eher nichtssagenden) Interview für die beiden Regisseurinnen Standing Ovations. So weit würde ich nun nicht gehen, aber interessant ist „Women Do Cry“ trotz gelegentlicher Schwächen jedenfalls.


6,0 Kürbisse

(Foto: (c) Viennale)

Ali & Ava (2021)

Regie: Clio Barnard
Original-Titel: Ali & Ava
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Liebesfilm, Drama
IMDB-Link: Ali & Ava


Es sind die Perlen, mit denen man nicht unbedingt rechnet, und die dann plötzlich aus dem Festival-Programm hervorblitzen und alles überstrahlen. „Ali & Ava“ von Clio Barnard ist so eine Perle. Vordergründig eine Liebesgeschichte zwischen dem musikbegeisterten, fröhlichen Ali mit Migrationshintergrund, der gerade die Trennung von seiner deutlich jüngeren Frau verdaut, und der älteren Aushilfslehrerin Ava, die irische Wurzeln hat und mehrfache Großmutter ist. Es ist eine Liebesgeschichte, die so wohl nur selten passiert, aber vielleicht auch gerade deshalb so echt und lebensnah wirkt. Alter, Herkunft, Hautfarbe, das alles sollte keine Rolle spielen, wenn zwei Menschen im gleichen Rhythmus tanzen, auch wenn sie unterschiedliche Songs hören. Aber weil es zwar keine Rolle spielen soll, aber immer noch spielt, sind die zarten Banden, die hier ohne großes Pathos geknüpft werden, bald schon stark gefährdet, da Avas Sohn leider die Springerstiefel von seinem Skinhead-Vater geerbt hat. Doch auch hier rutscht die Geschichte nie ins cineastisch Überhöhte ab, sondern bleibt bodenständig und ehrlich. „Ali & Ava“ ist ein Liebesfilm, wie er besser wohl kaum sein kann, denn er zeigt echte Figuren abseits von Hollywood-Stereotypen, die sich bedächtig einander annähern, vorsichtig, aber auch neugierig, lebenshungrig, aber mit Verwundungen aus früheren Zeiten, die vielleicht noch nicht ganz verheilt sind. Adeel Akhtar und Claire Rushbrook sind eine schauspielerische Offenbarung. Man muss den liebevollen Chaoten Ali mit seinen lockeren Sprüchen einfach lieben, man möchte die so starke und gleichzeitig sensible Ava einfach nur in den Arm nehmen – man wünscht den beiden alles Glück der Welt und vergisst für 1,5 Stunden, in einem Kinosaal zu sitzen und fiktiven Figuren zuzusehen. So magisch kann Kino sein, wenn es so herausragend gemacht ist wie Clio Barnards Liebesfilm. Dazu gibt es einen exzellenten Soundtrack, der das Geschehen nicht nur stimmig begleitet, sondern fast zu einem dritten Protagonisten wird, der die Geschichte erzählt. Schon jetzt ein persönliches Highlight der diesjährigen Viennale – das zu toppen, wird ein schwieriges Unterfangen.


8,5 Kürbisse

(Foto: (c) Viennale)

Das Ereignis (2021)

Regie: Audrey Diwan
Original-Titel: L’événement
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Drama
IMDB-Link: L’événement


Hach. Viennale. Jedes Jahr ein Fixpunkt meines cineastischen Jahres und dieses Blogs. Der Eröffnungsfilm sieht ja schon mal vielversprechend aus: Goldener Löwe in Venedig. Beinahe Frankreichs Einreichung zu den nächsten Oscars, wäre da nicht diese Naturgewalt von Titane gewesen. Und der Inhalt liest sich auch interessant: Junge Literaturstudentin in den 60ern wird versehentlich schwanger, was zu jener Zeit besonders ungut ist, da Abtreibungen höchst illegal sind, ein Kind aber ihre Berufswünsche komplett torpedieren würde. Da ist guter Rat teuer. „L’événement“ von Audrey Diwan basiert auf dem autobiografischen Roman von Annie Ernaux, der genau das widerfahren ist, was Nachwuchshoffnung Anamaria Vartolomei so exzellent spielt. Ihre Anne ist eine ambivalente, aber immer nachvollziehbare Figur. Sie ist eine strebsame, brave Studentin, aber hat auch ein Liebesleben, weshalb sie im Internat mit schiefen Blicken bedacht wird. Sie ist ein reflektierter, junger Mensch, aber wenn die Ängste einschießen, driftet auch sie ins Irrationale. Das ist alles gut verständlich. Und so nimmt die Geschichte ihren (logischen) Lauf. Das wäre dann auch schon mein Kritikpunkt an einem ansonsten emotional mitreißenden und gut gespielten Film: Er ist allzu formelhaft und überrascht nur in den seltensten Momenten. Selbst der Schockmoment am Ende, weswegen in Venedig angeblich einige zartbesaitete Seelen nach der Sichtung Zuspruch brauchten, ist fast schon erwartbar eingesetzt. Das macht den Film aber nicht langweilig und die Botschaft und das Plädoyer für die Selbstbestimmung der Frau nicht weniger wichtig und dringlich. Allerdings hätte ich es begrüßt, wenn der Film meine Erwartungshaltungen öfter unterlaufen hätte und noch mehr Mut zur Eigenständigkeit gehabt. Das gab aber wohl die literarische Vorlage nicht her. Dennoch ein geglückter Auftakt in das diesjährige Filmfestival.


7,0 Kürbisse

(Foto: (c) Viennale)

Lamb (2021)

Regie: Valdimar Jóhannsson
Original-Titel: Dýrið
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Horror, Drama
IMDB-Link: Dýrið


Die Isländer sind schon ein ganz eigenes Volk. Eigentlich bleiben sie ja lieber unter sich, außer es läuft im Fußball mal so richtig gut – da kann es auch schon mal passieren, dass die Hälfte der Bevölkerung des Landes in Paris weilt. In „Lamb“ von Valdimar Jóhannsson, der sich dafür mit dem bekannten Schriftsteller Sjón auf ein Packerl gehaut hat, gehen die Isländer jedoch wieder ihrer üblichen Beschäftigung nach: Schafe züchten und ins Weite starren. Star-Power hat sich Jóhannsson in Gestalt von Noomi Rapace geholt, die ihre Sache als traurige María auch ausgezeichnet macht. Gemeinsam mit ihrem Mann bewirtschaftet sie im Nirgendwo einen Hof, und dort kommt eines Tages auch ein ganz besonderes Lämmchen zur Welt. Was ich an „Lamb“ mag, ist, dass er konsequent Erwartungshaltungen unterläuft. Man ist ja schon aufgrund von langjährigem Kinogenuss bei bestimmten Themen oder Szenen in eine Richtung gepolt. Jóhannsson weiß das, und er geht dann lieber einen anderen Weg, der – im Nachhinein betrachtet – auch der stimmigere und realitätsnähere ist. So fühlt sich der Film trotz seiner Verankerung in der Fantastik sehr rund und menschlich an. Dazu kommen wunderschöne Aufnahmen der gewaltigen isländischen Landschaft, in der die Weite eine Beengung darstellt, und ein dazu passendes reduziertes, getragenes Tempo. Spannung bezieht der Film aus den leisen Untertönen. Der Zugang ist mehr ein philosophischer als ein auf Unterhaltung getrimmter. Das mag vielleicht nicht jedermanns Geschmack treffen, aber ich hatte mit dem Film meine Freude. Im Übrigen beweist der Film auch, dass Schafe ganz exzellente Schauspieler sein können.


8,0 Kürbisse

(Bildzitat: © New Europe Film Sales, Quelle: http://www.imdb.com)

Wife of a Spy (2020)

Regie: Kiyoshi Kurosawa
Original-Titel: Supai no tsuma
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Historienfilm, Drama, Krimi
IMDB-Link: Supai no tsuma


Ich habe ja so meine Probleme mit dem umtriebigen japanischen Kult-Regisseur Kiyoshi Kurosawa. Ob nun seine Horror-Thriller-Anfänge (Cure) oder sein Ausflug ins Science Fiction-Genre (Before We Vanish) – bislang konnte mich nichts restlos überzeugen. „Wife of a Spy“, ein ruhig erzähltes Agentendrama im historischen Setting, ist jedoch nun mal ein Film, bei dem ich voll mitgehe. Zum Einen liegt das an der wirklich großartigen aufspielenden Besetzung (Yū Aoi als titelgebende Ehefrau Satoko, Issey Takahashi als ihr Mann Yūsaku mit Geheimnissen), zum Anderen an der grundsoliden Inszenierung, die das Drama fast schon als Kammerspiel aufzieht, in der die große Geschichte im Kleinen, nämlich im eigenen Wohnzimmer, auf die Familie Fukuhara hereinbricht. Hier gibt’s keine Action a la James Bond zu bestaunen – manchmal sind es eben auch kleine Fabriksbesitzer, die zu Helden der Geschichte werden können und große Wagnisse eingehen. Die Story ist kurz vor Japans Eintritt in den Zweiten Weltkrieg angesiedelt, die Kernfrage beschäftigt sich mit Moral und Glaubensgrundsätzen, und wie diese die Ehe der Fukuharas gefährden. Wie weit geht man, wenn man großes Unrecht vermutet und dieses zu verhindern versucht, und damit die Menschen, die man liebt, in Gefahr bringen könnte? Und vor allem: Wie geht die andere Seite, eben die eigene Ehefrau, mit der Situation um, wenn sie nach und nach hinter das doppelte Spiel des eigenen Mannes kommt? „Wife of a Spy“ zieht seine Spannung aus genau diesen Fragen und ist somit mehr Ehedrama als Spionagethriller, verbindet aber beide Genres geschickt. Einzig für das etwas langatmige Ende gibt’s Abzüge in der B-Note, das hätte man deutlich straffen können, ohne dass dabei etwas verlorengegangen wäre. Dennoch: „Wife of a Spy“ ist vielleicht die Tür zu Kiyoshi Kurosawa, die mir bislang verschlossen blieb.


7,5 Kürbisse

(Foto: Slash Filmfestival)

The Demon (1963)

Regie: Brunello Rondi
Original-Titel: Il demonio
Erscheinungsjahr: 1963
Genre: Drama
IMDB-Link: Il demonio


Was Katholizismus mit armen Seelen anrichten kann, will man sich ja gar nicht ausmalen. Am eigenen Leib bekommt dies jedenfalls Purif (Daliah Lavi) zu spüren, die in einem kleinen süditalienischen Dorf aufwächst und die durch unerwiderte Liebe zu erratischem Verhalten neigt. Damit muss sie in den Augen der Dorfbewohner von einem Dämonen besessen sein, geht ja nicht anders. Was soll einer jungen Frau mit fleischlichen Gelüsten schon auch anderes widerfahren? „Il demonio“ von Brunello Rondi baut auf einem sehr klassischen Topos auf – die besessene Frau, die so nicht sein kann, nicht sein darf. Das ewig lockende Weib. Dabei macht Rondi aber nicht den Fehler, einen üblichen Horrorfilm daraus zu basteln, sondern kommentiert vielmehr in einem reduzierten Drama die absurden Verhältnisse am Land und die Irrationalität, die durch zu starken Glauben hervorgerufen wird. Die mystische Ebene existiert zwar, aber sie steht nicht im Vordergrund, und es ist am Ende dem Zuseher selbst überlassen, wie er das Werk interpretieren möchte. Das ist klug gemacht. Allerdings muss der Film schon mit recht einfachen Mitteln auskommen, und Spannung will sich nicht wirklich einstellen. Stellenweise ist „Il demonio“ damit eine zähe Angelegenheit. Dennoch eine interessante Erfahrung im Rahmen der Slash Festival-Retrospektive.


6,0 Kürbisse

(Foto: Slash Filmfestival)

Lapsis (2020)

Regie: Noah Hutton
Original-Titel: Lapsis
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Drama, Science Fiction, Satire
IMDB-Link: Lapsis


In einer alternativen Realität sind Quantencomputer der neue heiße Scheiß, den jeder haben muss. Für das Verlegen der Quantenkabeln braucht es jedoch die neue Berufsgruppe der Kabelverleger. Die rennen mit Kabelrollen auf fest vorgegebenen Routen durch den Wald und stöpseln die Kabeln an Hubs an. Je länger und aufwendiger die Route, desto mehr Kohle gibt es. Gleichzeitig marschieren quasi als Ansporn kleine Roboter die gleichen Routen entlang – und wer von einem solchen Roboter überholt wird, bekommt kein Geld ausgezahlt. Ray (Dean Imperial) nimmt, auch wenn er nicht sonderlich gut in Form ist, diesen Job an, um die teure Behandlung seines kranken Bruders zahlen zu können. Auf dem Weg lernt er andere Kabelverleger kennen, die aber seltsam reagieren, wenn er seinen Usernamen nennt. Während sich für gewöhnlich jeder selbst einen Namen aussuchen kann, wurde Ray der Name zugeteilt – und der Name scheint eine Vergangenheit zu haben. Erst die Gespräche mit der Kabelverlegerin Anna (Madeline Wise) bringen allmählich Teile dieser Vergangenheit ans Tageslicht. „Lapsis“ ist ein gemütlicher Film. Die meiste Zeit über hatschen Ray und seine Kompagnons durch die Landschaft, während sie Kabelrollen hinter sich herziehen, oder sie campieren pfadfindermäßig in Zeltlagern. Im Detail und zwischen den Zeilen offenbart sich aber eine subtile Gesellschaftskritik, die die alternative Realität nur so weit entfremdet, dass diese Kritik nicht mit dem Holzhammer, sondern mit der feinen Klinge geübt wird. Das ist vielleicht gleichzeitig auch der größte Schwachpunkt des Films: Gerade dieser subtile Zugang ist halt nicht wahnsinnig aufregend anzusehen. Allerdings steckt inhaltlich schon einiges drinnen (Ausbeutung der Arbeiter durch Großkonzerne, Verdrängung durch Automatisierung, das Sozial- und Medizinwesen der USA) – man muss nur ein Stück weit unter das Offensichtliche tauchen.


7,0 Kürbisse

(Foto: Slash Filmfestival)