Biopic

Jackie – Die First Lady (2016)

Regie: Pablo Larraín
Original-Titel: Jackie
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama, Biopic, Historienfilm, Politfilm
IMDB-Link: Jackie


Alle Zutaten für einen Filmkürbis-Lieblingsfilm sind angerichtet: Natalie Portman, Jugend-Crush und immer noch hochgeschätzte Schauspielerin, spielt Jackie, die Ehefrau bzw. Witwe von JFK in einem Film von Pablo Larraín, der mich vor kurzem erst mit „Neruda“ begeistert hat. Der Trailer verspricht menschliche Abgründe, tolle Dialoge und große Schauspielkunst. Aber hält er diese Versprechen auch? Leider nur zum Teil. „Jackie“ ist großartig gespielt, keine Frage. Ob nun Natalie Portman mit einer Leistung, für die sie ihren zweiten Oscar bekommen müsste (wäre da nicht Emma Stone im Weg), oder Peter Sarsgaard als Bobby Kennedy, der selige John Hurt als zweifelnder, gedankenvoller Priester oder Billy Crudup als charismatischer Journalist – jede Rolle ist toll besetzt und gespielt. Und ja, die Dialoge sind (zumeist) intelligent und abgründig. Aber etwas Entscheidendes fehlt dem Film, um so richtig zu zünden: Und das ist bedauerlicherweise die Tiefe der Figuren. Man sieht eine verzweifelte Jackie, eine tapfere Jackie, eine ratlose Jackie, der Film kreist um sie und ihre Gefühlsausbrüche und auch die Versuche, eben jene zu kontrollieren, aber trotzdem bleibt Larraín mit seinem Film an der Oberfläche. Die Geschichte, die „Jackie“ erzählt, handelt von Verlust (vom privaten Verlust eines geliebten Menschen wie auch von einem Verlust von Anerkennung, von Bedeutung, von Lebenssinn), behandelt aber dieses Thema dermaßen zentral und ausführlich, dass kein Raum bleibt für die Figuren, andere Facetten von sich zu zeigen. Der Film wird somit bedrückend und wirkt teilweise langatmig. Absolut kein schlechter Film, aber nach dem Ansehen hatte ich das Gefühl, dass der Film mehr eine theoretische Abhandlung über Trauer ist als ein Stück Leben, das im Gleichklang mit seinen Protagonisten atmet. „Jackie“ ist gut gemachtes, aber trotz der Intimität seines Porträts ein wenig distanziertes Kino.


6,0
von 10 Kürbissen

Egon Schiele: Tod und Mädchen (2016)

Regie: Dieter Berner
Original-Titel: Egon Schiele: Tod und Mädchen
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Biopic, Drama, Historienfilm
IMDB-Link: Egon Schiele: Tod und Mädchen


Mit Biopics ist es ja so eine Sache. Wie strukturiert man diese, damit nicht einfach nur chronologisch (und arschlangweilig) ein Leben nacherzählt wird? Viele Filmemacher greifen dann zu einem ganz wundervollen Trick: Sie beginnen mit dem Ende oder kurz vor dem Ende und erzählen dann die Geschichte in Rückblenden. Krass innovativ, ey! Dass darunter der Spannungsbogen leidet, geschenkt! Denn hey, dass der Typ, dessen Leben da gezeigt wird, längst tot ist, ist ja allgemein bekannt, da kann man also gar nicht spoilern. Stimmt. Nur kann man so eben auch kaum eine wirklich packende Geschichte erzählen. „Egon Schiele: Tod und Mädchen“ von Dieter Berner tappt in genau diese Falle. Eigentlich ist das Biopic rund um die Besessenheit des österreichischen Jugendstil-Meisters ja recht erbaulich. Noah Saavedra spielt sympathisch und bemüht sich nach Kräften, diesem Übergott der Kunst ein menschliches Antlitz zu verleihen (das oftmals zu profan ausfällt, sodass man als Zuseher langsam ins Grübeln kommt, worin denn nun das Genie des Künstlers liegen soll – aber das ist ein anderer Kritikpunkt), die Ausstattung ist durchaus gelungen, viele Rollen sind gut besetzt. Aber es wird eben keine runde Geschichte daraus. So mäandert der Film, ausgehend vom Endpunkt, einem schwer lungenkranken Egon Schiele in seinem Totenbett, zwischen den Brüsten der g’schmackigen Darstellerinnen, den Konflikten mit der Obrigkeit und den Familiendramen mit der Schwester hin und her, aber man weiß ja, was kommt (hustender Schiele), und irgendwie ergeben die Teile, so gut gemeint und so interessant sie für sich vielleicht auch sein mögen, kein Ganzes. Nicht schlecht, aber unterm Strich halt sehr konventionelles Futter.


5,5
von 10 Kürbissen

Vor der Morgenröte (2016)

Regie: Maria Schrader
Original-Titel: Vor der Morgenröte
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama, Biopic, Historienfilm
IMDB-Link: Vor der Morgenröte


Josef Hader ist schon ein Guter. Kaum eine Figur könnte seinem Simon Brenner aus den Verfilmungen der Wolf Haas-Romane weiter entfernt sein als Stefan Zweig. Und doch wird Hader in Maria Schraders „Vor der Morgenröte“ zu eben diesem. Der Film erzählt die letzten Jahre Zweigs im Exil – in Argentinien, in New York, schließlich in Petrópolis, Brasilien. Der bedachte Kopfmensch bemüht sich, das große Ganze im Blick zu behalten und nicht ein ganzes Volk zu verteufeln, auch wenn das die Reporter und viele seiner Schicksalsgenossen und Dichterkollegen von ihm wünschen würden. Er ist besorgt, aber gleichzeitig als Intellektueller und wohlhabender Mann, der flüchten konnte, privilegiert. Daraus baut Maria Schrader das Porträt eines Mannes, der hin- und hergerissen ist zwischen den Schrecken seiner Zeit und dem schlechten Gewissen, einer der wenigen Überlebenden zu sein und als solcher Verantwortung zu tragen, die er nicht in dem Umfang annimmt bzw. annehmen kann, der ihm gerechtfertigt erscheint. Gleichzeitig ist „Vor der Morgenröte“ ein exzellent gefilmter Clash of Cultures. Wenn auf einer brasilianischen Farm im Nirgendwo eine Blasmusikkapelle aufmarschiert und mit schiefen Tönen den Donauwalzer intoniert, während sich der Bürgermeister vor Stolz, einen solch bedeutenden Schriftsteller bei sich zu haben, kaum halten kann, und dann die Kamera ins Gesicht von Hader zoomt und der Zuseher seine feuchten Augen bemerkt, erzählt der Film unglaublich viel über Heimat und Fremdheit. Ein ganz großer Wurf.


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen)

The Last Family (2016)

Regie: Jan P. Matuszynski
Original-Titel: Ostatnia Rodzina
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama, Biopic
IMDB-Link: Ostatnia Rodzina


Zdzisław Beksiński war ein bedeutender polnischer Maler der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er war Ehemann und Vater. Er war ein durchschnittlicher Mensch mit Fehlern. Seine Frau bemühte sich, die liebevolle Seele der Familie zu sein. Sein Sohn hatte psychische Probleme, wurde aber dennoch ein bekannter Radiomoderator und DJ. All das klingt nicht so wirklich bedeutsam, und das ist es wohl auch nicht. Aber dass man dennoch der Geschichte einer Familie über mehr als 20 Jahre hinweg gebannt zwei Stunden lang folgt, zeigt, dass ein Film nicht bedeutsam sein muss, um uns zu berühren. Das einfache Leben kann manchmal kompliziert genug sein. Jan P. Matuszynski, der erstaunlich junge Regisseur, wirft immer wieder vereinzelte Schlaglichter auf die Familie, die sich wie ein Mosaik allmählich zu einem Ganzen formen. Die Handlungsorte sind immer die gleichen – die Wohnung von Beksiński, die von seinem Sohn, der in einem Wohnblock gegenüber lebt, der Aufzug zu dieser Wohnung, der Friedhof. Mehr braucht Matuszynski nicht, um ein ganzes Leben nachzuzeichnen. Natürlich fragt man sich bei manchen Szenen, manchen Sequenzen, ob es nun tatsächlich nötig ist, diese zu zeigen, aber nach einigem Nachdenken stellt man fest: vielleicht nicht unbedingt nötig, aber erhellend. Das Ende hallt lange nach.


7,5
von 10 Kürbissen