2021

Luca (2021)

Regie: Enrico Casarosa
Original-Titel: Luca
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Animation
IMDB-Link: Luca


„My name is Luca. I live on the second floor … of the sea.“ Okay, wer hat jetzt noch einen Ohrwurm? Den jetzt mal schnell vergessen, denn es geht nicht um Suzanne Vega, sondern um das junge Meerungeheuer Luca, das von zuhause ausbüxt und mit Alberto einen neuen Freund findet – der ihm das Leben an der Oberfläche zeigt. Der größte Wunsch der beiden Jungs: Eine Vespa, die die Welt und Freiheit für die beiden bedeutet. (Gaaaanz unaufdringliches Product Placement, aber immerhin charmant in Szene gesetzt.) Um ihren Traum zu verwirklichen, schließen sie sich der quirligen Außenseiterin Giulia an, die beim alljährlichen Triathlon in der kleinen italienischen Küstenstadt ihren Erzrivalen Ercole besiegen möchte. Die Disziplinen: Schwimmen, Spaghetti essen und Radfahren. Der Preis: Genug Geld, um sich eine Vespa zu kaufen. Natürlich ist das alles nicht so einfach, vor allem für zwei junge Seemonster, die noch nicht viel von der Welt gesehen haben. Und dann gibt’s da noch Spannungen zwischen den beiden Jungs und Giulia. Freundschaften müssen neu verhandelt werden. „Luca“ ist ein leichtgewichtiger Pixar-Film, vor allem, wenn man ihn mit Meisterwerken wie Inside Out vergleicht. Man täte ihm aber Unrecht, ihn als Kinderfilm abzutun. Denn „Luca“ ist zwar eher als spaßiges Familienabenteuer gestrickt, hat aber dennoch genug Tiefgang (pun intended), um auch ein erwachsenes Publikum mitzureißen. Dazu ist der Film unfassbar schön anzusehen – bunt, lebendig, man meint, das salzige Meerwasser und die Fische riechen zu können, und durch und durch italienisch. „Luca“ bringt den Sommer ins Wohnzimmer. Und erzählt fast schon beiläufig eine stimmige Geschichte über Freundschaften und wie sich diese weiterentwickeln.


7,0 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Black Widow (2021)

Regie: Cate Shortland
Original-Titel: Black Widow
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Action, Abenteuerfilm
IMDB-Link: Black Widow


Erst mal eine wichtige Einordnung: „Black Widow“ spielt im MCU unmittelbar nach „Captain America: Civil War“. Wer sich also auf das Solo-Abenteuer der russischen Superspionin Natasha Romanoff (Scarlett Johansson) einlassen möchte, sollte im MCU-Universum zumindest bis dahin gekommen sein, denn sonst ist am Anfang alles ein wenig unklar. Aber wenn man mal die Anfangshürde übersprungen hat (oder einfach das bisschen Vorgeplänkel ignoriert, weil’s für die Story eh wurscht ist), findet man sich in einem actionreichen Abenteuer wieder, das vielleicht nicht unbedingt den Frontallappen des Großhirns anspricht, aber das limbische System auf eine Reise schickt. „Black Widow“ ist im MCU ein Zwischenteil, den man nicht haben muss, der auch nicht wirklich was zur großen Storyline beiträgt, aber für den sich die Kinokarte dennoch auszahlt, weil auf einer großen Leinwand in 3D mit einem Kübel Popcorn oder Nachos vor sich, fetzt Cate Shortlands Actionfilm auf jeden Fall. Dabei bleibt die Regisseurin, die hiermit ihr Blockbuster-Debüt gibt, in den Actionsequenzen sehr fokussiert und begeht nicht den Fehler, einfach nur ein großes Durcheinander zu produzieren. Auch liegt der Fokus stark auf den mit Florence Pugh, Rachel Weisz und David Harbour exzellent besetzten Nebenfiguren und ihrer Chemie mit dem Lack-und-Leder-Girl der Avengers. Einzig Ray Winstone als fieser Gegenspieler bleibt blass und austauschbar. Aber das Hauptaugenmerk liegen eben woanders: Zwischen dem Geknüppel wird darüber sinniert, was Familie bedeutet (und nein, das ist kein weiterer Beitrag zur aktuellen Fast & Furious-Meme-Flut im Internet). Als Thema vielleicht etwas beliebig, aber immerhin gut erzählt und vor allem von Florence Pugh auch glaubwürdig getragen. Auf die Logik muss man in einem solchen Film natürlich nicht schauen und physikalische Gesetze gelten hier bloß als Empfehlungen, auf die man nicht viel geben muss. Aber der Film unterhält, macht Spaß und gibt der geheimnisvollen Agentin, die lange Zeit als Sidekick von Tony Stark herhalten musste, endlich die Screentime, die sie verdient.


7,0 Kürbisse

(Bildzitat: Photo by Jay Maidment/Jay Maidment – © Marvel Studios 2021, Quelle http://www.imdb.com)

Die Ausgrabung (2021)

Regie: Simon Stone
Original-Titel: The Dig
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Drama, Biopic, Historienfilm
IMDB-Link: The Dig


Man kennt ja den sogenannten Elevator Pitch: Angenommen, du triffst im Aufzug eine bedeutende Filmproduzentin und hast genau die eine Fahrt mit dem Aufzug Zeit, sie von deiner Story zu überzeugen. Und das wäre nun dein Elevator Pitch für „The Dig“: Ein Mann gräbt ein angelsächsisches Schiff aus. Pitch Ende. Die Filmproduzentin dreht sich zu dir, beäugt dich skeptisch über den Rand ihrer Brille, schiebt sich diese dann mit einer energischen Bewegung zurück auf den Nasenrücken und sagt, während sich die Aufzugstür öffnet, noch über die Schulter hinweg: „Kommen Sie wieder, wenn Sie eine Geschichte haben.“ Und schon wäre es vorbei gewesen mit der Idee, aus der Ausgrabung von Sutton Hoo einen Film zu machen. Zum Glück werden über das Schicksal von Filmen nicht ausschließlich anhand von Elevator Pitches entschieden. Und so dürfen Ralph Fiennes als Ausgräber Basil Brown und Carey Mulligan als Landbesitzerin Edith Pretty ihr Schiff ausbuddeln. Und dabei im Angesicht der Erkrankung von Edith und den drohenden Kriegswolken, die sich am Horizont zusammenbrauen, über die Vergänglichkeit kontemplieren. Es geht in „The Dig“ weniger um die Entdeckung des bedeutendsten angelsächsischen Schiffsgrabes und dessen Folgen, sondern vielmehr um die Zeit an sich, um das Bewahren und das Loslassen, darüber, wie unbedeutend das einzelne Leben im Angesicht der Zivilisationsgeschichte erscheint. Ralph Fiennes und Carey Mulligan mit ihren melancholischen Blicken sind Idealbesetzungen in ihren Rollen. Auch der Rest des Casts (u.a. Lily James, Ben Chaplin, Ken Stott und Johnny Flynn) kann überzeugen. Vielleicht ist der Film an einigen Stellen zu verlangsamt, und was es definitiv nicht gebraucht hätte, ist die schludrig hineingeschriebene Liebesgeschichte zwischen der vernachlässigten Archäologin Peggy Piggott und dem Cousin der Landbesitzerin. Dennoch ist „The Dig“ ein stark gemachtes, entschleunigtes Stück Kino, das sich wunderbar auf einer großen Leinwand gemacht hätte – nicht aufgrund der Wucht der Bilder (dafür gibt es andere Filme), sondern vielmehr, weil es dieser fast meditative Film braucht, dass man sich ablenkungsfrei auf ihn konzentriert, denn nur so wird die Zeit, die er behandelt, auch tatsächlich spürbar. 


6,0 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Malcolm & Marie (2021)

Regie: Sam Levinson
Original-Titel: Malcolm & Marie
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Drama
IMDB-Link: Malcolm & Marie


Wie dreht man in Zeiten von Corona einen Film? Sam Levinson hat für diese Frage die naheliegende Lösung gefunden. Er hat einfach ein geräumiges und abgelegenes Haus angemietet, Zendaya und John David Washington mit einer kleinen Crew dort hineingesetzt und wahrscheinlich allen am Dreh Beteiligten verboten, nach Tirol skifahren zu gehen. Herausgekommen ist dabei ein Zwei-Personen-Kammerstück, in dem Levinson die Beziehung seiner beiden Protagonisten nicht nur seziert, sondern sie selbst auch noch mit der Axt aufeinander losgehen lässt – natürlich nur sprichwörtlich gemeint, die tatsächliche Axt hat Stanley Kubrick ja schon Jack Nicholson in Shining in die Hand gedrückt, und Kubrick sollte man einfach nicht kopieren. Als gewaltfrei würde ich Beziehungsdrama allerdings nicht bezeichnen, denn auch Worte können ganz schön wehtun. Das Ganze entzündet sich an einer scheinbaren Kleinigkeit: Malcolm und Marie kommen gerade von der (gefeierten) Premiere von Malcolms neuem Film nach Hause, doch Marie wirkt angespannt und sichtlich angepisst: Malcolm hat sie einfach in seiner Dankesrede vergessen. In weiterer Folge baut sich auf diesem Fauxpas eine Reihe von gegenseitiger Vorhaltungen, Anschuldigungen und Beleidigungen auf, die sich merklich angestaut haben in den letzten Wochen, Monaten, Jahren. Zwischendurch finden die beiden in Gesten der Versöhnung auch wieder zueinander, aber die Stimmung bleibt angespannt und ein falsches Wort, ein falscher Blick genügt, um die nächste Runde in diesem brutalen Boxkampf der Worte einzuläuten. Und allmählich schält sich das Bild einer höchst toxischen Beziehung aus den Streitgesprächen. John David Washington und Zendaya spielen das großartig. Beide wirken sympathisch und, wenn sie austeilen, höchst unsympathisch gleichermaßen. Beide schenken sich nichts. Allerdings – und darin liegt die vielleicht größte Stärke wie Schwäche des Films gleichermaßen – findet sich zwischen den Zeilen (und auch in den Zeilen, wenn man gut hinhört) die sehr vertraute Story einer Beziehung, in der der Mann sich als Retter der Frau sieht und die Frau in dieser Beziehung klein hält. Das ist alles sehr subtil eingebaut, und man könnte diesen Punkt auch glatt übersehen. Andererseits: Der Holzhammer hätte dem Film auch nicht gut getan, und so muss Levinson mit dieser Ambivalenz leben. Das Ende ist versöhnlich wie bitter gleichermaßen. So bleibt „Malcolm & Marie“ bis zum Schluss ein Film, der Gegensätze in sich vereint, um von einem bitteren Stück Realität zu erzählen. Warum ich davon ausgerechnet am Valentinstag schreibe? Vielleicht, weil der Film ganz gut aufzeigt, wie es eben nicht sein sollte.


7,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)