2019

Der Leuchtturm (2019)

Regie: Robert Eggers
Original-Titel: The Lighthouse
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Horror, Drama, Fantasy
IMDB-Link: The Lighthouse


Liebe Leserinnen und Leser, verneigt euch vor Robert Pattinson! Ja, ihr habt richtig gelesen. Der Glitzervampir aus der Twilight-Reihe mit dem – laut Filmpartnerin Kristen Stewart – schlechten Mundgeruch. Aber gut, diesen wird ja mit Pfefferminz und Kaugummi gut los. Das Stigma des Glitzervampirs bleibt hingegen länger haften. In Robert Eggers‘ „Der Leuchtturm“ sollte er sich aber an der Seite von Willem Dafoe, der ohnehin über jeden Zweifel erhaben ist, freigespielt haben von derartigen Sünden der Vergangenheit. Dieser Film ist eine Offenbarung. Man stecke zwei bärtige Typen aus dem 19. Jahrhundert in einen Leuchtturm und lasse Wind, Wellen, Seemannslieder und wuchtige Verse in körnigem Schwarz-Weiß auf sie einprasseln. Die meiste Zeit über empfand ich den Film als brutale Tour de Force in die Finsternis der menschlichen Seele und als einen Ritt in den Wahnsinn – wobei lange Zeit nicht klar ist, wer von den beiden diesen Höllenritt nun tatsächlich antritt. Diese Ambiguität ist – neben den außergewöhnlich archaischen Bildern in fast quadratischem Format und dem grandiosen Schauspiel zweier ebenbürtiger Widersacher, die sich nichts schenken – die größte Stärke des Films. Und schon war ich geneigt, das Ganze als Ritt in den Wahnsinn abzutun, als der Film am Ende eine letzte Kapriole schlug und ich mit offenem Mund und einer wortwörtlichen Erleuchtung in den Kinosessel gedrückt wurde. „Der Leuchtturm“ ist ein Film, der sowohl die Urinstinkte als auch den Verstand gleichermaßen anspricht – und damit ein seltener Glücksfall. Dass er überhaupt funktionieren kann, liegt an einer überragenden Inszenierung und der schon erwähnten Schauspielkunst. Hätte hier nur ein Rädchen nicht gegriffen, wäre der Film in sich zusammengefallen. So steht er aber als festes Monument in der cineastischen Landschaft wie ein Leuchtturm in rauer See. Ein Film, der bleibt. Und vielleicht Robert Pattinsons endgültige Emanzipation vom Vampirschmafu.


8,5
von 10 Kürbissen

(Foto: A24 Films)

Knives and Skin (2019)

Regie: Jennifer Reeder
Original-Titel: Knives and Skin
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Thriller, Drama, Fantasy
IMDB-Link: Knives and Skin


Der Film beginnt damit, dass ein Teenager-Mädel von ihrem Boyfriend nächtens ins Gemüse an einen beschaulichen See gekarrt wird. Dort findet man rasch zueinander, doch auf das Drängen des jungen Beaus, der sichtlich mehr will, reagiert die junge Dame nicht so positiv. Das wiederum lässt der hormongesteuerte Heißsporn nicht auf sich sitzen. Er stößt das Mädchen weg, das sich den Kopf blutig schlägt, und rast panisch davon. Und das ist das letzte Mal, dass Carolyn Harper lebendig gesehen wurde. Was Jennifer Reeder in „Knives and Skin“ dann aus dieser Prämisse macht, ist außergewöhnlich. Denn sie wählt nicht die einfachen, naheliegenden Verarbeitungsmöglichkeiten im Rahmen eines Verlust-Dramas oder eines Thrillers, sondern sie mischt die Zutaten dieser Genres wild zusammen mit Coming of Age-Themen, mit Popkultur, Mystery-Elementen und 80er-Chic. Eine derart arg zusammengewürfelte Melange kann auch rasch schiefgehen, zumal es hier keine klar definierten Hauptfiguren gibt. Eine groß aufspielende Marika Engelhardt als Mutter der Vermissten, die die Tragödie nicht so recht wahrhaben, geschweige denn verarbeiten kann, ist vielleicht noch das emotionale Zentrum des Films. Aber Reeder geht es um andere Aspekte: Um Beziehungsgeflechte, um das alte Thema des Erwachsenwerdens, um Emanzipation und Liebe, um Lust, um das ständige Beobachtenwerden in der Kleinstadt. Und wie die Balance ins Wanken gerät, wenn von außen eine Tragödie in die fragilen Beziehungen getragen wird. Das alles ist recht plakativ und zuweilen schrill in Szene gesetzt – und das ist vielleicht nichts für jedermann oder jederfrau. Mir hat „Knives and Skin“ aber gefallen. Jennifer Reeder versucht mit dem Film, sehr eigene und persönliche Wege zu gehen, und auch wenn der Film zuweilen ein bisschen wirkt, als wären die einzelnen Teile darin interessant, während das große Ganze aber undifferenziert und vage bleibt, als wäre es nicht ganz zu Ende gedacht worden, so bin ich diese Reise sehr gerne mitgegangen.


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Viennale)

Ein leichtes Mädchen (2019)

Regie: Rebecca Zlotowski
Original-Titel: Une fille facile
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama, Erotik
IMDB-Link: Une fille facile


Eine der offenen Fragen der Menschheit: Wieviel wiegt so ein leichtes Mädchen eigentlich? Rebecca Zlotowski gibt darauf in ihrem neuen Film auch keine Antwort. Immerhin ist ihr mit der Besetzung ein Coup gelungen, der dafür sorgt, dass der Film ins Gespräch kommt, auch wenn er keine Antworten auf die schwerwiegenden Fragen geben kann: Mit Zahia Dehar verpflichtete die Regisseurin jene junge Dame, die vor einigen Jahren als minderjährige Prostituierte mit ein paar französischen Fußball-Stars unter die Bettdecke gehüpft ist. Sie spielt nun jenes leichte Mädchen, das sich in Cannes von älteren Herren auf Luxusyachten aushalten lässt. Als Kontrapunkt: Newcomerin Mina Farid als 15jährige Kusine, die als Anhängsel der lebensfrohen jungen Frau einen Sommer lang ebenfalls die Luft von Reich & Schön schnuppern darf, während sie die Entscheidung, welche Richtung ihr Leben nehmen soll, auf die lange Bank schiebt. Wäre der Film von einem Mann gedreht worden, hätte der erste empörte Hinweis auf einen „male gaze“ in Anbetracht der Inszenierung von Frau Dehars üppiger Oberweite nicht lange auf sich warten lassen. Auch eine der Grundprämissen des Films, nämlich dass Freiheit und Luxus durch Sex erlangt werden (können), wäre wohl heftiger diskutiert worden. Und dann schrammt der Film auch noch knapp an einem Lolita-Revival vorbei, denn die 15jährige Naima entwickelt ein Interesse am etwa fünfzigjährigen Philippe (Benoit Magimel), dem Mitarbeiter des Lebemannes und Yacht-Besitzers Andres Monteiro (Nuno Lopes), der die schöne Kusine vernaschen darf und sie dafür mit viel Blingbling in Form von sündteuren Handtaschen und Uhren entlohnt. Wie gesagt, wäre der Film von einem fünfzigjährigen Mann gedreht worden, hätte man erotische Gelüste hinein interpretieren können (ob nun zurecht oder nicht). Da der Film aber von einer Frau geschrieben und inszeniert wurde, scheint sich diese Diskussion zu erübrigen. Das macht den Film schon mal per se interessant. Allerdings schützt es ihn nicht davor, in einige wirklich unangenehme Klischee-Fallen zu tappen. Die Handlung ist so vorhersehbar wie das Ergebnis, wenn man sich zwei Stunden lang ohne Sonnenschutz an den Strand der Cote d’Azur setzt. Man hat das Gefühl, den Film bereits bei der ersten Sichtung mitsprechen zu können. Zwei- oder dreimal gelingt es der Regisseurin, kurz aus den bekannten Mustern auszubrechen, aber das reicht nicht aus, um den Film wirklich sehenswert zu machen. Am Ende ist es eine 08/15-Story mit prallen Brüsten und hübschen Booten.


5,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Viennale)

Little Joe (2019)

Regie: Jessica Hausner
Original-Titel: Little Joe
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Thriller
IMDB-Link: Little Joe


Bleampal (= Blümchen auf Wienerisch) sind doch was Feines. Sie sehen hübsch aus, riechen gut und helfen manch stammelndem Liebenden, der daran scheitert, seine Gefühle auf die Zunge zu legen, auf einfache Weise aus der Patsche. In Jessica Hausners „Little Joe“ können sie sogar noch mehr: Ihre Botanikerin Alice (Emily Beechum) hat nämlich ein zartes Pflänzchen entwickelt, das durch den Ausstoß ihres Duftes die Menschen glücklich macht. Mit ihrem Kollegen Chris (Ben Whishaw) arbeitet sie daran, die neu gezüchtete Blume für die große Blumenmesse fertigzumachen. Währenddessen lassen die Blümchen ihres Chefs im Trog nebenan die Köpfe hängen. Und da sind wir schon mittendrin in den unerwarteten Nebenwirkungen, die eben auftreten können, wenn sich die Wissenschaft mal wieder was Tolles ausdenkt. Schlag nach bei Frankenstein, auf den von Jessica Hausner im anschließenden Q&A auch verwiesen wird. „Die Natur findet ihren Weg.“ Das wusste schon Jeff Goldblums Dr. Ian Malcolm. Es ist nun mal keine gute Idee, wenn man einem Lebewesen die Möglichkeit der Reproduktion verweigert. Darauf reagiert Mutter Natur sauer bzw. – wie in diesem Fall – mit kreativen Mitteln der Umgehung. Und so entspinnt sich allmählich ein langsamer Thriller, eine Mischung aus „Jurassic Park“ meets “Die Körperfresser kommen“, aber vegan und auf Beruhigungsmitteln. Die Kernfrage ist interessant: Was sind „echte“ Gefühle vs. „falsche“ Gefühle? Nur leider weist der Film Schwächen im Drehbuch auf, das zu viel erzählt bzw. erzählen lässt. Ein Film voller Ambivalenz, von einem Soundtrack, bei dem höchste Tinnitus-Gefahr herrscht, stimmig begleitet. Wenn doch nur das ganze Drehbuch so subtil gewesen wäre wie die Veränderungen, die im Film postuliert werden, dann hätte das ein großer Wurf werden können. Ganz reicht es dafür nicht aus, aber interessant ist der Film allemal.


6,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Viennale)

Nona. If they soak me, I’ll burn them (2019)

Regie: Camila José Donoso
Original-Titel: Nona. Si me mojan, yo los quemo
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama
IMDB-Link: Nona. Si me mojan, yo los quemo


Wenn eine originelle und amüsante Prämisse, nämlich dass sich eine lebenslustige Mittsechzigerin ihres Frusts auf den Exmann mittels eines Molotow-Cocktails entledigt, in ein eher mühsames und sperriges Etwas von Film mündet, dann weiß man: Es ist Viennale-Zeit. Camila José Donosos „Nona. Si me mojan, yo los quemos“ ist ein typischer Festival-Film. Das heißt: Er hat seine starken Momente und ganz klar auch Qualitäten, die hervorstechen und für einen individuellen Zugang zum Medium Film der Schaffenden zeugen, aber Herrgottsakrament, wo ist die verdammte Geschichte? Und so sympathisch die schlitzohrige Nona, gespielt von Josefina Ramírez auch ist, so interessant stellenweise das Vermischen von dokumentarischen Aufnahmen mit Fiktion auch sein mag, am Ende ist das alles weder Fisch noch Fleisch. Was ja angesichts des Zugangs der Regisseurin durchaus so gewollt sein könnte. Denn auch die Formate werden wild vermischt – ob digitale Aufnahmen, 16 mm, in unterschiedlichen Formaten mit unterschiedlichen Farbgebungen, auch die Szenen selbst hängen kaum zusammen und auf Chronologie pfeift Donoso schon mal ganz. Eigentlich ein wilder (Molotow?)-Cocktail, den die Regisseurin da mixt, aber wenn man Tequila, Apfelsaft, Milch, Rotwein und Tee zusammenmischt, besteht die Gefahr, dass die ganze Suppe am Ende wieder hochkommt. Ganz so schlimm ergeht es Donoso hier nicht – dazu ist ihre Nona zu entzückend in ihrer mit Lebensweisheit gespickten Selbstfindung, und viele Bilder sind wirklich sehr schön anzusehen, aber allzu lange im Gedächtnis bleiben wird dieser Film wohl eher nicht. Als persönlicher Festival-Auftakt ist er aber ideal – nun bin ich in der Stimmung für sperriges Zeug.


5,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Viennale)

Joker (2019)

Regie: Todd Phillips
Original-Titel: Joker
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Thriller, Drama
IMDB-Link: Joker


Wenn der Goldene Löwe in Venedig an einen Film über eine Comic-Figur geht, ist das schon mal eine Ansage. Wenn der Film ausgerechnet die Genese des Oberschurken im DC-Universum zum Thema hat, auch. Und wenn der Oberschurke noch dazu von einem der großartigsten Charakterdarsteller unserer Zeit, Joaquin Phoenix, gespielt wird, steigert sich die Erwartungshaltung fast ins Unermessliche. Doch ist der Hype gerechtfertigt? Großer Spoiler: JA! Denn „Joker“ von Todd Phillips steht abseits der üblichen Comic-Verfilmungen, ist ein ganz eigenes Ding, erinnert in seiner Düsternis an Nolans Dark Knight-Trilogie, für mich immer noch die Benchmark für intelligentes und forderndes Unterhaltungskino, ist aber ausschließlich eine Charakterstudie und hat nichts gemein mit dem üblichen Actionfeuerwerk, das von einer Comic-Verfilmung zu erwarten wäre. Die Geschichte von Arthur Fleck, dem erfolglosen Clown-Darsteller und Comedian, der vom Leben so viele Faustschläge in die Magengrube erhält, bis etwas Essentielles, der Glaube an die Menschheit, in ihm unrettbar zerbricht, ist fesselnd erzählt und vielleicht das glaubhafteste Psychogramm, das ich in den letzten Jahren im Kino sehen konnte. Das liegt an einem intelligenten und in jeder Hinsicht stimmigen Drehbuch, an einer handwerklich großartigen Inszenierung (man achte auf das düstere, flackernde Licht, an die Farbgestaltung, die hervorragende Kameraarbeit) und vor allem an Joaquin Phoenix. Dessen Joker ist eine Offenbarung. Jede Bewegung passt, jede Geste, alles an ihm stimmt zu diesem vom Leben gebeutelten Clown. Weil es immer wieder Diskussionen im Netz gibt, wer nun der bessere Joker sei – Heath Ledger oder Joaquin Phoenix: Ich sage, die beiden ergänzen sich. Der Wahnsinn, den Heath Ledger so gut zum Ausdruck brachte, bekommt durch Joaquin Phoenix‘ Darstellung ein Fundament. Ich ziehe meinen Hut vor Phoenix – und möglicherweise sehen wir schon bald einen zweiten Oscar für die Darstellung desselben Comic-Bösewichts.


9,0
von 10 Kürbissen

Lillian (2019)

Regie: Andreas Horvath
Original-Titel: Lillian
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Roadmovie, Drama
IMDB-Link: Lillian


Lillian (Patrycja Planik) möchte in New York Pornodarstellerin werden, aber ihr Visum ist abgelaufen und außerdem spricht sie kein Englisch. Der Produzent rät ihr, zurück nach Russland zu gehen – denn dort gäbe es Geld und Chancen für Mädchen wie sie. Das nimmt sie dann etwas zu wörtlich, denn sie macht sich zu Fuß auf den Weg von New York zur Beringstraße in Alaska, um dort nach Russland überzusetzen. Eine solche Geschichte hat sich tatsächlich zugetragen: In den 1920er ging Lillian Alling den ganzen Weg von der Ostküste bis nach Alaska. Ob sie Sibirien tatsächlich erreichte, ist nicht klar – am Yukon verlor sich ihre Spur. Diese irre Geschichte übertrug Andreas Horvath in die heutige Zeit. Die Geschichte von Lillian bekommt dadurch interessante Ebenen hinzugefügt, an denen Horvath mehr interessiert ist als an Lillian selbst: Zum Einen wird aufgeworfen, wie anachronistisch diese natürliche Art der Fortbewegung heutzutage gilt. So wird Lillian beispielsweise unterwegs von einem Sheriff aufgegriffen, da es einfach nicht sein kann, dass eine junge Frau meilenweit einen Highway entlang geht. (Diese kurze Episode mit dem Sheriff überrascht im Übrigen dadurch, dass sämtliche Klischees, die zu erwarten wären, aufgegriffen und gleichzeitig unterwandert werden.) Eine weitere zusätzliche Ebene ist ein Blick auf die USA von heute, auf die Menschen abseits der großen Städte. Andreas Horvath macht hierbei nicht viel mehr, als die Kamera auf Gesichter zu halten und im Hintergrund Radiosprecher das Wetter und andere alltägliche Dinge kommentieren zu lassen. Durch diese respektvollen Porträts kommt man den Menschen, die gezeigt werden, vielleicht nicht unbedingt näher, aber man entwickelt eine Art von Verständnis dafür, woher sie kommen und was sie formt. Ein gelungener Kunstgriff ist es, Lillian den ganzen Film über schweigen zu lassen. Dadurch wird sie zur reinen Projektionsfläche, und die Interaktionen mit ihr (gefilmt in einem semidokumentarischen Ansatz mit Personen, die man unterwegs getroffen hat) werden zu einer Spiegelung. Patrycja Planik hat dabei die Mammutaufgabe zu bewältigen, den ganzen Film mit ihrer Mimik tragen zu müssen. Doch diese Aufgabe meistert sie bravourös. Jede ihrer Bewegungen ist interessant und signifikant. Man sieht hier eine beharrliche, trotzige Frau, die dem Leben den Mittelfinger zeigt und wortwörtlich ihren eigenen Weg geht. Und dieser führt sie durch atemberaubend schöne Landschaften, die allein es schon wert sind, den Film zu sehen. Allerdings braucht man schon gehörig Sitzfleisch für „Lillian“. Es passiert nicht viel mehr als dass eine Frau durch größtenteils einsame Landschaften geht. Und das zieht sich bei einer Laufzeit von deutlich über zwei Stunden zuweilen schon recht hin.


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Stadtkino Filmverleih)

Ad Astra – Zu den Sternen (2019)

Regie: James Gray
Original-Titel: Ad Astra
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama, Science Fiction, Thriller
IMDB-Link: Ad Astra


Es gibt Filme, für die sich eine IMAX-Leinwand definitiv auszahlt. „Ad Astra“ von James Gray gehört zu diesen Filmen. Wenn man mit Brad Pitt durch die unendliche Weite des Weltraums schwebt, möchte man das nicht auf einem unscharfen Röhrenfernseherbild aus den 80ern tun. Das Weltall ist ein furchteinflößend leerer Ort, das darf man als Zuseher auch spüren. Die Geschichte von „Ad Astra“ ist relativ simpel aufgebaut: Der stoische Weltraumtechniker Roy McBride (Brad Pitt) wird auf eine streng geheime Mission via Mond zum Mars geschickt, um eine Botschaft an seinen lang verschollen geglaubten Vater (Tommy Lee Jones) zu schicken. Dieser hockt mutmaßlich auf dem Neptun herum, Jahre, nachdem der Kontakt zur Mission, die er geleitet hat, abgebrochen ist. Und nun gehen vom Neptun Energiewellen aus, die die ganze Galaxis bedrohen. Was nach einem Michael Bay-Actionfilm mit viel Tschimmbumm und mächtigen Explosionen klingt, stellt sich als sehr leises, langsames Drama im All heraus. Denn James Gray ist nicht so sehr an Weltraumabenteuern interessiert, sondern an dieser gefühlskalten, gut funktionierenden Figur Roy McBride. Dessen glatte Oberfläche, an der alle Katastrophen abzuperlen scheinen, bekommt allmählich Risse. Es schält sich ein Mensch heraus, der vom Schatten des Vaters schier erdrückt wird. Was wir in „Ad Astra“ sehen, ist die filmische Bearbeitung der vielleicht ältesten Fragen überhaupt: Wer sind wir? Worüber definieren wir uns? Action gibt es dennoch, allerdings ist sie sparsam und prägnant umgesetzt. Was James Gray mit „Ad Astra“ beispielsweise richtig gut macht und in dieser Form bislang auch kaum im Kino zu sehen war: Katastrophen bahnen sich nicht mit großem Gedöns an. Sie passieren einfach. Gerade noch war die Welt in Ordnung, doch plötzlich ist alles Chaos, alles konfus, man versucht zu funktionieren und irgendwie einen Ausweg zu finden, und erst am Ende, wenn man diese Katastrophe tatsächlich überlebt hat, kann man rekonstruieren, was eigentlich passiert ist. Diese Erfahrung setzt James Gray brillant um. Und apropos Brillanz: Brad Pitt ist gesondert zu erwähnen. Der liefert einmal mehr eine mehr als tadellose Leistung ab. Seine Darstellung des Roy McBride ist ein Meisterstück an kontrollierten Emotionen. „Ad Astra“ ist ein ungewöhnlicher Film, der eine gewöhnliche, aber universell adaptierbare Geschichte erzählt. Wenn man sich darauf einlässt, versetzt einen der Film fast in Trance.


8,0
von 10 Kürbissen

Es Kapitel 2 (2019)

Regie: Andrés Muschietti
Original-Titel: It Chapter Two
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Horror
IMDB-Link: It Chapter Two


Send in the Clowns! Pennywise (Bill Skarsgård) kehrt 27 Jahre nach den Ereignissen des ersten Teils wieder nach Derry zurück und tut das, was ein Clown eben so tut. Leute erschrecken. Und gelegentlich auffressen. (Gut, das ist vielleicht nicht typisch für Clowns.) Also muss Mike (Isaiah Mustafa) die alte Gang, den Club der Verlierer (James McAvoy. Jessica Chastain, Bill Hader, Jay Ryan und James Ransome), reaktivieren, um Es ein für alle Male dorthin zu treten, wo’s richtig weh tut. Unter der Führung von Bill Denbrough, der eine persönliche Rechnung mit dem Clown offen hat, geht es nun also in den finalen Endkampf. Und der ist – gemessen am ersten Film – dann doch eher eine Enttäuschung. Ich bin ja bekanntermaßen eher ein Hosenschisser, was Horrorfilme betrifft, auch wenn ich die Bücher von Stephen King liebe, und auch Es großartig fand. Der zweite Teil der Verfilmung des vielleicht bekanntesten Werkes von Stephen King, der im Übrigen einen herrlich schrägen Chameo-Auftritt im Film hat, ist aber weniger Horror als mehr ein übersinnliches Action-Abenteuer. Zwei- oder dreimal hat es mich schon aus dem Sitz gehoben mit dem anschließend dringenden Bedürfnis, eine Blutdruckmanschette anzulegen, aber im Großen und Ganzen ist Andy Muschiettis Film eher zahm – was Horrorfans vermutlich noch saurer aufstoßen mag als mir. Ich selbst bin ja eher ein Freund der ruhigen Töne und der atmosphärischen Spannung, und daher fand ich Teil 1 auch so gut. Leider versinkt das Finale allerdings in einem ziemlichen Krawall, der zudem stellenweise arg ins Klamaukige abdriftet. Natürlich – das Problem beim Horror ist, dass er gut funktioniert, solange man das Monster nicht sieht und die eigene Fantasie die ärgsten Vorstellungen ausspucken kann (auf diesem Grundgedanken basiert ja auch Stephen Kings Buch), aber wenn man die Tür schließlich öffnet (und man muss sie auf jeden Fall irgendwann mal öffnen) und das Monster dahinter sichtbar wird, verliert es oft seinen Schrecken und wird im schlimmsten Fall lächerlich. Genau das passiert in Es. So bleibt der Film zwar unterhaltsam und ist auf seine Spieldauer von fast drei Stunden auch nicht langatmig (was ich ihm hoch anrechne), aber im Vergleich zum ersten Film, der die Atmosphäre viel besser aufgebaut hat, wirkt er arg zerstückelt, ein bisschen laut und irgendwie unentschlossen. Das wäre besser gegangen. Aber gut, der größte Horror spielt sich dann doch immer im eigenen Kopf ab.


6,0
von 10 Kürbissen

Leid und Herrlichkeit (2019)

Regie: Pedro Almodóvar
Original-Titel: Dolor y gloria
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama
IMDB-Link: Dolor y gloria


Sie wünschen, wir spielen. Nachdem ein berechtigter Einwand kam, dass auf meinem Blog bislang kein einziger Film von Pedro Almodóvar besprochen wurde, wird das hiermit nachgeholt – zumal ich seinen neuen Film „Leid und Herrlichkeit“ ohnehin schon seit Wochen auf der Must-Watch-Liste habe. In diesem Film erzählt Almodóvar in wunderbar lakonischem Ton vom Filmemacher Salvador Mallo (Antonio Banderas), der in einer gesundheitlichen und künstlerischen Krise steckt. Sein Körper gibt nach und nach den Geist auf, alles tut ihm weh, und gedreht hat er schon seit Jahren nichts mehr. Durch die Wiederaufführung eines 30 Jahre alten Filmes wird er mit der Vergangenheit konfrontiert – mit alten Liebschaften, Rivalitäten und Lebensentscheidungen. Gleichzeitig taucht er auch immer wieder in die Kindheit in einem armen Dorf ein, in die Erinnerung an seine Mutter (Penélope Cruz), in das Gefühl von Geborgenheit und auch von ersten Weichenstellungen. „Leid und Herrlichkeit“ ist ein ruhiger Film, der sich mit einem Mann an einem Wendepunkt beschäftigt und nach und nach fast beiläufig aufrollt, wie er an diesen Punkt gekommen ist, ohne etwas zu dramatisieren. Was auf der Leinwand zu sehen ist, sind schlicht ein Leben und einige Auszüge daraus, ohne dass Almodóvar den Anspruch auf Vollständigkeit erheben würde. Keine Frage – der Film trägt autobiografische Züge, ist aber dennoch Fiktion. Und mit dem Spannungsfeld aus Fiktion und Biografie beschäftigt sich Almodóvar auch auf einer weiteren, spannenden Ebene, die am Ende zur Befriedigung der Zuseher aufgelöst wird. „Leid und Herrlichkeit“ ist ein kluges und gleichzeitig mildes Werk, das von einem überragenden Antonio Banderas getragen wird. Ich habe ihn nie besser gesehen als in diesem Film. Eine große Rolle, aus der er alles herausholt. Wer Almodóvar schätzt, wird mit diesem Film wohl sehr glücklich werden.


8,0
von 10 Kürbissen