2017

The Workshop (2017)

Regie: Laurent Cantet
Original-Titel: L’Atelier
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama
IMDB-Link: L’Atelier


Eine Schriftstellerin kommt in die Hafenstadt La Ciotat in Südfrankreich, um in einem Sozialprojekt mit den Jugendlichen der Kleinstadt einen Roman, einen Thriller, zu schreiben. Früher war La Ciotat eine wichtige Industriestadt – in der Werft wurden gewaltige Schiffe gebaut. Heute ist die Lage prekärer, auch wenn im Hafen immer noch einige imposante Yachten liegen, nur hat die hiesige Bevölkerung nicht viel davon. Diese Bevölkerung ist durchaus durchmischt, wie sich an der Gruppe der Jugendlichen zeigt. Hier treffen Franzosen mit verschiedenen ethnischen und religiösen Wurzeln aufeinander – und das funktioniert ganz gut, denn einerseits verbindet das gemeinsame Projekt und andererseits sind eben alle Franzosen und definieren sich auch so. Nur Antoine tanzt aus der Reihe. Der schweigsame Junge bleibt lieber allein, geht schwimmen und schaut Youtube-Videos, und er möchte zum Militär. Wenn er mal mit seinem Cousin und dessen Freunden unterwegs ist, tauchen sie ihr Gesicht als Camouflage in Dreck und schießen mit einem Pistole Blechdosen von Zäunen. Und stellen sich dabei vor, die Dosen wären Araber – oder andere Menschen, von denen sie nicht viel halten. Aber sie sind nicht böse. Sie sind einsam und verwirrt und überfordert. „L’Atelier“ zeigt die Welt von Antoine nicht grausam und hasserfüllt, im Gegenteil: In einer wunderbaren Szene nimmt Antoine seinen kleinen Neffen auf den Arm, der sich in eine Party der Jugendlichen eingeschlichen hat, und tanzt mit ihm durch den Raum. Antoine ist ein junger Mann, der mit seinen Emotionen nicht viel anfangen kann, der sie nicht einordnen und kanalisieren kann. Der Film erklärt, ohne dabei den moralischen Zeigefinger zu heben, wie die Lebenswelt der Menschen aussieht, die anfällig sind für die einfachen, marktschreierischen Lösungen der Populisten, jene Menschen, die sich nicht verstanden fühlen, denen man nicht zuhört, und die vielleicht auch überfordert sind, wenn man ihnen mal Gehör schenkt. So kann auch Antoine mit der Aufmerksamkeit der Schriftstellerin nicht viel anfangen, und seine Reaktion darauf ist unangemessen und hilflos gleichermaßen. Aber der Weg zur Erkenntnis ist oft beschwerlich, und hierzu sendet der Film ein positives Signal. Es sind die kleinen Schritte, die zählen. Es sind die Momente, wenn man begreift, dass es andere Lösungen gibt als die, die einem von den populistischen Schreihälsen in den Kopf gehämmert werden. Ein sehr sehenswerter und ausgewogener Film, der ein Problem und einen Ausweg daraus bezeichnet, ohne dabei parteiisch zu sein.


7,5
von 10 Kürbissen

Donkeyote (2017)

Regie: Chico Pereira
Original-Titel: Donkeyote
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Donkeyote


„Donkeyote“ ist in mehrfacher Hinsicht ein ungewöhnlicher Film: Erzählt wird die Geschichte des pensionierten Manolo, der seine Zeit damit verbringt, mit seinen Hunden und seinem Esel Gorrión Wanderungen zu unternehmen. Nun hat er sich in den Kopf gesetzt, die Route der Cherokee-Indianer in den USA nachzugehen, die diese eingeschlagen haben, als sie vertrieben wurden. Das Problem dabei: Manolo lebt in Andalusien, Spanien, also nicht gerade ums Eck. Ebenfalls ungewöhnlich ist, dass es sich hierbei um einen Dokumentarfilm handelt. Und auch bemerkenswert ist die Nähe des Filmers zu Manolo, er ist nämlich dessen Neffen, und zeichnet so das sehr intime Porträt eines Menschen, der seinen eigenen Weg geht. Dabei wird auch angedeutet, dass es in der Familie nicht immer harmonisch zugeht, dass der störrische Manolo da vielleicht auch die eine oder andere Brücke hinter sich abgerissen hat. Der Film lebt aber weniger von den Beziehungen der Menschen untereinander, sondern von der Beziehung zwischen Manolo und seinen Tieren. Er macht sich tatsächlich mit Gorrión und seinem Hund Zafrana auf den Weg nach Sevilla, um dort sich selbst und seine Tiere einzuschiffen. Das Problem bei der Geschichte: Er weiß weder, wie er die teure Überfahrt finanzieren soll, noch, was er alles an Behördenkram zu erledigen hat. Und während der Wanderung nach Sevilla kommen ihm, dem Unbeirrbaren, allmählich Zweifel.

„Donkeyote“ ist ein sehr stiller, bedächtiger Film, in dem nicht viel passiert. Chico Pereira zeigt seinen Onkel und die beiden Tiere auf der Wanderung – mal in der Sonne, mal im Regen. Sie campieren, sie gehen, sie machen flüchtige Bekanntschaften, sie gehen weiter. Währenddessen versucht Manolo, Englisch zu lernen. So gesehen ist der Film inhaltlich ein wenig dürftig, aber was ihn dann doch wieder heraushebt aus der Belanglosigkeit und zu einem Vergnügen macht, ist, dass sowohl Manolo selbst als auch seine tierischen Begleiter, vor allem Gorrión, echte Persönlichkeiten sind, denen man gerne zusieht. Ja, dieser Esel hat Charisma, und die liebevolle Beziehung zwischen den drei Wanderern zeigt ein blindes Verständnis füreinander, das gleichzeitig ein Plädoyer für einen freundlicheren und respektvolleren Umgang mit uns selbst, mit unserem Umfeld und auch mit der Natur und den Geschöpfen darin ist. Ein warmherziger Film über einen modernen Don Quijote und seinen vierbeinigen Sancho Pansa.


6,5
von 10 Kürbissen

Before We Vanish (2017)

Regie: Kiyoshi Kurosawa
Original-Titel: Sanpo Suru Shinryakusha
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Science Fiction
IMDB-Link: Sanpo Suru Shinryakusha


Die Story ist irgendwo angesiedelt zwischen „Die Körperfresser kommen“ und „The Arrival“, dem 90er-Jahre Sci-Fi-Film mit Charlie Sheen. Irgendwie benimmt sich Shinji seltsam, findet Ehefrau Narumi. Was sie nicht weiß: Shinji ist nicht mehr wirklich Shinji, denn ein Alien hat Besitz von seinem Körper und Geist genommen, und es gibt noch zwei weitere solche Vögel, die durch Japan streifen und sich gegenseitig suchen. Wenn sie sich gefunden haben, beginnt die große Invasion. In der Zwischenzeit studiert man halt sein Invasionsobjekt, und die Besucher tun dies, indem sie Menschen verschiedene Konzepte (wie zB das Konzept „Arbeit“) imaginieren lassen und dann deren Bilder aus dem Kopf holen, indem sie den Menschen auf die Stirn tippen. Ein blöder Nebeneffekt ist, dass dadurch das Konzept vollständig aus dem Kopf des jeweiligen Menschen verschwindet, diese also immer ahnungsloser werden, bis sie nur noch mit einem seligen Grinsen vor dem Fernseher sitzen. Auch irgendwie nicht so schlecht, möchte man meinen. Aber gut, so ein bisschen mehr Persönlichkeit wäre schon ganz gut, so kennen und mögen wir das ja, und was die Eindringlinge ebenfalls vorhaben (und auch gar nicht verschweigen): Bis auf ein paar „Muster“ ist für die Menschheit nach der Invasion kein Platz mehr. Soweit also die eigentlich sehr interessante Grundidee, die viel Spannung hergäbe. Konjunktiv. Weil: Das tut der Film nicht. Stattdessen ist „Before We Vanish“ ein langweiliges und langatmiges B-Movie, dessen Special Effects direkt aus der Schmiede solcher seltsamen TV-Kanäle wie SyFy kommen dürften, und in denen im Grunde die ganze Handlung von den Protagonisten behauptet wird, ohne dass sie tatsächlich auch mal stattfindet. Extrem viel verschenktes Potential. Eher ärgerlich.


4,5
von 10 Kürbissen

3/4 (2017)

Regie: Ilian Metev
Original-Titel: 3/4
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama
IMDB-Link: 3/4


Ich mache für Ilian Metevs Film „3/4“ mal eine Ausnahme – und zwar erzähle ich in meiner Review den ganzen Plot und nehme dafür massive Spoiler in Kauf. Ich weiß, ich weiß, das macht man nicht, aber nachdem ich nun eine Nacht darüber geschlafen habe, bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass man dem Film nur auf diese Weise gerecht werden kann. Hier also der Plot von „3/4“: Ein Professor kocht Essen, seine Tochter spielt Klavier, sein Sohn läuft mit einem Schulfreund durch die Gegend, manchmal sitzen alle drei herum oder gehen spazieren, und es werden viele Türen gefilmt. Nicht mal unsympathisch, das Ganze, aber im online-Lexikon steht neben „pointless“ der IMDB-Link zu diesem Film. Dieses Meisterwerk muss ich mir definitiv auf DVD besorgen, denn es ist die ultimative Einschlafhilfe. Selbst in der Nachmittagsvorstellung fiel es schwer, die Augen offen zu halten, und trotz ökonomischer Laufzeit schaffte es der Film, den Saal allmählich leer zu spielen. Geblieben sind diejenigen, die es eben nicht geschafft haben, sich rechtzeitig von den Sitzen zu erheben und stattdessen selig eingeschlummert sind.


2,5
von 10 Kürbissen

Downsizing (2017)

Regie: Alexander Payne
Original-Titel: Downsizing
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Komödie, Science Fiction
IMDB-Link: Downsizing


Überbevölkerung ist ein Problem. Ein großes sogar. Das sieht auch Alexander Payne so und bietet in seinem neuesten Film „Downsizing“ eine ungewöhnliche Lösung dafür an: Schrumpfen. So lässt sich der amerikanische Durchschnittsbürger Paul Safranek (Matt Damon) auch schrumpfen – denn nicht nur der Körper der Mutigen, die diesen unumkehrbaren Schritt wagen, schrumpfen, sondern auch die Preise, und so eröffnet sich plötzlich auch für den Bürger mit mäßigem Einkommen die Möglichkeit eines Lebens in Luxus. Blöd nur, wenn sich dann die Dinge doch anders entwickeln als geplant. Aber vielleicht kann der exzentrische und etwas windige Nachbar Dusan (herrlich: Christoph Waltz als Lebemann und Partytiger) helfen. Und als Paul dann noch die Bekanntschaft mit der zwangsgeschrumpften vietnamesischen Aktivistin Ngoc Lan (Hong Chau) macht, zeigt sich allmählich, dass man mit Downsizing zwar einige Probleme verkleinern kann, aber ganz weg bekommt man sie halt auch nicht.

Die Filmidee ist nicht unbedingt neu. „Liebling, wir haben die Kinder geschrumpft“ ist einer meiner liebsten Kindheitsfilme – und die perspektivische Änderung und dieses Nebeneinander von Groß und Klein, auf dem der Humor der 80er-Jahre-Komödie aufbaut, sorgt auch in „Downsizing“ für gelungene Komik-Einlagen. Hier bekommt die Idee aber einen gesellschaftlich relevanten Anstrich, und auch wenn Paynes Film dann eine andere Richtung einschlägt als man es ursprünglich erwartet, nämlich ins Private, so bietet er dennoch an vielen Stellen und über das bloße Betrachten hinaus spannende Gedankenansätze, die man dann gerne weiterverfolgt. „Downsizing“ macht vielleicht nicht alles richtig, so verfolgt er vielleicht gleichzeitig auch zu viele Storylines für einen einzigen Film, aber er ist richtig gut gemachte, intelligente Unterhaltung, die trittsicher zwischen Situationskomik und Anspruch wandelt. Die Idee, wie gesagt, ist großartig und regt zum Weiterdenken an. Auch die Welt im Kleinen, die Alexander Payne zeigt, ist konsequent durchgedacht und irrsinnig gut aufgebaut. Ich wittere – neben der Nominierung für das beste Drehbuch und vielleicht auch bester Film, beste Regie, Christoph Waltz und Hong Chau – eine Oscar-Nominierung für das Bühnenbild. So ist der Film auch über eine Laufzeit von deutlich über zwei Stunden immer interessant und reiht sich nahtlos ein in die Liste toller Filme von Alexander Payne, bei dem man, wie sich auch hier zeigt, jederzeit bedenkenlos zugreifen kann.


 

7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Constantin)

Thousand Cuts (2017)

Regie: Eric Valette
Original-Titel: Le Serpent Aux Mille Coupures
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Thriller
IMDB-Link: Le Serpent Aux Milles Coupures


Manche Menschen haben es echt nicht leicht im Leben. Wie beispielsweise der farbige Farmer Omar. Der lebt mit seiner Frau und seiner entzückenden Tochter in einem Dorf in Südfrankreich und könnte sich dort seines Lebens erfreuen, wären da nicht die fremdenfeindlichen Nachbarn, die ihm rassistische Botschaften an die Stalltür schreiben und das Vieh abschlachten, und wäre da nicht der Fremde, der eines Tages verletzt in ihr Haus kommt und die Familie als Geiseln nimmt. Ja, es gibt so Tage im Leben, da denkt man sich: Warum bin ich überhaupt aufgestanden. Aber noch blöder, wenn das noch nicht alles ist, sondern der grimmige und schlecht gelaunte Geiselnehmer auch noch finstere Gestalten der südamerikanischen Drogenmafia an seiner Ferse heften hat, am finstersten von allen der völlig irre Auftragskiller aus Asien, der seine Opfer am liebsten mit der Methode der „Tausend Schnitte“ foltert und tötet – sehr zum Missfallen des Magens seines (unfreiwilligen) Mitarbeiters, der sich einige Male im Laufe des Films entleert (und mancher Zuseher kann angesichts der drastischen Bildhaftigkeit einiger Folter- und Tötungsszenen da durchaus nachempfinden, wie’s dem Kerl geht). So richtig was los im Dorf ist aber erst, wenn auch noch die Farmer zu ihrer persönlichen Vendetta ausreiten. Dann hat man bald mal ein prächtiges Durcheinander. „Thousand Cuts“ ist ein durchaus spannender und plastischer Thriller, der sich nicht lange mit Vorgeplänkel aufhält, sondern gleich mal aufs Gas steigt. Nachteil der Sache: Über die Figuren und deren Hintergründe und Motivationen erfährt man als Zuseher fast nichts. „Handlungsgetrieben“ nennt man das im Fachjargon. Leider ist das auch die große Schwachstelle des Films, denn auch wenn er gut zu unterhalten weiß, bleibt er unterm Strich dann doch ein recht gewöhnlicher Thriller, dem auch noch die Nähe zu seinen Figuren fehlt. Eh ganz okay, aber das war’s dann auch schon.


5,5
von 10 Kürbissen

Casting (2017)

Regie: Nicolas Wackerbarth
Original-Titel: Casting
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Komödie
IMDB-Link: Casting


Die Regisseurin Vera möchte eine Neuverfilmung von eines Fassbinder-Films realisieren. Sie kommt aus dem Dokumentarbereich und hat klare Vorstellung, wie für sie die Hauptrolle der Petra von Kleist gespielt werden soll. Das Problem: Die Schauspielerinnen, die sie zum Casting einlädt, entsprechen dieser Vorstellung nicht, sehr zum Missfallen von Produzenten und Castingdirektorin, die den Drehbeginn in wenigen Tagen stark gefährdet sehen. Die Nerven liegen blank im Studio. Nur dem Anspielpartner Gerwin, der bis zum Eintreffen der männlichen Hauptrolle in den Castings die Rolle übernimmt, kann das nur recht sein – denn während er an der Rolle des Karl arbeitet, stellt er fest, wie viel Spaß es ihm macht und dass es ja eigentlich ganz nett wäre, selbst mal wieder vor der Kamera zu stehen.

„Casting“ von Nicolas Wackerbarth ist in mehrfacher Hinsicht ein bemerkenswerter Film: Zum Einen, weil es nur ein Treatment, aber kein fest vorgegebenes Drehbuch gab. Fast alles war Improvisation. Zum Anderen, weil der Film sehr mit doppelten Böden arbeitet. Immer wieder greifen die gespielten Casting-Szenen und die Realität der Figuren ineinander. Welche Emotion ist echt, welche nur gespielt? Und auch die Tatsache, dass mit Ausnahme des von Andreas Lust gespielten Gerwig (der offen schwul ist) alle Hauptrollen mit Frauen über 40 besetzt sind, hebt den Film wohltuend von vielen anderen Werken ab. Der Film reflektiert über den künstlerischen Schaffensprozess, über die Lücke zwischen Anspruch und Realisierbarkeit und wie diese Lücke zu einer Entscheidungsunwilligkeit führen kann, die den Prozess weiter hemmt, über Träume und Ziele und gleichzeitig über Illusionen. Dabei ist „Casting“ wahnsinnig komisch und hintergründig, was vor allem dem gut aufgelegten Cast zu verdanken ist. Zwar ist der Film nicht ganz frei von Klischees, aber klug genug, diese zu bemerken und mit ihnen zu spielen. Ein gut unterhaltender Meta-Film über das Filmemachen.


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Stadtkino Filmverleih)

Person to Person (2017)

Regie: Dustin Guy Defa
Original-Titel: Person to Person
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Episodenfilm, Komödie
IMDB-Link: Person to Person


„Person to Person“ von Dustin Guy Defa ist ein Film, der ein wenig aus der Zeit gefallen scheint. Die Art und Weise, wie sich die Charaktere anziehen, mit welchen Dingen sie zu tun haben (analoge Uhren, Schallplatten, uralte Vespas), die Unschuld, die durch ihre Handlungen und Dialoge schimmert, wenn zB der Schallplattensammler den auf einem Fahrrad flüchtenden Typen, der ihn übers Ohr gehaut hat, ebenfalls mit dem Fahrrad verfolgt, die Musik und schließlich die Tatsache, dass auf Filmrolle gedreht wurde, verortet den Film eher in den 70ern als in der heutigen Zeit. Auch wenn das vom Regisseur, wie er im Q&A freimütig zugab, gar nicht geplant war. Und vielleicht unterstreicht das auch die Ursache für das Hauptproblem, das der in New York angesiedelte Episodenfilm hat: Er wirkt etwas unfokussiert. Eh alles ganz nett und erbaulich, sehr sympathisch auch, dieses Understatement in den stilisierten Dialogen, diese teils recht schrulligen Charaktere – ja, dem sieht man gerne zu. Aber man fragt sich am Ende doch: Wozu? Was war jetzt die Geschichte? Da gibt es die schon erwähnte Episode mit dem Schallplattensammler, der geprellt wird. Da gibt es das altkluge, leicht misanthropische Mädchen, das eher auf Mädchen steht und nicht ganz verkraftet, dass ihre beste Freundin mit ihrem neuen Freund herummacht, während sie auf der Couch hockt. Dann den Burschen, der – aus welchen Gründen auch immer – Nacktfotos seiner Freundin ins Internet gestellt hat und das nun bitterlich bereut. Da gibt es die Möchtegernjournalistin an ihrem ersten Tag und ihren seltsamen, nerdigen Boss, die einen Mordfall aufdecken möchten, und die Neue stellt bald fest, wie wenig ihr das Schnüffeln liegt. Und am Ende des Films und damit aller Episoden steht bei jedem so eine kleine positive Erkenntnis. Wie gesagt: So sympathisch der kleine New York-Film auch wirkt, so harmlos und letztendlich belanglos ist er auch.


5,5
von 10 Kürbissen

Mr. Long (2017)

Regie: SABU
Original-Titel: Ryu San
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Komödie, Thriller
IMDB-Link: Ryu San


Manchmal geht auch beim besten Auftragskiller etwas schief – und das bedeutet halt gleich mal Gefahr für Leib und Leben. So kann sich der stoische taiwanesische Killer Mr. Long bei einem missglückten Auftrag in Tokio nur knapp vor der japanischen Yakuza in Sicherheit bringen und landet verletzt in einem verlassenen Haus in einer Kleinstadt. Japanisch sprechen kann er nicht, doch unverhofft kommt oft – und so greift ihm bald ein kleiner Junge, der Sohn einer drogensüchtigen Ex-Prostituierten, unter die Arme. Und dann die ganze Nachbarschaft, als sie entdeckt, dass in Mr. Long ein begnadeter Koch schlummert. So verschiebt sich der Fokus des schweigsamen Helden allmählich von der Aufgabe weg, möglichst schnell genügend Geld zusammenzubekommen, um zurück nach Taiwan zu gelangen, und hin zur Frage, ob man hier nicht ein bisschen Ruhe und Frieden finden kann. Doch der Teufel schläft bekanntlich nicht, und das tun auch nicht die japanische Yakuza oder unerfreuliche Bekanntschaften der Mutter des Jungen aus der Vergangenheit. Die – an sich recht klischeehafte – Geschichte erzählt „Mr. Long“ als Mix diverser Genres, die fließend ineinandergreifen. Da ist am Anfang der blutige Thriller mit schwarzhumorigem Einschlag, der durchaus aus der Feder von Tarantino stammen könnte. Dann ist da die Andeutung eines Buddy-Movies zwischen Mr. Long und dem kleinen Jungen. Die Nachbarn sorgen für Slapstick-Humor. Und schließlich wird noch eine zarte, gefühlvolle Liebesgeschichte reingepackt, bevor es am Ende wieder blutig wird. Und das funktioniert überraschenderweise richtig gut. Denn in allen Aspekten entwickelt „Mr. Long“ einen unglaublichen Sog und teils eine große, emotionale Wucht im Kleinen – in den Gesten, wenn sich der eiskalte Killer Mr. Long beispielsweise über einen gelungenen Home-Run seines jungen Freunds beim Baseballspiel freut, sich dies aber, weil er ja als dieser knallharte, schweigsame Typ wirken will, nicht anmerken möchte. Auch ist der Film konsequent – in dem, was er seinen Figuren antut und auch in dem, was er ihnen vorenthält. Phasenweise wirkt „Mr. Long“ dennoch nicht ganz ausbalanciert, und die Genreklischees, auf die der Film aufbaut, sind manchmal auch ein bisschen gar überstrapaziert. Aber sei’s drum, auch mein zweiter Viennale-Film 2017 kann jedenfalls weiterempfohlen werden.


7,5
von 10 Kürbissen

Lucky (2017)

Regie: John Carroll Lynch
Original-Titel: Lucky
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Lucky


Der Auftakt der diesjährigen Viennale ist ein ganz besonders intimer Film und gleich zu Beginn ein absolutes Highlight. „Lucky“ von John Carroll Lynch ist gleichermaßen eine Hommage an den im September verstorbenen Harry Dean Stanton wie auch dessen letztes großes Werk, mit dem der legendäre Nebendarsteller am Ende noch seinen großen Auftritt hat. Harry Dean Stanton ist Lucky. Lucky ist Harry Dean Stanton. Schwierig, die beiden auseinanderzuhalten, aber das ist auch gar nicht nötig. Eine Geschichte gibt es nicht wirklich. Lucky macht in der Früh seine Yoga-Übungen, bevor er sich eine Zigarette anzündet und durch die Kleinstadt in der Wüste schlendert. Er hat seine Rituale. Am Abend kippt er noch eine Bloody Mary in der Dorfkneipe und lauscht seinen Freunden, wie sie Geschichten erzählen über die Liebe und über Verlust. Es sind kleine existentialistische Schlaglichter, die John Carroll Lynch auf seinen Helden und dessen Umfeld wirft. Doch Lucky, der trotz seiner 90 Jahre und den vielen Zigaretten erstaunlich fit ist und auch im Krieg, obwohl er auf einem Panzerlandungsschiff, einem LST („Landing Ship Tank“, oder wie er es bezeichnet „Large Slow Target“), stationiert war, wie durch ein Wunder nie beschossen wurde, ein echter Glückspilz also, kippt eines Tages einfach um und stellt dabei fest, dass er alt ist. Der stoische Außenseiter, der generell ein wenig der Welt entrückt wirkt, wird plötzlich mit seiner eigenen Sterblichkeit konfrontiert und entdeckt etwas an sich, das ihm bis dato unbekannt war: Angst. Aber Lucky wäre nicht Lucky, wenn er sich nicht dennoch gleichmütig die nächste Zigarette anzünden und versuchen würde, das Beste aus seiner Situation zu machen. „Lucky“ ist ein warmherziger Film voller liebenswerter Figuren, und dennoch behandelt der Film – ohne Sentimentalität – die dringlichsten Fragen, denen wir uns alle ausgesetzt fühlen: Einsamkeit, Altern, dem Verschwinden. Was bleibt von uns, wenn die Momente, in denen wir existieren, übergehen in das große Nichts? Wie gehen wir damit um, dass letztlich alles bedeutungslos ist? Lucky findet seine Antworten, und wenn am Ende Harry Dean Stanton direkt in die Kamera lächelt, ist das etwas, das überdauern wird. Er dreht sich um und geht, und unsere Herzen gehen mit ihm.


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Polyfilm)