2018

A Quiet Place (2018)

Regie: John Krasinski
Original-Titel: A Quiet Place
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Horror
IMDB-Link: A Quiet Place


Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Vor allem, wenn man in einer Welt lebt, in der Kreaturen hausen, die alles metzgern, was Geräusche macht. Und so schleichen John Krasinski (der auch Regie führte und das Drehbuch schrieb) und Emily Blunt samt ihrer Kinder auf Zehenspitzen durch die Gegend. Und auch das Publikum passt sich der Stille an und wagt sich kaum an das Popcorn heran. Wenn dann mal wieder Maisnachschub in die Futterluke muss, macht man eine weitere völlig neue Erfahrung. Schon mal Popcorn gelutscht? „A Quiet Place“ ist tatsächlich ein stiller Horrorfilm. Für die Atmosphäre sorgt der effektiv eingesetzte Soundtrack. Darüber hinaus ist alles, was Geräusche verursacht, mit Ärger verbunden. Spannend ist hierbei auch die Beobachtung zwischenmenschlicher Interaktion. Mal etwas auszudiskutieren ist nicht drin. Und natürlich verursacht auch diese fehlende Möglichkeit, sich mal ordentlich die Meinung zu geigen, weitere Problemen mit den Akustik-Aficionados from outer space. Erklärt wird nicht, was es mit diesen Viechern auf sich hat, die wie das Ergebnis einer unseligen Affäre zwischen Ellen Ripleys Alien und den Bugs aus Stormship Troopers aussehen. Hier geht es rein ums Überleben in völliger Lautlosigkeit. Und das ist sauspannend gemacht. Ich bin wahrlich kein Horrorfan, aber mit diesem subtilen Horror kann ich auch viel anfangen. Dass es letztlich nicht für eine noch bessere Bewertung gereicht hat, ist einigen Logiklöchern geschuldet (wohl eine Genrekrankheit, aber trotzdem) und der Tatsache, dass trotz des originellen Ausgangsbasis am Ende dann doch „nur“ ein konventioneller Horrorfilm herausgeschaut hat, der in weiterer Folge ziemlich überraschungsfrei bleibt. Das alles ist allerdings gut gemacht und macht Spaß. Nach dem Kinobesuch macht man es den Protagonisten nach: Man schleicht auf Zehenspitzen nach Hause.


7,0
von 10 Kürbissen

Ederlezi Rising (2018)

Regie: Lazar Bodroža
Original-Titel: Ederlezi Rising
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Science Fiction, Erotik, Liebesfilm
IMDB-Link: Ederlezi Rising


Science Fiction und ich. Das funktioniert. Blade Runner. Her. Ex Machina. 2001 – A Space Odyssee. Alles wunderbare Filme, die ich sehr liebe. Eigentlich sollte also ein serbisches Mashup dieser Filme, das trotz des geringen Budget große Ambitionen aufweist und sich kräftig in diese Richtungen verbeugt, ganz nach meinem Gusto sein. Es bleibt leider beim Konjunktiv. Denn Lazar Bodrožas Sci-Fi-Fiebertraum krankt nicht nur an der Umsetzung wie beispielsweise einem sehr hölzernen Schauspiel und dem Budget geschuldeten Weltraumpixeleien, sondern vor allem am Inhalt. Dabei wäre die Synopsis gar vielversprechend gewesen: Einsamer Astronaut auf einer Mission wird von einem weiblichen Cyborg begleitet, und allmählich entwickeln sich zwischen dem Mensch und dem künstlichen Wesen echte Gefühle. Dass der gut aussehende Cyborg (Pornodarstellerin Stoya in ihrem ersten Nicht-Porno, wobei: das ist Ansichtssache, dazu komme ich gleich noch mal) zunächst mal frei programmierbar ist – von unterwürfig bis aufmüpfig je nach Stimmungslage des grummelig-graumelierten Grenzgängers – ist wohl ein feuchter Bubentraum, mit dessen Verwirklichung sich der Regisseur selbst beschenkt hat. In weiterer Folge dreht der fadisierte Don Juan aber die Sicherheitsregler nach unten, weil irgendwie ist so eine überraschungsfreie Beziehung auf Knopfdruck doch nicht das Wahre. Und damit beginnen die Probleme erst. Lass der Frau ihren Willen, und du bist im Arsch. Das könnte eine Message des Regisseurs sein, so könnte man seinen Film auslegen. Und damit sind wir beim inhaltlichen Problem Nummer 1. Ein besonders ausgewogenes Geschlechterbild zeichnet der Film nicht – im Gegenteil. Problem Nummer 2: Der Regisseur dachte sich wohl: „Hurra, wir haben einen Pornostar am Set, das nutzen wir doch gleich mal aus!“ Ja, okay, Cyborgs ist auch im Weltall nicht kalt, das kann ich ja verstehen, aber muss die Dame trotzdem fast die ganze Zeit über nackig herumlaufen, auch wenn sie noch so gut aussieht? Für die Story ist es nämlich wurscht. So entsteht der Eindruck, als hätten die Macher einfach die Gunst der Stunde genutzt, dass ihre Hauptdarstellerin ohnehin textilfreies Werken gewöhnt ist. Natürlich kann man das Ganze auch völlig konträr sehen – vielleicht ist „Elderlezi Rising“ ein feministisches Meisterwerk und ein satirischer Kommentar auf männlichen Macho-Kult. Vielleicht. Ich weiß es halt nicht. Und damit hat der Film – bei mir jedenfalls – seine Intention verfehlt, wenn sie denn so gedacht war, und nur der unangenehme Nachgeschmack bleibt zurück. Schade drum.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 23 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


3,5
von 10 Kürbissen

(Foto: LET’S CEE Film Festival)

Ready Player One (2018)

Regie: Steven Spielberg
Original-Titel: Ready Player One
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Abenteuerfilm, Action, Science Fiction, Fantasy
IMDB-Link: Ready Player One


Natürlich, ich war in meiner wilden Jugend auch voll der Zocker. Stunden habe ich darüber gegrübelt, ob ich den Ticketpreis für einen Zweite-Klasse-Flug von Bogotá nach Miami um 10% erhöhen sollte, oder ob ich mir damit die gute Auslastung meiner Boeing 737 versaue. Und kann ich es riskieren, die alte Embraer noch 10.000 Meilen länger in der Luft zu lassen, ehe ich sie ersetze, oder fällt mir das Ding vom Himmel? Ich bin also mit der Welt der Computerspiele gut vertraut. Jedenfalls mit der Wirtschaftssimulation Airlines. Und mit Fußballmanagern. Anstoß 3 – bäm, Oida! Kein allzu großer Spoiler: Weder Airlines noch Anstoß kommen in „Ready Player One“ von Steven Spielberg vor. Aber wer mit den beliebtesten Spielen der 80er und 90er aufgewachsen ist, wird mit diesem knallbunten Ding voller Popkultur-Referenzen seine Freude haben. Irgendwie ist es ja der feuchte Fiebertraum eines jeden Gamers, selbst in ein Spiel einsteigen zu können. Und das kann Wade Watts (Tye Sheridan), dem es so geht wie allen, die im Jahr 2045 in Columbus, Ohio leben: Die Realität ist irgendwie scheiße. Lieber tummelt sich das Volk in der virtuellen OASIS, denn dort kann man sein, wer und wie man will. Erschaffen hat diese Welt der geniale Ober-Nerd James Halliday (Mark Rylance, herrlich verpeilt). Und der hat, bevor er den Joystick für immer abgegeben hat, noch etwas hinterlassen in der OASIS: Drei gut versteckte und unlösbar schwer erscheinende Prüfungen. Und wer sie besteht, bekommt das hinterlassene Vermögen und die alleinige Herrschaft über die OASIS. Das klingt natürlich so verlockend, dass sich nicht nur enthusiastische Jugendliche, sondern auch gar finstere kapitalistische Mächte ans Werk machen, diese Prüfungen zu bestehen. Sehr zu meinem persönlichen Gaudium verbeugt sich Spielberg dabei auch einmal vor seinem alten Freund und Weggefährten Stanley Kubrick in einer der lustigsten Szenen des Films – eine der wenigen Anspielungen, die ich auch uneingeschränkt verstanden habe. Doch ist der Film auch genießbar, wenn man nicht mit leuchtenden Augen und alle drei Sekunden mit einem „Oh Gott, DAS haben sie auch noch eingebaut!“ in höhere Nerd-Himmelsphären aufsteigt? Die Antwort darauf lautet: Ja, auf jeden Fall. Zwar ist die Story selbst eine arg dünne Suppe (v.a. der arg vorhersehbare Showdown nervt), aber allein schon die Schauwerte des Films haben viel zu bieten. Die virtuelle OASIS sieht fantastisch aus und macht richtig Spaß. Weniger gelungen (weil in vielen Belangen auch unlogisch und nicht konsequent durchdacht) ist die reale Welt, aber, wie schon gesagt, die ist sowieso irgendwie scheiße. Da ist es nur konsequent, wenn auch das Publikum des Films damit unzufrieden ist. Voll meta, ey! Aber da der Großteil des Films ohnehin in der OASIS spielt, fällt das nur wenig ins Gewicht. Arg anspruchsvoll ist das alles natürlich nicht, aber für einen bunten Popcornkinoabend ist der Film genau das Richtige. Zu guter Letzt: Falls „Erebos“ von Ursula Poznanski nun doch einmal verfilmt werden sollte, setzt bitte die Macher von „Ready Player One“ darauf an, denn visuell haben es die wirklich drauf.


7,5
von 10 Kürbissen

Auslöschung (2018)

Regie: Alex Garland
Original-Titel: Annihilation
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Science Fiction, Horror
IMDB-Link: Annihilation


Oft tritt Überraschendes zutage beim Sichten von Filmen. So zum Beispiel, dass Thomas Bernhard ein echt leiwander Science Fiction-Autor war. Alex Garland hat seinen Roman „Auslöschung“ zwar ein bisschen gar frei interpretiert, aber hey – das ist das Recht eines jeden Künstlers. So wird aus dem fünfzigjährigen Professor Franz-Josef Murau die junge Biologin und Ex-Soldatin Lena (Natalie Portman). Diese plagt sich damit herum, dass ihr Angetrauter Kane (Oscar Isaac), ein Soldat, seit einem Jahr verschollen ist. Nun steht er plötzlich wieder vor der Tür, ein bisschen schweigsam vielleicht, aber doch in einem Stück. Blöd nur, dass er gleich darauf beginnt, Blut zu spucken, und auf dem Weg ins Krankenhaus wird man gleich mal eingesackelt und unter Quarantäne gestellt. Dabei stellt sich heraus, dass Kane in einer geheimen Mission unterwegs war, die eine seltsame Anomalie, einen „Schimmer“, im Sumpfgebiet von WeißderGeierwoesisthaltwieüblichirgendwoinAmerika, untersuchen sollte. Bislang ist er das einzige Lebewesen, das lebend aus diesem Gebiet zurückgekehrt ist. Und weil’s dem Holden gesundheitlich ja eh nicht so gut geht, dass man groß Hoffnung hegen könnte, und weil Lena gerade ein bisschen fad ist, schließt sie sich kurzerhand der nächsten Mission an, die aus vier Frauen besteht, weil den Männern kann man ja nicht mehr trauen, die kommen nicht zurück und wenn schon, spucken sie Blut und sehen nicht so aus, als würden sie es noch lange machen. Was dann in diesem Sumpfgebiet innerhalb des Schimmers passiert, kann man nicht erzählen, ohne massiv zu spoilern. Nur so viel: Oft fühlt man sich an Tarkowskis „Stalker“ erinnert, manchmal auch an „Jurassic Park“, stimmungsmäßig werden gelegentlich Erinnerungen an „Under the Skin“ wach, und wenn man sich in cineastischer Euphorie etwas zu sehr mitreißen lässt, könnte man auch noch Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“ referenzieren, aber das wäre wohl zu viel des Guten. Was „Auslöschung“ aber definitiv bietet, ist gute und spannende Unterhaltung, die sich intellektuell nicht nur auf Höhe der Grasnarbe aufhält, aber letztlich vielleicht einen kleinen Tick zu viel verspricht als der Film letztlich halten kann.

 


7,0
von 10 Kürbissen

L’Animale (2018)

Regie: Katharina Mückstein
Original-Titel: L’Animale
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama
IMDB-Link: L’Animale


Oida! Das Leben ist manchmal echt oarsch. Vor allem, wenn man 18 ist, kurz vor der Matura steht, etwas studieren soll, für das man keine Leidenschaft aufbringt, die einzigen Beschäftigungen in der Pampa, in der man aufwächst, aus Motocross-Rennen im Steinbuch und der Dorfdisco bestehen, der beste Buddy plötzlich Gefühle zeigt, der Rest der Gang aus Wichsern besteht und man eigentlich selbst auf dem besten Weg ist, ein Arschloch zu werden. Wie sangen schon Fanta 4? „Es könnte alles so einfach sein, ist es aber nicht.“ Erwachsenwerden ist eben schwierig (und zuweilen auch bedrohlich, wie „L’Animale“ andeutet, wenn der Wind wieder mal besonders vielsagend durchs Gehölz rauscht). Das haben schon Generationen von Filmemachern festgestellt. Nun eben auch Katharina Mückstein, die ihre Heldin Mati (eine sehr glaubhafte Sophie Stockinger) durch diese ewigen Mühlen dreht. Der Fokus bleibt aber nicht auf Mati allein. Immer wieder zersplittert die Geschichte in ihre Einzelteile. Die im wohl nie fertig gebauten Haus vereinsamende Mutter, der nicht geoutete Vater, auch sie bekommen ihre Screentime. So ist „L’Animale“ mitunter auch das Porträt einer Familie, deren Mitglieder völlig isoliert voneinander zu sein scheinen. Jedes Mitglied ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Und jeder sucht auf seine Weise nach Erlösung. Der Hauptstrang gehört aber eindeutig Mati, die eine erstaunliche Wendung durchmacht von der knallharten Motocross-Bitch, die für ihre Gang einer Mitschülerin auch mal ins Gesicht spuckt, zu einer sensiblen jungen Frau, die zu verstehen beginnt, dass es einen Unterschied gibt zwischen richtig und falsch, und dass Freundschaft etwas Anderes ist als ein ständiges Sich-beweisen-müssen. In diesem Sinne ist „L’Animale“ ein durchaus konventionelles Coming of Age-Drama, aber die wirklich tollen Darstellerleistungen (so gab’s auf der Diagonale 2018 den Schauspielpreis für das Ensemble) und die Erzählung selbst, die klare Aussagen verweigert und mehr in der Schwebe lässt als abschließt, heben den Film deutlich über den Durchschnitt hinaus.


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Polyfilm)

Red Sparrow (2018)

Regie: Frances Lawrence
Original-Titel: Red Sparrow
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Thriller
IMDB-Link: Red Sparrow


Tja, die Erwartungshaltungen bei Filmen und wie sie dann beim Sichten unterlaufen werden. Darüber könnte man ganze Bücher schreiben. Ein weiteres Kapitel in diesem Buch würde sich wohl mit „Red Sparrow“ von Francis Lawrence beschäftigen. Ich also ins Kino rein mit großen Erwartungen an den viel besprochenen Softporno. Dann ist dieser aber mit so langweiligem Agentenzeug durchzogen. Fassungslos schob ich mir ein Popcorn nach dem nächsten rein, aber die Darsteller kamen einfach nicht zur Sache, sie quatschten nur. Gut, einmal wird kurz blank gezogen, und die eine oder andere Szene sorgt vielleicht beim Großvati, der den Namen des Regisseurs mit Lawrence von Arabien verwechselt hat und damit irrtümlich im Kinosaal gelandet ist, für etwas erhöhten Pulsschlag, aber um mich alten Cineasten zu erregen, muss man sich besseres einfallen lassen als das übliche „Der Regisseur deutet an, dass es gleich heftig zur Sache gehen wird im Bett – Schnitt – am nächsten Morgen wachen wir hübsch geschminkt und geföhnt im adretten, alle Körperstellen züchtig bedeckenden Nachthemd auf“. Wie gesagt, für einen Softporno echt schwach. Und den hätte man sich ja wirklich erwarten können – soll es doch um junge russische Agentinnen gehen, die vom Staat zu Meisterinnen der Verführung, quasi moderne Mataharis, ausgebildet werden, um dem bösen Westen (hier verkörpert durch einen sichtlich unterforderten Joel Edgerton) die intimsten Geheimnisse zu entlocken. Auftritt Ex-Ballerina Dominika (Jennifer Lawrencewa), die im Auftrag ihres Onkels (Matthias Schoenaertski) sowie der Spitze des russischen Geheimdienstes (Jeremy Ironsow und Ciarán Hindsew) in einer Art Boot(y) Camp (man verzeihe den schlechten Wortwitz) durch die dortige Ausbildnerin (Charlotte Ramplingowa) gedrillt wird, nachdem sie durch jenen Onkel in eine Situation manövriert wurde, die im besten Fall als „a blede G’schicht“ bezeichnet werden kann. Friss, Spatz, oder stirb, heißt es da, und da sie sich trotz zwangsweiser Ballerina-Pension noch nicht lebensmüde fühlt, wählt sie den angebotenen zweiten Bildungsweg. Und spielt fortan ein eher undurchsichtiges Spiel. „Red Sparrow“ will geheimnisvoll, spannend und erotisch sein. Achtung, Spoiler: All das ist er nicht. Geheimnisvoll: Na ja, irgendwie ist wirklich jedem Zuseher, der zumindest schon mal einen James Bond-Film gesehen hat, sehr schnell klar, wer hier welches Spiel spielt, wer die Guten und wer die Bösen sind. Spannend: Der Film hat mit einer Spieldauer von fast 2,5 Stunden deutliche Überlänge, und er weiß auch jede einzelne Minute davon auszukosten. Erotisch: Ja, man kann mal kurz JLaws Tutteln sehen, und einmal läuft Joel Edgerton hemdfrei durchs Bild. Aber für einen Film, in dem es um Verführungskünste gehen soll, ist das eine glatte Themenverfehlung – denn so wenig subtil und so unerotisch wie hier wurde die Kunst der Verführung selten dargestellt. Was ebenfalls nervt (aber natürlich dem Fokus auf den heimischen Markt geschuldet ist): Dass sich ein All-Star-Cast englischsprachiger Akteure mit sehr abenteuerlichen und wild durcheinandergemischten russischen Akzenten abmühen muss. Zwischenzeitlich war ich echt froh für Joel Edgerton, der den Joker gezogen hat, indem er die einzige relevante Figur spielen durfte, die nicht so klingt wie ein Schlaganfallpatient auf dem Weg zurück. Wie schön wäre es, wenn Hollywood endlich mal erkennen könnte, dass man Filme auch in den jeweiligen Originalsprachen drehen und dann untertiteln darf – das ist nämlich nicht verboten! Anyway: Auf der Habenseite stehen eine stets gut frisierte Jennifer Lawrence, die sich zumindest nach Kräften bemüht, und die eine oder andere kurzweilige Szene. Unterm Strich ist der Film aber recht uninspirierte Hollywood-Dutzendware.

 


4,5
von 10 Kürbissen

Black Panther (2018)

Regie: Ryan Coogler
Original-Titel: Black Panther
Erscheinungsjahr: 2018
Genre:  Abenteuerfilm, Action, Fantasy, Science Fiction
IMDB-Link: Black Panther


Ich habe eine schwarze Miezekatze zuhause. Sie hört (nicht) auf den Namen Clarisse, und ich halte es durchaus für möglich, dass sie sich nächtens aus der Wohnung schleicht, um im Königreich Wakanda die Bösen aufzumischen. Das Gegenteil beweisen kann ich nicht. So muss ich Ryan Coogler vertrauen. Und der sagt mir: Black Panther, das ist Wakandas neuer König T’Challa (Chadwick Boseman). Und der hat erst einmal ein paar Probleme. Sein Vater hat im letzten Captain America-Film den Löffel abgegeben, und nun muss eben der Sohnemann zwangsläufig das Szepter schwingen. Zuerst aber muss er sich in einem archaischen Gedresche gegen einen Widersacher behaupten. Kaum hat er das erledigt, gibt’s innerwakandische Konflikte zu lösen, da sich ein Usurpator (Michael B. Jordan, das B. ist in diesem Fall aufgrund von Verwechslungsgefahr nicht wegzulassen) in Abwesenheit der Samtpfote aufschwingt, um das technologisch weit entwickelte, aber von der Außenwelt freiwillig abgeschottete Königreich zu übernehmen und auf die Landkarten dieser Welt zu bringen. Befreiung der Schwarzen, das klingt ja erst einmal nach einem hehren Ziel. Nur über die Mittel, die dem Bösewicht im Sinne stehen, lässt sich trefflich diskutieren, denn alle Weißen wegballern mag zielführend sein, aber moralische Diskurse gewinnt man damit nicht. So sieht das auch T’Challa, der mit Hilfe einiger sehr starker Mädels in seinen Reihen dem entgegentritt. Oder sagen wir so: Während T’Challa ein Schläfchen macht, machen sich die Damen auf den Weg, den Tag zu retten. Da wären wir auch schon bei einem der Aspekte, die ich an diesem Film sehr feiere: Starke Frauenfiguren, und zwar uneingeschränkt und ohne, dass man ständig darauf hinweisen müsste. Sie sind einfach tough, und das passt schon so. Auch schön ist natürlich, dass es mal einen ethnisch diversen Superhelden gibt, der auch in Afrika verwurzelt ist und sich dort behaupten darf/muss. Gleichzeitig aber knüpft daran einer meiner beiden hauptsächlichen Kritikpunkte an, weshalb der Film – bei mir – dann doch nicht so ganz gezündet hat: Mir ist klar, dass hier auf das kulturelle Erbe des Kontinents verwiesen werden soll, das als Säule für den spannend dargestellten Afrofuturismus dient. Ich habe aber das Gefühl, dass sich die Darstellung von Tradition und afrikanischem Erbe auf eine Ansammlung von Klischees beschränkt. Was verwundert, denn mit Ryan Coogler sitzt einer der spannendsten schwarzen Regisseure der Gegenwart auf dem Regiestuhl. Der zweite Kritikpunkt betrifft die Story selbst, die dem üblichen Superheldenmuster folgt und kaum bis gar keine Überraschungen für jene bereit hält, die mehr als zwei Marvel- bzw. Superheldenfilme kennen. Da hätte man mehr daraus machen können. Es ist gut, dass es den Film gibt, und wichtig, dass er einen solchen Erfolg feiert, aber dennoch wurden – in manchen Aspekten – ein paar Chancen liegengelassen. So ist „Black Panther“ für mich ein guter, aber kein großartiger Film.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 63 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


6,0
von 10 Kürbissen

Madeline’s Madeline (2018)

Regie: Josephine Decker
Original-Titel: Madeline’s Madeline
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama
IMDB-Link: Madeline’s Madeline


Ich muss zugeben: Die erste halbe Stunde von „Madeline’s Madeline“ fand ich einfach nur furchtbar nervig. Ich dachte, ich hätte mein Berlinale-Lowlight mit dem letzten gesichteten Film nun tatsächlich gefunden bzw. noch einmal unterboten. Dann jedoch begriff ich etwas: In „Madeline’s Madeline“ sind ausnahmslos alle Protagonistinnen und Protagonisten völlig irre. Nicht nur die 16jährige Titelfigur Madeline, die Schauspielerin sein möchte, dabei aber in ihrer geistigen bzw. seelischen Erkrankung immer wieder getriggert wird, sondern wirklich alle. Ohne Ausnahme. Alle gaga. Die überfürsorgliche Mutter, die Madeline nicht unter Kontrolle hat und auf sie reagiert wie ein verletztes, trotziges Kind. Die schwangere Projektleiterin am Theater, die ihre fehlende Autorität durch anbiederndes, unpassendes Verhalten kompensieren möchte. Die Schauspielkolleginnen und -kollegen, die merken, dass etwas total aus dem Ruder läuft, aber nichts dagegen tun – im Gegenteil, die Situation noch einmal verschärfen. Alle haben einen veritablen Dachschaden, und so schaukelt sich das Ganze zu einem wahnsinnigen emotionalen Chaos hoch, bei dem Madeline in ihrem Verhalten noch mal bestärkt wird. Am Ende wird die ganze Geschichte zu einem surrealistischen Machtkampf, und man weiß gar nicht, was man sich dafür als Ergebnis wünschen sollte. Aber sobald man begriffen hat, dass „Madeline’s Madeline“ ein eineinhalbstündiges Ausleben sämtlicher denkbarer und undenkbarer Neurosen auf allen Ebenen ist, kann man richtig Spaß haben mit dem Film. Denn dann sieht man Egos, die ungebremst aufeinander knallen, und man hört Worte, die messerscharf durch Seelen schneiden. Ein wirklich interessanter Film, der aber auch richtig nerven kann.


6,5
von 10 Kürbissen

(Foto: (c) Ashley Connor)

Facing the Wind (2018)

Regie: Meritxell Colell Aparicio
Original-Titel: Con el Viento
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama
IMDB-Link: Con el Viento


Die in Argentinien lebende Tänzerin Mónica erfährt, dass ihr Vater in Kastilien im Sterben liegt. Sofort reist sie los, um ihn zu sehen, kommt aber zu spät. Sie bleibt für die nächsten Wochen bei ihrer Mutter, die mit dem Schicksalsschlag erstaunlich gut und gefasst umgeht, und die das Haus verkaufen möchte, das ihr nun einerseits zu groß geworden ist und andererseits so voller Erinnerungen ist. Mónicas Schwester und Nichte helfen dabei, doch die größte emotionale Stütze ist erst einmal Mónica selbst, die vom Gefühl angetrieben wird, aufgrund ihrer langen Abwesenheit eine Schuld begleichen zu müssen. „Con el Viento“ ist ein sehr leiser, unaufdringlicher und authentischer Film darüber, wie das Leben nach dem Tod eines Familienangehörigen weitergeht. Es geht darum, sich als Familie neu zu finden und zu definieren, und die Normalität wieder aufzugreifen, die kurzfristig verloren ging. Leider erzählt Meritxell Colell Aparicio, die Regisseurin, die Geschichte so unaufgeregt, dass sie schlicht langweilig wirkt. Man sieht die Protagonistinnen beim Putzen eines Fahrrads, beim Kartenspielen, beim Holzhacken. All das dient natürlich der Intention, dieses Weitermachen, diesen Weg zurück in die Normalität zu zeigen, doch ist es per se einfach nicht interessant genug, um das Publikum emotional abzuholen. Da nützt es auch nur wenig, dass die Laiendarstellerinnen durch die Bank tolle Leistungen abliefern, allen voran Concha Canal als Witwe. All das, was hier auf der Leinwand gezeigt wird, ist absolut nachvollziehbar und in sich stimmig, aber es ist einfach keine Geschichte. So ist „Con el Viento“ eine gut gemeinte, aber leider mühsame Angelegenheit.


4,5
von 10 Kürbissen

Theatre of War (2018)

Regie: Lola Arias
Original-Titel: Teatro de Guerra
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Teatro de Guerra


Von April bis Juni 1982 standen sich Argentinien und Großbritannien als Gegner im Falklandkrieg gegenüber. 35 Jahre später lädt die argentinische Filmemacherin Lola Arias Veteranen von beiden Seiten zu einem Projekt ein. Es geht darum, den Krieg, bei dem insgesamt etwa 1.000 Soldaten ihr Leben gelassen haben, gemeinsam aufzuarbeiten. Szenen aus den Erinnerungen der Soldaten werden nachgespielt, die Soldaten selbst erzählen von ihren eindringlichsten Momenten. Man merkt, dass viele seelische Wunden tief sitzen und längst nicht verheilt sind. Gleichzeitig sieht man auch, mit wie viel Respekt voreinander die ehemaligen Feinde miteinander umgehen. Es ist eine freundschaftliche Atmosphäre, die am Set entsteht, getragen von gemeinsamen Erinnerungen und Traumata. Was hierbei schnell klar wird: Im Krieg gibt es keine Gewinner und Verlierer, es gibt keine sich hassenden Feinde, sondern nur Menschen, die von ihren Ländern dazu gezwungen werden, auf andere Menschen zu schießen. Und oft sind die Überlebenden die eigentlich armen Schweine, denn sie müssen mit ihren Erfahrungen für den Rest ihres Lebens klar kommen. Allerdings wirkt die Dokumentation trotz ihrer intensiven Momente durch das spezielle Setting auch sehr artifiziell. Das Konzept sieht eben vor, dass Vieles gestellt ist. Der Titel „Teatro de Guerra“ ist durchaus Programm, aber gerade eben das Bühnenhafte der Situation, in die Arias ihre Protagonisten steckt, nimmt dem Film etwas an Wucht und Wahrhaftigkeit. Oft wünscht man sich, dass sich die Männer einfach zwanglos und ohne Vorgaben begegnen können, dass sie eben nicht Theater spielen müssen, um den Krieg begreiflich zu machen. Ihre Augen, wenn sie von den schrecklichen Erlebnissen berichten, sagen so viel mehr aus und bilden den Krieg nachvollziehbarer ab als Lola Arias‘ experimentelle Anordnung.

 


5,0
von 10 Kürbissen