Einfach das Ende der Welt (2016)

Regie: Xavier Dolan
Original-Titel: Juste la fin du monde
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama
IMDB-Link: Juste la fin du monde


Mein erster Dolan. Das Regiewunderkind wird ja landauf, landab hymnisch gefeiert. Und ich muss schon sagen nach der Sichtung von „Einfach das Ende der Welt“, dass Dolan tatsächlich einen sehr individuellen und wohl leicht wiederzuerkennenden Stil pflegt, sehr laut, sehr direkt, Subtilitäten sind wohl nicht so die Sache des Kanadiers. Dass „Einfach das Ende der Welt“ massive Problem hat, geht in diesem Fall aber auf genau diesen Stil zurück. Wenn man nach alternativen Titeln für den Film suchen müsste, würden „Das große Heulen“ oder „Geschrei am Mittagstisch“ in Frage kommen. Die Besetzung mit Vincent Cassel, Marion Cotillard und Léa Seydoux, dazu der charismatische Gaspard Ulliel in der Hauptrolle, verspricht ja einiges. Auch die Story klingt interessant: Ein todkranker Schriftsteller besucht nach zwölf Jahren zum ersten Mal seine Familie (älterer Bruder samt Frau, die er selbst noch nicht kennt, Schwester, völlig überdrehte Mutter), um sie von seinem baldigen Ableben zu unterrichten. Natürlich, da ist Zunder drin. Aber Dolan entgleitet der Stoff leider, indem er die Story, ursprünglich ein Bühnenstück, als ganz großes Theater vor naturalistischer Filmkulisse anlegt. Menschen, die sich 1,5 Stunden lang anschreien, gehören auf eine minimalistisch gehaltene Bühne, die das Künstliche der Situation und der Konflikte unterstreicht, aber nicht in einen Vorstadtgarten. Eigentlich legen alle Darsteller wunderbare Theaterperformances hin, vor allem Marion Cotillard ist wunderbar fragil, aber in Summe gehen sie dem Kinobesucher spätestens nach zehn Minuten tierisch auf den Nerv. Allesamt. Ohne Ausnahme. Und zehn weitere Minuten später möchte man den kranken Schriftsteller packen und ihm mitfühlend ins Gesicht schreien (also der Lautstärke der Dialoge entsprechend), dass man vollstes Verständnis dafür hat, dass er diesen Haufen Wahnsinniger zwölf Jahre lang links liegengelassen hat. Aber man tut’s dann doch nicht, weil einem im Grunde der Schriftsteller genauso auf die Nüsse geht und es einem dann ziemlich egal ist, dass er bald abnippeln wird. Schade um das gute Thema.


4,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen)

Meine Top20 Kinofilme 2016

Wie schon vor einer Woche angekündigt, kommt hier nun – mit etwas Verspätung – meine Liste der besten Kinofilme des Filmjahres 2016, rausgefischt aus dem Pool aller neuen Filme, die ich 2016 im Kino zum ersten Mal gesehen habe. Nicht zur Auswahl standen all jene Filme, die ich zwar 2016 im Kino gesehen habe, aber die schon älteren Datums sind (womit alle Filme aus dem Programm der Viennale-Retrospektive rausfallen). Mit dabei waren aber Filme, die im regulären Programm der Viennale gezeigt wurden und erst 2017 regulär in den Kinos anlaufen.

Es war nicht einfach, aus der Masse der Filme (immerhin 76) die besten hervorzuheben – was das Eingangsbild verdeutlichen soll – und meinen ursprünglichen Plan, mich auf 10 oder zumindest 15 zu beschränken, musste ich gleich mal kübeln, da ich so viele wunderbare Filme unerwähnt hätte lassen müssen. Und da hat mein Herz ein bisschen geblutet. Auch so ging es sich für großartige Filme wie „Captain Fantastic“, „Sture Böcke“, „Das unbekannte Mädchen“, „Mimosas“, „Thithi“, „Hail, Caesar!“, „Freunde fürs Leben“ oder „The Revenant“ knapp nicht aus.

Hier sind sie also, meine Top20-Kinofilme 2016:

  1. Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind
    Der Film hat alles, wirklich alles richtig gemacht. Die Story, die Besetzung der Charaktere, die liebevoll gestaltete Kulisse – jedes Detail war mit viel Herzblut ausgestaltet.
  2. Nocturnal Animals
    Ich mag ja vertrackte Filme, in denen sich Fiktion und Wirklichkeit verschränken. Tom Ford ist mit „Nocturnal Animals“ ein spannendes, elegantes Meisterwerk gelungen, das Gedankenfutter für Wochen bietet.
  3. La La Land
    Gestern noch einmal gesehen, und der Zauber der ersten Sichtung hält auch beim zweiten Mal an. „La La Land“ ist bunt, kitschig, uplifting und trotz aller Süße am Ende auch so bitter wie das Leben selbst.
  4. Swiss Army Man
    Der wohl schrägste Film des Jahres, gleichzeitig aber eine solch liebevoll erzählte Geschichte über Liebe, über Außenseiter, über die Suche nach sich selbst. Paul Dano und Daniel Radcliffe sind herausragend.
  5. The Hateful 8
    Das, was viele an dem Film kritisieren, mag ich besonders gern: Diese lange Kutschenfahrt mit den ewigen Dialogen und dass die Action erst sehr spät einsetzt. Ich liebe es einfach, wie Tarantino seinen Spannungsbogen aufbaut.
  6. The Big Short
    Der wohl bitterste und zynischste Film des Jahres – als Komödie getarnt, aber in Wahrheit eine gnadenlose Abrechnung mit der Finanzwelt. Dazu ist die Darstellerriege zum Niederknien.
  7. Der Schamane und die Schlange
    Meditatives, wunderschönes Arthouse-Kino, ein bisschen larger than life, mit einigen der schönsten Bilder, die ich dieses Jahr im Kino gesehen habe.
  8. The Nice Guys
    Ich weiß. Viele mochten den Film nicht so sehr. Ich fand ihn aber von Anfang bis Ende saukomisch und hätte Ryan Gosling und Russell Crowe als völlig kaputte Ermittler wider Willen stundenlang zuschauen können.
  9. Vor der Morgenröte
    Josef Hader als Stefan Zweig? Was könnte da schon schiefgehen? Genau. Nichts! Maria Schraders Film über die Exiljahre Zweigs in Amerika ist intelligentes, humanistisches, großartig gespieltes Kino.
  10. La Isla Mínima – Mörderland
    Der härteste, düsterste und auch kälteste Thriller des Jahres kommt aus dem heißen Spanien und spielt im Marschland Südspaniens der 80er Jahre. Keine einfache Kost, da der Film schonungslos draufhält, wo andere die Kamera wegdrehen.
  11. Weiner
    Auch eine Dokumentation hat es in meine Liste der Top20 geschafft. „Weiner“ – der noch ausführlicher hier besprochen wird, wenn ich meine Viennale-Rezensionen einstelle – ist das Porträt eines charismatischen Politikers mit guten Absichten und null Selbstkontrolle.
  12. Arrival
    Intelligente Science Fiction – ich liebe sie! „Arrival“ ist das bessere „Contact“. Ein mitreißender, durchdachter Film über den Erstkontakt mit einer außerirdischen Lebensform, der darauf aufbauend aber ganz andere, wichtige humanistische Fragen aufwirft.
  13. Neruda
    Die Flucht des Dichters Pablo Neruda aus Chile als spannender Film Noir mit trockenem Humor? Ja, das funktioniert, wie Pablo Larraín beweist. Leider nicht auf der finalen Shortlist für die Oscars – schon jetzt eine Fehlentscheidung der Academy.
  14. Rogue One – A Star Wars Story
    Ein Grower. Ich mochte den Film schon von der ersten Sichtung an, aber kein anderer Film hat mich so lange nach dem Ansehen noch beschäftigt wie „Rogue One“. Wandert daher langsam, aber stetig nach oben.
  15. BFG – Big Friendly Giant
    Ja, der Film war ein Flop. Beim Publikum und vielfach auch bei den Kritikern kam er nicht gut weg. Ich kann’s nicht verstehen. Denn „BFG“ ist zauberhaftes, fast schon magisches Kino für alle, die im Herzen jung geblieben sind.
  16. Radio Dreams
    „Radio Dreams“ gehört zu der Art von Filmen, die viel zu selten bei uns in den Kinos gespielt werden, aber so wichtig wären, da sie das Verständnis füreinander über die Grenzen der Kulturen hinweg fördern könnten. Alle Menschen kämpfen mit den gleichen Problemen, haben die gleichen Sehnsüchte.
  17. 24 Wochen
    Mein deutscher Film des Jahres. „Toni Erdmann“ halte ich für überschätzt und überdeckt leider diesen großartigen Film, der – völlig ohne zu moralisieren – wichtige Fragen zu Abtreibung und Selbstbestimmung aufwirft.
  18. Paterson
    Nicht der beste Jim Jarmusch, aber ein richtig guter Jim Jarmusch. Adam Driver spielt mit stoischer Miene einen Busfahrer, in dem so viel mehr schlummert als er nach außen trägt. Ein stiller, entspannter Film.
  19. Mustang
    Aufwachsen als Mädchen am Land in der Türkei. Deniz Gamze Ergüven beschönigt in „Mustang“ nichts, nicht die familiäre Oppression, nicht das Spannungsfeld zwischen modernem Leben und religiösen Vorschriften, aber es gelingt ihr, das alles in einem sehr warmherzigen und mitfühlenden Film zu zeigen.
  20. Love & Friendship
    Eine herrlich überdrehte, humorvoll überzeichnete Jane Austen-Verfilmung mit einer herausragenden Kate Beckinsale, die für mich die beste Leistung ihrer bisherigen Karriere zeigt.

Das sind sie also, meine Top20. Seid ihr damit einverstanden? Gibt’s massive Opposition? Was seht ihr ganz anders? Was wollt ihr sonst noch loswerden? Bin gespannt auf eure Kommentare.

Mein Filmjahr 2016 in Zahlen

„Ich bin fertig. Herr Ober, Zahlen bitte.“

Moviepilot sei Dank weiß ich Bescheid, was ich wann in diesem Filmjahr gesehen habe. Am Ende des Jahres lässt sich also relativ einfach eine Abrechnung machen, und die Endsumme zeigt dann fröhlich den Wahnsinn auf, den man 12 Monate lang erfolgreich verdrängt hat.

Insgesamt sind im Jahr 2016 nicht weniger als 169 Langfilme von mir als neu bewertet hinzugefügt worden. Dazu kommen ca. 30-40 Kurzfilme. (Deren Bestimmung ist etwas schwieriger, da nicht alle Kurzfilme in der Datenbank von Moviepilot angelegt sind.)

Von diese 169 Langfilmen habe ich 76 neu auf der großen Leinwand gesehen und war dafür insgesamt 80 Mal im Kino. („In the Crosswind“ habe ich letztes Jahr schon im Rahmen des Scope100-Projekts gesehen und dieses Jahr erneut im Kino, ist daher nicht unter diesen 169 neu bewerteten Filmen, „Der Nachtmahr“ ist ebenfalls ein Film von 2015, den ich 2016 erneut im Kino angeschaut habe, und für zwei Filme, nämlich für „The Hateful 8“ und „Pets“ war ich 2016 je zweimal im Kino.) Aus dem Pool der 76 neuen Kinofilme (darin inkludiert: jene, die im Rahmen der Viennale gezeigt wurden, aber erst 2017 bei uns regulär im Kino anlaufen) werde ich demnächst dann meine Top-Kinofilme des Jahres küren.

Für mich das zweitwichtigste Medium war die gute, alte DVD. Immerhin 51 neu bewertete Filme habe ich mir zuhause im Patschenkino auf diese Weise gegeben. Dazu kamen natürlich noch jene Filme, die ich schon kannte, aber erneut angesehen habe (ist allerdings eine verschwindende Minderheit – würde mal schätzen, dass ich nicht mehr als 20 solcher „Wiederholungstäter“ in den Reihen habe).

Weit zurück ist bei mir das Fernsehen. Lediglich 15 Filme habe ich 2016 neu im Fernsehen gesehen. Und die wurden von mir im Vergleich zu Kino oder DVDs auch deutlich schlechter bewertet. Über eine 7,0 von 10 kam kein Fernsehfilm bei mir hinaus. Interessant ist, dass ich, wenn ich mal abends den Fernseher einschalte, eine Neigung zu Animationsfilmen habe. Von den 15 waren immerhin 4 animiert – was deutlich über dem sonstigen Schnitt liegt.

Auch das Internet spielt für mich eine untergeordnete Rolle. Lediglich die Kurzfilme habe ich zum allergrößten Teil auf Youtube & Co. gesehen. Langfilme waren es insgesamt 10, davon 6 durch das Scope100-Projekt, zwei, die ich dank des Scope100-Zugangs noch legal auf FestivalScope streamen konnte, einer, der regulär in einer Mediathek verfügbar war, und lediglich ein einziger Film wurde von mir auf nicht ganz so legale Weise gestreamt als Oscar-Vorbereitung („Room“ von Lenny Abrahamson). Ganz okay, die Karma-Punkte, würde ich mal behaupten.

Über alles habe ich den neu bewerteten Filmen eine Durchschnittsbewertung von 6,5 gegeben (Höchstwertung: 9,0, schlechteste Wertung: 1,5). Für die neu angelaufenen Kinofilme liegt der Durchschnitt sogar bei 6,6 (zwischen 9,0 und 3,0). Drei Thesen dazu. These 1: Ich suche mir die Filme, die ich mir ansehen möchte, recht gut vorab aus. These 2: Was Hollywood heutzutage produziert, ist einfach klasse. These 3: Ich bin ein kritikloser Allesfresser, dem man lediglich bewegte Bilder vorsetzen muss, und er ist happy. (Persönlich tendiere ich zu These 3.)

Welche bewegten Bilder die schönsten und besten meines Kinojahres 2016 waren, findet ihr demnächst in einem weiteren Jahresrückblick-Beitrag.

 

 

Vaiana – Das Paradies hat einen Haken (2016)

Regie: Ron Clements und John Musker
Original-Titel: Moana
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Animation
IMDB-Link: Moana


Mit Überraschungen ist es so eine Sache. Wenn ich vorher wüsste, dass sie positiv ausfallen, würde ich mich ja gerne öfter überraschen lassen, aber da man das im Vorfeld eben nicht weiß, bin ich kein großer Fan von Überraschungen. Den künftigen Überraschungen meines Lebens sei aber ins Mitarbeitsheft geschrieben: Sie dürfen sich gerne ein Beispiel am neuen Disney-Animationsspaß von Ron Humpdfidumpf und John Käsekuchen nehmen. Ron Humpfdidumpf heißt im Original eigentlich gar nicht Humpfdidumpf, und John Käsekuchen heißt eigentlich John Musker, aber auch Vaiana, die Titelheldin des gleichnamigen Trickfilmabenteuers, heißt im Original anders, nämlich Moana. So viel zum Thema „Wir müssen Originaltitel unbedingt ändern, einfach, weil’s geht“. Das allerdings beiseite gelassen, entpuppt sich „Moana“/“Vaiana“/der Film von Humpfdidumpf und Käsekuchen als liebevoll-charmantes Abenteuer mit einer tollen Heldin, das ich so – nach dem Ansehen der ersten Teaser-Trailers – wirklich nicht erwartet habe. Diese Häuptlingstochter der Südsee ist beileibe kein zartes Püppchen, sondern rockt die Bude ordentlich. Dagegen stinken selbst Halbgötter ab, wie eben jener, der auf den Namen Maui hört, lernen muss. Die Animationen sind toll gemacht, die Figuren sehr stark, und die Nebenfiguren (ein sehr süßes Schweinchen, ein grenzdebiler Hahn) sorgen für die Lacher zwischendurch. Musikalisch ist das Ganze zwar nicht unbedingt meine Welt und die eine oder andere Gesangseinlage mir persönlich zu lieblich, aber klassische Musical-Fans werden auf ihre Kosten kommen. Zudem wartet das Ende mit einem überraschenden und äußerst herzlichen Twist auf, der der Geschichte zusätzliche Tiefe verleiht. Durchaus einen Kinobesuch wert, und auf jeden Fall besser als der, wie ich finde, überschätzte „Findet Dorie“.


7,0
von 10 Kürbissen

Pusher 3 (2005)

Regie: Nicolas Winding Refn
Original-Titel: Pusher 3
Erscheinungsjahr: 2005
Genre: Drama, Thriller, Krimi
IMDB-Link: Pusher 3


Mit „Pusher 3“, das passenderweise den Untertitel „I’m the Angel of Death“ trägt, beschließt Nicolas Winding Refn seine Pusher-Trilogie rund um das Drogenmilieu Kopenhagens, diesmal ohne Mads Mikkelsen. Der dritte und letzte Teil konzentriert sich auf die Figur des Milo, jener Drogenboss, dem in Teil 1 der Dealer Frank verpflichtet war. Milo, ein albanischer Serbe, der ein wenig aus Zeit und Raum gefallen scheint, wirkt zu Beginn des Films ein wenig geläutert, müde vielleicht. Er nimmt an den Sitzungen anonymer Drogenabhängiger teil und bereitet das Fest zum 25. Geburtstag seiner geliebten Tochter Milena vor. Doch weil Milo immer noch Milo ist, hat er nebenbei ein paar Geschäfte am Laufen, dummerweise mit Ecstasy anstatt mit Heroin, denn mit Letzterem kennt er sich aus, mit Ersterem jedoch nicht. Kein Problem, sein Kumpel Muhammad, ein Türke, verkauft das Zeug für ihn. Angeblich. Denn plötzlich ist Muhammad verschwunden, das Ecstacy auch, und die eigentlichen Besitzer der Drogen rücken Milo auf den Leib. Als Gegenleistung muss er einen Polen aufnehmen, der ein 17jähriges Mädchen als Prostituierte verkaufen will (eine Szene, in der es einen Schlag in die Magengrube nach dem anderen setzt). Milo, treuer Familienvater, der zwischen Fest und kriminellen Geschäften hin und her hetzt, hat aber irgendwann genug davon und greift ein – was die Sache nicht unbedingt angenehmer macht. Also muss Radovan, sein alter Mann fürs Grobe, noch ein letztes Mal ausrücken, obwohl er sich eigentlich als Pizzabäcker zur Ruhe gesetzt hat. Blöderweise hat nämlich Milo, ein leidenschaftlicher, aber mieser Hobby-Koch, versehentlich seine ganze Mannschaft mit seinem Essen vergiftet. Konfrontiert mit den dreckigen Problemen, für die er eigentlich schon zu alt ist, gänzlich auf sich gestellt und immer mit einem Auge auf seine Tochter, setzt sich bei Milo allmählich ein Prozess in Bewegung. Am Ende geht sein Blick ins Leere, und man weiß: Da steht ein Mann, der bereut. „Pusher 3“ fängt harmlos und fast belanglos an, steigert sich aber von Minute zu Minute und zieht schließlich die Daumenschrauben fest an. Wenn dann Radovan seine Arbeit erledigt, weiß man, warum auf dem Cover leuchtend rot ein FSK18-Hinweis prangt. Aber die Gewalt ist hier nicht unterhaltsam -im Gegenteil. Sie deprimiert. Hier sind Menschen am Werke, die eigentlich niemandem weh tun möchten, auch wenn sie auf der falschen Seite des Gesetzes stehen. Aber irgendwann entgleiten einem die Dinge halt. Ein harter Film und eine großartige Charakterstudie – und damit ein würdiger Abschluss der Trilogie.


7,5
von 10 Kürbissen

Pusher II: Respect (2004)

Regie: Nicolas Winding Refn
Original-Titel: Pusher II
Erscheinungsjahr: 2004
Genre: Drama, Thriller, Krimi
IMDB-Link: Pusher II


Tonny (Mads Mikkelsen), der etwas dämliche Kleinganove aus Pusher, kommt aus dem Gefängnis raus. Immer noch trägt er den Schädel luftig, sodass man sein großflächiges Tattoo sieht, das den Hinterkopf ziert. RESPECT ist dort zu lesen, und darum geht es ihm auch. Er möchte den Respekt seines Vaters zurückgewinnen, der eine Autowerkstatt betreibt und nebenbei krumme Dinger dreht. Also klaut Tonny (wie gesagt, nicht der Hellste) bei einer sich bietenden Gelegenheit einen Ferrari. Damit muss der Vater ja zu beeindrucken sein, oder? Aber erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt. Der Vater is not amused, denn so ein protziger Sportwagen ist schwer zu verticken. Und Tonny hat bald richtig Ärger. Dass die drogenabhängige Charlotte felsenfest behauptet, ihr Kind, ein kleines Baby, sei von ihm, verkompliziert alles nur noch mehr. Plötzlich steht Tonny vor Entscheidungen, die er bislang nie treffen musste, und der Herausforderung, erwachsen zu werden. „Pusher II“ ist, was die Charakterentwicklung betrifft, noch interessanter als der Vorgänger „Pusher“ aus dem Jahr 1996. Allerdings mäandert der Film manchmal auch ein wenig umher. Die Geschichte rund um Tonny und seinen Versuch, einen Platz in der Welt zu finden, ist zwar interessant, aber vielleicht zu sehr dem tatsächlichen Leben nachempfunden. So muss der Zuseher auch die eine oder andere Redundanz durchstehen. Das echte Leben ist nun mal auch streckenweise langweilig. Was allerdings – neben der unheimlich gut gezeichneten Charakterentwicklung Tonnys und den, wie schon bei „Pusher“, schonungslosen und ehrlichen Bildern verwüsteter Leben – „Pusher II“ richtig gut macht, ist das Schauspiel Mads Mikkelsens. Ich könnte ihm stundenlang zusehen. Ein ganz Großer seiner Zunft.


6,5
von 10 Kürbissen

Nocturnal Animals (2016)

Regie: Tom Ford
Original-Titel: Nocturnal Animals
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama, Thriller
IMDB-Link: Nocturnal Animals


Es ist nicht leicht, über „Nocturnal Animals“ von Tom Ford zu schreiben. Für gewöhnlich habe ich kein Problem damit, nach der Sichtung eines Films einen kernigen Satz oder ein Leitthema zu formulieren als Ausgangsbasis für meine Filmbetrachtung. Das ist hier aber nicht möglich. Zu viele Eindrücke müssen erst einmal sortiert werden, erneut durchdacht, noch mal im Stillen genossen – aber bis ich damit fertig bin, ist der Film schon längst auf DVD oder Blu-ray draußen, und es kräht kein Hahn mehr nach meiner Meinung. (Passiert ohnehin nicht, Hähne sind unzuverlässig und verstockt, aber trotzdem.) Also frisch aus dem Kino und ran an die Tasten, hilft ja alles nix. Wir haben: Einen seinen Film stylisch durchkomponierenden Tom Ford, der es aber schafft – anders als zB ein Nicolas Winding Refn in seinen schwächeren Momenten – nicht nur bloße Oberfläche zu produzieren, sondern die Ästhetik in den Hintergrund rücken zu lassen, sodass sie sich dem Zuseher nicht aufdrängt. Wir haben auch: Grandiose Darsteller, durch die Bank, bis in die kleinste Nebenrolle. Die Speerspitze sind Amy Adams (seufz, wenn mich Scarlett und Felicity verschmähen, Amy, wie wäre es mit uns beiden?) und Jake Gyllenhaal, die heimlichen Stars in den Nebenrollen sind aber Michael Shannon (überschüttet den Mann doch endlich mal mit Oscars, ihr Banausen!) und Aaron Taylor-Johnson in der Rolle seines bisherigen Schauspielerlebens. Ehrlich, ich habe den Burschen erst im Abspann erkannt. Er zaubert einen derart fiesen Bösewicht auf die Leinwand, dass einem bei jeder seiner Bewegungen das Blut in den Adern gefriert. Ein denkwürdiger Schurke, der für mich in die Annalen der Filmbösen eingehen wird. Verdiente Globe-Nominierung. Und wir haben: Eine faszinierende Story in einer Story, einen knallharten und auch mit seinem Publikum schonungslos umgehenden Thriller, der in eine Art Selbstfindungs-/Reflexions-Drama gegossen wird. Eine Ein-Satz-Inhaltsangabe des Films könnte wohl lauten: Amy Adams liest ein Buch. Aber es ist so viel mehr. Fiktion und Wirklichkeit greifen ineinander, und am Ende lese ich selbst eine Art Befreiungsgeschichte eines beinahe gescheiterten Autors heraus. Aber das ist meine persönliche Interpretation. Das Schöne an dem Film: Jeder, der ihn sieht, wird eine eigene Interpretation finden. Und das ist doch das Beste an den richtig guten Filmen, dass sie ein intimer Teil ihres Publikums werden, dass sie erst durch die persönlichen Erfahrungen, mit denen sie von jedem Einzelnen angereichert werden, tatsächlich komplett sind (aber sich dennoch weiterhin wandeln können, je nachdem, an welchem Moment des Lebens man den Film wieder sieht). „Nocturnal Animals“ ist so ein Film, jedenfalls für mich.


9,0
von 10 Kürbissen

Abraham Lincoln Vampirjäger (2012)

Regie: Timur Bekmambetow
Original-Titel: Abraham Lincoln: Vampire Hunter
Erscheinungsjahr: 2012
Genre: Action, Abenteuerfilm, Fantasy, Horror, Thriller
IMDB-Link: Abraham Lincoln: Vampire Hunter


In Timur Bekmambetows Historien-Drama wird das Leben und Wirken des wohl legendärsten US-amerikanischen Präsidenten nachgezeichnet. In weichen Sepia-Tönen erzählt der Film die bislang in den Geschichtsbüchern aus unerfindlichen Gründen verschwiegene Jugendzeit Abraham Lincolns, der, bevor er die Nation den Klauen eines fürchterlichen Bürgerkrieges zu entreißen und die Sklaven zu befreien versuchte, selbst tatkräftig anpackte, um das Land vor dem Bösen zu bewahren. Es ist eine Schande, dass der Geschichtsunterricht diese Episode aus dem Leben des Präsidenten übergeht, denn ich bin davon überzeugt, dass die Jagd auf Untote den Charakter Lincolns nachhaltig geprägt hat und ihn zu dem großen Staatsmann, der er später wurde, reifen ließ. Auch dass Lincoln in seinen Jugendjahren äußerst sportlich war und eine erstaunliche Begabung für den Umgang mit der Axt bewies, habe ich bis dato noch in keinem Geschichtsbuch gelesen. Ich bin Bekmambetow daher sehr dankbar, dass er diesen wunderbaren Historienfilm gedreht hat und mein Bild von Lincoln vielleicht nicht unbedingt geradegerückt, aber doch zumindest entscheidend ergänzt hat. Ich persönlich bin der Meinung, dass Daniel Day-Lewis für seine Verkörperung von Lincoln in diesem Film noch wichtige Anregungen erhalten hat. Der Oscar für Day-Lewis‘ Darstellerleistung gehört damit zumindest auch ein bisschen Bekmambetow und den Machern von „Abraham Lincoln Vampirjäger“. Nun bin ich gespannt auf die Verfilmung der wahren Geschichte von John F. Kennedy, der, wie ich gehört habe, die 87. Reinkarnation Buddhas gewesen sein soll. (Die 88. ist angeblich Donald Trump, aber so einen Blödsinn muss man wirklich nicht glauben.)


3,0
von 10 Kürbissen

Pusher (1996)

Regie: Nicolas Winding Refn
Original-Titel: Pusher
Erscheinungsjahr: 1996
Genre: Drama, Thriller, Krimi
IMDB-Link: Pusher


Der dänische Thriller „Pusher“ ist aus mehreren Gründen bemerkenswert: Es ist das Debüt von Nicolas Winding Refn, der später mit „Valhalla Rising“ und „Drive“ für Furore sorgen sollte, und es ist die erste große Rolle für Mads Mikkelsen, dem Superstar des dänischen Kinos. Die Hauptrolle, den kleinen Drogendealer Frank, spielt allerdings Kim Bodnia. Frank ist so eine wunderbare Verliererfigur. Er dealt für den Drogenboss Milo, zieht mit seinem Kumpel Tonny (Mads Mikkelsen als herrlich grenz-debiler und gewalttätiger Kleinkrimineller) um die Häuser und hat so eine On-Off-Geschichte mit der Prostituierten Vic am Laufen. Doch eines Tages geht ein Deal fürchterlich schief, und Frank hat jede Menge Schulden und noch mehr Probleme. „Pusher“ ist ein knallharter, roher und dreckiger Film, der nichts beschönigt und immer hart draufhält. Gefilmt mit Handkamera in körnigen Bildern wirkt er gleichermaßen improvisiert wie dokumentarisch. Nicolas Winding Refn, dessen spätere Filme durchgestylt bis ins Letzte wirken, findet hier zu einer Ästhetik des Hässlichen, die wie die Faust aufs Auge zum Thema des Films passt. Man braucht vielleicht eine Weile, um in diesen Stil hineinzufinden, und der Film bleibt auch nach dieser Eingewöhnungszeit unbequem und sperrig, aber das Ansehen lohnt sich definitiv. Allerdings gehört „Pusher“, dem zwei lose aneinandergekoppelte Fortsetzungen folgten, zu jenen Filmen, die man nicht unbedingt ein zweites Mal ansehen möchte. Dazu ist man einfach zu deprimiert, wenn der Abspann läuft. Yo, das Leben ist eine verfickte Scheiße, Mann.


7,0
von 10 Kürbissen

Weihnachtsmann gesucht (2002)

Regie: Uwe Janson
Original-Titel: Weihnachtsmann gesucht
Erscheinungsjahr: 2002
Genre: Komödie, Rom-Com, Weihnachtsfilm
IMDB-Link: Weihnachtsmann gesucht


Christoph Waltz. Er war (nicht mehr ganz so) jung und brauchte das Geld. Klinkenputzen vor den Oscars. In diesem Fall haben ihn die Nöte des Alltags dazu gebracht, die Rolle des griesgrämigen, verhuschten, seine Exfrau krankhaft stalkenden Johannes anzunehmen in einer romantischen deutschen Weihnachtskomödie. (Nuff said.) 1,5 Stunden lang durchläuft nun der große Waltz und mit ihm sein Publikum sämtliche Kreise der Hölle. Der Film ist eine Mischung aus Fegefeuer und chinesischer Tröpfchenfolter, und es zerreißt einem fast das Herz, zu sehen, wie sehr sich Waltz bemüht, zumindest ein bisschen Klasse in die ganze Chose zu bringen, und wie er daran scheitert. Denn wenn das Drehbuch Dialoge vorgibt, gegen die die Teletubbies plötzlich wie avantgardistische Kunst wirken, gibt’s einfach keine Rettung mehr. Die Handlung: Der Zoofachhändler Johannes lebt in der Wohnung neben seiner Ex-Frau Marion (von Barbara Auer als Lady in Red getarnte nervtötende Zickentussi gespielt) und hängt immer noch an ihr. Blöd, dass eine (rissige) Mauer die beiden Wohnungen voneinander trennt. Nun ja, Zoofachhändler stellt Aushilfe ein, ein Psychologe, der nebenberuflich als Weihnachtsmann arbeitet, Aushilfe verletzt sich durch Schuld des Zoofachhändlers den Fuß, weihnachtshassender Zoofachhändler muss als Weihnachtsmann aushelfen, trifft auf Kind (Oscar für das nervigste Arschlochkind der Filmgeschichte – bitte posthum verleihen), das traurig ist, weil sich die Eltern so furchtbar viel streiten tun, Zoofachhändlerweihnachtsmann gibt genervtes Versprechen, dass sich Eltern wieder vertragen werden, stellt immer noch der Tussi in Red nach, Kind wird noch trauriger und noch nerviger, es kommt zur Katastrophe (Spoiler: die Katastrophe ist, dass das Kind überlebt), Zoofachhändlerweihnachtsmann besinnt sich nun doch menschlicher Werte, Kind und Familie erleben Happy End (leider), Zoofachhändler erlebt Happy End, Klappe zu, Zuseher tot. Alle Klischees, die irgendwie denkbar sind, haben sich in diesem Machwerk versammelt. Kein Problem – man muss ja nur aufs DVD-Cover schreiben, dass es sich dabei um eine „augenzwinkernde Liebeskomödie“ handelt, dann kann man auch den ärgsten Scheiß verkaufen. Armer Waltz. Ich glaube, jedes Mal, wenn der Film irgendwo im Fernsehen angekündigt wird, wirft er einen Blick auf das Regal mit den beiden Oscars und fängt bitterlich an zu weinen. Aber zumindest lässt sich aus dem Film für die nächsten Jahre ein super Trinkspiel zu Weihnachten ableiten. Jedes Mal, wenn Barbara Auer überrascht die Augen aufreißt, einen Kurzen, und einen Doppelten jedes Mal, wenn das nervige Kind im Bild ist. Frohe Weihnachten. Und nicht vergessen: Vorab die Rettung verständigen, das kann dann sehr schnell gehen …


1,5
von 10 Kürbissen