2019

Captain Marvel (2019)

Regie: Anna Boden und Ryan Fleck
Original-Titel: Captain Marvel
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Action, Fantasy, Science Fiction
IMDB-Link: Captain Marvel


Was gibt es Passenderes, als am Weltfrauentag einer starken Frau wie Brie Larsen dabei zuzusehen, wie sie mit Hilfe von Superkräften böse Jungs aufmischt? Und man weiß ja seit der End Credits-Szene von Avengers: Infinity War, dass im zweiten Teil „Avengers: Endgame“ höchstwahrscheinlich die junge Dame den Karren aus dem Dreck ziehen muss, wenn die alte Macho-Garde, bestehend aus Iron Man, Captain America, Hulk & Co. es versemmelt hat, den Oberbösewicht Thanos von seinem Schmuck zu befreien. Dabei ist aber Captain Marvel zu Beginn noch gar nicht so übermächtig. Der Zuseher wird gleich mitten hineingeworfen in den Film, und die Konfusion, die auch die junge Vers, eben später Captain Marvel, in Anbetracht seltsamer Träume verspürt, überträgt sich auch auf das Publikum. Was ist da los, was wird da gespielt? Auch Jude Laws Grinsen trägt nicht zur Erhellung bei. Dass die beiden Regieführenden Anna Boden und Ryan Fleck („Captain Marvel“ ist im Übrigen der erste MCU-Film, bei dem eine Frau beteiligt ist an der Regie) die Zügel dennoch fest in der Hand haben, zeigt sich mit Fortdauer des Films. Denn die Konfusion weicht schon bald dem Sehvergnügen. Man darf sich von „Captain Marvel“ keine Revolution des Superhelden-Genres erwarten – im Gegenteil: Der Film arbeitet recht brav die stereotypischen Handlungsverläufe ab. Aber das gelingt ihm dafür sehr gut, kurzweilig und mit dem für Marvel üblichen Augenzwinkern zwischendurch. Man merkt, dass Brie Larsen selbst Spaß an der Sache hatte. Und da sie eine Batzen Schauspielerin ist, hält sie auch das Publikum bei Laune. Sie passt einfach für diese Rolle, auch wenn ihr dabei nicht ihr ganzes Können abverlangt wird. Samuel L. Motherfucking Jackson ist mal wieder die coole Sau, die er immer ist, allerdings diesmal mit Haaren und einem CGI-Peeling und einem Herz für Katzen, das sein Macho-Image ein bisschen auflockert. Es steckt dann doch in jedem von uns ein Freund der Fellnasen. Jedenfalls unterhält „Captain Marvel“ zwei Stunden lang sehr gut, bietet starke Frauenrollen und saubere Action, und wenn am Ende die Superheldin mal wirklich zeigt, was in ihr steckt, bekommt man fast ein bisschen Mitleid mit Thanos, der noch nicht weiß, was ihm blüht. Oh Captain, my Captain …


7,5
von 10 Kürbissen

Alita: Battle Angel (2019)

Regie: Robert Rodriguez
Original-Titel: Alita: Battle Angel
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Science Fiction, Action
IMDB-Link: Alita: Battle Angel


Mit Teenagern hat man es schwer. Sie halten sich einfach nicht an die Hausregeln, sind nach Einbruch der Dunkelheit noch unterwegs, verknallen sich in windige Typen und zerlegen gelegentlich mal eine Bar voller grimmiger Kopfgeldjäger. Zumindest, wenn man es sich bei dem Teenager um einen Cyborg mit Gedächtnislücken und einigen spannenden Special Effects in der Programmierung handelt. Dem Schöpfer Dr. Ido (Christoph Waltz), der das intakte Hirn auf einer Müllhalde gefunden hat und ihm einen neuen Körper geschenkt hat, gefällt es natürlich weniger, dass seine Alita (Rosa Salazar + viel CGI) in der Vergangenheit, an die sie sich eben nicht erinnert, offenbar auf den Schlachtfeldern ordentlich aufgeräumt hat. Aber das liegt ja weit zurück, und erst einmal ist sie wirklich entzückend am Flirten mit dem Draufgänger Hugo (Keean Johnson). Die Welt, in der sie leben, ist nicht unbedingt freundlich. Das liegt vor allem daran, dass während des „Großen Falls“ alle Himmelsstädte mit einer Ausnahme abgestürzt sind. Die eine Ausnahme hängt nun über der vermüllten Stahlstadt, in der das Geschehen rund um den Cyborg Alita stattfindet – und ist eine klar verbotene Zone. Während unten die Gesetzlosigkeit regiert, scheinen oben Milch und Honig zu fließen, aber Genaues weiß man nicht. Klar weckt das Begehrlichkeiten auf allen Seiten. Und bald schon ist einiges los, und Alita macht nicht nur große Augen, sondern ist auch mittendrin im Geschehen. Das ist durchaus erbaulich und nett anzusehen. Die Steampunk-Welt ist detailreich gestaltet, wirkt aber manchmal wie ein Best Of der großen Science Fiction-Klassiker. Eine echt dünne Suppe ist die Story selbst, aber gut – wie es aussieht, handelt es sich dabei um den ersten Teil von mehreren. Da kann man also über Storyschwächen und eine gewisse Ratlosigkeit, die sich manchmal breit macht, getrost hinwegsehen mit der Hoffnung, dass diese im folgenden Film aufgelöst und mit Fleisch auf den Knochen versehen werden. Was allerdings echt ärgerlich ist, sind die vielen Klischees, die vor allem in den Dialogen bedient werden. So bleibt selbst ein Christoph Waltz farblos, und das ist schade. Trotzdem: Optik und Action machen diese Schwächen zu einem großen Teil wieder wett. Kann man sich ansehen, ist aber nicht der große Wurf, den ich mir im Vorfeld von einem Regisseur wie Robert Rodriguez erhofft hätte – dafür war der Film teils dann doch zu simpel gestrickt.


6,0
von 10 Kürbissen

Drachenzähmen leicht gemacht 3: Die geheime Welt (2019)

Regie: Dean DeBlois
Original-Titel: How to Train Your Dragon: The Hidden World
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Animation, Fantasy
IMDB-Link: How to Train Your Dragon: The Hidden World


Mit der Liebe ist es so eine Sache. Da glaubt man, der letzte seiner Art zu sein und bis zum Sankt Nimmerleinstag übrig zu bleiben, und plötzlich blickt man tief in die Augen einer holden Schönen und weiß nicht, wie einem geschieht. Kein Wunder, dass man sich da nicht so gut auf andere Dinge konzentrieren kann. Diese allzu menschliche Erfahrung macht im dritten Teil der „Drachenzähmen leicht gemacht“-Reihe der putzige Drache Toothless (dt. Ohnezahn), der immer noch mehr an eine Katze erinnert als an einen Drachen. Er stolpert über ein weißes Weibchen, das deutlich besser in der Luft zurecht kommt als er selbst und sich zudem überaus unbeeindruckt zeigt von seinen patscherten Balzversuchen. Da kann auch Hiccup, sein menschlicher Freund, nur bedingt weiterhelfen. Der hat schließlich auch eigene Sorgen: Mit dem finsteren Drachentöter Grimmel an seinen Fersen stellt sich schon die Frage, ob man nicht die alte Heimat aufgeben sollte, um nach der sagenumwobenen geheimen Welt zu suchen, von der die Drachen stammen. Denn dort könnten Menschen und Drachen in friedlicher Eintracht zusammenleben. Dem Dorf schmeckt das Ansinnen des jungen Häuptlings weniger, aber wenn es denn sein muss, schwingt man sich halt auf den Rücken der Drachen in die Lüfte und zieht los. Doch Grimmel ist ihnen auf den Fersen. „Drachenzähmen leicht gemacht 3: Die geheime Welt“ ist more of the same. Wieder ist Hiccup unentschlossen und zögerlich, wächst aber über sich hinaus. Wieder ist das Wikingerdorf in Gefahr. Wieder sind die liebevoll animierten Drachen die klaren Stars des Ensembles. Aber auch beim dritten Aufguss macht die familientaugliche Geschichte noch viel Spaß, und was die Qualität der Animation betrifft, so ist das neue Abenteuer auf einem noch höheren Level als die beiden Teile davor. So sieht man dann auch gerne über gröbere Storyschwächen und die Tatsache, dass man all das schon mal gesehen hat, hinweg. Immerhin das Ende ist konsequent und kann überzeugen – hier findet die Reihe einen  würdigen Abschluss.


6,5
von 10 Kürbissen

Der Boden unter den Füßen (2019)

Regie: Marie Kreutzer
Original-Titel: Der Boden unter den Füßen
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama
IMDB-Link: Der Boden unter den Füßen


Caroline, genannt Lola (Valerie Pachner), hat einiges um die Ohren. Der Job als Unternehmensberaterin in der Schlussphase eines wichtigen Projekts in Rostock fordert sie voll. Mit ihrer Chefin (Mavie Hörbiger) bahnt sich etwas an, was über das Berufliche weit hinaus geht, gleichzeitig aber kann sie ihrer Chefin nicht wirklich vertrauen. Und in Wien ist ihre Schwester (Pia Hierzegger) nach einem Suizidversuch in die psychiatrische Klinik eingewiesen worden und ruft nun ständig bei Lola an, um sie um Hilfe zu bitten. Ihr ginge es ganz schlecht, sie werde misshandelt – und Lola soll sie da bitte rausholen. Der Druck auf Lola nimmt zu. Versaut sie das Projekt, verbaut sie sich ihre beruflichen Chancen. Versaut sie es mit ihrer Chefin, dann ist es sowieso mit ihr vorbei. Und versaut sie es bei ihrer älteren Schwester, deren Vormund sie mittlerweile ist, werden die Schuldgefühle sie wohl nie wieder loslassen. Nun muss Lola abwägen, was ihr wirklich wichtig ist. Und dabei stellt sie fest, was für ein Mensch sie ist. Und wir, das Publikum, stellen das ebenfalls fest. Wir alle, Lola und wir im Kinosaal, werden vielleicht nicht mögen, was wir dabei herausfinden. „Der Boden unter den Füßen“ handelt, wie der Titel sagt, von eben jenem Boden, den wir verlieren können, wenn wir uns auf die falschen Dinge konzentrieren. Lolas Leben ist in einer sehr wackeligen Balance – und es genügt ein einziger Vorfall, um dieses Leben ins Kippen zu bringen. Wie eine Lawine prasseln dann die Probleme auf Lola ein, und sie, die immer auf sich allein gestellt war, weiß sich nicht zu helfen. Marie Kreutzer geht mit ihrer Heldin schonungslos um. Sie hat zwar unser Mitleid, aber nicht immer unser Verständnis. Dabei befindet sich der Film selbst in einer guten, stabilen Balance. Neu ist das alles zwar nicht, und vor allem der berufliche Part rutscht gelegentlich nah an die Abgründe der Klischee heran, aber dennoch ist „Der Boden unter den Füßen“ über seine gesamte Laufzeit interessant anzusehen und von Valerie Pachner stark gespielt. Ein erfreulicher Abschluss meines diesjährigen Berlinale-Besuchs.


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Juhani Zebra / Novotnyfilm)

Fern von uns (2019)

Regie: Laura Bierbrauer und Verena Kuri
Original-Titel: Fern von uns
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama
IMDB-Link: –


Laura Bierbrauer. Welchem Österreicher geht bei diesem Namen nicht das Herz auf? Gemeinsam mit Verena Kuri hat Bierbrauer einen Film gedreht, der in der deutschsprachigen Community Argentiniens spielt. Das Deutsch ist manchmal schon ein bisschen eingerostet, und die Sprache eine Mischung aus Deutsch und Spanisch, aber familiäre Probleme sind ja universell und zeitlos. In diesem Fall geht es um die junge Ramira, die nach längerer Zeit wieder auf die heimatliche Farm zurückkehrt. Dort zieht ihre Mutter mittlerweile Ramiras dreijährigen Sohn auf, der auch glaubt, dass Ramira nur eine Tante ist. Dem Vater geht es indessen finanziell nicht so gut, die Kühe sind krank, und er überlegt, die Farm zu verkaufen. Das übergeordnete Thema des Films könnte „Wurzeln und Entwurzelung“ lauten. Jedenfalls scheint Ramira entwurzelt zu sein, sie passt auch nicht so recht auf die Farm und in die Gemeinschaft. Auch ein altes Thema, das cineastisch bearbeitet wird, seit die Bilder zu laufen gelernt haben. Allerdings fügt „Fern von uns“ diesem Thema abgesehen vom hierzulande eher unbekannten Setting der deutschsprachigen Farmer in Südamerika wenig Neues hinzu. Vieles wird nur angedeutet, vieles muss man in langen Einstellungen von Menschen, die auf Bäume starren, zu interpretieren versuchen. Ein langsames Drama, das ein wenig ziellos vor sich her mäandert. Und damit ein klassischer Festival-Film: ungewöhnliches Setting, fade G’schicht. Wenn man nach dem Abspann den Kinosaal verlässt, zuckt man mit den Schultern und hofft darauf, dass der nächste Film einen bleibenden Eindruck hinterlässt.


5,0
von 10 Kürbissen

Fukuoka (2019)

Regie: Lu Zhang
Original-Titel: Fukuoka
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Fukuoka


Tja, die Liebe. Sie ist ein seltsames Spiel, sie kommt und geht von einem zum anderen. Das wusste schon die Schlagersängerin Connie Francis, und wer würde es wagen, ihr zu widersprechen? Im Fall des südkoreanischen Films „Fukuoka“ ist die Liebe von Soon-yi vor 28 Jahren von Hae-hyo zu Jea-moon gegangen und dann ganz, weshalb die beiden Jugendfreunde immer noch einen Wickel miteinander haben. Hae-hyo hat sich nach Japan in die Stadt Fukuoka abgesetzt, wo er nun eine Bar besitzt. Und Jea-moon hat neben seinem Second Hand-Buchladen in Korea noch eine nervige junge Nachbarin namens So-dam (nicht zu verwechseln mit einem ehemaligen irakischen Diktator), die ihn dazu nötigt, auf Urlaub nach Fukuoka zu fliegen, wo sie natürlich genau die Bar findet, in der Hae-hyo vor sich hin schmollt. Aber 28 Jahre sind eine lange Zeit, und irgendwann kann man es auch mal gut sein lassen. So finden die beiden Dickköpfe nach anfänglichen Schwierigkeiten dann doch nach und nach zu einer kultivierten Gesprächsbasis, So-dam sei Dank. Diese Annäherung ist zeitweise durchaus komisch anzusehen und gespickt mit allerlei surrealistischen Momenten rund um So-dam. Während die Geister der Erinnerung heraufbeschworen werden, stellt sich durchaus auch mal die Frage, ob das die einzigen Geister sind, die in diesem Film zu finden sind. Am Ende schlägt „Fukuoka“ vielleicht die eine Kapriole zu viel für meinen Geschmack, und auch nicht jede Szene ist per se wirklich zwingend, aber der Film ist im Gesamten dann doch eine positive Erfahrung. Kann man sich durchaus mal ansehen.


6,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Lu Film)

Das Wunder im Meer von Sargasso (2019)

Regie: Syllas Tzoumerkas
Original-Titel: To thávma tis thállassas ton Sargassón
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama, Krimi
IMDB-Link: To thávma tis thállassas ton Sargassón


„Das Wunder im Meer von Sargasso“ – nein, das ist kein Mash-Up von „Fluch der Karibik“ und „Das Wunder von Manhattan“, auch wenn ich wirklich gerne mal Captain Jack Sparrow als Weihnachtsmann sehen würde. Darauf müssen wir aber alle noch etwas länger warten. (So schnell enttäuscht man die Leserschaft.) Vielmehr handelt es sich bei Syllas Tzoumerkas‘ Film um eine Art griechischer Film Noir-Krimi, nur mit etwas besserem Wetter als im Film Noir üblich. Die Heldin, die zwangsversetzte Polizeiinspektorin Elisabeth (die wunderbare Angeliki Papoulia, die ich schon in mehreren Filmen von Giorgos Lanthimos bewundern durfte), ist eine klassische Antiheldin. Unterwegs im Streifenwagen zieht sie sich neben dem strebsamen Jungpolizisten schon mal eine Line des frisch beschlagnahmten Kokains hinein, um fit für die Ermittlungen zu sein. Und ganz selbstverständlich schläft sie mit dem verheirateten Arzt der Kleinstadt, in die sie versetzt wurde – sehr zum Missfallen ihres Teenager-Sohnes. Nebenbei träumt sie davon, irgendwann aus diesem öden Nest an der Küste wieder zurück nach Athen zu kommen – nur wie? Der Mord an einem lokal berühmten Sänger, der eines Morgens aufgeknüpft neben dem Strand aufgefunden wird, scheint da plötzlich einen Ausweg zu bieten. Nur ist alles ein wenig undurchsichtig, und, wie in solchen Filmen üblich, tun sich schon bald Abgründe in der verschlafenen Kleinstadt auf. So weit, so gut. Wie gut Thriller in der südlichen Hitze funktionieren können, haben schon einige Filme unter Beweis gestellt. Der spanische Thriller „Marshland“ fällt mir hierzu ein, dessen Setting sehr stark an „Das Wunder im Meer von Sargasso“ erinnert. Der Unterschied zwischen den beiden Filmen ist der: „Marshland“ ist tatsächlich ein packender, düsterer Thriller. „Das Wunder im Meer von Sargasso“ ist ein symbolhaft aufgeladenes Ding (inklusive einer modernen Krippenszene am Strand mit Besuch der Heiligen Drei Könige samt Ghettoblaster – WTF?), das viel mehr sein möchte, als es ist, und das zudem das Problem hat, dass trotz einer engagiert spielenden Angeliki Papoulia, der man keinen Vorwurf machen kann, kaum eine Figur wirklich glaubhaft wirkt. Wenn jeder ständig Scheiß macht, nur damit die Figur widersprüchlich wirkt, ist das irgendwann nicht mehr authentisch, sondern nur noch lächerlich. So hat der Film zwar gute Anlagen, wurde aber inszenatorisch eiskalt versenkt. Ob im Meer von Sargasso oder anderswo – untergegangen ist er jedenfalls.


4,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Kiki Papadopoulou)

Leakage (2019)

Regie: Suzan Iravanian
Original-Titel: Nasht
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama
IMDB-Link: Nasht


Iran. Eine 58jährige Frau, deren Mann vor kurzem verschollen ist (Hat er sich ins Ausland abgesetzt? Ist er von der Ölgesellschaft, für die er gearbeitet hat, beseitigt worden? Hatte er einen Unfall?), entdeckt bei sich eine etwas ungewöhnliche körperliche Beschwerde: Aus ihr rinnt Öl. Dickes, schwarzes Erdöl. Abgesehen davon, dass das die Betten schmutzig macht, ist so ein Öl-Leck auch gesellschaftlich eher eine ungünstige Sache und erst mal mit Stress verbunden. Vor ihrer Familie (ihrer Schwester, ihrer Tochter, dem Enkelsohn und dem illegalen afghanischen Immigranten, der als Seelchen den Haushalt schmeißt) lässt sich das nicht lange verbergen. Der Afghane hat eine Idee: Raus aufs Land mit ihr zu seinem Cousin, und dann weiter überlegen. Dort ist man aber skeptisch. Denn ist diese Frau nicht ein böses Omen? Währenddessen schmieden sowohl die Frau als auch ihre Tochter Pläne für die Auswanderung. Denn für die Ölproduzentin ist klar: Im Iran ist sie mit dieser Begabung verloren. Im Ausland wird sie vielleicht in Ruhe gelassen. Und die Tochter wollte ohnehin längst weg, ab nach Deutschland in das Land, in dem Milch und Honig fließen. „Nasht“ von Suzan Iravanian ist ein hochpolitischer Film, der die Politik im Privaten zeigt. Die Unterdrückung der Frau in der iranischen Gesellschaft wird hier auf subtile Weise gezeigt, indem sie eben nicht explizit gezeigt wird, sondern in den Überlegungen der Hauptprotagonistin, erst einmal flüchten zu müssen als sich und ihr ungewöhnliches Problem sichtbar zu machen. Das Ende ist bitter und konsequent. Der Weg dahin allerdings lang. Denn ein Actionreißer ist dieser Film definitiv nicht. Man muss schon etwas Geduld und Sitzfleisch aufbringen. Und manchmal verzettelt sich der Film auch zu sehr im Kleinen, während größere, für mich vielleicht interessantere Fragen ausgespart werden. Dennoch eine Sichtung, die sich durchaus gelohnt hat, auch wenn sie anstrengend war.


6,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Europe Media Nest)

MS Slavic 7 (2019)

Regie: Sofia Bohdanowicz und Deragh Campbell
Original-Titel: MS Slavic 7
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama
IMDB-Link: MS Slavic 7


MS Slavic 7: Was nach einem ausgemustertem Ausflugsschiff der Donaudampfschifffahrtsgesellschaft klingt, ist in Wahrheit jenes Verzeichnis, unter dem sich in einer Bibliothek der Harvard Universität der Briefverkehr zwischen den polnisch-stämmigen Dichtern Zofia Bohdanowiczowa und Józef Wittlin befindet. Und ja, ihr könnt die beiden googeln – die gab es wirklich. Bohdanowiczowa lebte im Exil in Toronto, Wittlin in New York. Und beide waren einander sehr zugeneigt. Jahrzehnte später wühlt sich Audrey (Deragh Campbell), eine Enkeltochter der Dichterin, durch das Archiv und den Briefnachlass. Warum sie das tut, wird nicht wirklich ausreichend erklärt. Die eigene Familie und Vergangenheit zu verstehen, ist aber sicherlich ein wichtiger Grund. Überhaupt wirkt die junge Frau eher verschlossen und abgewandt von der Welt. Beim Versuch, in einem Interview ihre Gedanken zu den Briefen (die für sie zunächst einmal vom Inhalt losgelöste Objekte sind) mitzuteilen, gerät sie ins Stocken. Sie sucht nach Worten und Formulierungen, findet sie aber nicht. Irgendwann muss sie beschämt abbrechen und wischt die Stille mit einem kräftigen Schluck Bier weg. Erst der Mann, der die Briefe und Gedichte ihrer Großmutter vom Polnischen ins Englische übersetzt hat, ermöglicht ihr eine Interaktion auf Augenhöhe. Das Interessanteste an „MS Slavic 7“ ist das Verweben von biografischem Material mit Fiktion. Denn Zofia Bohdanowiczowa war die Großmutter von Sofia Bohdanowicz, die diesen Film gedreht hat. Die Briefe gibt es wirklich, und man kann davon ausgehen, dass sich Sofia Bohdanowicz, so wie auch ihre Audrey im Film, durch das Archiv gewühlt hat und diese Gedanken formuliert hat, die sie nun Deragh Campbell in der Rolle der Audrey sprechen lässt. Die Vermischung von dokumentarischem Anstrich und dem Spielfilm geht so weit, dass die Szene, in der Audrey auf einer Familienfeier teilnimmt, nicht gestellt ist. Vielmehr tanzt da Sofia Bohdanowicz‘ Familie fröhlich durchs Bild, diese Feier fand tatsächlich statt. Doch so authentisch der Film damit wirkt, gut wird er dadurch noch nicht. Zu beliebig wirken viele Szenen, zu wenig zwingend, und auch dass man Audrey nicht wirklich näher kommt, trägt nicht zum Genuss bei. Am Ende denkt man sich: „So what?“ Immerhin dauert das ganze Drama gerade mal eine Stunde. Schnell gesehen und schnell wieder vergessen.


4,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Lisa Pictures)

Marighella (2019)

Regie: Wagner Moura
Original-Titel: Marighella
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Action, Thriller, Politfilm, Biopic, Drama
IMDB-Link: Marighella


Eines sei gleich vorweg gesagt: „Marighella“ von Wagner Moura verlangt dem Zuseher einiges ab. Denn der Film über den brasilianischen Dichter, Essayist und Revolutionär Carlos Marighella (Seu Jorge mit einer Wahnsinnspräsenz), der ab 1964 nach dem Militärputsch in Brasilien zum bewaffneten Widerstand aufgerufen hat, bis er 1969 getötet wurde, nimmt sich 155 Minuten Zeit. Und apropos Zeit: Gerade zu Anfang wird da gerne auch mal zwischen den Zeiten umher gesprungen, was sich aber nach einer Weile legt zu Gunsten einer chronologischen Erzählung. Um die Figuren einzuführen, Carlos Marighella selbst und seine Mitstreiter, erfüllt dieses Hüpfen seinen Zweck allerdings. Man muss allerdings in der richtigen Stimmung sein, um zweieinhalb Stunden lang einem Widerstandskämpfer und seinen Kumpanen dabei zuzusehen, wie sie sich organisieren, wie sie immer größere Coups planen und dann doch langsam, aber unerbittlich von der Staatsgewalt (verkörpert von Bruno Gagliasso, der seinen Bösen etwas zu böse anlegt) auseinandergenommen werden. Das geht mitunter auch sehr gewalttätig vonstatten, und mehr als einmal dachte ich mir beim Sichten: ‚Puh, also das hat jetzt wirklich weh getan, selbst wenn es nur gespielt war‘. Worüber man auch hinwegsehen muss, ist die Tatsache, dass Wagner Moura mit diesem Film so etwas wie Heldenverehrung betreibt. Und ohne die historische Figur des Carlos Marighella wirklich einschätzen zu können (dafür bin ich einfach nicht brasilianisch genug, auch wenn meine Arbeitskollegen fest die These vertreten, dass ich während meines Brasilien-Urlaubs 2017 in Rio eine Sambaschule gegründet habe), so bleibt doch ein eher unguter Beigeschmack haften, wenn ein bewaffneter Widerstandskämpfer, so gerecht sein Kampf auch gewesen sein mag, so unkritisch betrachtet wird. Aber gut, da geht es mir bei Che Guevara nicht anders. Was mir allerdings hier eindeutig fehlte, waren mehr Hintergründe, wie Carlos Marighella zu dem Mann geworden ist, als der er gezeigt wird. Vielleicht wäre dann das Bauchgrummeln etwas leiser gewesen. Dennoch lohnt sich „Marighella“, denn der Film ist spannend erzählt (und kann die Spannung tatsächlich über die ganze Laufzeit hoch halten), handwerklich gut gemacht und mit exzellenten Schauspielern besetzt.


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: O2 Filmes)