Variety (1983)

Regie: Bette Gordon
Original-Titel: Variety
Erscheinungsjahr: 1983
Genre: Drama, Thriller
IMDB-Link: Variety


Im Rahmen von Retrospektiven von Filmfestivals kann man Filme sichten, von denen man noch nie gehört hat und die man auch sonst nirgends finden kann. Manchmal entdeckt man dabei wunderbare Perlen wie zum Beispiel die Filme von Roberto Minervini, die auf der Viennale letztes Jahr gezeigt wurden. Und manchmal hockt man in so etwas wie Bette Gordons „Variety“. Das Leben ist bunt. Das trifft auch für die Heldin Christine (Sandy McLeod) zu, eine ätherische Schönheit in bester amerikanischer Cheerleader-Optik, also hübsch, aber brav, die aus Geldknappheit einen Job als Kartenverkäuferin eines Kinos annimmt. Der Clou dabei: Bei jenem Lichtspieltheater handelt es sich um ein Pornokino, das zwar dafür, wie man sich so ein klassisches Pornokino vorstellt, überraschend wenig abgeranzt wirkt und auch die Kundschaft weiß sich bis auf gelegentliches Betätscheln der Hand zu benehmen, zudem springt auch noch ein junger Luis Guzmán mit beeindruckendem Afro durchs Bild, um die Schöne zu beschützen, aber es ist eben ein Etablissement, in dem die junge und naive Christine erst mal fehl am Platz wirkt. Das findet auch ihr Freund Mark (Will Patton), der schon bald gewisse Veränderungen an Christine bemerkt. Wenn sie ihm nämlich ungeniert von Fantasie übers Schnackseln erzählt. Denn natürlich heizt das Pornokino das Gemüt der Heldin an, und schon bald träumt sie sich in eine Welt voller Sex, Abgründe und dunkler Machenschaften. So spioniert sie eines Tages einem Stammkunden, einem distinguierten Geschäftsmann, hinterher und scheint da allerlei Ungereimtheiten zu entdecken. Doch was ist Realität, was ist Fantasie? „Variety“ ist ein Versuch aus den 80er Jahren, verruchte Neonröhren-Ästhetik, Dauerwellen und Leggings mit einer erotisch aufgeladenen Film Noir-Atmosphäre zu verbinden. Das Problem dabei ist: Damit ist er einer von geschätzt 1.000 Filmen, die genau das versuchten. Und auch wenn es hier mehr um die weibliche Fantasie als den Thrill geht, so entlockt das Geständnis, dass auch Frauen von Sex träumen, heute keinem mehr als eine müdes Gähnen. Ein Film, der nicht besonders gut gealtert ist.


4,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Kino Lorber)

Idol (2019)

Regie: Lee Su-Jin
Original-Titel: Woo Sang
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Thriller
IMDB-Link: Woo Sang


Berlin. Die Sonne lacht vom Himmel, mit federnden Schritten erscheine ich im Grand Hyatt Hotel am Potsdamer Platz, wo das Pressebüro der Berlinale untergebracht ist, „lasst mich mal durch, ich gehöre hier dazu“, und einige Minuten später stolziere ich mit meinem Akkreditierungs-Badge wie ein Pfau an der ewig langen Schlange vor dem Ticketschalter im CineStar-Kino vorbei, „ja, ich bin Presse“, und bemitleide den armen Pöbel ein wenig, ich würde so etwas ja nie machen, mich stundenlang in eine Warteschlange für Kinotickets für ein Filmfestival zu stellen, vielleicht sogar in aller Herrgottsfrüh aufzustehen, um extra früh da zu sein, gell, Viennale? Husthust. Meine Erstsichtung auf der diesjährigen Berlinale, die ich dieses Jahr nur die letzten paar Tage besuchen kann, ist auf den Film „Idol“ von Lee Su-Jin gefallen. Es beginnt also in Südkorea. Und dort hat ein hochrangiger Politiker erst einmal ein kleines Problem, weil der Spross mit dem Auto einen Jungen umgemäht hat. Der Lösungsansatz der Ehefrau und Mutter wäre ja ein ganz praktikabler: Man schrubbt das Blut von der Karre und versenkt das Opfer irgendwo still und heimlich im Nirgendwo. Aber weil sich der Politiker als moralischer Mensch sieht, geht das so nicht, also muss sich der Nachwuchs der Polizei stellen und das Opfer bringt man schön wieder dorthin, wo man es gefunden hat. Bleibt immer noch ein Unfall mit Fahrerflucht, aber solange niemand etwas Anderes gesehen hat, kommt man damit glimpflich davon. Nur stellt sich schon bald heraus: Es hat jemand etwas gesehen. Die Frau des Opfers nämlich, die als illegale Einwanderin panisch die Flucht vom Tatort ergriffen hat. Der Vater des Opfers und der Vater des Täters suchen die nun beide gleichermaßen – aus unterschiedlichen Gründen. Und so entspinnt sich bald ein Katz-und-Maus-Spiel, das dank dunkler Motive und der Beteiligung weiterer Protagonisten immer verworrener und blutiger wird. „Idol“ ist ein Film, der durchaus interessant anzusehen ist, aber wenn irgendjemand den Film mal sehen und tatsächlich verstehen sollte, bitte ich um sachdienliche Hinweise. Je weiter der Film fortschreitet, desto planloser wurde ich beim Sichten. Ich habe mich zwar nicht gelangweilt, aber eine kohärente Zusammenfassung der Handlung könnte ich keine geben. Deshalb schreibe ich lieber über die Abholung von Presse-Badges und das Berliner Wetter, um die Zeilen zu füllen.


5,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Vill Lee Film)

Mein Herz – Niemandem! (1997)

Regie: Helma Sanders-Brahms
Original-Titel: Mein Herz – Niemandem!
Erscheinungsjahr: 1997
Genre: Drama, Biopic, Experimentalfilm
IMDB-Link: Mein Herz – Niemandem!


Mit Unter dem Pflaster ist der Strand war mein Erstkontakt mit der Filmemacherin Helma Sanders-Brahms ein durchaus interessanter und erfreulicher. So war ich durchaus gespannt auf ihre Verfilmung der Liebelei zwischen den deutschen Dichtergrößen Else Lasker-Schüler (Lena Stolze) und Gottfried Benn (Cornelius Obonya). Wie für Helma Sanders-Brahms üblich wird die Geschichte halb dokumentarisch, halb inszeniert erzählt. Historische Fotos werden in die Handlung hineingeschnitten und aus dem Off kommentiert. Dazu kommt eine reduzierte, spartanische Inszenierung mit Schauspielern vor Kulissen, die an Schülertheater erinnern. Kann ja funktionieren, so ein minimalistischer Ansatz, tut er hier aber nicht. Denn das historische Setting, das verzweifelt mit geringsten Mitteln heraufbeschworen wird, will sich einfach nicht einstellen und unterläuft damit die Glaubwürdigkeit der Figuren. Dazu kommt erschwerend, dass diese Figuren einfach schnarchlangweilig sind und im schlimmsten Fall ohne Qualitätsverlust durch Pappfiguren ersetzt werden könnten (gilt für alle Nebenfiguren). Am interessantesten ist noch Lena Stolzes Else Lasker-Schüler, aber auch sie bleibt austauschbar und motivationslos. Gottfried Benn ist einfach nur ein Unsympathler, dem man die Genialität zu keinem Zeitpunkt abnimmt. Und irgendwie ist es wirklich völlig wurscht, was die Figuren sagen, denn keine der Dialogzeilen hilft dabei, die Figuren besser zu verstehen – selbst wenn es sich um historische Zitate handelt. So werden Else Lasker-Schüler und Gottfried Benn wie Spielfiguren in einem Spiel verschoben, dessen Regeln niemand kennt und niemand versteht. Helma Sanders-Brahms vielleicht, das wage ich ja schon zu hoffen, aber leider hat sie vergessen, dem Film eine Spielanleitung beizulegen. Daher eine 1-Stern-Rezension bei Amazon: „Produkt leider mangelhaft, wird wieder retourniert.“


2,5
von 10 Kürbissen

Joy (2018)

Regie: Sudabeh Mortezai
Original-Titel: Joy
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama
IMDB-Link: Joy


Man hat’s nicht leicht mit dem österreichischen Film. Wenn man versehentlich ein Werk wie „Joy“ von Sudabeh Mortezai in der falschen Stimmung ansieht, schlittert man ungebremst in eine veritable Existenzkrise. Die richtige Stimmung für einen solchen Film: Euphorisch, aufgekratzt, wie auf Wolken schwebend. Denn der Film zieht einen unweigerlich hinunter, sodass man Ende wie ein begossener Pudel aus dem Kino schleicht. Und jetzt stellt euch mal vor, was passieren würde, ginge man bereits mit einer depressiven Grundstimmung da hinein. Ich will es mir lieber nicht ausmalen. Jedenfalls ist „Joy“ ein interessanter Beitrag, aber schwere Kost. Der Film zeigt in seinem dokumentarisch wirkenden Ansatz (der leider dramaturgisch auch zu Verschleppungen und Redundanzen führt) das Leben der Wiener Prostituierten Joy, die über einen Schlepperring von Nigeria nach Österreich kam und nun die Schulden bei ihrer Zuhälterin abstottern muss. Das System ist fies. Jungen Mädchen werden in Nigeria Versprechungen von hochbezahlten und guten Jobs als Dienstmädchen, Köchinnen und Reinigungskräften in Aussicht gestellt, dann verlangt man für den Transfer nach Europa mehr, als sie sich jemals leisten können, also stehen sie bei ihren künftigen Zuhältern von Anfang an in der Kreide. Damit die Mädels nicht auf dumme Gedanken kommen, belegt sie eine Art Voodoo-Priester noch mit einem Fluch, der dafür sorgt, dass es ihrer Familie an den Kragen geht, wenn sie vor Rückzahlung des letzten Cents abhauen. Joy, die schon lange Jahre anschafft, ist ein alter Hase und weiß sich mittlerweile zu wehren. Sie bekommt die junge Precious unter ihre Obhut gestellt, um die sie sich fortan kümmern muss. Der Film zeigt dabei so ziemlich alle Widrigkeiten, die einer afrikanischen Prostituierten am Wiener Straßenstrich widerfahren können. Nichts wird ausgespart. Und trifft immer wieder die Magengrube des Zusehers. All das wirkt gut recherchiert und glaubhaft – und damit umso erschreckender. Leider aber schleppt sich der Film dramaturgisch mit einem Hinken durch seine Laufzeit. Viele einzelne Szenen greifen nicht wirklich ineinander, vieles hätte man auch einfach aussparen können. Aber dennoch ein durchaus sehenswerter Film – wenn man ihn eben, siehe oben, in einer gefestigten Stimmung sieht.


6,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen)

Green Book – Eine besondere Freundschaft (2018)

Regie: Peter Farrelly
Original-Titel: Green Book
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Komödie, Roadmovie, Biopic
IMDB-Link: Green Book


Kritiker und die Oscar-Academy lieben den Film. Meine gute Freundin Elke, unerreichtes Vorbild cineastischer Expertise, hasst ihn. Wie so oft liegt die Qualität des Films wohl irgendwo dazwischen. Jedenfalls war ich arg neugierig auf den Film, der Peter Farrelly, dem lustigen Krachmacher, plötzlich so etwas wie eine ernst zu nehmende Reputation beschert hat. Erzählt wird die Geschichte von Tony Lip (Viggo Mortensen), einem ungehobelten italoamerikanischen Türsteher mit rassistischen Vorurteilen, und seinem Boss für zwei Monate: Dr. Don Shirley (Mahershala Ali), ein brillanter Pianist, der sich einbildet, eine Konzerttour durch den Süden der USA zu machen. Also engagiert er Tony Lip als Fahrer. Das Problem bei der Sache ist die Jahreszahl. 1962. Und so sehr Dr. Shirley auch hofiert wird, Konzerte zu geben, vor Ort kommt auch er nicht gegen rassistische Ressentiments an. Dazu gehört beispielsweise, dass er nicht die Toilette im Haus benutzen darf, sondern mit dem Plumpsklo im Garten vorlieb nehmen muss. Diese Vorurteile stehen im krassen Kontrast zum kultivierten Auftritt des Musikers, der selbst aufgrund seiner Hautfarbe einige gröbere Identitätsprobleme mit sich herumschleppen muss. „Green Book“ bezieht seinen Humor wie auch seine Tragik aus dem gekonnt inszenierten Kontrast zwischen den beiden Hauptfiguren. Gerade das Zusammenspiel der beiden und das Unterlaufen von Erwartungshaltungen, was die Figurenkonstellation betrifft, führt dazu, dass der Rassismus, dem sich beide gegenüber sehen, umso wirkungsvoller zur Geltung kommt. Allerdings schafft es der Film nicht, gröbere Klischeefallen zu vermeiden. Und das Ende ist hollywoodtauglich zuckersüß. Das Problem bei der Sache: Man geht danach mit einem guten Gefühl aus dem Kino und vergisst dabei auf das Leid, das Minderheiten zur damaligen Zeit erfahren haben und auch heute noch erfahren. Dieses Leid kleistert der Film einfach zu. So gesehen ist „Green Book“ zwar ein nett anzusehender Feelgood-Film mit ernstem Thema, aber zu leichtgewichtig, um als großer Wurf durchzugehen. Hollywood liebt den Film dennoch (oder vielleicht auch gerade deshalb). Und immerhin: Die schauspielerischen Leistungen sind in der Tat oscarwürdig.


6,5
von 10 Kürbissen

Das Mädchen Wadjda (2012)

Regie: Haifaa Al Mansour
Original-Titel: Wadjda
Erscheinungsjahr: 2012
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Wadjda


Die Geschichte eines Fahrradkaufs. Ein 11jähriges Mädchen möchte den neuesten Flitzer käuflich erwerben und sinnt daher darüber nach, wie es am besten zu Geld kommen kann. Das klingt erst mal recht unspektakulär. Wenn die Geschichte allerdings im stock-konservativen Saudi-Arabien stattfindet und das vorwitzige Mädchen, das vor allem bei den streng muslimischen Lehrerinnen ununterbrochen aneckt, ausgerechnet darauf verfällt, einen Zitierwettbewerb zum Koran zu gewinnen, um das Preisgeld für den Fahrradkauf einzustreifen, und wenn man auch noch berücksichtigt, dass in Saudi-Arabien Frauen nicht Fahrradfahren, denn das macht man einfach nicht als Frau, dann wird aus dieser banalen Geschichte recht schnell ein subversiver Spaß. „Das Mädchen Wadjda“ von Haifaa Al Mansour war nicht nur der erste Film Saudi-Arabiens, der von einer Frau gedreht wurde, sondern 2012 auch ein weltweiter Kassenknaller und Festivalerfolg. Allerdings stellt sich bei mir trotz der unbestrittenen Qualitäten, die der leichtfüßige und humorvoll erzählte Film hat, dann doch die Frage, ob er für ähnliche Furore gesorgt hätte, wäre er von einem Mann oder in einem anderen Land gedreht worden. Es ist sehr löblich und wichtig, dass Haifaa Al Mansour mit dem Film ein Zeichen setzen konnte, aber dass „Das Mädchen Wadjda“ es gleich unter die „1001 Filmen, die man gesehen haben muss, bevor das Leben vorbei ist“ geschafft hat, ist dann vielleicht doch ein bisschen zu viel der Ehre für diesen netten und unterhaltsamen, aber nicht spektakulären Film. Gesellschaftliche Implikationen mag er gehabt haben, und das ist auch gut so, aber als Meisterwerk für die Ewigkeit sehe ich ihn dennoch nicht an. Nichtsdestotrotz kann man sich damit einen beschwingten Abend machen. Und froh darüber sein, dass wir im Westen zwar auch unsere Kreuze zu tragen haben (pun intended), aber zumindest die Frauen Fahrradfahren dürfen.


7,0
von 10 Kürbissen

Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!

Morgen, am 7. Februar, werden die 69. Internationalen Filmfestspiele Berlin, kurz: Berlinale, eröffnet. Weil ich letztes Jahr brav war und keine Kinosäle demoliert habe, darf ich dieses Jahr erneut mit einer Presseakkreditierung im Gepäck die Festival-Locations unsicher machen. An dieser Stelle ein Dankeschön an das Pressebüro der Berlinale, und das mit dem Geldkoffer bleibt unter uns, gell?

Da der Kürbis aber auch noch mit anderem Gemüse beschäftigt ist, werde ich nur die letzten Festival-Tage vor Ort sein, konkret vom 14. bis 17. Februar. Ich werde natürlich ausführlich darüber berichten. Als Kompensation für die Tage, die ich verpasse, werde ich mich dann rund um die Uhr in die Kinos setzen. Falls ihr zufälligerweise mal neben mir hocken solltet: Ich wäre euch dankbar, wenn ihr dem tief in den Sitz versunkenen Bleichgesicht neben euch gelegentlich mal einen Powerriegel zwischen die kraftlosen Lippen schieben könntet. Auch Reanimationsmaßnahmen können jederzeit gern eingeleitet werden. Besten Dank, vergelt’s Gott!

Und hier noch die bärige Plakatserie der diesjährigen Berlinale. Viel Spaß beim Durchklicken.

 

Fahrenheit 11/9 (2018)

Regie: Michael Moore
Original-Titel: Fahrenheit 11/9
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Fahrenheit 11/9


Der Titel eines berühmten Films von Sidney Lumet mit Henry Fonda lautet „12 Angry Men“. Nun, manchmal braucht es gar keine zwölf wütende Männer, sondern es reicht einer. In diesem Fall Michael Moore. Der hat nämlich mal wieder die Schnauze voll von der politischen Welt, die er rund um sich herum antrifft. Und er stellt sich eine Frage: Wie zur Hölle konnte es passieren, dass Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten werden konnte? Allerdings bleibt er nicht bei dieser Frage und deren Beantwortung. Er geht weiter. Die zweite Frage, die sich nämlich daran anschließend aufdrängt, lautet: Wie geht es nun weiter? Rutschen die Staaten tatsächlich in die Nähe einer Diktatur? Die Bilder, die Moore zeichnet, sind erschreckend. Erschreckend, weil sie konsequent sind. Weil da nicht nur einer mit billigen Polemik herumwirft (das auch, und das ist immer ja einer der Hauptkritikpunkte an Michael Moores Filmen gewesen), sondern weil zwischen dieser Überzeichnung immer wieder die brillante Analyse steckt, die Michael Moore eben auch auszeichnet. Vom Kleinen, vom Einzelfall ausgehend (hier am Beispiel seiner Heimatstadt Flint, Michigan, das aufgrund der Profit- und Machtgier der Regierenden nach und nach mit bleiverseuchtem Trinkwasser vergiftet wird), macht Moore Verbindungen und Strukturen sichtbar, die sonst kaum jemandem auffallen, die aber, wenn man sie einmal gesehen hat, absolut logisch nachvollziehbar sind. Und so ist „Fahrenheit 11/9“ nicht nur eine Abrechnung mit Donald Trump und seinen Verbündeten, sondern vor allem auch die schmerzhafte Obduktion eines kranken Systems, das vielleicht, wenn wir das nicht zu verhindern wissen, noch ärgere Blüten treiben wird, die demokratische Grundwerte zersetzen können. Bei aller Polemik – das, was Michael Moore hier zeigt, ist wichtig und sollte gesehen werden.


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Polyfilm)

Split (2016)

Regie: M. Night Shyamalan
Original-Titel: Split
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Thriller, Horror
IMDB-Link: Split


An kaum einem anderen Regisseur scheiden sich so sehr die Geister wie an M. Night Shyamalan. Während „The Sixth Sense“ zurecht als einer der besten Mystery-Thriller aller Zeiten bezeichnet wird, hat er mit „The Lady in the Water“ und anderem Unfug für größte Verwirrung unter dem Kinopublikum gesorgt. Um es mit einem beliebten Zitat aus „Forrest Gump“ zu sagen: „M. Night Shyamalans Filme sind wie eine Schachtel Pralinen. Man weiß nie, was man bekommt.“ Was man bei Split bekommt, sind zwar keine edel glacierten Trüffelpralinen, aber ein solides Stück Milchschokolade. Ein bisserl fad vielleicht, aber ja, zum Naschen zwischendurch reicht’s. Das liegt vor allem an James McAvoy, der als Mann (und gelegentlich Frau) mit 21 verschiedenen Persönlichkeiten, die sich einen Körper teilen, schauspielerisch so richtig aufdrehen darf. Für so eine Rolle braucht es einen Kapazunder wie den vielseitigen Schotten. Gut, ein Daniel Day-Lewis hätte vermutlich noch 30 Persönlichkeiten mehr herausgeholt, aber an James McAvoy liegt es nicht, dass auch dieses Werk von M. Night Shyamalan nur mit gemischten Kritiken aufgenommen wurde. Ein Problem ist die doch sehr vorhersehbare und überraschungsfreie Story. Gerade diesbezüglich hätte man vom Autor von „The Sixth Sense“ und „Unbreakable“ mehr erwartet. Auch die Schauspielerinnen, die die jungen Teenager-Mädels spielen, die in die Fänge des Herrn mit den vielen Facetten geraten, bieten keinen Mehrwert. Sie sehen hübsch aus. Aber sie sind austauschbar wie Figuren in einem handelsüblichen Teeny-Slasherfilm. Auch die Rückblenden in die Vergangenheit des einen Mädels, das ein bisschen mehr Hirn mitbringt, sind unnütz und tragen nicht zur Erhellung bei. Aber: „Split“ ist dennoch kein schlechter Film. Er unterhält, er hat mit der Darbietung von James McAvoy ein kleines schauspielerisches Glanzlicht und bietet ein interessantes Setting. Aber gemessen an dem, was Shyamalan schon gezeigt hat, ist er leider eine weitere Enttäuschung.


5,5
von 10 Kürbissen

Roma (2018)

Regie: Alfonso Cuarón
Original-Titel: Roma
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama
IMDB-Link: Roma


Ein bisschen überraschend wirkt es auf den ersten Blick ja schon, dass neben The Favourite ein mexikanisches Schwarz-Weiß-Drama, das von Netflix produziert wurde, mit 10 Oscar-Nominierungen der große Favorit der diesjährigen Oscar-Verleihung ist. Donald Trump wird sich ärgern, dass er mit dem Shut-Down nicht nur die Pläne für seine schöne, große Mauer zurückstellen musste, sondern diese mexikanischen Gfraster auch noch den wichtigsten amerikanischen Filmpreis abstauben könnten. Überhaupt: Wenn das so weitergeht, hat bald jeder Mexikaner seinen eigenen Oscar. Iñárritu hat ihn schon. Del Toro hat ihn schon. Cuarón hat ihn auch schon – und jetzt vielleicht gleich noch mal. Und Donald Trump? Wird für die Goldene Himbeere nominiert. Das kann ja nicht mit rechten Dingen zugehen. Oder doch? Wenn man nämlich Cuaróns „Roma“ gesehen hat, wird man erneut darin bestätigt, dass Mexikaner einfach verflucht gute Filme machen. So unspektakulär und banal und gleichzeitig so mitreißend und zutiefst menschlich muss man eine Geschichte erst einmal erzählen können. Im Grunde passiert nicht viel: In atemberaubend komponierten Schwarz-Weiß-Tableaus folgt die Kamera der jungen mixtekischen Haushälterin Cleo (Yalitza Aparicio in ihrer ersten Filmrolle und dafür gleich für einen Oscar nominiert – was ich angesichts ihrer zurückhaltend nuancierten Leistung absolut verstehen kann), die in Zeiten des politischen Umbruchs Anfang der 70er Jahre in Mexiko-City für eine bürgerlichen Familie arbeitet, die es selbst gerade zerreißt, weil der Vater kaum noch zuhause anzutreffen ist und stattdessen lieber mit einer Anderen anbandelt. Die politischen Unruhen spiegeln sich im Privaten. Leidtragende ist die Ehefrau Sofia (Marina de Tavira, ebenfalls zu Recht für einen Oscar nominiert), die ihren drei Kindern eine heile Welt vorspielen muss. Cleo selbst hat bald ein weiteres Problem an der Backe: eine ungewollte Schwangerschaft durch den Kampfsportler Fermín, der nichts von ihr wissen will. Stoisch erträgt sie aber diesen und weitere Schicksalsschläge. „Roma“ ist ein sagenhaft gut ausbalancierter Film. Nichts wird explizit durchgekaut, nichts wird analysiert und interpretiert, weder im Privaten noch was die politische Tragödie betrifft. Cuarón folgt mit seiner Kamera einfach dem Geschehen und lässt die Handlungen der Protagonisten und ihre Gesichter für sich sprechen. Das Ergebnis wirkt organisch und wie aus einem Guss. Wie im wahren Leben kommen die großen Umwälzungen auf leisen Sohlen. Und auch wenn der Film am Ende zu seinem Ausgangspunkt zurückkehrt, so hat sich dennoch etwas verändert bei beiden Frauen, die im Zentrum der Geschichte stehen. Das ist große Kunst.

 


8,5
von 10 Kürbissen