The Woman Condemned (1934)

Regie: Dorothy Davenport
Original-Titel: The Woman Condemned
Erscheinungsjahr: 1934
Genre: Krimi, Drama
IMDB-Link: The Woman Condemned


Wenn man vor etwa drei Wochen einen Film gesehen hat und vor dem Schreiben dieser Review erst mal den Inhalt nachlesen muss, ist das kein so gutes Zeichen. „The Woman Condemned“ von Dorothy Davenport, geführt nach dem Namen ihres Mannes als Mrs. Wallace Reid, ist leider eine arg dünne Suppe, die im Gegensatz zu manch anderen Filmen jener Zeit nicht allzu gut gealtert ist. Es geht um einen toten Radio-Star, einen Reporter und die Hauptschuldige, deren Unschuld der Reporter beweisen möchte. Leider plätschert die Handlung sehr uninspiriert dahin, die Motivationen der Figuren bleiben im Dunkeln. Auch die Plot-Twists kann man nur als lächerlich bezeichnen. In einer Review von der Userin Paghat the Ratgirl habe ich den wunderschönen Satz gelesen „A crime story for housewives […]“. Diese Beschreibung trifft es meiner Meinung nach sehr gut. „The Woman Condemned“ ist leichte Unterhaltung auf Groschenroman-Niveau. Nichts gegen Groschenromane per se – diese finden auch heute noch reißenden Absatz, und wer hat schon etwas gegen ein bisschen Eskapismus? Um die Füße hochzulagern und abzuschalten ist solche Unterhaltung genau richtig. Wenn man aber literarische oder cineastische Ansprüche stellt, wird man mit solchen Werken kaum zufriedenzustellen sein. Diesbezüglich geht es „The Woman Condemned“ wie Jerry Cotton, Geisterjäger John Sinclair oder Dr. Frank, dem Arzt, dem die Frauen vertrauen. Wer aber kein Problem hat mit Plot Holes, in denen man ganze Städte verschwinden lassen kann, mit hölzernem Schauspiel und Twists, die sich via Erdmittelpunkt bis nach Neuseeland durchdrehen, kann hier durchaus mal einen Blick riskieren.


3,5
von 10 Kürbissen

Die Muschel und der Kleriker (1928)

Regie: Germaine Dulac
Original-Titel: La cocquille et le clergyman
Erscheinungsjahr: 1928
Genre: Kurzfilm, Experimentalfilm
IMDB-Link: La cocquille et le clergyman


Wenn man sich für Filme interessiert, stößt man irgendwann einmal unweigerlich auf das Werk „Ein andalusischer Hund“ von Luis Buñuel und Salvador Dalí – das frühe Meisterwerk des surrealistischen Films schlechthin (und ein Film, der immer noch auf meiner Watch-List steht). Was aber kaum jemand weiß: Dieses Werk steht nicht am Beginn des Surrealismus im Film. Denn Germaine Dulac war mit ihrem „Die Muschel und der Kleriker“ noch ein Jahr früher dran. Darin thematisiert sie die nur allzu menschlichen Gelüste eines Pfarrers und dessen Versuchungen, dargestellt durch die Frau eines Generals. Der Film lebt allein von seiner Stimmung. Und wie auch in anderen Werken beweist Dulac ihr tiefgreifendes Verständnis des Handwerks. Sie gilt zurecht als Filmpionierin, und ihre Art und Weise, bewegte Bilder überraschend einzusetzen und damit Atmosphäre zu kreieren, kann auch heute noch als Vorbild dienen. Ich kann nicht genau benennen, woran es genau liegt, aber ihre Bilder wirken auch 90 Jahre nach ihrer Entstehung frisch und modern. Vielleicht liegt es am geschickten Einsatz von Licht und Schatten, vielleicht an ungewöhnlichen Perspektiven, vielleicht am Rhythmus, in dem auch Zeitlupen-Einstellungen organisch eingebaut werden – wahrscheinlich ist es einfach das Zusammenspiel all dieser Techniken, die ihre Filme so zeitlos machen. Und auch wenn es teilweise anstrengend ist, den surrealistischen Bildern zu folgen, ist „Die Muschel und der Kleriker“ in jedem Augenblick ein faszinierendes Werk.

 


8,0
von 10 Kürbissen

Meshes of the Afternoon (1943)

Regie: Maya Deren und Alexander Hammid
Original-Titel: Meshes of the Afternoon
Erscheinungsjahr: 1943
Genre: Kurzfilm, Experimentalfilm
IMDB-Link: Meshes of the Afternoon


Unter den „1001 Filmen, die Sie sehen sollten, bevor das Leben vorbei ist“ befindet sich auch der avantgardistische Kurzfilm „Meshes in the Afternoon“ von Maya Deren und Alexander Hammid. Darin beschäftigt sich das Ehepaar Deren/Hammid mit Depressionen und Träumen aus der Perspektive einer Frau. Interessant sind vor allem die stilistischen und handwerklichen Mittel, die zum Einsatz kommen: Doppelungen und Spiegelungen, Zeitlupen, sehr subjektive Kameraperspektiven, Stop-Motion – hier wird alles aufgefahren, was filmtechnisch in der damaligen Zeit möglich war. Allein das schon macht „Meshes of the Afternoon“ zu einem sehenswerten und filmhistorisch interessanten Stück. Tatsächlich ist es aber die rätselhafte und verschachtelte Handlung als Sinnbild für Depression und Melancholie, die dem Film auch heutzutage Relevanz verleiht. Der Film lädt dazu ein, sich bei einem Glas Wein in einem verrauchten Kaffeehaus mit Freunden heftigste Diskurse über mögliche Interpretationen zu liefern. Ich weiß. „I feel so bohemian like you …“ Ich möchte mit meiner Filmbesprechung und der Einladung zum gemeinsamen Philosophieren wirklich nicht die nächste Generation an Hipstern heranzüchten. Aber Rotwein (beispielsweise ein Gläschen Monastrell „Finca Bacara Time Waits for No One Red Skull 2017“) passt tatsächlich hervorragend zu diesem gut gealterten cineastischen Meilenstein. In diesem Sinne: Prost!


7,5
von 10 Kürbissen

Tag der Freiheit – Unsere Wehrmacht (1935)

Regie: Leni Riefenstahl
Original-Titel: Tag der Freiheit – Unsere Wehrmacht
Erscheinungsjahr: 1935
Genre: Dokumentation, Propagandafilm, Kurzfilm
IMDB-Link: Tag der Freiheit – Unsere Wehrmacht


Leni Riefenstahl war eine geniale Filmemacherin. Visuell gehören ihre Filme zu den eindrucksvollsten ihrer Zeit. Ihre Inszenierungen sind visuelle Leckerbissen. Aber bei niemandem geht die Schere zwischen Form und Inhalt so weit auseinander wie bei ihr. Das strrrrammme teutschäää Määdääl hat nämlich Filme gemacht, die die Welt so dringend gebraucht hat wie Darmkrebs. „Tag der Freiheit – Unsere Wehrmacht“ ist Propagandamüll der übelsten Sorte. Der Inhalt? Nun, bevor Paintball populär wurde, mussten sich die militanten Halbstarken anderweitig behelfen, und zwar mittels Wehrsportübungen mit scharfen Waffen. Daneben stehen Onkel Adi und seine Wadlbeißer und blicken mit Argusaugen auf die vorexerzierte Stärke von deutschem Kruppstahl (der sich vorzugsweise dort befindet, wo andere Menschen ihr Gehirn haben). Da wird marschiert und gesungen und geballert und in Hakenkreuz-Formation geflogen. Würde man nicht wissen, welch verheerenden Schaden diese Ballermänner im Laufe des nächsten Jahrzehnts noch angerichtet haben, wäre diese ganze Turnübung fast tragikomisch. So aber geht einem das Geimpfte wieder auf. Wie gesagt, visuell ist das alles sehr gut inszeniert, und man denkt sich unweigerlich: Was für eine Verschwendung von Talent! Aber Freude hat an diesem Film mutmaßlich nur jemand wie Gaul-Leiter Kickl, der sich an der strammen Formation der Kavallerie erfreut. Für alle Anderen gilt: Dieser Dreck kann weg. Der hat nicht einmal mehr pädagogischen Wert.


1,0
von 10 Kürbissen

Inland (2019)

Regie: Ulli Gladik
Original-Titel: Inland
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Inland


Gitti, Alexander und Christian sind recht leiwande, kommode Leute. Gut möglich, dass man einfach mal zufällig in einem Wirtshaus zusammensitzt und bei einem Bierchen (oder in meinem Fall: einem Achterl Wein) über Gott und die Welt plaudert und sich dabei gut versteht. Vielleicht kommt dann irgendwann die Sprache auf Politik, und da werden sich dann Differenzen zeigen. Ah, ihr habt also die Blauen gewählt? Warum eigentlich? Ulli Gladik hat genau das getan: Sich mit drei FPÖ-Wählern an einen Tisch gesetzt und mit ihnen geredet bzw. sie reden lassen. Immerhin haben wir eine türkis-blaue Regierung, die von einer Mehrheit der österreichischen Wählerinnen und Wählern legitimiert ist. Zu erfahren, was diese Menschen denken – von der Partei, die sie gewählt haben und einige Monate später auch von ihren bisherigen Taten – ist durchaus spannend und gerät dank Gladiks behutsamer und respektvoller Inszenierung nie zur Nabelschau. Was sich dabei zeigt: zu erwartende Widersprüche, wenn beispielsweise Christian zu Beginn der Doku durch den zehnten Wiener Gemeindebezirk spaziert und kopfschüttelnd über einen türkischen Friseurladen meint: „Da wirst als Österreicher eh nie drangenommen“, ehe er am Ende des Films sehr zufrieden über das tolle Preis-Leistungs-Verhältnis seine Haare von einem türkischen Friseur (der noch dazu eh österreichischer Staatsbürger ist) schneiden lässt. Was sich auch zeigt: wie geschickt es die FPÖ versteht, durch das Schüren diffuser Ängste und Sorgen jene für sich zu gewinnen, die letzten Endes durch ihre Politik noch ärmer gemacht werden. Ein Schlüsselsatz fällt, als Ulli Gladik den arbeitslosen Alexander fragt, als sich jener in Widersprüche verwickelt, ob es ihm tatsächlich lieber sei, wenn er ihm selbst schlechter ginge, solange es den Ausländern und Migranten ebenfalls schlechter ginge, als wenn es allen besser ginge. Der überlegt kurz und bestätigt dann, dass er das tatsächlich bevorzugen würde. Hauptsache, den Ausländern gehe es schlechter. So sehr hat sich das Mantra, dass Zuwanderung an allem Übel schuld sei, durch die Propaganda der blauen Partei in die Köpfe dieser Menschen gebrannt. Die Gastwirtin Gitti wiegelt nur ab, als Ulli Gladik versucht, mit Fakten ihren Fehlinformationen entgegenzutreten: Das sei ihr alles zu hoch. Sie könne nur das bewerten, was sie im täglichem Umfeld wahrnehmen würde. Immobilienblasen, Steuererleichterungen für Konzerne, das alles verstehe sie nicht. Die Stärke des Films ist, dass man ihr diese Unwissenheit nicht vorwerfen möchte. Man versteht diese vom Leben desillusionierten Menschen, die am Rande des Existenzminimums leben, auch wenn man ihnen mit der eigenen Meinung diametral gegenübersteht. Und plötzlich wäre es interessant, mal selbst mit einem Christian, einem Alexander, einer Gitti zu reden. Wer weiß, was das auslösen würde? Immerhin heißt es ja: Durchs Reden kommen die Leute zusammen. Und ein bisschen Verständnis für die jeweils andere Position auf beiden Seiten könnte schon dazu führen, künftig konstruktiver miteinander umzugehen und sich nicht nur auf sozialen Medien zu beflegeln.


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Polyfilm Verleih)

Springen! Rutschen! Unten helfen! – Mein Fazit des Crossing Europe Filmfestivals 2019

Mein zweiter Besuch des Crossing Europe Festivals in Linz unterschied sich vom ersten im vergangenen Jahr maßgeblich durch das Wetter. Während ich letztes Jahr kurzärmelig von Kino zu Kino raste, kam dieses Jahr das Wetter der Festivaldirektorin Christine Dollhofer entgegen. Auch deshalb konnte sich das Festival über etwa 1.000 Zuseher mehr als im Vorjahr freuen. Mitten drin: Ein kritischer Kürbis. Und der sah hauptsächlich Erbauliches. Das Festival war klug programmiert und bot Spannendes aus allen Ecken Europas. Der Kontinent zeigte in Linz mal wieder seine ganze Vielfalt. Wenn es dieses Jahr ein bestimmendes Thema gab unter den 21 Filmen, die ich letztlich sah, dann am ehesten die Familie und Zugehörigkeit. Es scheint fast, als würden sich Europas Filmschaffende in Zeiten des politischen Rechtsrucks auf den Mikrokosmos der eigenen vier Wände konzentrieren – sei es als Gegenentwurf zu der rauen politischen Lage oder auch begleitend dazu bzw. kommentierend. Und warum auch nicht? Gesellschaftliche Veränderungen können ja sehr gut anhand familiärer Beziehungen dargestellt werden.

Aber was kann ich nun empfehlen und was nicht? Hier die 21 Filme, sortiert anhand meiner Bewertung.

8,0:
Laika
Bait

7,5:
One and a Half Prince

7,0:
Hungary 2018
The Days to Come

Home Games
Normal
Tomka and His Friends

6,5:
Sons of Denmark
Transnistra
The Souvenir
Fugue

6,0:
Oray
Messer im Herz

One Day

5,5:
Arctic

5,0:
Winter Flies

4,5:
Mein Bruder kann tanzen
The Announcement

4,0:
Schwimmen

2,5:
Das melancholische Mädchen

Bis zu einer Bewertung von 6,0 kann ich die Filme ziemlich vorbehaltlos empfehlen. Darunter wird es dann schon etwas für Fans bzw. Liebhaber des jeweiligen Themas oder einzelner Teilaspekte.

Ach ja, wer wissen will, was es mit dem Titel dieses Beitrags auf sich hat, der möge sich das hier ansehen (was ich nicht weniger als 21 Mal getan habe, und das war dann doch etwas zu viel des Guten):

Fugue (2018)

Regie: Agnieszka Smoczyńska
Original-Titel: Fuga
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Thriller
IMDB-Link: Fuga


Agnieszka Smoczyńska ist jene geniale Frau, die mit Sirenengesang das erste polnische Horrormusical über Meerjungfrauen auf die Leinwand gebracht hat (was wahrscheinlich auch das weltweit erste Horrormusical über Meerjungfrauen war). Ihr neuestes Werk „Fugue“ ist da deutlich gedämpfter und zurückhaltender, wenngleich der Einstieg schon ein Brett ist: Da kommt eine sichtlich desorientierte und schmutzige Frau in ihren Dreißigern aus einem U-Bahn-Schacht und klettert vor den verwirrten Blicken anderer Fahrgäste den Bahnsteig hoch. Diese Frau nennt sich Alicja, und sie hat keine Ahnung von ihrer Vergangenheit. Wenig später wird sie in einer TV-Show von ihrem Vater erkannt. Ihr Name ist Kinga, und sie gilt seit zwei Jahren als verschollen. Der Versuch, sie wieder in ihre Familie mit Ehemann und Sohn einzugliedern, geht zunächst ziemlich schief. Denn weder Alicja/Kinga noch ihr Ehemann oder ihr Sohn sind begeistert davon, wieder als Familie unter einem Dach leben zu müssen. Auch weist Alicja ein paar Wesenszüge und Eigenschaften auf, die befremdlich auf ihr Umfeld wirken. Die vermisste Kinga war anders. Der Film lässt sehr lange alle Interpretationsmöglichkeiten offen und die Zuseher fröhlich mitraten, was es mit der an Amnesie leidenden Frau auf sich hat. Smoczyńska weiß um den Suspense der Rätselhaftigkeit und nimmt sich Zeit für die Geschichte. Gabriela Muskała, die das Drehbuch geschrieben hat und für diesen Film auch gleich die Hauptrolle übernommen hat, legt ihre Alicja/Kinga auch ambivalent und spannend an: Man kann sich bei ihr nie sicher sein. Mal wirkt sie verletzlich, mal unnahbar, mal ängstlich und mal furchteinflößend. Diese Ambivalenz überträgt sich auf das familiäre Umfeld. Nach diesem Spannungsaufbau wirkt die Lösung am Ende fast banal. Aber der Weg dahin ist zumindest sehenswert. Ein durchaus gelungener Abschluss meines Besuchs des Crossing Europe Festivals 2019.

 


6,5
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival)

Winter Flies (2018)

Regie: Olmo Omerzu
Original-Titel: Všechno bude
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Roadmovie, Komödie
IMDB-Link: Všechno bude


Auf diesen Film am letzten Tag des Crossing Europe Filmfestivals in Linz habe ich mich sehr gefreut. Ich mag Roadmovies. Ich mag Geschichten über Jugendliche, wie sie ausbrechen aus dem starren Gerüst, das sie zurückhält, und wie sie ihre eigenen Erfahrungen sammeln. Der Geruch von Freiheit. Born to be wild. Vielleicht, weil ich selbst nie so ein Kind oder Jugendlicher war. Ich habe keinen Audi gestohlen, um damit quer durchs Land zu fahren. Und ich hatte keinen dicken Freund im Tarngewand an meiner Seite, der die ganze Zeit davon redet, endlich mal ein Mädchen flachzulegen. Stattdessen habe ich FIFA Soccer gezockt und dämliche Sitcoms angeschaut. Verwegene Freiheit: Wenn man mal im Garten die olympischen Spiele nachgespielt hat und beim Speerwurf mit Ast des Birnenbaums ein Kellerfenster dran glauben musste. Ja, in diesem Moment hätte ich mir gewünscht, in einem gestohlenen Auto abzuhauen mit einem Kumpel an meiner Seite. Und dann hätten wir vielleicht dieses eine hübsche Mädchen aufgegabelt und mitgenommen. Und wir hätten Abenteuer erlebt, andere, als wir uns vorgestellt haben, aber aufregend wären sie dennoch gewesen. Nachdem ich nun „Winter Flies“ von Olmo Omerzu gesehen habe, weiß ich aber: Es gibt für alles eine bestimmte Zeit. Ich habe sie damals verpasst. Vielleicht fiel es mir auch deshalb so schwer, mich in diesen Film, den ich so gern gemocht hätte, hineinfallen zu lassen. Ein anderer Faktor waren die Jugendlichen selbst, die trotz aller Bemühungen ihrer Hauptdarsteller für mich nicht glaubwürdig wirkten. Beziehungsweise zu eindimensional. Der Rebell. Der notgeile Dicke. Nur wenige Momente strahlen Glaubwürdigkeit aus, darunter eine sehr seltsame, aber doch nachvollziehbare Masturbationsszene. Aber unterm Strich konnte der Film mit meiner Erwartungshaltung nur viel zu selten mithalten. Sind wir doch ehrlich: Die besten Abenteuer sind die, die wir nie erlebt haben.


5,0
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival)

One Day (2018)

Regie: Zsófia Szylágyi
Original-Titel: Egy nap
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama
IMDB-Link: Egy nap


Familie ist doch etwas Wunderbares! Was gibt es Schöneres, als den aufmüpfigen Sohn auf den letzten Drücker in die Schule zu bringen, während die hyperaktive Tochter auf dem Rücksitz auszuckt und der Ehemann gerade überlegt, ob er die beste Freundin der Familie pudern soll oder nicht? Herzerfrischend ist das! Wenn dann auch noch der Abfluss kaputt ist, sich die Schwiegermutter mit ungewollten Ratschlägen und noch ungewollteren Taten ins Leben einmischt, die Tochter eine Freundin nach Hause bringt, die einem anderen Kind die Schuhe geklaut hat, da es diese schöner findet als die eigenen, der Sohn fast das Cello-Konzert verdaddelt, das er am nächsten Tag geben soll, und der Herr Gemahl immer noch abwesend ist, weil er vielleicht gerade die hübsche Freundin schnackselt, ist das Glück komplett. Zsófia Szylágyis Drama „One Day“ richtet sich an all jene Menschen, die gerade mit dem Gedanken spielen, eine Familie zu gründen. Ihre Botschaft ist laut und unmissverständlich. Sie lautet: „Tut! Es! NICHT!“ Rette sich, wer kann. Alles, was man euch über Familienglück und die Vervollständigung des eigenen Ichs durch die Weitergabe der eigenen Gen-Sequenz gesagt habt, ist eine glatte Lüge. Familie ist die Hölle. Außer, man ist der Ehegatte, der mit Gedanken einer außerehelichen Begattung schwanger geht, während zuhause das Familienleben sinkt wie die Titanic. Weil der kriegt von den ganzen Tragödien ja nichts mit. Erbaulich ist es nicht, Annas familiärer Katastrophe voyeuristisch beizuwohnen. Aber von Zsófia Szamosi famos gespielt und in der Wirkung wie ein Unfall: Man kann einfach nicht wegschauen.


6,0
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival)

Mein Bruder kann tanzen (2019)

Regie: Felicitas Sonvilla
Original-Titel: Mein Bruder kann tanzen
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Mein Bruder kann tanzen


Felicitas Sonvilla hat einen Bruder, der angeblich ganz gut tanzen kann. Und der Musik macht. Der in einer anderen Stadt lebt als sie selbst, in Wien nämlich. Und mit dem sie sich nicht gut versteht. Und weil das irgendwie oasch ist (auf gut Wienerisch), wenn sich Geschwister voneinander entfremdet haben, bricht sie mit ihrem Bruder Silvius, dessen Freundin und einer Kamerafrau in einem winzigen Auto, das so kaputt ist, dass man nur durch die Fenster einsteigen kann, von Wien aus Richtung Helsinki auf. Denn dort sind die beiden Geschwister einige Jahre lang aufgewachsen, dort verbinden sie gemeinsame Erinnerungen. Diese Versuchsanordnung, einen Film über die eigene Geschwisterbeziehung und sich selbst zu drehen, kann natürlich sehr leicht zu einer narzisstischen Nabelschau verkommen. Dieses Problem ist Felicitas Sonvilla natürlich bekannt, und sie adressiert es auch direkt zu Beginn ihrer Dokumentation. Was in diesem Film dann passiert, ist Folgendes: Er gerät zeitweise zu einer narzisstischen Nabelschau. Felicitas Sonvilla erzählt von einem Konflikt, den man als solchen von außen nicht erkennen kann. Auch dessen ist sie sich bewusst. Am Ende steht ein selbstironisches Fazit: „Vielleicht haben wir auch gar kein Problem, sondern sind einfach nur zwei Idioten“. So weit würde ich in meiner Bewertung nicht gehen, denn allein schon das Bewusstsein dessen, dass man hier vielleicht im Trüben fischt und einen Film über ein Nicht-Problem dreht, das man zu einem Konflikt hochstilisiert, bringt Sympathiewerte ein. Auch kann man in diesem Film durchaus etwas über übliche Geschwisterbeziehungen und ihre Auf und Abs erfahren. Im anschließenden Q&A erzählte die Regisseurin davon, dass sich durch diese Reise und den Film darüber die Beziehung zu ihrem Bruder tatsächlich gebessert hat. Allerdings werde ich trotz allem den Verdacht nicht los, dass der Film selbst aus neutraler Sicht und abseits therapeutischer Effekte eigentlich überflüssig ist. Und dafür gibt es dann am Ende doch nur 4 Punkte. Und einen halben Punkt noch als Bonus dazu für den vielleicht originellsten Filmtitel unter den von mir 21 am Crossing Europe Filmfestival gesichteten Filmen.


4,5
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival)