Kopfstand (1981)

Regie: Ernst Josef Lauscher
Original-Titel: Kopfstand
Erscheinungsjahr: 1981
Genre: Drama
IMDB-Link: Kopfstand


Das erste, was an „Kopfstand“ auffällt, ist die unglaubliche Matte des blutjungen Christoph Waltz. Aber gut, wir alle waren mal jung – manche von uns sind es sogar noch, andere, so wie ich, immerhin nur noch mitteljung. Wenn man sich erst einmal an die wallende Löwenmähne gewöhnt hat und das markante Kinn darunter dem erfolgreichsten österreichischen Schauspieler seit Karlheinz Grasser korrekt zugeordnet hat, kann man sich auf die Geschichte konzentrieren – und die hat es in sich. Der junge Markus wird nämlich aufgrund eines familiären Auszuckers und eines Missverständnisses in die Psychiatrie eingewiesen, wo man den unkooperativen Rebellen mit Pulverchen und Elektroschocks bearbeitet. „Einer flog über das Kuckucksnest“ lässt grüßen. Und wie auch in dem Hollywood-Klassiker mit Jack Nicholson wird hier kein allzu erbauliches Bild gezeichnet. Drinnen findet man Verbündete, vielleicht sogar Freundschaften, das schon, aber der Weg nach draußen ist verbaut durch Bürokratie und seelenlose, selbstherrliche Ärzte. Aber gut – wenn man erst mal raus kommt, was dann? Sind nicht außerhalb der Zäune der psychiatrischen Anstalt die eigentlich Wahnsinnigen zu finden? Der gewaltbereite, ignorante Stiefvater zum Beispiel? Die völlig überforderte Mutter, die Markus die Misere eigentlich erst eingebrockt hat? Der Film gibt darauf eine überraschende Antwort voller Zärtlichkeit, und es sind die Momente von echter Zuneigung und Freundschaft, die bleiben. Wenn Markus am Ende als besserer Mensch aussteigt, dann ist das kein Verdienst der Anstalt und auch nicht seiner Außenwelt, seiner Familie und Freunde, sondern ganz allein seiner – der Wille, der Grausamkeit der Welt, die er soeben kennengelernt hat, ein wenig Freundlichkeit entgegenzusetzen. Christoph Waltz verkörpert diesen anfänglich rebellischen Jugendlichen, der durch Selbsterkenntnis eine Läuterung erfährt, sehr zurückhaltend und nuanciert. Er zeigt hier eine große Wandlungsfähigkeit und Verletzlichkeit (an alle gerichtet, die nicht glauben können, dass Waltz auch anders spielen kann als in seinen oscarprämierten Paraderollen in „Inglorious Basterds“ und „Django Unchained“). Zwar hat der Film seine Längen und er wirkt ein wenig wie aus der Zeit gefallen, aber das Grundthema und die guten schauspielerischen Leistungen fesseln auch heute noch. Humanistisches Kino, nüchtern und ohne Sentimentalitäten erzählt, aber deshalb nicht weniger dringlich.


7,0
von 10 Kürbissen

Before We Vanish (2017)

Regie: Kiyoshi Kurosawa
Original-Titel: Sanpo Suru Shinryakusha
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Science Fiction
IMDB-Link: Sanpo Suru Shinryakusha


Die Story ist irgendwo angesiedelt zwischen „Die Körperfresser kommen“ und „The Arrival“, dem 90er-Jahre Sci-Fi-Film mit Charlie Sheen. Irgendwie benimmt sich Shinji seltsam, findet Ehefrau Narumi. Was sie nicht weiß: Shinji ist nicht mehr wirklich Shinji, denn ein Alien hat Besitz von seinem Körper und Geist genommen, und es gibt noch zwei weitere solche Vögel, die durch Japan streifen und sich gegenseitig suchen. Wenn sie sich gefunden haben, beginnt die große Invasion. In der Zwischenzeit studiert man halt sein Invasionsobjekt, und die Besucher tun dies, indem sie Menschen verschiedene Konzepte (wie zB das Konzept „Arbeit“) imaginieren lassen und dann deren Bilder aus dem Kopf holen, indem sie den Menschen auf die Stirn tippen. Ein blöder Nebeneffekt ist, dass dadurch das Konzept vollständig aus dem Kopf des jeweiligen Menschen verschwindet, diese also immer ahnungsloser werden, bis sie nur noch mit einem seligen Grinsen vor dem Fernseher sitzen. Auch irgendwie nicht so schlecht, möchte man meinen. Aber gut, so ein bisschen mehr Persönlichkeit wäre schon ganz gut, so kennen und mögen wir das ja, und was die Eindringlinge ebenfalls vorhaben (und auch gar nicht verschweigen): Bis auf ein paar „Muster“ ist für die Menschheit nach der Invasion kein Platz mehr. Soweit also die eigentlich sehr interessante Grundidee, die viel Spannung hergäbe. Konjunktiv. Weil: Das tut der Film nicht. Stattdessen ist „Before We Vanish“ ein langweiliges und langatmiges B-Movie, dessen Special Effects direkt aus der Schmiede solcher seltsamen TV-Kanäle wie SyFy kommen dürften, und in denen im Grunde die ganze Handlung von den Protagonisten behauptet wird, ohne dass sie tatsächlich auch mal stattfindet. Extrem viel verschenktes Potential. Eher ärgerlich.


4,5
von 10 Kürbissen

3/4 (2017)

Regie: Ilian Metev
Original-Titel: 3/4
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama
IMDB-Link: 3/4


Ich mache für Ilian Metevs Film „3/4“ mal eine Ausnahme – und zwar erzähle ich in meiner Review den ganzen Plot und nehme dafür massive Spoiler in Kauf. Ich weiß, ich weiß, das macht man nicht, aber nachdem ich nun eine Nacht darüber geschlafen habe, bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass man dem Film nur auf diese Weise gerecht werden kann. Hier also der Plot von „3/4“: Ein Professor kocht Essen, seine Tochter spielt Klavier, sein Sohn läuft mit einem Schulfreund durch die Gegend, manchmal sitzen alle drei herum oder gehen spazieren, und es werden viele Türen gefilmt. Nicht mal unsympathisch, das Ganze, aber im online-Lexikon steht neben „pointless“ der IMDB-Link zu diesem Film. Dieses Meisterwerk muss ich mir definitiv auf DVD besorgen, denn es ist die ultimative Einschlafhilfe. Selbst in der Nachmittagsvorstellung fiel es schwer, die Augen offen zu halten, und trotz ökonomischer Laufzeit schaffte es der Film, den Saal allmählich leer zu spielen. Geblieben sind diejenigen, die es eben nicht geschafft haben, sich rechtzeitig von den Sitzen zu erheben und stattdessen selig eingeschlummert sind.


2,5
von 10 Kürbissen

Downsizing (2017)

Regie: Alexander Payne
Original-Titel: Downsizing
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Komödie, Science Fiction
IMDB-Link: Downsizing


Überbevölkerung ist ein Problem. Ein großes sogar. Das sieht auch Alexander Payne so und bietet in seinem neuesten Film „Downsizing“ eine ungewöhnliche Lösung dafür an: Schrumpfen. So lässt sich der amerikanische Durchschnittsbürger Paul Safranek (Matt Damon) auch schrumpfen – denn nicht nur der Körper der Mutigen, die diesen unumkehrbaren Schritt wagen, schrumpfen, sondern auch die Preise, und so eröffnet sich plötzlich auch für den Bürger mit mäßigem Einkommen die Möglichkeit eines Lebens in Luxus. Blöd nur, wenn sich dann die Dinge doch anders entwickeln als geplant. Aber vielleicht kann der exzentrische und etwas windige Nachbar Dusan (herrlich: Christoph Waltz als Lebemann und Partytiger) helfen. Und als Paul dann noch die Bekanntschaft mit der zwangsgeschrumpften vietnamesischen Aktivistin Ngoc Lan (Hong Chau) macht, zeigt sich allmählich, dass man mit Downsizing zwar einige Probleme verkleinern kann, aber ganz weg bekommt man sie halt auch nicht.

Die Filmidee ist nicht unbedingt neu. „Liebling, wir haben die Kinder geschrumpft“ ist einer meiner liebsten Kindheitsfilme – und die perspektivische Änderung und dieses Nebeneinander von Groß und Klein, auf dem der Humor der 80er-Jahre-Komödie aufbaut, sorgt auch in „Downsizing“ für gelungene Komik-Einlagen. Hier bekommt die Idee aber einen gesellschaftlich relevanten Anstrich, und auch wenn Paynes Film dann eine andere Richtung einschlägt als man es ursprünglich erwartet, nämlich ins Private, so bietet er dennoch an vielen Stellen und über das bloße Betrachten hinaus spannende Gedankenansätze, die man dann gerne weiterverfolgt. „Downsizing“ macht vielleicht nicht alles richtig, so verfolgt er vielleicht gleichzeitig auch zu viele Storylines für einen einzigen Film, aber er ist richtig gut gemachte, intelligente Unterhaltung, die trittsicher zwischen Situationskomik und Anspruch wandelt. Die Idee, wie gesagt, ist großartig und regt zum Weiterdenken an. Auch die Welt im Kleinen, die Alexander Payne zeigt, ist konsequent durchgedacht und irrsinnig gut aufgebaut. Ich wittere – neben der Nominierung für das beste Drehbuch und vielleicht auch bester Film, beste Regie, Christoph Waltz und Hong Chau – eine Oscar-Nominierung für das Bühnenbild. So ist der Film auch über eine Laufzeit von deutlich über zwei Stunden immer interessant und reiht sich nahtlos ein in die Liste toller Filme von Alexander Payne, bei dem man, wie sich auch hier zeigt, jederzeit bedenkenlos zugreifen kann.


 

7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Constantin)

Thousand Cuts (2017)

Regie: Eric Valette
Original-Titel: Le Serpent Aux Mille Coupures
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Thriller
IMDB-Link: Le Serpent Aux Milles Coupures


Manche Menschen haben es echt nicht leicht im Leben. Wie beispielsweise der farbige Farmer Omar. Der lebt mit seiner Frau und seiner entzückenden Tochter in einem Dorf in Südfrankreich und könnte sich dort seines Lebens erfreuen, wären da nicht die fremdenfeindlichen Nachbarn, die ihm rassistische Botschaften an die Stalltür schreiben und das Vieh abschlachten, und wäre da nicht der Fremde, der eines Tages verletzt in ihr Haus kommt und die Familie als Geiseln nimmt. Ja, es gibt so Tage im Leben, da denkt man sich: Warum bin ich überhaupt aufgestanden. Aber noch blöder, wenn das noch nicht alles ist, sondern der grimmige und schlecht gelaunte Geiselnehmer auch noch finstere Gestalten der südamerikanischen Drogenmafia an seiner Ferse heften hat, am finstersten von allen der völlig irre Auftragskiller aus Asien, der seine Opfer am liebsten mit der Methode der „Tausend Schnitte“ foltert und tötet – sehr zum Missfallen des Magens seines (unfreiwilligen) Mitarbeiters, der sich einige Male im Laufe des Films entleert (und mancher Zuseher kann angesichts der drastischen Bildhaftigkeit einiger Folter- und Tötungsszenen da durchaus nachempfinden, wie’s dem Kerl geht). So richtig was los im Dorf ist aber erst, wenn auch noch die Farmer zu ihrer persönlichen Vendetta ausreiten. Dann hat man bald mal ein prächtiges Durcheinander. „Thousand Cuts“ ist ein durchaus spannender und plastischer Thriller, der sich nicht lange mit Vorgeplänkel aufhält, sondern gleich mal aufs Gas steigt. Nachteil der Sache: Über die Figuren und deren Hintergründe und Motivationen erfährt man als Zuseher fast nichts. „Handlungsgetrieben“ nennt man das im Fachjargon. Leider ist das auch die große Schwachstelle des Films, denn auch wenn er gut zu unterhalten weiß, bleibt er unterm Strich dann doch ein recht gewöhnlicher Thriller, dem auch noch die Nähe zu seinen Figuren fehlt. Eh ganz okay, aber das war’s dann auch schon.


5,5
von 10 Kürbissen

I Am Not Madame Bovary (2016)

Regie: Feng Xiaogang
Original-Titel: Wo Bu Shi Pan Jin Liang
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Komödie, Drama, Krimi, Satire
IMDB-Link: Wo Bu Shi Pan Jin Liang


Li hat ein Problem: Sie ist rechtskräftig geschieden und möchte nun vor Gericht erwirken, dass die Scheidung aufgehoben wird, da sie und ihr Mann diese Scheidung nur vorgetäuscht haben, um an ein Apartment zu kommen, wovon der Mann nun nichts wissen will, da er mit seiner neuen Frau eigentlich ganz zufrieden lebt, während Li nun durch die Finger schaut. A blede G’schicht halt. Da der Weg durch die Instanzen zunächst nicht fruchtet, sucht sie nach anderen Lösungen für ihr Problem und vergisst dabei nicht auf jene Bürokraten, die ihr Steine in den Weg gelegt haben. Da jedoch aus ihren unorthodoxen Ansätzen auch nichts wird, beginnt sie damit, die Bürokratie mit deren eigenen Waffen zu schlagen und schafft es aus der Provinz bis nach Peking, wo sie nicht nur eine zehn Jahre währende Klage einbringt, sondern gleich die gesamte kommunistische Partei bloßstellt. Allmählich wird also Li zu einem grandiosen Ärgernis für die Bonzen, und mehr als ein mit der störrischen Frau überforderter Bezirksvorsteher hat wegen ihr und der Klage schon seinen Hut nehmen müssen. Während sich anfangs Li noch wie in Kafkas „Prozess“ fühlt, sehen sich die Bürokraten und Richter selbst bald in einem kafkaesken Albtraum gefangen. Das alles ist höchst vergnüglich und wahnsinnig bissig gegenüber der chinesischen Regierung. Allmählich empfindet man wirklich viel Mitleid für die geplagten Regierungsvertreter, im Grunde rechtschaffene Menschen, die einfach nur versuchen, ihren Job zu machen und diesen auch zu behalten, nicht ohne Mitgefühl für Lis Situation, aber aufgrund fehlender Möglichkeiten, die Lage unter Kontrolle zu bringen, schlicht heillos überfordert sind. Und dann kommen wieder Szenen, die das im Film angeprangerte Machtgefälle überdeutlich zeigen – auch jenes des Mannes gegenüber der Frau. Denn interessant ist, dass es nicht nur ein Kampf gegen die Unterdrückung der gewöhnlichen Bevölkerungsschichten durch die herrschende Klasse ist, den Li ausficht, sondern auch jener einer Frau gegen die Männerwelt, die die Frauen zu beherrschen und zu dominieren versucht. So gesehen ein kluger und wichtiger Film, der auch optisch mutige Ansätze wählt: Während die Szenen in der Provinz auf runden Tableaus präsentiert werden, sind die Szenen in Peking in quadratische Bilder eingefasst. Auch das unterstreicht noch einmal die Abgrenzung des Zentrums der Macht von der Bevölkerung am Land, von der sich die Herrschenden zu weit entfernt haben. Allerdings hat „I Am Not Madame Bovary“ bei einer Laufzeit von über zwei Stunden auch teils arge Längen. Nicht alle Szenen sind gleichermaßen geglückt, und manchmal wirkt der Film auch etwas unausgegoren, als wüsste er nicht so recht, ob er nun lieber eine Komödie oder eine Tragödie sein möchte. Für eine Komödie ist er eigentlich zu tragisch, für eine Tragödie zu komisch und zu absurd.


7,0
von 10 Kürbissen

The White Girl (2017)

Regie: Jenny Suen und Christopher Doyle
Original-Titel: The White Girl
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama
IMDB-Link: The White Girl


Im Rahmen von Filmfestivals wie eben der Viennale stößt man immer wieder auf Filme aus anderen Ländern und Kulturkreisen, die wahnsinnig interessant sind und die man gerne ansieht, die aber einfach keinen Sinn ergeben. „The White Girl“ ist so ein Fall. Erzählt wird die Geschichte eines Mädchens in einem der letzten Fischerdörfer Hongkongs, das allein mit ihrem Vater in einer Baracke lebt, da die Mutter kurz nach der Geburt des Mädchens an einer seltsamen Krankheit verstorben ist, die sie an ihre Tochter weitervererbt hat: So darf die Tochter, eben the White Girl, nicht mit direkten Sonnenstrahlen in Berührung kommen. Sagt der Vater. Eines Tages kommt ein Fremder in das Dorf, nistet sich in einer Ruine im Wald ein und beobachtet von dort mittels einer Art Teleskop die Geschehnisse im Dorf und auch das Mädchen. Er knüpft Kontakt zu dem Mädchen, das sich erstmals nicht wie ein Geist fühlt, sondern tatsächlich gesehen und wahrgenommen wird. Er schließt zudem Freundschaft zu einem aufgeweckten Jungen und gemeinsam kommen sie einem Komplott auf die Schliche, das die Existenz des Dorfes gefährdet. „The White Girl“ hat somit irgendwie von allem ein bisschen was: Kapitalismuskritik. Coming of Age-Inhalte. Eine sich anbahnende Liebesgeschichte. Eine Buddy-Geschichte. Und teilweise Slapstick-Humor, wenn beispielsweise ein bastelwütiger Priester aus Schrott obskure mechanische Gimmicks baut oder wenn der Dorfvorsteher mit Spielzeugbaggern, die er über eine Karte fahren lässt, seinem Geldgeber die Erweiterungspläne für das Dorf vorstellt. Aber irgendwie greifen diese Räder einfach nicht ineinander. Keine Geschichte wird tatsächlich befriedigend aufgelöst, eine große Erkenntnis gibt es auch nicht – auch wenn der Film am Ende versucht, aus dem Off noch pseudophilosophische Botschaften an den Mann und die Frau zu bringen. Immerhin hat „The White Girl“ viele sehr schöne Bilder. Dass ein Großteil des Films – bedingt durch den Zustand der Hauptfigur – in der Dämmerung spielt, sorgt für eine ganz eigene, etwas mysteriöse Ästhetik. So kann man sich „The White Girl“ ganz gut anschauen, aber wer eine tatsächliche Geschichte darin findet, vielleicht gar eine interessante Erkenntnis, der möge sich bitte bei mir melden.


5,0
von 10 Kürbissen

Casting (2017)

Regie: Nicolas Wackerbarth
Original-Titel: Casting
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Komödie
IMDB-Link: Casting


Die Regisseurin Vera möchte eine Neuverfilmung von eines Fassbinder-Films realisieren. Sie kommt aus dem Dokumentarbereich und hat klare Vorstellung, wie für sie die Hauptrolle der Petra von Kleist gespielt werden soll. Das Problem: Die Schauspielerinnen, die sie zum Casting einlädt, entsprechen dieser Vorstellung nicht, sehr zum Missfallen von Produzenten und Castingdirektorin, die den Drehbeginn in wenigen Tagen stark gefährdet sehen. Die Nerven liegen blank im Studio. Nur dem Anspielpartner Gerwin, der bis zum Eintreffen der männlichen Hauptrolle in den Castings die Rolle übernimmt, kann das nur recht sein – denn während er an der Rolle des Karl arbeitet, stellt er fest, wie viel Spaß es ihm macht und dass es ja eigentlich ganz nett wäre, selbst mal wieder vor der Kamera zu stehen.

„Casting“ von Nicolas Wackerbarth ist in mehrfacher Hinsicht ein bemerkenswerter Film: Zum Einen, weil es nur ein Treatment, aber kein fest vorgegebenes Drehbuch gab. Fast alles war Improvisation. Zum Anderen, weil der Film sehr mit doppelten Böden arbeitet. Immer wieder greifen die gespielten Casting-Szenen und die Realität der Figuren ineinander. Welche Emotion ist echt, welche nur gespielt? Und auch die Tatsache, dass mit Ausnahme des von Andreas Lust gespielten Gerwig (der offen schwul ist) alle Hauptrollen mit Frauen über 40 besetzt sind, hebt den Film wohltuend von vielen anderen Werken ab. Der Film reflektiert über den künstlerischen Schaffensprozess, über die Lücke zwischen Anspruch und Realisierbarkeit und wie diese Lücke zu einer Entscheidungsunwilligkeit führen kann, die den Prozess weiter hemmt, über Träume und Ziele und gleichzeitig über Illusionen. Dabei ist „Casting“ wahnsinnig komisch und hintergründig, was vor allem dem gut aufgelegten Cast zu verdanken ist. Zwar ist der Film nicht ganz frei von Klischees, aber klug genug, diese zu bemerken und mit ihnen zu spielen. Ein gut unterhaltender Meta-Film über das Filmemachen.


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Stadtkino Filmverleih)

Person to Person (2017)

Regie: Dustin Guy Defa
Original-Titel: Person to Person
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Episodenfilm, Komödie
IMDB-Link: Person to Person


„Person to Person“ von Dustin Guy Defa ist ein Film, der ein wenig aus der Zeit gefallen scheint. Die Art und Weise, wie sich die Charaktere anziehen, mit welchen Dingen sie zu tun haben (analoge Uhren, Schallplatten, uralte Vespas), die Unschuld, die durch ihre Handlungen und Dialoge schimmert, wenn zB der Schallplattensammler den auf einem Fahrrad flüchtenden Typen, der ihn übers Ohr gehaut hat, ebenfalls mit dem Fahrrad verfolgt, die Musik und schließlich die Tatsache, dass auf Filmrolle gedreht wurde, verortet den Film eher in den 70ern als in der heutigen Zeit. Auch wenn das vom Regisseur, wie er im Q&A freimütig zugab, gar nicht geplant war. Und vielleicht unterstreicht das auch die Ursache für das Hauptproblem, das der in New York angesiedelte Episodenfilm hat: Er wirkt etwas unfokussiert. Eh alles ganz nett und erbaulich, sehr sympathisch auch, dieses Understatement in den stilisierten Dialogen, diese teils recht schrulligen Charaktere – ja, dem sieht man gerne zu. Aber man fragt sich am Ende doch: Wozu? Was war jetzt die Geschichte? Da gibt es die schon erwähnte Episode mit dem Schallplattensammler, der geprellt wird. Da gibt es das altkluge, leicht misanthropische Mädchen, das eher auf Mädchen steht und nicht ganz verkraftet, dass ihre beste Freundin mit ihrem neuen Freund herummacht, während sie auf der Couch hockt. Dann den Burschen, der – aus welchen Gründen auch immer – Nacktfotos seiner Freundin ins Internet gestellt hat und das nun bitterlich bereut. Da gibt es die Möchtegernjournalistin an ihrem ersten Tag und ihren seltsamen, nerdigen Boss, die einen Mordfall aufdecken möchten, und die Neue stellt bald fest, wie wenig ihr das Schnüffeln liegt. Und am Ende des Films und damit aller Episoden steht bei jedem so eine kleine positive Erkenntnis. Wie gesagt: So sympathisch der kleine New York-Film auch wirkt, so harmlos und letztendlich belanglos ist er auch.


5,5
von 10 Kürbissen

Mr. Long (2017)

Regie: SABU
Original-Titel: Ryu San
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Komödie, Thriller
IMDB-Link: Ryu San


Manchmal geht auch beim besten Auftragskiller etwas schief – und das bedeutet halt gleich mal Gefahr für Leib und Leben. So kann sich der stoische taiwanesische Killer Mr. Long bei einem missglückten Auftrag in Tokio nur knapp vor der japanischen Yakuza in Sicherheit bringen und landet verletzt in einem verlassenen Haus in einer Kleinstadt. Japanisch sprechen kann er nicht, doch unverhofft kommt oft – und so greift ihm bald ein kleiner Junge, der Sohn einer drogensüchtigen Ex-Prostituierten, unter die Arme. Und dann die ganze Nachbarschaft, als sie entdeckt, dass in Mr. Long ein begnadeter Koch schlummert. So verschiebt sich der Fokus des schweigsamen Helden allmählich von der Aufgabe weg, möglichst schnell genügend Geld zusammenzubekommen, um zurück nach Taiwan zu gelangen, und hin zur Frage, ob man hier nicht ein bisschen Ruhe und Frieden finden kann. Doch der Teufel schläft bekanntlich nicht, und das tun auch nicht die japanische Yakuza oder unerfreuliche Bekanntschaften der Mutter des Jungen aus der Vergangenheit. Die – an sich recht klischeehafte – Geschichte erzählt „Mr. Long“ als Mix diverser Genres, die fließend ineinandergreifen. Da ist am Anfang der blutige Thriller mit schwarzhumorigem Einschlag, der durchaus aus der Feder von Tarantino stammen könnte. Dann ist da die Andeutung eines Buddy-Movies zwischen Mr. Long und dem kleinen Jungen. Die Nachbarn sorgen für Slapstick-Humor. Und schließlich wird noch eine zarte, gefühlvolle Liebesgeschichte reingepackt, bevor es am Ende wieder blutig wird. Und das funktioniert überraschenderweise richtig gut. Denn in allen Aspekten entwickelt „Mr. Long“ einen unglaublichen Sog und teils eine große, emotionale Wucht im Kleinen – in den Gesten, wenn sich der eiskalte Killer Mr. Long beispielsweise über einen gelungenen Home-Run seines jungen Freunds beim Baseballspiel freut, sich dies aber, weil er ja als dieser knallharte, schweigsame Typ wirken will, nicht anmerken möchte. Auch ist der Film konsequent – in dem, was er seinen Figuren antut und auch in dem, was er ihnen vorenthält. Phasenweise wirkt „Mr. Long“ dennoch nicht ganz ausbalanciert, und die Genreklischees, auf die der Film aufbaut, sind manchmal auch ein bisschen gar überstrapaziert. Aber sei’s drum, auch mein zweiter Viennale-Film 2017 kann jedenfalls weiterempfohlen werden.


7,5
von 10 Kürbissen