Under the Tree (2017)

Regie: Hafsteinn Gunnar Sigurðsson
Original-Titel: Undir trénu
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Undir trénu


Die Isländer sind schon ein lustiges Volk. Da kann es schon mal passieren, dass die Insel verwaist ist, weil sich fast ganz Island auf den Weg nach Frankreich gemacht hat, um das heimische Fußball-Team, das bei der EM für ein Fußballmärchen sorgt, mit kriegerischen Huh-Rufen anzufeuern. Aber wer hütet dann die Schafe? Oder kommen die etwa mit? Egal. Was allerdings bei den Isländern gleich ist wie bei den Bewohnern anderer Länder: Die Nachbarn kann man sich halt oft nicht aussuchen. Und wenn dann ein zu groß gewachsener Baum einen Schatten auf die sonnenwütige Nachbarin fällt, die ihren Teint in Gefahr sieht, wird es in Reykjavík genauso ungemütlich wie in Rio, Rostock oder Ramingstein. Die Mittel, zu denen die Protagonisten in Hafsteinn Gunnar Sigurðssons Film greifen, werden aber zunehmend unorthodoxer. Ob das in Rio, Rostock oder Ramingstein genauso gehandhabt wird, kann man bezweifeln. Allzu typisch für Reykjavik wird das Verhalten aber auch nicht sein. „Under the Tree“ ist eine grimmige, schwarzhumorige Komödie über Menschen, die nichts mehr zu verlieren haben und dadurch alles, was sie verlieren, noch umso gründlicher in die Binsen gehen lassen. Persönliche Abgründe führen zu einem Verhalten, das man eigentlich, wenn man ehrlich ist, ganz gut nachvollziehen kann. Aber niemand von uns, der noch seine sieben Murmeln beisammen hat, käme auf die Idee, diese verlockenden Gedanken auch in die Tat umzusetzen. So gesehen lebt „Under the Tree“ ein bisschen den Traum der vom Leben benachteiligten Wutbürger. Das alles wird aber auf eine isländische zurückhaltende Weise erzählt, die mitunter Längen aufweist. Und richtig sympathisch ist da keiner von der Truppe, weshalb das emotionale Involvement eher gedämpft bleibt. Trotzdem ein guter, sehenswerter Film, der vielleicht ein paar Anregungen für mögliche Maßnahmen gibt, wenn der depperte Nachbar seinen BMW mal wieder vor der Ausfahrt parkt. Zu guter Letzt noch eine Anmerkung: Gibt es einen isländischeren Namen als Hafsteinn Gunnar Sigurðsson?

 


6,5
von 10 Kürbissen

Es Kapitel 2 (2019)

Regie: Andrés Muschietti
Original-Titel: It Chapter Two
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Horror
IMDB-Link: It Chapter Two


Send in the Clowns! Pennywise (Bill Skarsgård) kehrt 27 Jahre nach den Ereignissen des ersten Teils wieder nach Derry zurück und tut das, was ein Clown eben so tut. Leute erschrecken. Und gelegentlich auffressen. (Gut, das ist vielleicht nicht typisch für Clowns.) Also muss Mike (Isaiah Mustafa) die alte Gang, den Club der Verlierer (James McAvoy. Jessica Chastain, Bill Hader, Jay Ryan und James Ransome), reaktivieren, um Es ein für alle Male dorthin zu treten, wo’s richtig weh tut. Unter der Führung von Bill Denbrough, der eine persönliche Rechnung mit dem Clown offen hat, geht es nun also in den finalen Endkampf. Und der ist – gemessen am ersten Film – dann doch eher eine Enttäuschung. Ich bin ja bekanntermaßen eher ein Hosenschisser, was Horrorfilme betrifft, auch wenn ich die Bücher von Stephen King liebe, und auch Es großartig fand. Der zweite Teil der Verfilmung des vielleicht bekanntesten Werkes von Stephen King, der im Übrigen einen herrlich schrägen Chameo-Auftritt im Film hat, ist aber weniger Horror als mehr ein übersinnliches Action-Abenteuer. Zwei- oder dreimal hat es mich schon aus dem Sitz gehoben mit dem anschließend dringenden Bedürfnis, eine Blutdruckmanschette anzulegen, aber im Großen und Ganzen ist Andy Muschiettis Film eher zahm – was Horrorfans vermutlich noch saurer aufstoßen mag als mir. Ich selbst bin ja eher ein Freund der ruhigen Töne und der atmosphärischen Spannung, und daher fand ich Teil 1 auch so gut. Leider versinkt das Finale allerdings in einem ziemlichen Krawall, der zudem stellenweise arg ins Klamaukige abdriftet. Natürlich – das Problem beim Horror ist, dass er gut funktioniert, solange man das Monster nicht sieht und die eigene Fantasie die ärgsten Vorstellungen ausspucken kann (auf diesem Grundgedanken basiert ja auch Stephen Kings Buch), aber wenn man die Tür schließlich öffnet (und man muss sie auf jeden Fall irgendwann mal öffnen) und das Monster dahinter sichtbar wird, verliert es oft seinen Schrecken und wird im schlimmsten Fall lächerlich. Genau das passiert in Es. So bleibt der Film zwar unterhaltsam und ist auf seine Spieldauer von fast drei Stunden auch nicht langatmig (was ich ihm hoch anrechne), aber im Vergleich zum ersten Film, der die Atmosphäre viel besser aufgebaut hat, wirkt er arg zerstückelt, ein bisschen laut und irgendwie unentschlossen. Das wäre besser gegangen. Aber gut, der größte Horror spielt sich dann doch immer im eigenen Kopf ab.


6,0
von 10 Kürbissen

Leid und Herrlichkeit (2019)

Regie: Pedro Almodóvar
Original-Titel: Dolor y gloria
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama
IMDB-Link: Dolor y gloria


Sie wünschen, wir spielen. Nachdem ein berechtigter Einwand kam, dass auf meinem Blog bislang kein einziger Film von Pedro Almodóvar besprochen wurde, wird das hiermit nachgeholt – zumal ich seinen neuen Film „Leid und Herrlichkeit“ ohnehin schon seit Wochen auf der Must-Watch-Liste habe. In diesem Film erzählt Almodóvar in wunderbar lakonischem Ton vom Filmemacher Salvador Mallo (Antonio Banderas), der in einer gesundheitlichen und künstlerischen Krise steckt. Sein Körper gibt nach und nach den Geist auf, alles tut ihm weh, und gedreht hat er schon seit Jahren nichts mehr. Durch die Wiederaufführung eines 30 Jahre alten Filmes wird er mit der Vergangenheit konfrontiert – mit alten Liebschaften, Rivalitäten und Lebensentscheidungen. Gleichzeitig taucht er auch immer wieder in die Kindheit in einem armen Dorf ein, in die Erinnerung an seine Mutter (Penélope Cruz), in das Gefühl von Geborgenheit und auch von ersten Weichenstellungen. „Leid und Herrlichkeit“ ist ein ruhiger Film, der sich mit einem Mann an einem Wendepunkt beschäftigt und nach und nach fast beiläufig aufrollt, wie er an diesen Punkt gekommen ist, ohne etwas zu dramatisieren. Was auf der Leinwand zu sehen ist, sind schlicht ein Leben und einige Auszüge daraus, ohne dass Almodóvar den Anspruch auf Vollständigkeit erheben würde. Keine Frage – der Film trägt autobiografische Züge, ist aber dennoch Fiktion. Und mit dem Spannungsfeld aus Fiktion und Biografie beschäftigt sich Almodóvar auch auf einer weiteren, spannenden Ebene, die am Ende zur Befriedigung der Zuseher aufgelöst wird. „Leid und Herrlichkeit“ ist ein kluges und gleichzeitig mildes Werk, das von einem überragenden Antonio Banderas getragen wird. Ich habe ihn nie besser gesehen als in diesem Film. Eine große Rolle, aus der er alles herausholt. Wer Almodóvar schätzt, wird mit diesem Film wohl sehr glücklich werden.


8,0
von 10 Kürbissen

Tanz der Teufel II – Jetzt wird noch mehr getanzt (1987)

Regie: Sam Raimi
Original-Titel: The Evil Dead II
Erscheinungsjahr: 1987
Genre: Horror, Komödie
IMDB-Link: The Evil Dead II


„Tanz der Teufel II“ ist mehr eine Adaption bzw. eine Art Remake von Tanz der Teufel als eine Fortsetzung. Um die Geschichte von dem Bösen, das versehentlich auf die Besucher einer entlegenen Waldhütte heraufbeschworen wird, für ein breiteres Publikum zugänglich zu machen, wird zu Beginn die Handlung des ersten Films stark vereinfacht und gekürzt und mit weniger Figuren zusammengefasst, ehe der Tanz so richtig los geht. Da ist dann schon der erste Kopf ab, aber wie Fans der Reihe wissen: Auch kopflos lässt es sich gut spuken. Im Mittelpunkt steht der von Bruce Campbell verkörperte Ash. Nachdem er dem Kopf seiner Freundin den Laufpass gegeben hat, muss er sich mit Hexen herumplagen, die im Keller hausen, sowie mit der Tochter eines Wissenschaftlers, der diesen ganzen Spuk versehentlich ausgelöst hat, die samt Entourage in die Hütte einzieht. Dass Ash selbst auch gelegentlich besessen ist, macht die Aufgabe nicht einfacher. Da hilft nur noch die Motorsäge. „Tanz der Teufel II“ ist im Gegensatz zum ersten Film eine mit Horrorelementen angereicherte Trash-Komödie. Teil 1 war ja eher das Gegenteil – ein Horrorfilm mit komödiantischen Anteilen. Was nun besser funktioniert, muss jeder für sich selbst entscheiden. Für einen spaßigen Filmabend im Freundeskreis ist der zweite Teil wohl sogar noch ein bisschen besser geeignet. Da die Idee an sich aber in Teil 1 schon so gut ausgeführt wurde und der zweite Film nur noch mal eine irrwitzige Variation des Themas bietet, tendiere ich persönlich eher zum ersten Teil. Das alles wird dann aber noch getoppt vom dritten Teil, „Armee der Finsternis“, der mit Sicherheit durchgeknallteste Film der Horrortrilogie. Davon später einmal mehr.


7,0
von 10 Kürbissen

Bubba Ho-Tep (2002)

Regie: Don Coscarelli
Original-Titel: Bubba Ho-Tep
Erscheinungsjahr: 2002
Genre: Komödie, Horror
IMDB-Link: Bubba Ho-Tep


Elvis lebt. Ein bisschen alt ist er geworden und gebrechlich, und alle halten ihn für einen Elvis-Imitator, aber so leicht ist der King of Rock’n’Roll nicht aus dem Rhythmus zu bringen, auch wenn die Stimmung eher Blues als Rock ist. In seinem Altenheim, wo er mit seinem Kumpel John F. Kennedy (Ossie Davis) durch die Gänge schlurft, geschehen aber plötzlich merkwürdige Dinge. Eine als Redneck verkleidetet ägyptische Mumie saugt die Seelen der Alten im Schlaf aus deren Arschlöchern heraus. Das können Elvis und JFK nicht auf sich sitzen lassen und sagen dem Kerl, der schon deutlich über dem Verfallsdatum drüber ist, den Kampf an und ziehen auf Krücken und Rollstühlen in den Krieg. Ich glaube, viel bizarrer und absurder kann eine Filmidee nicht mehr werden. „Bubba Ho-Tep“ von Don Coscarelli basiert auf einer Kurzgeschichte von Joe R. Lansdale, und was Lansdale im Entstehungsprozess für die Befeuerung der Kreativität konsumiert haben muss, will ich lieber gar nicht erst wissen. Der Film ist eine Low-Budget-Perle, die nur wenige kennen, aber von den Wenigen geliebt wird. Und ganz klar: Der Film macht Spaß. Das ist vor allem Bruce Campbell zu verdanken, der einen besseren Elvis abgibt als Elvis selbst jemals geschafft hat. Die Performance ist auf den Punkt und verankert all das trashige Chaos. Überraschend ist, dass die Tonalität des Films eine recht melancholische ist. Aber gut, wenn alte Säcke, die kurz vor dem Abnippeln stehen und die auch niemand mehr für voll nimmt, in den letzten Krieg ausziehen, kann man schon mal kurz innehalten und über das Leben reflektieren. Viel kommt da eh nicht mehr, vor allem, wenn man davon ausgehen muss, dass der Endgegner deutlich fitter und mobiler ist als man selbst. Und so ist „Bubba Ho-Tep“ eine interessante Mischung aus Low-Budget-Horrorkomödie und Altenheim-Drama. Ganz gleich, wie man zu diesem Film steht: Etwas Ähnliches wird man so schnell nicht wieder finden.


7,0
von 10 Kürbissen

Lichter der Großstadt (1931)

Regie: Charlie Chaplin
Original-Titel: City Lights
Erscheinungsjahr: 1931
Genre: Drama, Komödie, Liebesfilm
IMDB-Link: City Lights


Der Tonfilm war schon längst etabliert, aber Charlie Chaplin war der Überzeugung, dass die Zuseher immer noch Stummfilme sehen wollten. Er sollte recht behalten – denn „Lichter der Großstadt“ wurde einer seiner größten Erfolge. Die rührige Liebesgeschichte zwischen dem Tramp und einer blinden Blumenverkäuferin (Virginia Cherrill) ist simpel aufgebaut und eigentlich nur der Rahmen dafür, dass Chaplin seine großartige Slapstick-Akrobatik zeigen kann. Dennoch gibt der Film auch ein Statement zur damals prekäre Wirtschaftslage zwei Jahre nach dem großen Börsencrash ab. Die Kluft zwischen Reich und Arm geht weiter auseinander. Dass dem Tramp ein zufällig kennengelernter Millionär nur gewogen ist, wenn dieser sturzbesoffen durch die Gegend wankt, kann man auch als bissigen Kommentar verstehen. Arm ist amüsant, aber wenn es wirklich darauf ankommt, etwas zu tun, sieht man lieber weg. Aber natürlich soll der Film zunächst einmal eines: Unterhalten. Und das gelingt Chaplin wieder einmal ausgezeichnet. Der Boxkampf gegen einen Preiskämpfer ist legendär. Allein für diese Szene lohnt sich schon der ganze Film. Aber auch die Szenen der Festlichkeiten und Bankette unterhalten heute noch auf höchstem Niveau. Dabei trägt Chaplin den Film nicht allein, sondern kann sich auf die gut gespielte Situationskomik seines Kollegen Harry Myers verlassen, der den Millionär mit Stimmungsschwankungen und einem Alkoholproblem zum Niederknien spielt. Insgesamt halte ich „Lichter der Großstadt“ nicht für Chaplins besten Film, da er dann doch etwas zu leichtgewichtig wirkt im Vergleich zu „Moderne Zeiten“, „Der große Diktator“ oder „Goldrausch“, die ihre Themen stringenter und dringlicher umsetzen, aber gesehen darf man den Film mit einem Charlie Chaplin in Slapstick-Hochform jedenfalls einmal haben.


7,5
von 10 Kürbissen

Once Upon a Time … in Hollywood (2019)

Regie: Quentin Tarantino
Original-Titel: Once Upon a Time … in Hollywood
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Once Upon a Time … in Hollywood


Bei Durchsicht meiner Bewertungen aller Quentin Tarantino-Filme habe ich festgestellt, dass mit Ausnahme von „Four Rooms“, zu dem Tarantino selbst aber nur eine Episode von vier beigesteuert hat, kein einziger Film weniger als 8 Punkte von mir bekommen hat. Quentin und ich – das geht klar. Und kein Wunder, ist Tarantino vielleicht der größte Filmnerd unter den Filmemachern überhaupt. Was liegt also näher als ein Tarantino-Film über Hollywood? Dabei wirft er zwei absolute Schauspielkapazunder in den Ring: Leonardo DiCaprio spielt den Western-Star Rick Dalton, dessen Karriere allmählich in Richtung B-Movies rutscht, und Brad Pitt gibt seinen wortkargen Stuntman und Kumpel Cliff Booth. Und allein schon das Spiel dieser beiden, vor allem von Brad Pitt, ist das Eintrittsgeld wert. Auch in den Nebenrollen ist der Film exquisit besetzt, aber das kennt man ja von Tarantino. Jedenfalls tummeln sich auch noch Margot Robbie, Al Pacino und Emile Hirsch auf der Leinwand, und gelegentlich laufen Bruce Dern, Kurt Russell, Dakota Fanning, Luke Perry, Timothy Olyphant, Michael Madsen und viele mehr durchs Bild. Wenn Tarantino ruft, kommen sie alle. Aber wie ist nun der Abgesang auf eine goldene Hollywood-Ära, die mit der Ermordung von Sharon Tate und weiteren Opfern durch Mitglieder der Manson Familie eine blutige Zäsur hinnehmen musste? Die Stimmen sind ja durchaus geteilt. Ich halte aber „Once Upon a Time … in Hollywood“ für ein weiteres Meisterwerk. Vor allem der Schluss ist vielleicht das Beste, was ich jemals von Tarantino gesehen habe – und die Zahl legendärer Szenen aus seinen Filmen ist Legion. Zwischendurch braucht man, was für Tarantino tatsächlich eher unüblich ist, auch mal Sitzfleisch und muss akzeptieren, dass die Handlung selbst schon arg dünn ist. Aber Tarantino steht auch weniger für ausgefeiltes Storytelling, sondern mehr für das Einfangen von Stimmungen und ein Feuerwerk von Zitaten und Querverweisen, an denen Filmhistoriker noch jahrelang beschäftigt sein werden. Und genau das liefert er mit „Once Upon a Time … in Hollywood“ einmal mehr ab. Fazit: Großartig.


8,5
von 10 Kürbissen

Tanz der Teufel (1981)

Regie: Sam Raimi
Original-Titel: The Evil Dead
Erscheinungsjahr: 1981
Genre: Horror, Komödie
IMDB-Link: The Evil Dead


Es braucht nicht viel für einen Kultfilm. Man sperre eine Gruppe von Jugendlichen in eine einsame Waldhütte, lasse durch Abspielen einer Tonaufnahme das Böse auferstehen in Form von Dämonen,  die von den Körpern der Jugendlichen Besitz ergreifen, und dann braucht es eigentlich nicht viel mehr als gute Drogen am Set für Maskenbildner, Kameramann und Regisseur Sam Raimi – und schon tanzen die Teufel in einem irren, trashigen Reigen, der irgendwo zwischen schaurigem Grusel, Splatter, Gore und einem LSD-Trip angesiedelt ist. Mehr Horror als Komödie, auch wenn der Film seine Gruselszenen ambitioniert in Szene setzt, bietet der Film auch heute noch, wenngleich schon deutlich angestaubt, beste Unterhaltung für einen Filmabend im Freundeskreis. Für Sam Raimi bedeutete „Der Tanz der Teufel“ der Durchbruch als Filmemacher, und für Hauptdarsteller Bruce Campbell als kognitiv minderbegabter Teenager Ash reichten weit aufgerissene Augen, um ihn als Kultdarsteller in seinem Genre zu etablieren. Man merkt in jeder Szene, wie viel Spaß die Beteiligten beim Dreh haben mussten. Die offiziellen Behörden waren von diesem Spaß jedoch weniger angetan. In Deutschland beispielsweise war der Film bis 2016 beschlagnahmt und stand als jugendgefährend auf dem Index. Wohl um zu verhindern, dass sich Legionen von Pfadfindern im Wald von Dämonen besessen lassen und sich gegenseitig metzeln – dem Bruttosozialprodukt täte ein solcher Einschnitt unter den zukünftig Erwerbstätigen gar nicht gut. Aber diese Zensur gehört zum Glück der Geschichte an, und so kann man sich heutzutage an dieser kleinen filmischen Perle erfreuen, für die man allerdings aufgrund des Blut-und-Beuschel-Festivals einen festen Magen benötigt.


7,5
von 10 Kürbissen

Locarno 2019 – ein Fazit

Mein erster Besuch in Locarno ging am Samstagnachmittag nach einer Woche bzw. 28 Filmen zu Ende. Lili Hinstin, die neue künstlerische Leiterin des Festivals, präsentierte ein buntes und abwechslungsreiches Programm. Dass sie Kultregisseur John Waters mit dem Ehrenleoparden bedachte, passte ins Bild. Was Locarno neben der künstlerischen Relevanz aber besonders auszeichnet, sind die lockere Stimmung und das Ambiente der Stadt, die für die Dauer des Festivals gänzlich in Gelb-Schwarz getaucht ist. Mein Bananensplit am einzig verregneten Tag im ansonsten sonnigen Urlaubsort am Lago Maggiore ist also quasi ausschließlich der CI geschuldet, husthust. Jedenfalls kommen hier entspanntes Freizeitvergnügen und cineastische wie kulinarische Schmankerl zusammen. Ein Festival zum Wohlfühlen. Filmisch begann es für mich in den ersten Tagen zunächst durchwachsen mit einigen Beiträgen, die ich mir getrost hätte schenken können. Das wurde aber besser, und als Fazit lässt sich sagen, dass die Qualität der Filme durchaus ansprechend war. Ich bin gespannt, wie viele der Filme auch in Wien auf der Viennale gezeigt werden. Viennale-Direktorin Eva Sangiorgi, von der ich glaube, sie mal gesichtet zu haben, wird wohl mit einem vollen Notizblock nach Hause zurückkehren.

Und hier sind nun meine Empfehlungen und Nicht-Empfehlungen der 28 gesichteten Filme:

Ausgezeichnet und unbedingt empfehlenswert:

The Last Black Man in San Francisco
Diego Maradona
South Terminal

Gute Filme, die man jedenfalls empfehlen kann:

The Fever
Days of the Bagnold Summer
Losing Ground
Camille
Space Dogs
Mariam
Oroslan
Height of the Wave
Withing Our Gates

Solide Kost, kann man sich durchaus geben:

Twelve Thousand
Lovemobil
Instinct
Cat in the Wall
The Cool World
Adoration

Geht so, kann man sehen, muss man aber nicht:

Lonely Rivers
Giraffe
Amor Maldito
Felix in Wonderland

Eher nein bis gar nicht empfehlenswert:

Ivana the Terrible
Notre dame
The Tree House
Endless Night
Aus dem Osten
Wonders in the Suburbs

Losing Ground (1982)

Regie: Kathleen Collins
Original-Titel: Losing Ground
Erscheinungsjahr: 1982
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Losing Ground


Bildung schützt vor Torheit nicht. Das könnte man als Claim über Kathleen Collins‘ Drama „Losing Ground“ schreiben. Das gut situierte bürgerliche Paar Sara (Seret Scott) und Victor (Bill Gunn) führt ein solides, zufriedenes Leben. Sarah ist eine äußerst beliebte Dozentin an der Universität, die an einer Arbeit über religiöse Ekstase schreibt, Victor ein Maler, der nach langen Jahren nun endlich Ruhm vor Augen hat. Victor ist in der Beziehung deutlich der energetische, expressive Part. Sara eher zugeknöpft und reserviert. Aber die beiden funktionieren als Paar dennoch sehr gut. Doch dann führt eine egoistisch getroffene Entscheidung Victors, den Sommer in einem Haus am Land zu verbringen, während Sara eigentlich in New York bleiben möchte, um an ihrer Arbeit weiterzuschreiben, zu einer Verschiebung von Prioritäten und Blickwinkeln. Denn bald schon machen beide Eheleute neue Bekanntschaften und brechen allmählich aus den gewohnten Mustern und Routinen aus. Bei einer Gartenparty eskaliert die Situation schließlich, und die Eifersüchteleien und Risse werden sichtbar. Kathleen Collins erzählt eine alte Geschichte, die schon oft behandelt wurde. Sie tut dies allerdings mit erfrischenden Mitteln und mit viel Witz und Charme und baut in ihre Tragikomödie eine Emanzipationsgeschichte ein. Getragen wird das vom exzellenten Spiel der beiden Hauptdarsteller. Seret Scott im Zentrum als Sara spielt in einer anbetungswürdigen Mischung aus Eleganz und Verletzlichkeit. Bill Gunn stellt dem eine Leistung voller Verve und lustvoller, mit Lebensfreude leicht zu verwechselnden Rastlosigkeit entgegen. Ein lebendiger Film, der auch heute dank seiner universellen Geschichte noch gut funktioniert und ein guter Abschluss für meinen ersten Besuch des Locarno Filmfestivals.


7,0
von 10 Kürbissen