Shirin Neshat

Women Without Men (2009)

Regie: Shirin Neshat
Original-Titel: Zanan Bedun-e Mardan
Erscheinungsjahr: 2009
Genre: Drama
IMDB-Link: Zanan Bedun-e Mardan


Shirin Neshat hat sich mit ihrem ersten Langfilm einiges vorgenommen: Die Aufarbeitung der politischen Ereignisse im Iran von 1953, als durch einen Militärputsch das ganze Land aus den Fugen geriet. Gleichzeitig eine Geschichte über die Selbstbestimmung und Rolle der Frau in diesem gesellschaftlichen Umfeld, und das erzählt anhand von vier Frauenschicksalen, die am Ende zusammenfinden. All das in sehr schön gefilmten Bildern, die eine ruhige und klare Ästhetik aufweisen, gedämpfte Farben, immer wieder tableauartige Anordnungen – ja, handwerklich ist „Women Without Men“ eine sehr sehenswerte Angelegenheit. Leider aber konnte mich die Geschichte nicht wirklich mitreißen, denn zum Einen hatte ich das Gefühl, dass Neshat einfach zu viel wollte, und so mäandert der Fokus ein wenig umher und es fällt schwer, sich auf die immer wieder in verschiedene Richtungen wandernde Geschichte zu konzentrieren. Zum Anderen werden immer wieder fantastisch-magische Elemente eingestreut, die ich zwar an sich gern mag, aber hier vielleicht sogar ein Stück weit zu subtil eingesetzt sind – die Geschichte ist nämlich an sich nicht dem magischen Realismus zuzuordnen, und so werfen diese Einschübe mich als Zuseher immer wieder mal raus. So gesehen ist „Women Without Men“ wohl ein interessanter und sicherlich auch wichtiger Film (vor allem die Darstellung der Frauen und ihrer Nöte, Ängste, Probleme, aber auch Sehnsüchte fand ich wirklich sehenswert), aber als mitreißend würde ich ihn trotz der Opulenz der Bilder nicht bezeichnen.


5,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Polyfilm)

Auf der Suche nach Oum Kulthum (2017)

Regie: Shirin Neshat
Original-Titel: Looking for Oum Kulthum
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Biopic
IMDB-Link: Looking for Oum Kulthum


Oum Kulthum war die vielleicht berühmteste Sängerin Ägyptens und an ihrem Höhepunkt quasi Ägyptens Nationalheiligtum. Mir war sie, das muss ich ehrlich zugeben, bis zu Shirin Neshats Film kein Begriff. Aber man mag mir diese Bildungslücke nachsehen – denn zum Einen verstarb die große Künstlerin 1975 und zum Anderen trat sie mit einer einzigen Ausnahme niemals in Europa auf. Aber da sieht man wieder: Filmschauen bildet. Dass „Auf der Suche nach Oum Kulthum“ aber kein klassisches Biopic ist, geht bereits aus dem Titel hervor. Vielmehr zeigt der Film die Reise einer iranischen Regisseurin (Ähnlichkeiten mit real lebenden Personen sind hier sicherlich gewollt) zu sich selbst bzw. dem, was wichtig ist für sie. Sie dreht einen Film über Oum Kulthum, und dadurch, dass die Kamera der Kamera über die Schulter schaut und man die Produktion des Films mitverfolgt, bekommt man auch die Geschichte von Oum Kulthum erzählt. Eine raffinierte Struktur, die elegant ein übliches Problem des Biopics umgeht, nämlich der Anspruch auf Wahrhaftigkeit, der oft nicht eingelöst werden kann. Denn die Oum Kulthum in Shirin Neshats Film ist durch dieses Nacherzählen einer Biographie ganz klar als Neshats eigene Vision der Sängerin gekennzeichnet. Die echte Oum Kulthum war vielleicht ganz anders, aber das spielt hier keine Rolle. Auch geht es weniger um die Geschichte der ikonischen Künstlerin, sondern um jene der Regisseurin, die im Exil arbeiten muss und den Kontakt zu ihrem 14jährigen Sohn verloren hat. Im Laufe der Dreharbeiten ist sie gezwungen, ihre Ideen und Prioritäten zu hinterfragen. Das alles und die herausragend gefilmten Bilder machen aus „Auf der Suche nach Oum Kulthum“ einen wirklich interessanten Film. Allerdings zahlt Neshat auch einen Preis für die Verlagerung der Geschichte auf die Regisseurin und das Filmeschaffen selbst: Nämlich Oum Kulthum, diese faszinierende Persönlichkeit, wird dem Zuseher nicht greifbar. Ihre Lebensstationen werden eher rasch abgespult, und das Bild bleibt damit bestenfalls fragmentarisch. Eine kleine Randnotiz am Schluss: Der historische Saal des Wiener Metro Kinos kommt hier zu überraschenden Ehren und dient in einer Sequenz als Konzertsaalkulisse.


6,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen)